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2015-04-07

Gedichte v. D.v.Liliencron: Kurz ist der Frühling (39)



 Kurz ist der Frühling

Kam in ein Wirtshaus, ich weiß nicht wie,
Tanzt der Soldate, tanzt der Kommis.
War ein so schöner Frühlingstag,
Schlug mein Herz so besondern Schlag.
Trug ein wunderbar Verlangen,
Mit einem Mädel heut anzufangen.
Und, alle Wetter, da seh ich sie tanzen,
Dichtete gleich zehntausend Stanzen.
Kurz ist der Frühling.

Als wieder am Platze die Tänzerin,
Ging ich stracks zu der Kleinen hin,
Bat sie, ein Glas zu trinken mit mir;
Ja, sagte sie gleich und ohne Gezier.
Bestellt ich uns eine kalte Flaschen,
Und dem Holdchen etwas zum Naschen.
Blitzt mir ihr Auge dankbar entgegen,
Zuckt um die Lippen es noch verlegen.
Kurz ist der Frühling.

Kindel, mein Kutscher schlief draußen aus;
Wir fahren, ich bitt dich, nun nach Haus.
Lacht sie, die schelmische Tänzerin,
Das wäre gar nicht nach ihrem Sinn.
Ließ ich mich weiter von ihr bestricken,
Mußte den Kutscher zum Kuckuck schicken.
Doch als der Morgen in Saal fuhr und Ecken,
Führt ich am Arm sie durch Schlehdornhecken.
Kurz ist der Frühling.

War so ein süßes, verliebtes Ding,
Noch ohne Schmuck und noch ohne Ring;
Freute sich kindisch über ein Band,
Über ein Kettchen und allerlei Tand.
Tranken zusammen die Schokolade,
Besahen uns dann die Wachtparade,
Kaufte zum Hut ihr eine Feder,
Schenkt ihr Handschuh von feinstem Leder.
Kurz ist der Frühling.

Wohnten im hübschen Vorstadthaus,
Fern vom Markt und vom Straßengebraus.
Schaut in die Welt ihr Auge braun,
Ging ihre Welt bis zum Gartenzaun.
War so gefällig, war so bescheiden;
Dacht ich niemals an Scheiden und Meiden.
Doch als der Sommer kam in die Lande,
Trennten sich unsere Liebesbande.
Kurz ist der Frühling.

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