> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte von J.M.R.Lenz: Die erste Frühlingspromenade (10)

2015-04-02

Gedichte von J.M.R.Lenz: Die erste Frühlingspromenade (10)



Die erste Frühlingspromenade

Der Baum, der mir den Schatten zittert,
Der Quell, der mir sein Mitleid rauscht,
Der Vogel, der im Baume zwittert
Und, ob ich ihn auch höre, lauscht:
Die ganze freundliche Natur
Nimmt mich umsonst in ihre Kur.

Die Weisheit, strengen Angesichtes
Und guten Herzens, aber kalt,
Lacht meines glühenden Gedichtes
Von Liebe - und doch glaubt sie’s bald;
Will mich entzaubern, trösten mich,
Bezaubert und verirret sich.

Die Schöne, die auf jungen Rosen
Des liebesbangen Maien liegt,
Von der, dem Kummer liebzukosen,
Mir Blick und Wunsch entgegenfliegt,
Die schraubt mein mir entrücktes Herz
Nur höher auf zu wilderm Schmerz.

Ach Phyllis! um gleich jenen Knaben
In Sturmhaub und Perück und Stern
So froh die Fluren zu durchtraben,
Müßt ich von diesen weisen Herrn
Die Kälte und die Blindheit haben;
Müßt ich, in meinem Selbst vergraben,
Dich, Gottheit, nie gesehen haben,
So hold, so nah mir - und so fern —

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