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2015-04-03

Gedichte von J.M.R.Lenz: Trost (14)



 Trost

Nur der bleibende Himmel kennt,
Was er den schwachen Sterblichen gönnt:
All ihr Glück, erstohlen von Qualen,
Hinter Wolken zitternde Strahlen,
Was ihr Herz sich gesteht und verhehlt —
Alles hat er ihnen zugezählt
Unerbittlich. All ihre Triebe,
Alle Gestalten und Grad ihrer Liebe,
Alle Fehler des Augenblicks,
Oft die Räuber ewigen Glücks,
Allen Unverstand, Delikatessen,
Wo sie nicht not waren, Plumpheit, Vergessen
Seiner selbst oder dessen, was nie
Gutgemacht wird, der Harmonie,
 Die aller Wesen Wohlstand erhält,
Dieses Himmels auf der Welt-
All das läßt er mit kindischem Schrein
Uns in der Wiege uns schon prophezein.
Reizt nicht oft schon des Säuglings Stimme
Seinen Zorn zum künftigen Grimme
Und seiner stillen Tränen Geduld
Seine Gnade zur künftigen Huld?
Ach, womit muß ichs versehen haben,
Daß meine erste Liebe begraben?
Daß meines Herzens Unbestand
Nachher nirgends Ruhe fand?
Daß deine köstlichsten Schätze auf Erden
Mir nur im Fluge gewiesen werden,
Und in dem schwimmenden Augenblick
Des seligen Genusses - beb ich zurück,
Fort in dem furchtbaren Strudel des Geschickes,
Fort, fort ohne Hoffnung des vorigen Glückes,
Ohne Wiedererinnerung fort,
Wo mein Leben in Wüsten verdorrt,
Wo niemand teilnimmt, niemand mich kennet,
Niemand mir teilzunehmen gönnet
Und die Natur selbst kälter scheint,
Weil sich niemand mit ihr befreundt?
O gute Götter! Wie glückliche Stunden,
Wie schrecklich leere sind mir verschwunden!
Ihr zählet sie alle. Bewilligt mir
Nur eine Bitte: solltet ihr
Noch der glücklichen übrig haben,
Ach, geht sparsam mit euren Gaben!
Hieltet ihr aber doch nicht Haus,
Mir zur Strafe vielleicht, so halt ich
Wenigstens zu der Sterbestunde
Mir ein Stündchen mit - aus.

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