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2015-04-25

Gedichte von J.W.v.Goethe: Rinaldo (129)




 Rinaldo

Chor

Zu dem Strande! zu der Barke!
Ist euch schon der Wind nicht günstig,
Zu den Rudern greifet brünstig!
Hier bewähre sich der Starke:
So das Meer durchlaufen wir.

Rinaldo

O laßt mich einen Augenblick noch hier!
Der Himmel will es nicht, ich soll nicht scheiden.
Der wüste Fels, die waldumwachsne Bucht
Befangen mich, sie hindern meine Flucht.
Ihr wart so schön, nun seid ihr umgeboren,
Der Erde Reiz, des Himmels Reiz ist fort.
Was hält mich noch am Schreckensort?
Mein einzig Glück, hier hab ich es verloren.
Stelle her der goldnen Tage
Paradiese noch einmal,
Liebes Herz! ja, schlage, schlage!
Treuer Geist, erschaff sie wieder!
Freier Atem, deine Lieder
Mischen sich mit Lust und Qual.
Bunte, reich geschmückte Beete,
Sie umzingelt ein Palast;
Alles webt in Duft und Röte,
Wie du nie geträumet hast.
Rings umgeben Galerien
Dieses Gartens weite Räume;
Rosen an der Erde blühen,
In den Lüften blühn die Bäume.
Wasserstrahlen! Wasserflocken!
Lieblich rauscht ein Silberschwall;
Mit der Turteltaube Locken
Lockt zugleich die Nachtigall.

Chor

Sachte kommt! und kommt verbunden
Zu dem edelsten Beruf:
Alle Reize sind verschwunden,
Die sich Zauberei erschuf.
Ach, nun heilet seine Wunden,
Ach, nun tröstet seine Stunden
Gutes Wort und Freundesruf.

Rinaldo

Mit der Turteltaube Locken
Lockt zugleich die Nachtigall;
Wasserstrahlen, Wasserflocken
Wirbeln sich nach ihrem Schall.
Aber alles verkündet:
Nur sie ist gemeinet;
Aber alles verschwindet,
Sobald sie erscheinet
In lieblicher Jugend,
In glänzender Pracht.
Da schlingen zu Kränzen
Sich Lilien und Rosen;
Da eilen und kosen
In lustigen Tänzen
Die laulichen Lüfte,
Sie führen Gedüfte,
Sich fliehend und suchend,
Vom Schlummer erwacht.

Chor

Nein! nicht länger ist zu säumen,
Wecket ihn aus seinen Träumen,
Zeigt den diamantnen Schild!

Rinaldo

Weh! was seh ich, welch ein Bild!

Chor

Ja, es soll den Trug entsiegeln.

Rinaldo

Soll ich also mich bespiegeln,
Mich so tief erniedrigt sehn?

Chor

Fasse dich, so ist's geschehn.

Rinaldo

Ja, so sei's! Ich will mich fassen,
Will den lieben Ort verlassen
Und zum zweitenmal Armiden. –
Nun, so sei's! so sei's geschieden!

Chor

Wohl, es sei! es sei geschieden!
Teil des Chors
Zurück nur! zurücke
Durch günstige Meere!
Dem geistigen Blicke
Erscheinen die Fahnen,
Erscheinen die Heere,
Das stäubende Feld.

Chor

Zur Tugend der Ahnen
Ermannt sich der Held.

Rinaldo

Zum zweiten Male
Seh ich erscheinen
Und jammern, weinen
In diesem Tale
Die Frau der Frauen.
Das soll ich schauen
Zum zweiten Male?
Das soll ich hören
Und soll nicht wehren
Und soll nicht retten?

Chor

Unwürdige Ketten!

Rinaldo

Und umgewandelt
Seh ich die Holde;
Sie blickt und handelt
Gleichwie Dämonen,
Und kein Verschonen
Ist mehr zu hoffen.
Vom Blitz getroffen
Schon die Paläste!
Die Götterfeste,
Die Lustgeschäfte
Der Geisterkräfte,
Mit allem Lieben,
Ach, sie zerstieben!

Chor

Ja, sie zerstieben!
Teil des Chors
Schon sind sie erhöret,
Gebete der Frommen.
Noch säumst du zu kommen?
Schon fördert die Reise
Der günstigste Wind.

Chor

Geschwinde, geschwind!

Rinaldo

Im Tiefsten zerstöret,
Ich hab euch vernommen;
Ihr drängt mich zu kommen.
Unglückliche Reise!
Unseliger Wind!

Chor

Geschwinde, geschwind!

Chor

Segel schwellen.
Grüne Wellen,
Weiße Schäume,
Seht die grünen
Weiten Räume,
Von Delphinen
Rasch durchschwommen.
Einer nach dem andern
Wie sie kommen!
Wie sie schweben!
Wie sie eilen!
Wie sie streben!
Und verweilen
So beweglich,
So verträglich!

Zu zweien

Das erfrischet,
Und verwischet
Das Vergangne.
Dir begegnet
Das gesegnet
Angefangne.

Rinaldo

Das erfrischet,
Und verwischet
Das Vergangne.
Mir begegnet
Das gesegnet
Angefangne.

Wiederholt zu dreien.
Alle

Wunderbar sind wir gekommen,
Wunderbar zurückgeschwommen,
Unser großes Ziel ist da!
Schalle zu dem heiligen Strande
Losung dem Gelobten Lande:
Godofred und Solyma!

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