> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 17. 04.-25.04. 1813 (219)

2015-05-28

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 17. 04.-25.04. 1813 (219)




1813

208. Goethe

[Naumburg, 17. April 1813.]

Denen lieben Personen, die uns von Weimar weggetrieben haben, (1) sind wir schon einen sehr angenehmen Morgen schuldig geworden. Vor Seebachsburg begegnete uns ein Regiment Husaren, ihre Hütten und Zelte fanden wir leer; es sah aus, als wenn der Krieg für immer von uns Abschied nehmen wollte. Die jenaischen Boten brachten Blumen und Paquete vor wie nach, und als wir nach Roßla zu einlenkten, fanden wir alles im tiefsten Frieden; freilich stiller als im Frieden, denn wir vermißten die Fuhrleute, die sonst um diese Zeit auf die Leipziger Messe zogen. Das Wetter bewölkte und entwölkte sich, zum Regen konnte es nicht kommen. Die Luft war warm und angenehm. Mein Begleiter (2) erzählte mir eine alte Geisterlegende (3), die ich sogleich, als wir in Eckartsberge still hielten, rhythmisch ausbildet[e]. Sie wird Herrn Riemer gesendet werden mit der Bitte, solche vorzulesen, aber nicht aus Händen zu geben. Auf immer gleich ruhigem Wege kamen wir vor der Mittagsstunde im >Scheffel< (4) an, wo uns ein alter Kellner mit großer Gemüthsruhe in den bekannten alten Zimmern empfing, uns jedoch nachher mit Gemüthlichkeit, als er merkte, daß wir gemüthlich seien, die neusten Kriegsereignisse erzählte. Die Pässe wollten ihm gar nicht ernsthaft Vorkommen; doch versprach er, wenn wir es verlangten, sie vidiren zu lassen.

Da es Morgens früh gar zu sehr gestaubt hatte, gingen wir nach dem Dom, um Regen zu erbitten; allein der Himmel erhörte uns zu früh, und wir wären beinah tüchtig durchgenetzt worden. Wir gelangten jedoch glücklich in das altheilige, nunmehr vermodernde Gebäude, woraus wir gern einiges durch Kauf, Tausch oder Plünderung an uns gebracht hätten. Unter den Schnitzwerken der Chorstühle sind sehr hübsche Gedanken. Ein ganz dürrer, rebenartiger Stab schlängelt sich und wird durch mitumschlungene, akanthartige Blätter belebt. Noch sehr schöne gemalte Fensterscheiben sind übrig; ein Teppich, von dem die Theile der Figuren und des Grundes einzeln verfertigt und hernach mehr zusammengestrickt, als genäht sind. Manches Größere und Kleinere von Bronze. Das Bild einer heiligen Schusterstochter, (5) die zum Wahrzeichen den Schuh noch auf der Hand trägt. Ein Graf hat sie wegen ihrer großen Schönheit geehelicht. Er starb früh, und sie nahm den Schleier. Sie muß sehr hübsch gewesen sein, da sie, nicht zum besten gemalt, etwas aufgefrischt und noch ein wenig lackirt, doch immer noch reizend genug aussieht. Was aber besonders Freund Meyern zu erzählen bitte, ist Folgendes. Das steinerne Bild eines Bischofs, Gerhard von Goch, hat mich in Erstaunen gesetzt; das heißt, das Gesicht. Er ward 1414 installirt, zog aufs Concilium zu Costnitz 1416 und ist derjenige, dem die Naumburger ihre Angst und wir das vortreffliche Schauspiel >Die Hussiten< verdanken. Er starb 1422. Nun aber kommt die Hauptsache. Das Gesicht nämlich ist so individuell, charakteristisch, in allen seinen Theilen übereinstimmend, bedeutend und ganz vortrefflich. Die übrige Figur ist stumpf und deutet auf keinen sonderlichen Künstler. Nun erkläre ich mir dieses Wunder daraus, daß man sein Gesicht nach dem Tode abgegossen und ein nachahmungsfähiger Künstler diesen Abguß genau wiedergegeben habe. Dieses wird mir um so wahrscheinlicher, weil in den Augen eine Art von falscher Bewegung erscheint, und auch die Züge des untern Gesichts, bei sehr großer Natürlichkeit, doch nicht lebendig sind. Uralte Hautreliefs, gleichzeitig mit dem Kirchenbau. Sie stellen in einem Fries die Passion vor, sind höchst merkwürdig. Ich erinnere mich keiner ähnlichen. Doch konnte ich sie nicht scharf genug sehn und wüßte nichts weiter darüber zu sagen: denn wir eilten freilich wieder aus dem Heiligthume, wo es aus mehr als Einer Ursache feucht, kalt und unfreundlich war. Solche Räume, wenn sie nicht durch Meßopfer erwärmt werden, sind höchst unerfreulich. An sehr schönen und eleganten, zwischen die katholischen Pfeiler eingeschobenen, protestantischen Glasstühlen ist kein Mangel, so daß die Honoratioren sich nicht zu beschweren haben. Auf mein Befragen versicherte mir der Küster, der Prediger habe sich in diesem weiten und wunderlich durchbrochenen Raum gar nicht anzugreifen, wenn er nur deutlich articulire und das letzte Wort so genau ausspreche wie das erste. Das ist also ohngefähr, wie auf dem Weimarischen Theater und wie überall, und hieraus kann man sehen, was reisen für einen großen Nutzen bringt. Übrigens sind die Merkwürdigkeiten unerschöpflich. Das Wichtigste, ein sonst höchst bewallfahrtetes, wundertätiges Marienbild steht nun in einer protestantischen Ecke, und der Küster versicherte, der Kopf sei hohl, mit Wasser gefüllt hätten muthwillige Fischlein dem Bilde sonst Thränen ausgepreßt. Ich habe Sünder gekannt mit hohlen Köpfen, denen auch solche Fischlein, im Gehirn schwimmen[d], zu gelegener und ungelegener Zeit Thränen auspreßten. Ich übergehe einige andere Hauptnebenpuncte, als die Bestien am Gesims, welche Wasser spieen, wenns regnete, zur Ergetzung der Christenheit, und was dem sonst mehr sein mag.

Dresden, den 21. April.

Vorstehendes war gleich den 17., Abends, in Naumburg geschrieben und sollte, zum Beweis meines Wohlbefindens, sogleich abgehn; allein der Postcurs war gehemmt, und wir mußten das Blättchen mit uns nehmen. Am Ostertage hatten wir auf dem Wege nach Leipzig trübes und stürmisches Wetter, fortdauernd vortrefflichen Weg, aber so menschenleer, daß man in der Wüste zu fahren glaubte. Der Himmel heiterte sich auf, und schon um 12 Uhr zogen wir in Leipzig im Hotel de Saxe ein. In Markranstädt hatten wir einige Russen gesehn, die sich mit irgend einer Art von Spiel divertirten. Ein sehr gutes Essen stellte uns wieder her, wir durchzogen die Stadt, die gerade wegen des schneidenden Windes nicht erfreulich war. Abends gingen wir ins Declamatorium des Herrn Solbrig. Hohler, geist- und geschmackloser ist mir nicht leicht etwas vorgekommen; das Publicum aber hat mir gefallen. Es mochten gewiß an 300 Thaler eingekommen sein, sie applaudirten aber nur ein einzig Mal, als er den Kaiser Alexander hoch leben ließ. Hätte der arme Schlucker sein Handwerk verstanden, so hätte er gleich »Wohl auf, Cameraden! aufs Pferd, aufs Pferd« angestimmt, und hätte gewiß große Sensation erregt. Dagegen fing er mit jämmerlichem Ton das elendeste aller jammervollen deutschen Lieder zu recitiren an: >Ich habe geliebet, nun lieb ich nicht mehr.< Es rührte sich aber hierauf, so wie nach andern ähnlichen Dingen keine Hand weiter, und wir machten uns in Zeiten davon. Dagegen schrieben wir zu unserer Lust die von August erzählte Todtentanzlegende in paßlichen Reimen auf. Sie soll dem Prinzen Bernhard dedicirt und übersendet werden. An Spargel und an sonstigem Guten hat es auch nicht gefehlt.

Montag, den 19., fuhren wir ohne irgend ein Ereigniß, bei guten und leeren Straßen auf Wurzen, wo wir neben der Fähre eine ganz neue Militärbrücke fanden. In Oschatz fanden wir einen leidlichen Gasthof zum >Löwen< und schrieben daselbst eine Parodie des Solbrigschen Lieds, sie beginnt: »Ich habe geliebt, nun lieb ich erst recht!« und so geht es denn weiter. Von Leipzig heraus war die Gegend beschneit und bereift, das thauete aber weg und verlor sich; von einer gar freundlichen Abendsonne beleuchtet sahen wir das schöne Elbthal vor uns und gelangten zu rechter Zeit nach Meißen in den >Ring<. Ein großes Fourage-Magazin gegenüber versorgten unzählige Fuhren, weßhalb die Wagen den ganzen Platz einnahmen. Eine Wittwe (6) mit zwei Töchtern versorgte den Gasthof in dieser schweren Zeit, die jüngste erinnerte mich an euere glückliche Art, zu sein. Sie erzählte die Verbrennung der Brücke mit großer Gemüthsruhe, und wie die Flamme in der Nacht sehr schön ausgesehn habe. Die zusammenstürzende Brücke schwomm brennend fort und landete am Holzhof; weil aber nicht das mindeste Lüftchen wehte, so erlosch alles nach und nach. In anderthalb Stunden war das ganze Feuerwerk vorbei. Ferner erzählte sie von den Kranken und Gefangenen, die sie gespeiset hätte, von der Einquartirung in den letzten Zeiten, wie die Kosaken ihre Pferde abgesattelt, sich in Kähne gesetzt und die Pferde nachschwimmen lassen. Das war alles vorübergegangen, und Meißen befand sich vor wie nach. Dieß ists, was am meisten aufheitert, wenn man an Orte kommt, wo der Krieg wirklich getobt hat, und doch noch alles auf den Füßen findet.

Dienstag, der 20., war ein sehr angenehmer und unterrichtender Tag. Vor allen Dingen bestiegen wir das Schloß und besahen uns zuerst die Porcellainfabrik. Die Vorrathssäle nämlich. Es ist eigen und beinah unglaublich, daß man wenig darin findet, was man in seiner Haushaltung besitzen möchte Das Übel liegt nämlich darin. Weil man zu viel Arbeiter hatte (es waren vor 20 Jahren über 700), so wollte man sie beschäftigen und ließ immer von allem, was gerade Mode war, sehr viel in Vorrath arbeiten. Die Mode veränderte sich, der Vorrath blieb stehn. Man wagte nicht, diese Dinge zu verauctioniren oder in weite Weltgegenden um ein Geringes zu versenden, und so blieb alles beisammen. Es ist die tollste Ausstellung von allem, was nicht mehr gefällt und nicht mehr gefallen kann, und das nicht etwa eins, sondern in ganzen Massen zu hunderten, ja zu tausenden. Jetzt sind der Arbeiter etwa über 300. Hauptmann von Wedel, ein Bruder unsers guten Oberforstmeisters, hat die Direction, freute sich sehr, einen Weimaraner zu sehn, und war äußerst gefällig. Hinter den wohlgeputzten Scheiben einer Wohnung auf dem Schloßplatze sahen wir eine von den lieblichsten Erscheinungen. Ein schönes Mädchen, von etwa 4 Jahren, wurde eben zum 3. Feiertage von der Mutter angezogen und stand auf dem dunkeln Grunde wie ein Porträtchen, das van Dyk und Rubens nicht schöner hätten malen können. Die Schönheit des Kindes, die günstige Beleuchtung, der dunkle Grund, der Firnis des Glases, alles trug dazu bei, daß man sich nicht satt sehen konnte; und als ihr nun die Mutter das Halskräuschen umlegte, war das Bildchen völlig fertig. Während der ganzen Zeit sah sie uns an und schien beinah zu empfinden, daß es was Artiges sei, so aufmerksam angesehn zu werden. Der Dom, der auf demselben Platze steht, hat aus mehreren Ursachen äußerlich nichts Anziehendes, inwendig aber ist es das schlankste, schönste aller Gebäude jener Zeit, die ich kenne; durch keine Monumente verdüstert, durch keine Emporkirche verderbt, gelblich angestrichen, durch weiße Glasscheiben erhellt, nur das einzige Mittelfenster des Chors hat sich bunt erhalten. In eben dem Chor waren mir auffallend und neu die aus Stein gehauenen Baldachine über den Sitzen des Domherrn. Es sind Capellen und Burgen, die in der Luft schweben, und das Geistliche mit dem Ritterlichen wechselt immer ab. Eine höchst schickliche Verzierung, wenn man denkt, daß die Domherren altritterlichen Geschlechts waren und die Capellen ihren Thürmen verdankten. Ich habe mir gleich eine Zeichnung davon gemacht, die den ganzen Begriff gibt, den man durch Beschreibung niemandem geben kann.

Zum Frühmal ward ein Karpfen mit polnischer Sauce genossen, wie er uns den Abend vorher schon trefflich geschmeckt hatte. Ich besah noch die Pfeiler der abgebrannten Brücke und fuhr um halb 1 ab. Bei halb bedecktem Himmel war die Luft kühl, und doch Sonnenblicke so reichlich, daß wir die vergnüglichste Fahrt hatten. Wir zogen über die neugeschlagene Schiffbrücke und dann an dem rechten Ufer der Elbe hin, das über alle Begriffe cultivirt und mit Häusern bebaut ist, die erst einzeln, dann mehrere Stunden lang zusammenhängend, eine unendliche Vorstadt bilden. In der Neustadt fanden wir alles auf dem alten Fleck, der metallne König (7) galoppirte nach wie vor auf derselben Stelle unversehrt. In Weimar hatten sie ihm schon durch die Explosion der Brückenbogen einen Arm weggeschlagen. Schon 1/2 Stunde vor der Stadt begegneten uns reichliche Spaziergänger, sogar eine lesende Dame; auf der Brücke aber erschien der 3.Feiertag in seinem völligen Glanze, unzählige Herren und Damen spazierten hin und wieder. Die beiden gesprengten Bogen sind durch Holzgerippe wieder hergestellt, aber nicht bis zur Höhe der steinernen Brücke, weßwegen man hinunter- und wieder hinauffahren muß. Was diesen Mißstand veranlaßt, erfuhren wir nicht. Auch die Stadt war sehr belebt. In der Moritzstraße hielten Russen, erwartend eine selige Bequartierung. Uns aber gings wunderlich: denn als ich an der Wohnung des Prinzen Bernhard anfuhr, begegnete mir Hauptmann Verlohren und erzählte, daß er eben das Haus geräumt und für die Hoheit eingerichtet habe. Ich bewunderte die gute Austheilung und anständige Einrichtung, fand auch Körners und andere Damen daselbst, welche diese Anstalten beurtheilen wollten und billigten. Hauptmann Verlohren verschaffte uns sogleich ein ander Quartier in der 1.Etage seiner Wohnung, bei Herrn Hofrath von Burgsdorf. Wir sind auf das allerbequemste eingerichtet, finden gute Bedienung, herrliches und nicht zu theures Essen in einem nahen Traiteurhause; unser Wein hat bis heute gehalten, der Rack (8) natürlich auch. Herrn von Ende besuchte ich heute früh, sodann Körners, wo ich Herrn Arndt antraf, der sich als Patriot durch Schriften bekannt gemacht. (9) Und so weit wären wir gekommen, bis zu halb 3 nach Tische den 21. April. Leider ist nun der Wein ausgegangen, und der doppelt so theure schmeckt nicht. Nun wünscht man recht wohl zu leben und hofft auf die Fortsetzung.

G.

[Dresden, 22.-25. April 1813.]

Mittwoch, den 21., Nachmittag gingen wir zu den Mengsischen Gypsen, waren mehrere Stunden vollkommen vergnügt und belehrten uns aufs beste. Viele Russen gingen auf und ab und ließen sich von dem Inspector (10) was vorerzählen. Ein junger, hübscher Officicr hielt sich in der Gegend, wo ich war, und als ich es bemerkte, redete ich ihn an. Er nannte sich einen Herrn von Nolten, der Mann war mir bekannt. Einer seiner Verwandten hat eine Zeit lang in Jena, Weimar und Rudolstadt gelebt. Vielleicht erinnert ihr euch dessen. Ich sagte, wenn er nach Weimar kam, solle er mein Haus besuchen; es ist gar nicht unmöglich, und wer weiß, was so eine Bekanntschaft für Nutzen bringen kann.

Regierungsrath Graff von Königsberg, dessen sich August erinnern wird, ist hier bei der Verwaltungscommission angestellt. Er hatte sehr große Freude, mich zu sehn. Abends gingen wir ins Schauspiel. >Cosi fan tutta< (11), italienisch, war angekündigt. Nein! so ein Schreckniß ist mir niemals vorgekommen. Alte, vermagerte, ja lahme Frauen, statt der lustigen Dirnen, Liebhaber, steif und stockig über alle Begriffe, der Buffo nicht der Rede werth; der Gesang gerade nicht schlecht, aber unerfreulich. Mir ward so angst, daß ich mich flüchtete, wie die Officiere ins Schiff stiegen. Auf dem Rückwege begegnete mir ein großer Volksauflauf, über den weg ein schöner Postzug hervorragte, eine treffliche Reisechaise mit Vache (12) und auf dem Bocke der Hofmockel. Der Wagen hielt vor einem Hause, ich drängte mich durchs Volk und sah Schwebeln aussteigen; den 
4. April hatte er in Weimar von mir Abschied genommen. Welch ein wunderliches Wiederantreffen. Herr von Ende und Verlohren haben sich seiner angenommen, er hat einen Arzt und gute Wartung.(13)
Des Nachts gegen 11 weckte mich eine fürchterliche Erscheinung. Die Straße war von Fackellicht erhellt, und ein wildes Kriegsgetöse hatte mich aus dem Schlafe geschreckt. Eine Collonne hatte in der Straße Halt gemacht. Es war eine unangesagte Einquartierung. Ganz verwünscht sah es aus, wenn sich die Thore der großen Häuser aufthaten und 10, 20, 30 bei Fackelschein in ein Gebäude hineinstürzten. Doch sind die Wirthe das nun schon gewohnt, sie haben Stuben und Lager, wie sie konnten, eingerichtet. Essen halten sie schon gekocht parat und wärmen es nur. Dicke Grütze, Rindfleisch und Sauerkraut, Kartoffelsalat mit viel Zwiebeln und Knoblauch, Brandtewein sind die Hauptingredienzien des Gastmahls. Donnerstag, den 22., gingen wir nach dem Kupferstichcabinet, wo wir uns an großen Bänden nach Raphael gar trefflich ergetzten, alte Bekanntschaften erneuerten und neue ganz unvermuthet machten. Nach Tisch auf die Galerie. Die besten Sachen sind auf Königstein geflüchtet, aber an dem, was zurückblieb, hätte man ein Jahr zu sehn; doch war das Erste, was uns der Inspector Demiany verkündigte, daß Director Riedel auf dem Königstein sei, um alles wieder herbeizuholen. Das wollen wir denn auch abwarten und als ein Glückszeichen ansehn.

Dresden ist freilich jetzt sehr lebhaft; wenn man denkt, daß es schon für sich im Gewissen (14) 40000 Einwohner hat, was dieses schon in Friedenszeiten für eine Bewegung gibt, und was für Bedürfnisse für eine solche Menge müssen zusammengeschafft werden. Nächstens soll eine Übersicht des Wochenmarkts folgen, insofern es möglich ist.

Auffallend war folgende Erscheinung: Chorschüler, aber nicht etwa in langen Mänteln wie sonst, sondern in knappen, schwarzen Fracks und überhaupt schwarz gekleidet, etwa 30 an der Zahl, gingen, 4 Mann hoch, Arm in Arm mit großen Stürmern auf den Köpfen, der Präfect voraus, durch die Straßen. Sie marschierten nach der Melodie eines Gassenhauers, der ohngefahr so heißen mag:

So gehen wir gassaten (15),
Wir lustigen Cameraden,
Und ziehen frank und frei.
Und was man uns genommen 
Das haben wir nicht bekommen;
Und wenn uns nun der Teufel holt,
So sind wir auch dabei.

Vor den ansehnlichsten Häusern und auch vor dem unsern machten sie Fronte, sangen einen Vers desselben Liedes oder auch eines etwas ernsteren, und dann zogen sie weiter. Der militärische Geist war auch schon völlig in die Schwarzröcke gefahren.

Daß die Kosaken, die auf dem Markte halten, von allen Menschen umgeben und angestaunt werden, ohne sich in ihrer Gemüthsruhe im mindesten stören zu lassen, darf ich kaum sagen; aber wie lief jung und alt zusammen, als sie ein Kameel mitbrachten, zum ächten asiatischen Wahrzeichen. Ich sah mehrere dieser seltsamen Fremdlinge vor einem Laden stehn, wo Nürnberger Tand feil war. Sie kauften Nadelbüchsen und hatten große Freude an den Pferdchen, besonders aber an den bespannten Kutschen. Sie unterhielten sich darüber, deuteten auf alles ganz nah mit einer gewissen naiven Anmuth hin, berührten aber nichts.

Auf demselben Spazierweg kaufte ich einen Fündling. Ihr müßt aber nicht erschrecken, als wenn die Familie vermehrt werden sollte, vielmehr dient Herrn Riemer zur Nachricht, daß es ein seltsames Gestein seie, dem man keinen Namen geben kann, und das sich vielleicht nur einmal findet. Daß Truppen, besonders aber Officiere, zu Pferd und zu Fuß, in Wagen und auf Wagen hin- und herziehen, läßt sich denken. An Fourage-Fuhren fehlt es nicht, vom Lande kommen viele Menschen herein, und es ist ein großes Treiben den ganzen Tag. Dazwischen fehlt es nicht an Orgelmännern, seltsam gekleideten Kindern, die Kunststücke machen, und sonst an Buden und Läden, wo, wie an der Messe, allerlei Wunderliches zu sehn ist.

Ich habe mir einen Plan von Dresden angeschafft und mache mich nach demselben mit der Stadt und den Vorstädten bekannt. Bewegung und Zerstreuung thun mir gar wohl. Ich fange nun erst an, mich wieder zu erkennen. Geht es euch auch gut, so bleibt mir nichts weiter zu wünschen. Ich habe noch nicht viel Personen gesehn, und ist auch nicht viel Freude dabei. Man hört nichts, als was man leider schon mit sich selbst hat abthun müssen. Das Vergangene zu hören, ist ekelhaft, und wer wüßte von der Zukunft was zu sagen. Proclamationen, Befehle, Gedichte und Flugschriften gibts unzählige. Für August wird eine vollständige Sammlung gemacht.

Wenn es Dir, mein liebes Kind, so gut geht, als Du es um mich sonst und jetzt verdienst, so kannst Du zufrieden sein. Die Bewegung und Zerstreuung hat mich bald wieder hergestellt. Lebe recht wohl und liebe mich. Vogel besorgt Dir alles an mich.

[Dresden,] den 25. April 1813.

G.

Beiliegende Blätter (16) gibst Du nicht aus der Hand, vorlesen könnt ihr daraus nach Belieben und Schicklichkeit. Gediente kommen nächstens.









1. Knebel an seine Schwester Henriette (22.April); >Er [Goethe] hatte sich vorgenommen, es diesen Sommer, wo möglich, in Weimar auszuhalten... Auf inständiges Zureden seiner Frau hat er sich endlich schleunig entschlossen, abzureisen, und das Glück hat ihm dadurch gewollt, daß er die Szenen, die sich gleich Tags darauf in Weimar durch Besetzung der Franzosen und Vertreibung des preußischen Pickets zugetragen, nicht daselbst mit erlebte.<-2. Der Schreiber John. - 3. >Vom »getreuen Eckart<- 4. Gasthof in Naumburg.-5. Wahrscheinlich das Bild der heiligen Mechtildis am Barbara-Altar.-6. Frau Freyer.-7. Das vergoldete Bronzestandbild Augusts des Starken, nahe der Augustusbrücke, von der zwei Bogen und Pfeiler auf Befehl Davousts am 19. März gesprengt worden waren.-8. Arrak-9. E.M. Arndt erzählt über diese Begegnung in seinen »Erinnerungen aus dem äußeren Leben<: >Ich hatte ihn in zwanzig Jahren nicht gesehen; er erschien immer noch in seiner stattlichen Schöne, aber der große Mann machte keinen erfreulichen Eindruck. Ihm war’s beklommen, und er hatte weder Hoffnung noch Freude an den neuen Dingen. Der junge Körner war da, freiwilliger Jäger bei den Lützowern; der Vater sprach sich begeistert und hoffnungsreich aus, da erwiderte Goethe ihm gleichsam erzürnt: >Schüttelt nur an Euren Ketten; der Mann ist Euch zu groß, Ihr werdet sie nicht zerbrochen.< - 10. Demiany.-11. Oper von Mozart.- 12. Mit Leder überzogene Aufschnallkiste.- 13. Schwebel hatte, als Legationssekretär bei dem französischen Gesandten [St-Aignan] in Weimar, mit diesem am 4. April die Stadt verlassen und war am 12. durch den Rittmeister v. Schwanenfeld von Gotha aus entführt worden.-14. D.h. sicherlich, mindestens. -15. gassatim: durch die Gassen. -16. Den Plauenschen Grund.

Übersicht aller Briefe                                                                                                 nächster Brief

Keine Kommentare: