> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 13. 05. 1812 (212)

2015-05-28

Briefwechsel Goethe mit seiner Frau Christiane: Goethe 13. 05. 1812 (212)




1812

201. Goethe

Das Wetter ist fürtrefflich und für uns, wie für den Feldbau wünschenswerth. Die Castanien auf der Wiese geben schon Schatten, die Blüthen brechen hervor, und in kurzer Zeit wird kein dürrer Zweig mehr zu sehen sein. Mein Befinden ist gut, und die Arbeiten (1) gehen von Statten.

Deßhalb lassen wir uns nicht anfechten, wenn uns die ökonomische Seite unseres Aufenthalts etwas Bedenken macht. Das Silber ist seit einigen Tagen sehr gefallen; wir haben es nur noch zur Noth mit 100 gegen 1000 alte Banknoten, d.h. Einlösungsscheine 200, verwechseln können. Da nun die Leute nach den letzten rechnen und von den vorjährigen Preisen wenig heruntergehet, so sehet ihr die ungeheuere Differenz.

Wir suchen sie durch Ökonomie auszugleichen. Ich wohne im dritten Stock und spare also die Hälfte der Miethe. Durch die Gefälligkeit des Postmeisters, den ich mit der neuen Zuckerfabrication (2) bekannt machte, haben wir noch kurz vor Thorschluß 80 Bouteillen Ofner (leider klein Gemäß) um billigen Preis bezogen und sind also wegen dieses Hauptpunctes sicher. Andere Menagen sind auch beliebt, und so stehen wir, sowohl in der Hauptsache, als in der Casse, sehr gut.

Wollt ihr nun auch dieses Jahr der Gesundheit wegen hier sein und dabei noch manches unschätzbare Vergnügen der Gegend genießen, auf allen Saus und Braus des vorigen Jahres aber Verzicht thun, so seid ihr den 21. Juni willkommen und werdet in fünf Wochen das Hauptgeschäft abthun und Ende Juli erquickt und froh nach Hause zurückkehren.

Zu einer solchen veränderten Lebensart wird der heurige Zustand von Karlsbad das Seinige genugsam beitragen. Nicht allein sind wenig Quartiere bestellt, sondern mehrere und bedeutende Personen haben wieder abgeschrieben, woraus erhellet, daß an eine brillante Gesellschaft nicht zu denken ist. Demohngeachtet werden sich im Juli wahrscheinlich so viele Personen einfinden, als nöthig sind, um hier eines angenehmen Umgangs zu pflegen. Vor allem aber rathe ich Dir, Deinen Weinbedarf  mitzubringen, weil dieser Artikel dieses Jahr, wegen des zu unserem Nachtheil schwankenden Curses, unerträglich theuer werden müßte. Ein sehr mäßiger Melniker kostet jetzt schon die Flasche 13 Groschen 6,3 Sächsisch. Einen starken und edlen Wein zu schaffen, würde, nach diesem Maaßstabe, theuer genug zu stehen kommen.

Ich habe einen Brief von Herrn Hofkammerrat (3) erhalten, auf den eine offene Antwort beiliegt. August wird sehen, ob er das Manuscript findet. Laß allenfalls Pollak rufen, der es kennt und vielleicht ausspürt. Ich höre mit Vergnügen, daß die > Sühne< (4) gute Wirkung gethan hat. Der Brief des Herrn Hofkammerraths ist acht Tage gegangen. Wenn auch dieser hinauswärts etwas geschwinder geht, so hoffe ich doch kaum, vor Trinitatis etwas von euch zu hören. Sage mir Deine Gedanken, und ich will alsdann den letzten Entschluß melden, wie es werden kann und soll; denn bei diesem Postgange ist des Hin- und Herschreibens nicht viel zu unternehmen. Was ich wünsche, daß ihr mitbringt, schreibe ich alsdann. Vergiß aber ja ein Fläschchen Kartoffelsyrup und Kartoffelzucker nicht; man ist hier sehr neugierig darauf.

Von Wehediz ist auch nicht viel Erfreuliches zu erzählen; wir waren draußen und haben das hübsche Kind (5) nicht einmal gesehen. Die Übrigen erheiterten kaum ihre Gesichter, als sie mich wiedersahen und nach Dir fragten: so sind die Menschen alle durch Erhöhung des Curses gedruckt, wodurch ihnen alles noch theurer Vorkommen muß als uns, die wir denn doch unsere hiesigen Ausgaben mit den thüringischen vergleichen können. Alles Fuhrwesen stockt mit dem Handel, an wohlfeilen Weineinkauf ist nicht zu denken, und deßwegen der so oft besuchte Keller völlig leer. Und so ist auch das Wehedizer Paradies verschwunden, und man muß sich nach etwas Anderem umsehen.

Kutsch und Pferde werden freilich die ganze Sache weit lustiger machen, und die guten Thiere sollen den theueren Hafer schon wieder abverdienen. Jetzt machen wir weite Fußpromenaden von mehreren Stunden, kommen sehr müde nach Hause, befinden uns aber sehr wohl dabei, welches wir euch auch wünschen und uns baldige, hübsch umständliche Antwort erbitten.

Ich hoffe, daß der Brief durch den Kutscher, wie die Kiste Egerwasser glücklich angelangt ist. Herzlich grüßend

Karlsbad, den 13.Mai 1812. 

G.


Am 19 Juni trifft Christiane mit Caroline Ulrich in Karlsbad ein. Über das gemeinsame Leben berichtet Goethe in einem Briefe an den Sohn vom 30. Juni: >Du erhältst hierdurch, mein lieber Sohn, die Nachricht, daß die Mutter glücklich angelangt ist und ihr die Cur sehr wohl bekömmt. Auch befindet sich gute Gesellschaft hier zu ihrer Unterhaltung, und jedermann benimmt sich gegen uns sehr freundlich, Frau von Recke, Graf und Gräfin Stolberg, Graf Geßler, vorzüglich aber Prinz Friedrich von Gotha, bei dem wir gestern sämmtlich gespeist und sehr gute Musik gehört haben.< - Am 14 Juli siedelt Goethe nach Teplitz über, von wo er erst am 12. August nach Karlsbad zurückkehrt.



1.>Dichtung und Wahrheit<. - 2. Über diesen wichtigen Gegenstand hatte Goethe in den letzten Wochen vielfach mit Döbereiner in Jena verhandelt; an Seebeck schrieb er am 29. April; >Die Ökonomen sind nun schon dahinter her, welche Kartoffel die stärkereichste und zugleich an Menge der Knollen die ergiebigste ist.<-3. Kirms; es handelte sich um Abschriften von>Egmont< und >Götz von Berlichingen< für Iffland. - 4. Trauerspiel von Th. Körner.- 5. Röschen, die Tochter des Weinwirts.

Übersicht aller Briefe                                                                                                 nächster Brief

Keine Kommentare: