> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes Mutter..... (2)

2015-06-01

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes Mutter..... (2)



I.

Goethes Mutter - Einige Beiträge zu ihrer Charakteristik

Schon öfter ist die Bemerkung gemacht worden, die sich vielleicht im nachfolgenden nicht unangenehm wiederholen wird, daß große und ausgezeichnete Männer, was sowohl Charakter als Anlagen des Geistes und andere Eigentümlichkeiten betrifft, immer zur Hälfte in ihren Müttern vorgebildet sind.

So stellt sich in Goethes Charakter eine sehr zarte Scheu vor allen heftigen, gewaltsamen Eindrücken dar, die er auf alle Weise und in allen Lagen seines Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Ähnliches finden wir schon bei der Mutter, wie mir denn eine Freundin, die, als sie noch in Frankfurt lebte, ihr sehr nahestand, folgende Charakterzüge erzählte, die für das hier eben Gesagte zum vollkommensten Belege dienen.

Goethes Mutter hatte die Gewohnheit, sobald sie eine Magd oder einen Bedienten mietete, unter andern! folgende Bedingungen zu stellen: „Ihr sollt mir nichts wiedererzählen, was irgend Schreckhaftes, Verdrießliches oder Beunruhigendes, sei es nun in meinem Hause oder in der Stadt oder in der Nachbarschaft, vorfällt. Ich mag ein für allemal nichts davon wissen. Geht’s mich nah an, so erfahre ich’s noch immer zeitig genug. Geht’s mich gar nicht an, bekümmert’s mich überhaupt nicht! Sogar wenn es in der Straße brennte, wo ich wohne, so will ich’s auch da nicht früher wissen, als ich’s eben wissen muß.“

So geschah es denn auch, daß, als Goethe im Winter 1805 zu Weimar lebensgefährlich krank war niemand in Frankfurt von allen denen, die bei der Mutter aus- und eingingen, davon zu sprechen wagte. Erst lange nachher, und als es sich mit ihm völlig zur Besserung anließ, kam sie selbst im Gespräch darauf und sagte zu ihren Freundinnen: „Ich hab halt alles wohl gewußt, habt ihr gleich nichts davon gesagt und sagen wollen, wie es mit dem Wolfgang so schlecht gestanden hat. Jetzt aber mögt ihr sprechen; jetzt geht es besser. Gott und seine gute Natur haben ihm geholfen. Jetzt kann wieder von dem Wolfgang die Rede sein, ohne daß es mir, wenn sein Name genennt wird, einen Stich ins Herz gibt.“ Wäre Goethe, setzte dieselbe Freundin, die mir dieses erzählte, hinzu, damals gestorben, auch alsdann würde dieses Todesfalles im Hause seiner Mutter schwerlich von im Erwähnung geschehen sein; wenigstens nur mit sehr großer Vorsicht oder von ihr selbst dazu aufgefördert, würden wir dies gewagt haben, weil, wie ich schon bemerkte, es durchaus eine Eigentümlichkeit ihrer Natur oder Grundsatz, wo nicht beides, war, allen heiligen Eindrücken und Erschütterungen ihres Gemütes, wo sie nur immer konnte, auszuweichen.

Unter einen Brief, den Goethe von seiner Müller erhielt, da sie bereits zweiundsiebzig Jahr alt war, schrieb jemand: „So hätte Gott alle Menschen erschaffen sollen.“

Eine zweite Anlage Goethes, worauf alle seine übrigen Anlagen gleichsam als Fundament ruhten und sich einer reichen Entwicklung erfreuten, ist eine ergiebige Ader von fröhlich strömendem Mutterwitze, sonst auch Naivität und Humor genannt, die ebenfallsn in einem sehr hohen, ja oft drolligen Grade seiner Mutter eigentümlich waren. Der Vater war älter und  in sich gekehrter oder, wie sich der Maler Krause, sein Landsmann von Frankfurt her, über ihn ausdrückte, ein geradliniger Frankfurter Reichsbürger, der mit abgemessenen Schritten seinen Gang und sein Leben zu ordnen gewohnt war. Von seiner Förmlichkeit hat Goethe vielleicht etwas in sich herübergenommen. Manche, die den Vater genau und persönlich gekannt haben, versichern, Gang und Haltung der Hände habe der Sohn völlig vom Vater beibehalten. Die Mutter aber besaß ein munteres, sinnlich fröhliches Wesen, wie es am Rhein zwischen Weinbergen und sonnigen Hügeln häufig vorkommt, und da sie weniger in Jahren vorgerückt als der Vater war, so nahm sie auch schon deshalb alles leichter und anmutiger als dieser. So sagte sie zuweilen in scherzhafter Laune, weil sie sehr früh geheiratet und, kaum sechzehn oder siebzehn Jahre alt, Mutter geworden war: „Ich und mein Wolfgang haben uns halt immer verträglich zusammengehalten; das macht, weil wir beide jung und nit so gar weit als der Wolfgang und sein Vater auseinander gewesen sind!“ - So bezeigte sie bei manchen freiem Scherzen des Sohnes, die der streng rügende Vater schwerlich übersehen konnte, eine echt mütterliche, liebende Nachsicht oder ging vielmehr ganz in dieselben ein.

Einst beim Schlittschuhlaufen zum Beispiel, wo sie im Schlitten neben einer Freundin saß und diesen muntern Spielen der Jugend zusah, nahm ihr Wolfgang die Kontusche ab, hängte sie sich um und scherzte lange auf dem Eise hin und her, ehe er sie der Mutter wiederbrachte, die ihm lächelnd versicherte, daß die Kontusche recht wohl zu seinem Gesichte gestanden hätte. Späterhin noch, als Goethe sein bürgerliches Leben nach dem Rate seines Vaters in Frankfurt damit eröffnete, daß er sich den Geschäften eines Anwalts unterzog, verhüllte die Mutter manches mit dem Mantel der Liebe, was der Vater schwerlich so frei hätte hingehen lassen. In demselben Grade nämlich, wie der etwas mürrische Vater die Augen offen behiell, pflegte die Mutter sie gelegentlich zuzudrücken. Junge Autormanuskripte wurden in angebliche Akten und manche kleine Einladung zu einem unschuldigen Gartenpicknick mit jungen lustigen Leuten seines Schlages, wenn der Vater darnach fragte, in irgendein Handbillet von diesem oder jenem Klienten verwandelt.

Die liebenswürdige Corona Schröter, für welche Goethe späterhin zu Weimar seine „Iphigenie“ dichtete, wußte vieles von dieser Art auf das anmutigste zu erzählen, und manches davon, was im Verfolge dieser Schrift sich etwa linden wird, habe ich treulich aus ihrem Munde in meinem Tagebuche aufgezeichnet. Noch in ihrem hohen Alter, als sie sie sich einige Wochen hindurch mit den Beschwerden desselben schmerzlich geplagt hatte, sagte Goethes Mutter zu einer Freundin, die sie besuchte, auf ihr Befragen, wie es gehe: „Gottlob, nun bin ich wieder mit mir zufrieden und kann mich auf einige Wochen hinaus leiden. Seither bin ich völlig unleidlich gewesen und habe mich wider den lieben Gott gewehrt wie ein kleines Kind, das nimmer weiß, was an der Zeit ist. Gestern aber könnt ich es nicht länger mit mir ansehen; da hab ich mich selbst recht ausgescholten und zu mir gesagt: ei, schäm dich, alte Rätin! Hast guter Tage genug gehabt in der Welt und den Wolfgang dazu, mußt, wenn die bösen kommen, nun auch fürlieb nehmen und kein so übel Gesicht machen! Was soll das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen und bist übers Ziel, bist über siebzig Jahre hinaus? Schauen’s, so hab ich zu mir selbst gesagt, und gleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war.“ -

Wer Goethes Persönlichkeit einigermaßen gekannt hat, wird zugleich zugeben müssen, daß viel von dieser Liebenswürdigkeit und diesem Humor, der sich weder im Leben noch im Tode zugrunde richten läßt, in den ergiebigsten Adern auf ihn übergangen war. Wir werden tiefer unten Belege dazu aus seinem frühem Leben, wie zu seinem Ernste aus dem spätern, geben.


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