> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethe's Vermächtnis an die jüngere Nachwelt ....(20)

2015-06-07

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethe's Vermächtnis an die jüngere Nachwelt ....(20)



2.

Goethe's Vermächtnis an die jüngere Nachwelt zu seinem fünfundsiebzigjährigen Geburtstage, den 28. August 1824.

Ihr sollt nicht mit dem Edeln Kurzweil treiben;
Erst sollt ihr leben - und nach diesem schreiben;
Erst sollt ihr dichten - und nach diesem malen;
Sonst spielt ihr nur mit Farben, Kunst und Zahlen,
Und seid, obwol von jedermann gelesen,
Doch selbst nur Schrift und Pergament gewesen.

Ein Jeder suche, wie und was er schreibe!
Der Kopf sei angemessen seinem Leibe!
Zehntausend Schultern Einem anzupassen,
Das nennen sie erfinden und verfassen.
Wir aber nennen dies Manier; ob Viele 
Sie auch verwechseln mit dem ersten Style.

Der ernste Styl, die hohe Kunst der Alten,
Das Urgeheimnis ewiger Gestalten,
Es ist vertraut mit Menschen und mit Göttern;
Es wird in Felsen, wie in Büchern, blättern;
Denn was Homer erschuf und Scipionen,
Kann nimmer im gelehrten Treibhaus wohnen.

Sie wollten in dies Treibhaus uns verpflanzen;
Allein die deutsche Eich' erwuchs zum Ganzen!
Ein Sturm des Wachsthums ist ihr angekommen,
Sie hat das Glas vom Treibhaus mitgenommen.
Nun wachs, o Eich', erwachs zum Weltvergnügen: 
Schon seh' ich neue Sonnenaare fliegen.

Und wenn sich meine grauen Wimpern schließen, 
So wird sich noch ein mildes Licht ergießen, 
Bei dessen Wiederschein von jenen Sternen 
Die spätern Enkel werden sehen lernen,
Um in prophetisch höheren Gesichten
Von Gott und Menschheit Höh'res zu berichten.


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