> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes Ansicht der Natur (4)

2015-06-01

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes Ansicht der Natur (4)



III.

Goethes Ansicht der Natur

Treu der Natur hingegeben, wie Goethe war, liebte er es auch, mit geheimnisvollen Einleitungen und Andeutungen über ihr Wirken und ihre Produkte zu sprechen. So führte er mich einst zu seiner Naturaliensammlung und sagte sodann, indem er mir ein Stück Granit in die Hand gab, das sich durch höchst seltsame Übergänge auszeichnete: „Da, nehmen Sie den alten Stein zum Andenken von mir! Wenn ich je ein älteres Gesetz in der Natur auffinde, als das ist, welches sich in diesem Produkte darlegt, so will ich Ihnen auch ein Exemplar davon verehren und dieses hier zurücknehmen. Bis jetzt kenne ich keins; bezweifle auch sehr, daß mir je etwas Ähnliches, geschweige denn etwas Besseres von dieser Art zu Gesichte kommen wird. Betrachten Sie mir ja fleißig diese Übergänge, worauf am Ende alles in der Natur ankommt! Etwas, wie Sie sehen, ist da, was einander aufsucht, durchdringt und, wenn es eins ist, wieder einem Dritten die Entstehung gibt. Glauben Sie nur, hier ist ein Stück von der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts. Den Zusammenhang aber müssen Sie selbst entdecken. Wer es nicht findet, dem hilft es auch nichts, wenn man es ihm sagt. Unsere Naturforscher lieben ein wenig das Ausführliche. Sie zählen uns den ganzen Bestand der Welt in lauter besondern Teilen zu und haben glücklich für jeden besondern Teil auch einen besondern Namen. Das ist Tonerde! Das ist Kieselerde! Das ist dies, und das ist das! Was bin ich nun aber dadurch gebessert, wenn ich auch alle diese Benennungen innehabe? Mir fällt immer, wenn ich dergleichen höre, die alte Leseart aus ,Faust" ein:

Encheiresin naturae nennt's die Chemie,
Bohrt sich selber Esel und weiß nicht wie!

Was helfen mir denn die Teile? Was ihre Namen? Wissen will ich, was jeden einzelnen Teil im Universum so hoch begeistigt, daß er den andern aufsucht, ihm entweder dient oder ihn beherrscht, je nachdem das allen ein- und aufgeborene Vernunftsgesetz in einem höhern oder geringem Grade den zu dieser, jenen zu jener Rolle befähigt. Aber gerade in diesen Punkten herrscht überall das tiefste Stillschweigen.

„Es ist alles“, sagte er ein andermal, am 28. Februar 1809, in demselben Sinne, „in den Wissenschaften zu weitschichtig geworden. Auf unsern Kathedern werden die einzelnen Fächer planmäßig zu halbjährigen Vorlesungen mit Gewalt auseiandergezogen. Die Reihe von wirklichen Erfindungen ist gering, besonders, wenn man sie durch ein paar Jahrhunderte im Zusammenhange betrachtet. Das meiste, was getrieben wird, ist doch nur Wiederholung von dem, was dieser oder jener berühmte Vorgänger gesagt hat. Von einem selbständigen Wissen ist kaum die Rede. Man treibt die jungen Leute herdenweise in Stuben und Hörsäle zusammen und speist sie in Ermangelung wirklicher Gegenstände mit Zahlen und Worten ab. Die Anschauung, die oft dem Lehrer selbst fehlt, mögen sich die Schüler hinterdrein verschaffen! Es gehört eben nicht viel dazu, um einzusehen, daß dies ein völlig verfehlter Weg ist. Besitzt nun der Professor vollends gar einen gelehrten Apparat, so wird es dadurch nicht besser, sondern nur noch schlimmer. Des Dünkels ist nun gar kein Ende. Jeder Färber an seinem Kessel, jeder Apotheker an seinem Destillierkolben muß sich sofort des breitem von ihm belehren lassen. Die armen Teufel von Praktikern, ich kann nicht sagen, wie sie mich dauern, daß sie in solche Hände gefallen sind! Da saß ehemals so ein alter Färber in Heilbronn, der war klüger als sie alle! Dafür haben sie ihn aber auch tüchtig ausgelacht. Was gäbe ich darum, wenn der alte Meister noch in der Welt wäre, die er, aber die ihn nicht erkannte, und meine ,Farbenlehre" erlebt hätte. Dem hatte sein Kessel geholfen. Der wußte, worauf es ankam.

Wenn ich die Summe von dem Wissenswerten in so mancher Wissenschaft, mit der ich mich mein ganzes Leben hindurch beschäftigt habe, aufschreiben wollte, das Manuskript würde so klein ausfallen, daß Sie es in einem Briefcouvert nach Hause tragen könnten. Es herrscht bei uns der Gebrauch, daß man die Wissenschaften entweder ums Brot verbauern läßt oder sie auf den Kathedern förmlich zerfetzt, so daß uns Deutschen nur zwischen einer seichten Populphilosophie und einem unverständlichen Gallimathias transzendentaler Redensarten gleichsam die Wahl gelassen ist. Das Kapital von der Elektrizität ist noch das, was in neuerer Zeit nach meinem Sinne am vorzüglichsten bearbeitet ist. Die "Elemente“ des Euklides stehen noch immer als ein unübertroffenes Muster eines guten Lehrvortrages da; sie zeigen uns in der größten Einfachheit und notwendigen Abstufung ihrer Probleme, wie Eingang und Zutritt zu allen Wissenschaften beschaffen sein sollten.

Wie ungeheure Summen haben nicht die Fabrikherren bloß durch falsche Ansichten in der Chemie verloren! Selbst die technischen Künste sind bei weitem nicht, wie sie sollen, vorgerückt. Diese Bücher- und Stubengelehrsamkeit, dies Klugwerden und Klugmachen aus nachgeschriebenen Heften ist auch die alleinige Ursache, daß die Zahl der wahrhaft nützlichen Entdeckungen durch alle Jahrhunderte so gering ist. Wahrlich, wenn heute, wo wir den 28. Februar 1809 schreiben, der altehrwürdige englische Mönch Baco - mit dem Kanzler Verulam keinesweges zu verwechseln nachdem so manche Jahrhunderte hinter seinen wissenschaftlichen Bestrebungen abgelaufen sind, von den Toten zurück zu mir in mein Studierzimmer käme und mich höflich ersuchte, ihn mit den Entdeckungen, die seitdem in Künsten und Wissenschaften erfolgt, bekannt zu machen - ich würde mit einiger Beschämung vor ihm dastehen und im Grunde nicht so recht wissen, was ich dem guten Alten antworten sollte. Fiele es mir etwa ein, ihm ein Sonnenmikroskop vorzulegen, so würde er mir bald mit einer Stelle in seinen Schriften dienen, wo er dieser Erfindung nicht bloß ahnend Vorgriff, sondern derselben auch durch wahrhaft praktische Winke den Weg bahnte. Führte uns unser Gespräch auf die Entdeckung der Uhren, so würde er vielleicht, wenn ich ihm eine vorzeigte, gelassen fortfahren: ,Es ist das Rechte! Es kommt mir indes nicht unerwartet. Ich habe es ebenfalls vorausgesehen. Von der Möglichkeit solcher Maschinen könnt ihr Seite 504 in meinen Schriften das Nötige nachlesen, wo ich sie ebenfalls, wie das Sonnenmikroskop und die Camera obscura, ausführlicher behandelt habe. Zuletzt, nach völliger Durchmusterung aller neuer Erfindungen, müßte ich vielleicht erwarten, daß sich der tiefsinnige Klosterbruder mit folgenden Worten von mir verabschiedete: ,Besonderes ist es eben nicht, was ihr da im Laufe so vieler Jahrhunderte geleistet habt. Rührt euch besser! Ich will mich nun wieder schlafen legen und nach vier Jahrhunderten wiederkommen und Zusehen, ob auch ihr schlaft oder ob ihr in diesem oder jenem Stücke weiter fortgeschritten seid!" - Bei uns Deutschen“, setzte Goethe hinzu, „geht alles fein langsam vonstatten. Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren die erste Idee von der Metamorphose der Pflanzen aufstellte, wußte man bei Beurteilung dieser Schrift nichts weiter, als die einfache Behandlung im Vortrag eines wissenschaftlichen Gegenstandes herauszuheben, die jungen Leuten allenfalls zum Muster dienen könne. Von der Gültigkeit eines Grundgesetzes, auf dessen Entwicklung doch hier eben alles ankam und das, im Fall es sich bewährte, durch die ganze Natur die mannigfaltigste Anwendung erlaubte, vernahm ich kein Wort. Das macht, es stand nichts davon im ,Linne‘, den sie ausschreiben und sodann ihren Schülern vortragen. Man sieht aus allem, der Mensch ist zum Glauben und nicht zum Schauen gemacht. Wie lange wird es dauern, so werden sie auch an mich glauben und mir dies und jenes nachsprechen! Ich wollte aber lieber, sie behaupteten ihr Becht und öffneten die Augen selbst, damit sie sähen, was vor ihnen liegt; so aber schelten sie nur auf alles, was bessere Augen hat als sie, und nehmen es sogar übel, wenn man sie in ihren Kathederansichten der Blödsichtigkeit beschuldigt. Von der ,Farbenlehre", die mit der ,Metamorphose der Pflanzen auf einem und demselben Prinzipe beruht, gilt dieses eben auch. Sie werden sich aber die Resultate derselben auch schon aneignen; man muß ihnen nur Zeit lassen und besonders es nicht übel nehmen, wenn sie einen, wie es mir jetzt in der ,Metamorphose der Pflanzen" häufig genug begegnet, ohne zu nennen, ausschreiben und fremdes Eigentum für das ihre ausgeben. Was den Mönch Baco betrifft, so darf uns diese außerordentliche Erscheinung nicht wundernehmen. Wir wissen ja, daß sich in England sehr früh große Keime von Zivilisation zeigten. Die Eroberung dieser Insel durch die Römer möchte wohl dazu den ersten Grund gelegt haben. Dergleichen verwischt sich doch nicht so leicht, wie man wohl glaubt. Späterhin machte auch das Christentum ebenfalls daselbst, und das schon frühe, die bedeutendsten Fortschritte. Der heilige Bonifatius ist nicht nur mit einem Evangelienbuche, sondern auch mit dem Winkelmaß in der Hand und von allen Baukünsten begleitet, von dorther zu uns herüber nach Thüringen gekommen. Baco lebte zu einer Zeit, wo der Bürgerstand durch die Magna Charta bereits große Vorrechte in England erlangt hatte. Die erlangte Freiheit der Meere, die Jury oder die Geschworenengerichte vollendeten dieses heitern Anfang. Es war fast unmöglich, daß bei so günstigen Umständen die Wissenschaften Zurückbleiben und nicht auch einen freien Aufschwung nehmen sollten. Im Baco nahmen sie denselben wirklich. Dieser sinnige Mönch, ebenso weit vom Aberglauben als vom Unglauben entfernt, hat alles in der Idee, nur nicht in der Wirklichkeit gehabt. Die ganze Magie der Natur ist ihm, im schönsten Sinne des Worts, aufgegangen. Er sah alles, was kommen mußte, die Sonnenmikroskope, die Uhren, die Camera obscura, die Projektionen des Schattens; kurz, aus der Erscheinung des einzigen Mannes konnte man abnehmen, was für Fortschritte das Volk, zu dem er gehörte, im Gebiete der Erfindungen, Künste und Wissenschaften zu machen berufen war. Strebt aber nur immer weiter fort“, fügte Goethe begeistert hinzu, „junges deutsches Volk, und werdet nicht müde, es auf dem Wege, wo wir es angefangen haben, glücklich fortzusetzen! Ergebt euch dabei keiner Manier, keinem einseitigen Wesen irgendeiner Art, unter welchen Namen es auch unter euch auftrete! Wißt, verfälscht ist alles, was uns von der Natur trennt; der Weg der Natur aber ist derselbe, auf dem ihr Baco, Homer und Shakespeare notwendig begegnen müßt. Es ist überall noch viel zu tun! Seht nur mit eignen Augen und hört mit eignen Ohren! Übrigens laßt es euch nicht kümmern, wenn sie euch anfeinden! Auch uns ist es, weil wir lebten, nicht besser gegangen. In der Mitte von Thüringen, auf dem festen Lande haben wir unser Schiff gezimmert; nun sind die Fluten gekommen und haben es von dannen getragen. Noch jetzt wird mancher, der die flache Gegend kennt, worin wir uns bewegten, nicht glauben, daß die Fluten wirklich den Berg hinangestiegen sind; und doch sind sie da. Verschmäht auch nie, in euer Streben die Einwirkung von gleichgestimmten Freunden aufzunehmen, sowie ich euch auf der andern Seite angelegentlich rate, ebenfalls nach meinem Beispiele, keine Stunde mit Menschen zu verlieren, zu denen ihr nicht gehört oder die nicht zu euch gehören; denn solches fördert wenig, kann uns aber im Leben gar manches Ärgernis zufügen, und am Ende ist denn doch alles vergeblich gewesen. Im ersten Bande von Herders ,Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" sind viele Ideen, die mir gehören, besonders im Anfange. Diese Gegenstände wurden von uns damals gemeinschaftlich durchsprochen. Dazu kam, daß ich mich zu sinnlichen Betrachtungen der Natur geneigter fühlte als Herder, der immer schnell am Ziele sein wollte und die Idee ergriff, wo ich kaum noch einigermaßen mit der Anschauung zustande war, wiewohl wir gerade durch diese wechselseitige Aufregung uns gegenseitig förderten.“

Ein andermal, es war im Sommer 1809, wo ich Goethe nachmittags besuchte, fand ich ihn bei milder Witterung wieder in seinem Garten sitzend. Katz, der Landschaftsmaler, den Goethe ausnehmend schätzte, war soeben dagewesen. Er saß vor einem kleinen Gartentische; vor ihm auf demselben stand ein langgehalstes Zuckerglas, worin sich eine kleine, lebendige Schlange munter bewegte, die er mit einem Federkiele fütterte und täglich Betrachtungen über sie anstellte. Er behauptete, daß sie ihn bereits kenne und mit dem Kopfe näher zum Rande des Glases komme, sobald sie seiner ansichtig werde.

„Die herrlich verständigen Augen!“, fuhr er fort. „Mit diesem Kopfe ist freilich manches unterwegs, aber, weil es das unbeholfene Ringeln des Körpers nun einmal nicht zuläßt, wenig genug angekommen. Hände und Füße ist die Natur diesem länglich ineinandergeschobenen Organismus schuldig geblieben, wiewohl dieser Kopf und diese Augen beides wohl verdient hätten; wie sie denn überhaupt manches schuldig bleibt, was sie für den Augenblick fallenläßt, aber späterhin doch wieder unter günstigem Umständen aufnimmt. Das Skelett von manchem Seetiere zeigt uns deutlich, daß sie schon damals, als sie dasselbe verfaßte, mit dem Gedanken einer hohem Gattung von Landtieren umging. Gar oft muß sie in einem hinderlichen Elemente sich mit einem Fischschwanze abfinden, wo sie gern ein paar Hinterfüße in den Kauf gegeben hätte; ja, wo man sogar die Ansätze dazu bereits im Skelett bemerkt hat.“

Neben dem Glase mit der Schlange lagen einige Cocons von eingesponnenen Raupen, deren Durchbruch Goethe nächstens erwartete. Es zeigte sich in ihnen eine der Hand fühlbare, besondere Regsamkeit. Goethe nahm sie vom Tische, betrachtete sie noch einmal scharf und aufmerksam und sagte sodann zu seinem Knaben: „Trage sie herein; heute kommen sie schwerlich! Die Tageszeit ist zu weit vorgerückt!“ Es war Nachmittag um vier Uhr. In diesen Augenblicken kam auch Frau von Goethe in den Garten hereingetreten. Goethe nahm dem Knaben die Cocons aus der Hand und legte sie wieder auf den Tisch.

„Wie herrlich der Feigenbaum in Blüten und Laub steht!“, rief Frau von Goethe uns schon von weitem zu, indem sie durch den Mittelgang des Gartens auf uns zukam. Nachdem sie mich darauf begrüßt und meinen Gegengruß empfangen hatte, fragte sie mich gleich, ob ich auch wohl den schönen Feigenbaum schon in der Nähe gesehen und bewundert hätte.

„Wir wollen ja nicht vergessen“, so richtete sie in dem nämlichen Augenblicke an Goethe selber das Wort, „ihn diesen Winter einlegen zu lassen!“ Goethe lächelte und sagte zu mir: „Lassen Sie sich ja, und das auf der Stelle, den Feigenbaum zeigen, sonst haben wir den ganzen Abend keine Ruhe! Er ist aber auch wirklich sehenswert und verdient, daß man ihn prächtig hält und mit aller Vorsicht behandelt.“ Wie heißt doch die ausländische Pflanze“, fing Frau von Goethe wieder an, „die uns neulich ein Mann von Jena herüberbrachte?“

„Etwa die große Nieswurz?“

„Recht! Sie kommt ebenfalls trefflich fort.“

„Das freut mich! Am Ende können wir noch ein zweites Anticyra hiesige Ortes anlegen!“

„Da, seh ich, liegen auch die Cocons. Haben Sie noch immer nichts bemerkt?“

„Ich hatte sie für dich zurückgelegt. Ich bitt euch“, indem er sie aufs neue in die Hand nahm und an sein Ohr hielt, „wie das klopft, wie das hüpft und ins Leben hinauswill! Wundervoll möchte ich sie nennen, diese Übergänge der Natur, wenn nicht das Wunderbare in der Natur eben das Allgewöhnliche wäre. Übrigens wollen wir auch unserm Freunde hier dies Schauspiel nicht vorenthalten. Morgen oder übermorgen kann es sein, daß der Vogel da ist, und zwar ein so schöner und anmutiger, wie ihr wohl selten gesehen habt. Ich kenne die Raupe und bescheide euch morgen Nachmittag um dieselbe Stunde in den Garten hierher, wenn ihr etwas sehen wollt, was noch merkwürdiger ist als das Allermerkwürdigste, was Kotzebue in seinem merkwürdigsten Lebensjahre auf seiner weiten Reise bis Tobolsk irgend gesehen hat. Indes laßt uns die Schachtel hier, worin sich unsere noch unbekannte, schöne Sylphide befindet und sich aufs prächtigste zu morgen anlegt, in irgendein sonniges Fenster des Gartenhauses stellen! So! Hier stehst du, gutes, artiges Kind! Niemand wird dich in diesem Winkel daran hindern, deine Toilette fertig zu machen!“

„Aber wie möchte ich nur“, hub Frau von Goethe wieder aufs neue an, indem sie einen Seitenblick auf die Schlange richtete, „ein so garstiges Ding um mich leiden wie dieses oder es gar mit eignen Händen groß füttern? Es ist ein so unangenehmes Tier. Mir graut jedes Mal, wenn ich es nur ansehe.“

„Schweig du!“, gab ihr Goethe zur Antwort, wiewohl er, von Natur ruhig, diese muntere Lebendigkeit nicht ungern in seiner Umgebung hatte. „Ja“, indem er das Gespräch zu mir herübertrug, „wenn die Schlange ihr nur den Gefallen erzeugte, sich einzuspinnen und ein schöner Sommervogel zu werden, da würde von dem gräulichen Wesen gleich nicht weiter die Rede sein. Aber, liebes Kind, wir können nicht alle Sommervögel und nicht alle mit Blüten und Früchten geschmückte Feigenbäume sein. Arme Schlange! Sie vernachlässigen dich! Sie sollen sich deiner besser annehmen! Wie sich mich ansieht! Wie sie den Kopf emporstreckt! Ist es nicht, als ob sie merkte, daß ich Gutes von ihr mit euch spreche! Armes Ding! Wie das drinnen steckt und nicht herauskann, so gern es auch wollte! Ich meine zwiefach, einmal im Zuckerglas und sodann in dem Hauptfutteral, das ihr die Natur gab.“

Als er dies gesagt, fing er an, seinen Reißstift und das Zeichenpapier, worauf er bisher einzelne Stücke zu einer phantastischen Landschaft zusammengezogen hatte, ohne sich dadurch beim Sprechen im geringsten irremachen zu lassen, ebenfalls beiseite zu legen. Der Bediente brachte Wasser, und indem er die Hände wusch, sagte er: „Um noch einmal auf Maler Katz zurückzukommen, dem Sie bei Ihrem Eintritte begegnet haben müssen, so ist er mir eine recht angenehme, ja liebliche Erscheinung. Er macht es hier in Weimar gerade so, wie er es in der Villa Borghese machte. Sooft ich ihn nun sehe, ist es mir, als ob er ein Stück von dem seligen far niente des römischen Kunsthimmels in meine Gesellschaft mitbrächte! Ich will mir doch noch, weil er da ist, ein kleines Stammbuch aus meinen Zeichnungen anordnen. Wir sprechen überhaupt viel zu viel.

Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen. Ich meinerseits möchte mir das Reden ganz abgewöhnen und wie die bildende Natur in lauter Zeichnungen fortsprechen. Jener Feigenbaum, diese kleine Schlange, der Cocon, der dort vor dem Fenster liegt und seine Zukunft ruhig erwartet, alles das sind inhaltschwere Signaturen; ja, wer nur ihre Bedeutung recht zu entziffern vermöchte, der würde alles Geschriebenen und alles Gesprochenen bald zu entbehren imstande sein! Je mehr ich darüber nachdenke, es ist etwas so Unnützes, so Müßiges, ich möchte fast sagen Geckenhaftes im Reden, daß man vor dem stillen Ernste der Natur und ihrem Schweigen erschrickt, sobald man sich ihr vor einer einsamen Felsenwand oder in der Einöde eines alten Berges gesammelt entgegenstellt! Ich habe hier eine Menge Blumen- und Pflanzengewächs“, indem er auf seine phantastische Zeichnung wies, „wunderlich genug auf dem Papiere zusammengebracht. Diese Gespenster könnten noch toller, noch phantastischer sein, so ist es doch die Frage, ob sie nicht auch irgendwo so vorhanden sind. Die Seele musiziert, indem sie zeichnet, ein Stück von ihrem innersten Wesen heraus, und eigentlich sind es die höchsten Geheimnisse der Schöpfung, die, was ihre Grundanlagen betrifft, gänzlich auf Zeichnen und Plastik beruht, welche sie dadurch ausplaudert. Die Kombinationen in diesem Felde sind so unendlich, daß selbst der Humor darin eine Stelle gefunden hat. Ich will nur die Schmarotzerpflanzen nehmen; wie viel Phantastisches, Possenhaftes, Vogelmäßiges ist nicht allein in den flüchtigen Schriftzügen derselben enthalten! Wie Schmetterlinge setzt sich ihr fliegender Same an diesen oder jenen Baum an und zehrt an ihm, bis das Gewächs groß wird. So in die Rinde eingesäet, eingewachsen finden wir den sogenannten viscus, woraus Vogelleim bereitet wird, zunächst als Gesträuch am Birnbaum. Hier, nicht zufrieden damit, daß er sich als Gast um denselben herumschlingt, muß ihm der Birnbaum sogar sein Holz machen. Das Moos auf den Bäumen, das auch nur parasitisch dasitzt, gehört ebendahin. Ich besitze sehr schöne Präparate über diese Geschlechter, die nichts für sich in der Natur unternehmen, sondern sich in allen Stücken nur auf bereits Vorhandenes einlassen. Ich will sie Ihnen bei Gelegenheit vorzeigen. Sie mögen mich daran erinnern. Das Würzhafte gewisser Stauden, die auch zu den Parasiten gehören, läßt sich aus der Steigerung der Säfte recht gut erklären, da dieselben nicht nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur mit einem roh irdischen, sondern mit einem bereits gebildeten Stoffe ihren ersten Anfang machen. Kein Apfel wächst mitten am Stamme, wo alles rauh und holzig ist. Es gehört schon eine lange Reihe von Jahren und die sorgsamste Vorbereitung dazu, so ein Apfelgewächs in einen tragbaren, weinichten Baum zu verwandeln, der allererst Blüten und sodann auch Früchte hervortreibt. Jeder Apfel ist eine kugelförmige, kompakte Masse und fordert als solche beides, eine große Konzentration und auch zugleich eine außerordentliche Veredelung und Verfeinerung der Säfte, die ihm von allen Seiten zufließen. Man denke sich die Natur, wie sie gleichsam vor einem Spieltische steht und unaufhörlich ,au double!" ruft, das heißt mit dem bereits Gewonnenen durch alle Reiche ihres Wirkens glücklich, ja bis ins Unendlich wieder fortspielt. Stein, Tier, Pflanze, alles wird nach einigen solchen Glückswürfen beständig von neuem wieder aufgesetzt, und wer weiß, ob nicht auch der ganze Mensch wieder nur ein Wurf nach einem höhern Ziele ist?“

Während dieser angenehmen Unterhaltung war der Abend herbeigekommen, und weil es im Garten zu kühl wurde, gingen wir herauf in die Wohnzimmer. Späterhin standen wir an einem Fenster. Der Himmel war mit Sternen besät. Die durch die freiere Gartenumgebung angeklungenen Saiten in Goethes Seele zitterten noch immer fort und konnten auch zu Abend nicht aus ihren Schwingungen kommen. „Es ist alles so ungeheuer“, sagte er zu mir, „daß an kein Aufhören von irgendeiner Seite zu denken ist. Oder meinen Sie nur, daß selbst die Sonne, die doch alles erschafft, schon mit der Schöpfung ihres eignen Planetensystems völlig zu Rande wäre und daß sonach die Erden und Monde bildende Kraft in ihr entweder ausgegangen sei oder doch untätig und völlig nutzlos daliege? Ich glaube dies keineswegs. Mir ist es sogar höchst wahrscheinlich, daß hinter Merkur, der an sich schon klein genug ausgefallen ist, einst noch ein kleinerer Stern als dieser zum Vorschein kommen wird. Man sieht freilich schon aus der Stellung der Planeten, daß die Projektionskraft der Sonne merklich abnimmt, weil die größten Massen im Systeme auch die größte Entfernung einnehmen. Eben auf diesem Wege aber kann es, fortgeschlossen, dahin kommen, daß wegen Schwächung der Projektionskraft irgendein versuchter Planetenwurf irgendeinmal verunglückte. Kann die Sonne sodann den jungen Planeten nicht wie die vorigen gehörig von sich absondern und ausstoßen, so wird sich vielleicht, wie beim Saturn, ein Ring um sie legen, der uns armen Erdenbewohnern, weil er aus irdisches» Bestandteilen zusammengesetzt ist, ein böses Spiel machen dürfte. Und nicht nur für uns, sondern auch für alle übrigen Planeten unseres Systems würde die Schattennähe eines solchen Ringes wenig Erfreuliches bewirken. Die milden Einflüsse von Licht und Wärme müßten natürlich dadurch verringert werden und alle Organisationen, deren Entwicklung ihr Werk ist, die einen mehr, die andern weniger, sich dadurch gehemmt fühlen. Nach dieser Betrachtung könnten die Sonnenflecken allerdings einige Unruhe für die Zukunft erwecken. Soviel ist gewiß, daß wenigstens in dem ganzen uns bekannt gewordenen Bildungshergang und Gesetz unsers Planeten nichts enthalten ist, was der Formation eines Sonnenringes entgegenstände, wiewohl sich freilich für eine solche Entwicklung keine Zeit angeben läßt.“

Als ich nachmittags um drei Uhr zu Goethe kam, fand ich ihn ernst und nachdenklich. Er beschäftigte sich eben mit Sortierung seiner Münzsammlung.

Ein treuer Beobachter der Natur, wie Goethe überall ist, macht es ihm keine geringe Freude, wenn er unter seinen Münzen auf ein Gesicht stößt, dessen Züge dem Inhalte einzelner Handlungen, wie sie uns die Geschichte von diesen oder jenen Personen meldet, gleichsam zur Auslegung dienen.

Bei seiner Naturaliensammlung ging er ebenso zu Werke. Wie er die Natur gleichsam auf der Tat ertappen möchte, auf diesen Punkt waren von jeher alle seine Betrachtungen, alle seine Beschauungen derselben gerichtet. Der kleinste Gegenstand konnte ihm von dieser Seite merkwürdig werden. Vollends organische Überbleibsel aus einer zum Teil untergegangenen Vorwelt!

Wer sich bei ihm für immer empfehlen wollte, brauchte ihm nur eins dergleichen von seinen Reisen mitzubringen. Die Pratze eins Seebären oder Bibers, der Zahn eines Löwen, das seltsam geringelte Horn einer Gemse, eines Steinbocks oder irgendeiner andern, von dem jetzigen Zustande zum Teil oder ganz abweichenden Bildung konnte ihn tage-, ja wochenlang durch wiederholte Betrachtung glückselig machen. Es war nicht anders indem Augenblicke, wo er eines solchen Schatzes teilhaftig wurde, als ob er einen Brief von einem Freunde aus einem ganz entfernten Weltteile erhalten hätte; er eilte sodann in der Freude seines Herzens, mit der größten Liebenswürdigkeit den Inhalt desselben, auf den er sich trefflich verstand, auch andern mitzuteilen. Zugleich stellte er den Grundsatz auf, daß die Natur gelegentlich, und gleichsam wider Willen, manches von ihren Geheimnissen ausplaudere. Gesagt sei alles irgendeinmal, nur nicht auf der nämlichen Stelle, wo wir es vermuteten; wir müssen es eben hier und da aus allen Winkeln, wo sie es habe fallen lassen, zusammensuchen. Daher das Rätselhafte, Sibyllinische, Unzusammenhängende in unserer Naturbetrachtung. Sie sei ein Buch von dem ungeheuersten, seltsamsten Inhalte, wovon man aber annehmen könne, daß gar viele Blätter desselben auf dem Jupiter, auf dem Uranus und andern Planeten zerstreut umherlägen. Zu einem Ganzen zu gelangen sei schwer, wo nicht völlig unmöglich. An dieser Aufgabe müßten eben darum alle Systeme scheitern.


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