> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes wissenschaftliche Ansichten (5)

2015-06-01

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes wissenschaftliche Ansichten (5)



IV.

Goethes wissenschaftliche Ansichten

Dieselbe folgerichtige, nur um ihrer Reichhaltigkeit und Ausdehnung im unendlichen All willen unserer Kurz- oder Stumpfsichtigkeit entzogene Gliederung, welcher er in den Erzeugnissen der Natur liebend und ahnend nachspürte, spähte er auch in den labyrinthischen Tiefen und Bildungen der Geisterwelt aus, und ich wähle darum als Übergang zwei Ansichten Goethes von der Fortdauer der Seele und vom Staate, um auch seine eigene naturgemäße Entwicklung anschaulicher zu machen.

An Wielands Begräbnistage, wovon tiefer unten noch einiges beigebracht werden muß, bemerkte ich eine so feierliche Stimmung in Goethes Wesen, wie man sie selten an ihm zu sehen gewohnt ist. Es war etwas so Weiches, ich möchte fast sagen, Wehmütiges in ihm, seine Augen glänzten häufig, selbst sein Ausdruck, seine Stimme waren anders als sonst. Dies mochte auch wohl der Grund sein, daß unsere Unterhaltung diesmal eine Richtung ins Übersinnliche nahm, was Goethe in der Regel, wo nicht verschmäht, doch lieber von sich ablehnt; völlig aus Grundsatz, wie mich dünkt, indem er, seinen angebornen Neigungen gemäß, sich lieber auf die Gegenwart und die lieblichen Erscheinungen beschränkt, welche Kunst und Natur in den uns zugänglichen Kreisen dem Auge und der Betrachtung darbieten. Unser abgeschiedener Freund war natürlich der Hauptinhalte unsers Gespräches. Ohne im Gange desselben besonders auszuweichen, fragte ich bei irgendeinem Anlasse, wo Goethe die Fortdauer nach dem Tode, wie etwas, das sich von selbst verstehe, voraussetzte: „Und was glauben Sie wohl, das Wielands Seele in diesen Augenblicken vornehmen möchte?“

„Nichts Kleines, nichts Unwürdiges, nichts mit der sittlichen Größe, die er sein ganzes Leben hindurch behauptete, Unverträgliches“, war die Antwort. „Aber, um nicht mißverstanden zu werden, da ich selber von diesen Dingen spreche, müßte ich wohl etwas weiter ausholen. Es ist etwas um ein achtzig Jahre hindurch so würdig und ehrenvoll geführtes Leben, es ist etwas um die Erlangung so geistig zarter Gesinnungen, wie sie in Wielands Seele so angenehm vorherrschten; es ist etwas um diesen Fleiß, um diese eiserne Beharrlichkeit und Ausdauer, worin er uns alle miteinander übertraf!“

„Möchten Sie ihm wohl einen Platz bei seinem Cicero anweisen, mit dem er sich noch bis an den Tod so fröhlich beschäftigte?“

„Stört mich nicht, wenn ich dem Gange meiner Ideen eine vollständige und ruhige Entwicklung geben soll! Von Untergang solcher hohen Seelenkräfte kann in der Natur niemals und unter keinen Umständen die Rede sein; so verschwenderisch behandelt sie ihre Kapitalien nie. Wielands Seele ist von Natur ein Schatz, ein wahres Kleinod. Dazu kommt, daß sein langes Leben diese geistig schönen Anlagen nicht verringert, sondern vergrößert hat. Noch einmal, bedenkt mir sorgsam diesen Umstand! Raffael war kaum in den Dreißigen, Kepler kaum einige Vierzig, als beide ihrem Leben plötzlich ein Ende machten, indes Wieland...“

„Wie?“, fiel ich hier Goethe mit einigem Erstaunen ins Wort, „sprechen Sie doch vom Sterben, als ob es ein Akt von Selbständigkeit wäre?“

„Das erlaube ich mir öfters“, gab er mir zur Antwort, „und wenn es Ihnen anders gefällt, so will ich Ihnen darüber auch von Grund aus, weil es mir in diesem Augenblicke erlaubt ist, meine Gedanken sagen.“

Ich bat ihn dringend, mir dieselben nicht vorzuenthalten.

„Sie wissen längst“, hub er an, „daß Ideen, die eines festen Fundaments in der Sinnenwelt entbehren, bei all ihrem übrigen Werte für mich keine Überzeugung mit sich führen, weil ich, der Natur gegenüber, wissen, nicht aber bloß vermuten und glauben will. Was nun die persönliche Fortdauer unserer Seele nach dem Tode betrifft, so ist es damit auf meinem Wege also beschaffen. Sie steht keineswegs mit den vieljährigen Beobachtungen, die ich über die Beschaffenheit unserer und aller Wesen in der Natur angestellt, im Widerspruch, im Gegenteil, sie geht sogar aus denselben mit neuer Beweiskraft hervor. Wieviel aber oder wie wenig von dieser Persönlichkeit übrigens verdient, daß es fortdauere, ist eine andere Frage und ein Punkt, den wir Gott überlassen müssen. Vorläufig will ich nur dieses zuerst bemerken: ich nehme verschiedene Klassen und Rangordnungen der letzten Urbestandteile aller Wesen an, gleichsam der Anfangspunkte aller Erscheinungen in der Natur, die ich Seelen nennen möchte, weil von ihnen die Beseelung des Ganzen ausgeht, oder noch lieber Monaden - lassen Sie uns immer diesen Leibnizischen Ausdruck beibehalten! Die Einfachheit des einfachsten Wesens auszudrücken, möchte es kaum einen bessern geben. Nun sind einige von diesen Monaden oder Anfangspunkten, wie uns die Erfahrung zeigt, so klein, so geringfügig, daß sie sich höchstens nur zu einem untergeordneten Dienst und Dasein eignen. Andere dagegen sind gar stark und gewaltig. Die letzten pflegen daher alles, was sich ihnen naht, in ihren Kreis zu reißen und in ein ihnen Angehöriges, das heißt in einen Leib, in eine Pflanze, in ein Tier, oder noch höher herauf, in einen Stern zu verwandeln. Sie setzten dies so lange fort, bis die kleine oder große Welt, deren Intention geistig in ihnen liegt, auch nach außen leiblich zum Vorschein kommt. Nur die letzten möchte ich eigentlich Seelen nennen. Es folgt hieraus, daß es Weltmonaden, Weltseelen, wie Ameisenmonaden, Ameisenseelen, gibt und daß beide in ihrem Ursprünge, wo nicht völlig eins, doch im Urwesen verwandt sind. Jede Sonne, jeder Planet trägt in sich eine höhere Intention, einen höhern Auftrag, vermöge dessen seine Entwicklungen ebenso regelmäßig und nach demselben Gesetze wie die Entwickelungen eines Rosenstockes durch Blatt, Stiel und Krone zustande kommen müssen. Mögen Sie dies eine Idee oder eine Monade nennen, wie Sie wollen, ich habe auch nichts dawider; genug, daß diese Intention unsichtbar und früher als die sichtbare Entwickelung aus ihr in der Natur vorhanden ist. Die Larven der Mittelzuständen, welche diese Idee in den Übergängen vornimmt, dürfen uns dabei nicht irremachen. 

Es ist immer nur dieselbe Metamorphose oder Verwandlungsfähigkeit der Natur, die aus dem Blatte eine Blume, eine Rose, aus dem Ei eine Raupe und aus der Raupe einen Schmetterling heraufführt. Übrigens gehorchen die niedern Monaden einer höhern, weil sie eben gehorchen müssen, nicht aber, daß es ihnen besonders zum Vergnügen gereichte. Es geht dieses auch im Ganzen sehr natürlich zu. Betrachten wir zum Beispiel diese Hand. Sie enthält Teile, welche der Hauptmonas, die sie gleich bei ihrer Entstehung unauflöslich an sich zu knüpfen wußte, jeden Augenblick zu Dienste stehen. Ich kann dieses oder jenes Musikstück vermittelst derselben abspielen; ich kann meine Finger, wie ich will, auf den Tasten eines Klaviers umherfliegen lassen. So verschaffen sie mir allerdings einen geistig schönen Genuß; sie selbst aber sind taub, nur die Hauptmonas hört. Ich darf also voraussetzen, daß meiner Hand oder meinen Fingern wenig oder gar nichts an meinem Klavierspiele gelegen ist. Das Monadenspiel, wodurch ich mir ein Ergetzen bereite, kommt meinen Untergebenen wenig zugute, außer, daß ich sie vielleicht ein wenig ermüde. Wie weit besser stände es um ihr Sinnenvergnügen, könnte sie, wozu allerdings eine Anlage in ihnen vorhanden ist, anstatt auf den Tasten meines Klaviers müßig herumzufliegen, lieber als emsige Bienen auf den Wiesen umherschwärmen, auf einem Baume sitzen oder sich an dessen Blütenzweigen ergetzen. Der Moment des Todes, der darum auch sehr gut eine Auflösung heißt, ist eben der, wo die regierende Hauptmonas alle ihre bisherigen Untergebenen ihres treuen Dienstes entläßt. Wie das Entstehen, so betrachte ich auch das Vergehen als einen selbstständigen Akt dieser, nach ihrem eigentlichen Wesen uns völlig unbekannten Hauptmonas. Alle Monaden aber sind von Natur so unverwüstlich, daß sie ihre Tätigkeit im Moment der Auflösung selbst nicht einstellen oder verlieren, sondern noch in demselben Augenblicke wieder fortsetzen. So scheiden sie nur aus den alten Verhältnissen, um auf der Stelle wieder neue einzugehen. Bei diesem Wechsel kommt alles darauf an, wie mächtig die Intention sei, die in dieser oder jener Monas enthalten ist. Die Monas einer gebildeten Menschenseele und die eines Bibers, eines Vogels, oder eines Fisches, das macht einen gewaltigen Unterschied. Und da stehen wir wieder an den Rangordnungen der Seelen, die wir gezwungen sind anzunehmen, sobald wir uns die Erscheinungen der Natur nur einigermaßen erklären wollen. Swedenborg hat dies auf seine Weise versucht und bedient sich zur Darstellung seiner Ideen eines Bildes, das nicht glücklicher gewählt sein kann. Er vergleicht nämlich den Aufenthalt, worin sich die Seelen befinden, mit einem in drei Hauptgemächer eingeteilten Raume, in dessen Mitte ein großer befindlich ist. Nun wollen wir annehmen, daß aus diesen verschiedenen Gemächern sich auch verschiedene Kreaturen, zum Beispiel Fische, Vögel, Hunde, Katzen, in den großen Saal begeben; eine freilich sehr gemengte Gesellschaft! Was wird davon die unmittelbare Folge sein? Das Vergnügen, beisammenzusein, wird bald genug aufhören; aus den einander so heftig entgegengesetzten Neigungen wird sich ein ebenso heftiger Krieg entspinnen; am Ende wird sich das Gleiche zum Gleichen, die Fische zu den Fischen, die Vögel zu den Vögeln, die Hunde zu den Hunden, die Katze zu den Katzen gesellen, und jede von diesen besondern Gattungen wird auch, wo möglich, ein besonders Gemach einzunehmen suchen. Da haben wir völlig die Geschichte von unsem Monaden nach ihrem irdischen Ableben. Jede Monade geht, wo sie hingehört, ins Wasser, in die Luft, in die Erde, ins Feuer, in die Sterne; ja der geheime Zug, der sie dahin führt, enthält zugleich das Geheimnis ihrer zukünftigen Bestimmung. An eine Vernichtung ist zwar nicht zu denken; aber von irgendeiner mächtigen und dabei gemeinen Monas unterwegs angehalten und ihr untergeordnet zu werden, diese Gefahr hat allerdings etwas Bedenkliches, und die Furcht davor wüßte ich auf dem Wege einer bloßen Naturbetrachtung meinesteils nicht ganz zu beseitigen.“

Indem ließ sich ein Hund auf der Straße mit seinem Gebell zu wiederholten Malen vernehmen. Goethe, der von Natur eine Antipathie wider alle Hunde besitzt, fuhr mit Heftigkeit ans Fenster und rief ihm entgegen: „Stelle dich, wie du willst, Larve, mich sollst du doch nicht unterkriegen!“ Höchst befremdend für den, der den Zusammenhang Goethescher Ideen nicht kennt; für den aber, der damit bekannt ist, ein humoristischer Einfall, der eben am rechten Orte war!

„Dies niedrige Weltgesindel“, nahm er nach einer Pause und etwas beruhigter wieder das Wort, „pflegt sich über die Maßen breitzumachen; es ist ein wahres Monadenpack, womit wir in diesem Planetenwinkel zusammengeraten sind, und möchte wenig Ehre von dieser Gesellschaft, wenn sie auf andern Planeten davon hörten, für uns zu erwarten sein.“

Ich fragte weiter, ob er wohl glaube, daß die Übergänge aus diesen Zuständen für die Monaden selbst mit Bewußtsein verbunden wären. Worauf Goethe erwiderte: „Daß es einen allgemein historischen Überblick sowie daß es höhere Naturen als wir selbst unter den Monaden geben könne, will ich nicht in Abrede sein. Die Intention einer Weltmonade kann und wird manches aus dem dunkeln Schoße ihrer Erinnerung hervorbringen, das wie Weissagung aussieht und doch im Grunde nur dunkle Erinnerung eines abgelaufenen Zustandes, folglich Gedächtnis ist; völlig wie das menschliche Genie
die Gesetztafeln über die Entstehung des Weltalls entdeckte, nicht durch trockne Anstrengung, sondern durch einen ins Dunkel fallenden Blitz der Erinnerung, weil es bei deren Abfassung selbst zugegen war. Es würde vermessen sein, solchen Aufblitzen im Gedächtnis höherer Geister ein Ziel zu setzen oder den Grad, in welchem sich diese Erleuchtung halten müßte, zu bestimmen. So im Allgemeinen und historisch gefaßt, finde ich in der Fortdauer von Persönlichkeit einer Weltmonas durchaus nichts Undenkbares. Was uns selbst zunächst betrifft, so scheint es fast, als ob die von uns früher durchgegangenen Zustände dieses Planeten im Ganzen zu unbedeutend und zu mittelmäßig seien, als daß vieles daraus in den Augen der Natur einer zweiten Erinnerung wert gewesen wäre. Selbst unser jetziger Zustand möchte einer großen Auswahl bedürfen, und unsere Hauptmonas wird ihn wohl ebenfalls künftig einmal summarisch, das heißt in einigen großen historischen Hauptpunkten, zusammenfassen.“


Diese Äußerung Goethes rief mir etwas Ähnliches, was Herder einst im größten Unmut zu mir sagte, aufs neue in die Seele zurück. „Wir stehen jetzt“, sprach der Verewigte, „auf St. Petri-Pauls-Kirchhofe gegeneinander, und ich hoffe, wir werden vielleicht auf dein Uranus uns ebenso einander gegenüberstehen; aber verhüte Gott, daß ich die Geschichte zum Beispiel meines hiesigen Aufenthaltes in diesen unten an der Ilm gelegenen Straßen mit allen möglichen Details mit in jene Welt herübernehmen sollte! Ich meinerseits würde ein solches Geschenk als die größte Qual und Strafe betrachten.“

„Wollen wir uns einmal auf Vermutungen einlassen“, setze Goethe hierauf seine Betrachtungen weiter fort, „so sehe ich wirklich nicht ab, was die Monade, welcher wir Wielands Erscheinung auf unsern Planeten verdanken, abhalten sollte, in ihrem neuen Zustande die höchsten Verbindungen dieses Weltalls einzugehen. Durch ihren Fleiß, durch ihren Eifer, durch ihren Geist, womit sie so viele weltgeschichtliche Zustände in sich aufnahm, ist sie zu allem berichtigt. Ich würde mich so wenig wundern, daß ich es sogar meinen Ansichten völlig gemäß finden müßte, wenn ich einst diesem Wieland als einer Weltmonade, als einem Stern erster Größe, nach Jahrtausenden wieder begegnete und sähe und Zeuge davon wäre, wie er mit seinem leiblichen Lichte alles, was ihm irgend nahe käme, erquickte und aufheiterte. Wahrlich, das nebelartige Wesen irgendeines Kometen in Licht und Klarheit zu verfassen, das wäre wohl für die Monas unsers Wielands eine erfreuliche Aufgabe zu nennen; wie denn überhaupt, sobald man die Ewigkeit dieses Weltzustandes denkt, sich für Monaden durchaus keine andere Bestimmung annehmen läßt, als daß sie ewig auch ihrerseits an den Freuden der Götter als selig mitschaffende Kräfte teilnehmen. Das Werden der Schöpfung ist ihnen anvertraut. Gerufen oder ungerufen, sie kommen von selbst auf allen Wegen, von allen Bergen, aus allen Meeren, von allen Sternen; wer mag sie aufhalten? Ich bin gewiß, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal dagewesen und hoffe wohl noch tausendmal wiederzukommen.“

„Um Verzeihung“, fiel ich ihm hier ins Wort, „ich weiß nicht, ob ich eine Wiederkunft ohne Bewußtsein eine Wiederkunft nennen möchte! Denn wieder kommt nur derjenige, welcher weiß, daß er zuvor dagewesen ist. Auch Ihnen sind bei Betrachtungen der Natur glänzende Erinnerungen und Lichtpunkte aus Weltzuständen aufgegangen, bei welchen Ihre Monas vielleicht selbsttätig zugegen war; aber alles dieses steht doch nur auf einem Vielleicht; ich wollte doch lieber, daß wir über so wichtige Dinge eine größere Gewißheit zu erlangen imstande wären, als die wir uns durch Ahnungen und jene Blitze des Genies verschaffen, welche zuweilen den dunkeln Abgrund der Schöpfung erleuchten. Sollten wir unserm Ziele nicht näher gelangen, wenn wir eine liebende Hauptmonas im Mittelpunkte der Schöpfung voraussetzten, die sich aller untergeordneten Monaden dieses ganzen Weltalls auf dieselbe Art und Weise bediente, wie sich unsere Seele der ihr zum Dienste untergebenen geringem Monaden bedient?“

„Ich habe gegen diese Vorstellung, als Glauben betrachtet, nichts“, gab Goethe hierauf zur Antwort, „nur pflege ich auf Ideen, denen keine sinnliche Wahrnehmung zum Grunde liegt, keinen ausschließenden Wert zu legen. Ja, wenn wir unser Gehirn und den Zusammenhang desselben mit dem Uranus und die tausendfältigen einander durchkreuzenden Fäden kennten, worauf der Gedanke hin und her läuft! So aber werden wir der Gedankenblitze immer dann erst inne, wann sie einschlagen. Wir kennen nur Ganglien, Gehirnknoten; vom Wesen des Gehirns selbst wissen wir soviel als gar nichts. Was wollen wir denn also von Gott wissen? Man hat es Diderot sehr verdacht, daß er irgendwo gesagt: Wenn Gott noch nicht ist, wo wird er vielleicht noch. Gar wohl lassen sich aber, nach meinen Ansichten von der Natur und ihren Gesetzen, Planeten denken, aus welchen die höhern Monaden bereits ihren Abzug genommen oder wo ihnen das Wort noch gar nicht vergönnt ist. Es gehört eine Konstellation dazu, die nicht alle Tage zu haben ist, daß das Wasser weicht und daß die Erde trocken wird. So gut wie es Menschenplaneten gibt, kann es auch Fischplaneten und Vogelplaneten geben. Ich habe in einer unserer früheren Unterhaltungen den Menschen das erste Gespräch genannt, das die Natur mit Gott hält. Ich zweifle gar nicht, daß dies Gespräch auf andern Planeten viel höher, tiefer und verständiger gehalten werden kann. Uns gehen vorderhand tausend Kenntnisse dazu ab. Das Erste gleich, was uns mangelt, ist die Selbstkenntnis; nach dieser kommen alle übrigen. Strenggenommen, kann ich von Gott doch weiter nichts wissen, als wozu mich der ziemlich beschränkte Gesichtskreis von sinnlichen Wahrnehmungen auf diesem Planeten berechtigt, und das ist in allen Stücken wenig genug. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß durch diese Beschränkung unserer Naturbetrachtungen auch dem Glauben Schranken gesetzt wären. Im Gegenteil kann, bei der Unmittelbarkeit göttlicher Gefühle in uns, der Fall gar leicht eintreten, daß das Wissen als Stückwert besonders auf einem Planeten erscheinen muß, der, aus seinem ganzen Zusammenhange mit der Sonne herausgerissen, alle und jede Betrachtung unvollkommen läßt, die eben darum erst durch den Glauben ihre vollständige Ergänzung erhält. Schon bei Gelegenheit der ,Farbenlehre“ habe ich bemerkt, daß es Urphänomene gibt, die wir in ihrer göttlichen Einfalt durch unnütze Versuche nicht stören und beeinträchtigen, sondern der Vernunft und dem Glauben übergeben sollen. Versuchen wir von beiden Seiten mutig vorzudringen, nur halten wir zugleich die Grenzen streng auseinander! Beweisen wir nicht, was durchaus nicht zu beweisen ist!

Wir werden sonst nur früh oder spät in unserm sogenannten Wissenswerk unsere eigne Mangelhaftigkeit bei der Nachwelt zur Schau tragen. Wo das Wissen genügt, bedürfen wir freilich des Glaubens nicht; wo aber das Wissen seine Kraft nicht bewährt oder ungenügend erscheint, sollen wir auch dem Glauben seine Rechte nicht streitig machen. Sobald man nur von dem Grundsatz ausgeht, daß Wissen und Glauben nicht dazu da sind, um einander aufzuheben, sondern um einander zu ergänzen, so wird schon überall das Rechte ausgemittelt werden.“

Es war spät geworden, als ich heute Goethe verließ. Er küßte mir die Stirn beim Abschiede, was sonst nie seine Gewohnheit ist. Ich wollte im Dunkeln die Treppe heruntergehen; aber er litt es nicht, sondern hielt mich fest beim Arme, bis er jemand geklingelt, der mir leuchten mußte. Noch in der Türe warnte er mich, daß ich auf meiner Hut sein und mich vor der rauhen Nachtluft in acht nehmen sollte. Weichmütiger als bei Wielands Tode habe ich Goethe nie zuvor gesehen und sah ihn auch nachher nie wieder so. Sein heutiges Gespräch enthält übrigens den Schlüssel zu manchen ebenso paradoxen als liebenswürdigen Seiten seines so oft mißverstandenen Charakters. Durch Wielands Verlust war mir dieser einzig Zurückgebliebene ebenfalls teurer als je geworden. Nach Hause gekommen, faßte ich die vorstehende Unterhaltung verarbeitete in einige Resultate zusammen, die nicht ohne den größten Einfluß auf den Gang meines Lebens geblieben sind und die ich daher als einen Nachtrag zu vorstehendem Gespräche beifügen will.

So ist es denn wahr, und ein so außerordentlicher Geist wie Goethe selbst muß das demütigende Geständnis ablegen, daß all unser Wissen auf dem Planeten, den wir bewohnen, bloßes Stückwerk ist! Alle unsere sinnliche Wahrnehmungen in allen Reichen der Natur, mit dem tiefsten Scharfsinn und der größten Bedachtsamkeit angestellt, können uns so wenig zu einer vollkommenen Idee von Gott und dem Universum verhelfen, als es dem Fische im Abgrunde des Meeres, gesetzt auch, daß er Vernunft besäße, gelingen kann, seine Vorstellungen im Reiche der Schuppen und Floßfedem, dessen Bewohner er ist, von diesem Einflüsse freizumachen oder sich in seiner untern Region ein vollkommenes und richtiges Bild von der menschlichen Gestalt zusammenzusetzen?

Aber was nennen wir überhaupt Natur? Gehört denn bloß das Korallentier in der Südsee oder die Vegetation eines Fliegenschwammes zur Natur? Ist jene erhabene Stelle in unserm Innern, höher als die sonnigsten Alpen, die wir ersteigen, um eine freie Aussicht in die Natur zu genießen, etwa außer der Natur gelegen? Ist nicht vielleicht der Mensch, um mich dieses schönen Goetheschen Ausdrucks nochmals zu bedienen, das erste Gespräch, das die Natur mit Gott hält? Und muß eben daher der Ort, wo es gehalten wird, uns nicht vor allen andern heilig und ehrwürdig sein? Spricht Gott in unserm Innern - und wer von uns vermag diese Himmelstimme abzuleugnen? -, so fragt sich nun, welcher von beiden Fällen stattfinden darf. Soll Gott vom Menschen oder soll der Mensch von Gott lernen? Hiob 38 - 40: „Und der Herr antwortete Hiob aus einem Wetter und sprach: Wer ist, der so fehlet in der Weisheit und redet so mit Unverstand? Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen, lehre du mich!“ Wie beschränkt das ist, was der Mensch Gott lehren kann, haben wir aus dem Vorhergehenden zur Genüge ersehen; so laßt uns nun ein wenig erforschen, was Gott den Menschen lehrt!

Wenn jene Himmelsstimme höherer Natur in unserm Innern recht hat, so muß allwaltende Liebe, nicht aber blinde Gewalt und regelloser Zufall das Gesetz des Weltalls sein. Alle ihre Gebote sind Liebesbefehle. Sie ruft, sie lockt alle ihre verlorenen Rinder eben dadurch in ihren Schoß zurück.

Schonung und Erbarmen mit aller Kreatur sind unsem Herzen gleichsam unvertilglich eingeprägt. Verletzen wir den warnenden Zuruf des Gewissens, so empört es sich und sendet Rachegeister herauf, die uns keinen Frieden lassen und sich Tag und Nacht an unsere Fersen heften. Wenn der Verbrecher vor jedem rauschenden Blatte erschrickt, so begleitet dagegen ein ungestörter Friede Gottes alle diejenigen, die diesen himmlischen Befehlen gemäß leben. Es muß sonach eine Freude, ein Wohlgefallen höherer Naturen an Befolgung, ein Mißfallen an Unterlassung ihrer himmlischen Vorschriften irgendwo vorhanden sein. Wie anders muß die Betrachtung des Weltalls von diesem hohen und sittlichen Gesichtspunkt ausfallen, als sie sich dem noch so aufmerksamen Auge des treuesten Beobachters von unten auf im Reiche niederer Naturerscheinungen darstellt! Welchen milden Einfluß muß das Ganze erfahren, wo das Einzelne, so durch Pflichten und Vorschriften gebunden, einem Hohem täglich, ja stündlich zur Verantwortung steht!

Die Aufgabe des Lebens, allein ins Wissen gesetzt, muß gleichsam notwendig einen verzweifelnden, faustischen Unmut herbeiführen. Dem Glauben als ihrem eigentlichen Elemente wiedergegeben, ist auch jedem, vom Höchsten bis zum Geringsten, ein Kreis würdiger Tätigkeit angeordnet, wodurch er in dies herrliche Ganze frei und selbständig eingreift. Nicht minder tritt alles, was bei zukünftiger Fortdauer unserer Seelen Erinnerung verdient, höchst beherzigungswert aus dieser Ansicht hervor. Auf diesem Wege kommen wir nämlich bald dahin, daß nicht sowohl von einer Schöpfung durch sittliches Hervorbringen und Handeln, in strenger Befolgung desselben, was uns die Himmelsstimme in unserm Innern darüber zur unerläßlichen Pflicht macht, überall die Rede ist.

An den Freuden der Schöpfung oder an der plastischen Naturtätigkeit jener schaffenden Monaden, in dem Sinne, wie es der stolz vermessene Faust wollte, hier schon teilzunehmen ist uns freilich nicht vergönnt; dieser Kreis bleibt uns, wenn wir in Demut beharren, verschlossen; ab« ein neuer und höherer Kreis der Schöpfung, wo wir Stoff und Bildner zugleich sind, ist dafür unsern begeisterten Augen aufgetan, wir nennen ihn die Befreiung des Menschen aus einem verworrenen, tierischen Zustande, die Wiedergeburt höherer, ihrem wahren Ursprünge durch uns wiedergegebener himmlischer Triebe, die uns mit mächtigem Arme in einen Himmel, der für uns verloren schien, heraufheben. Welch ein unermeßliches Feld eröffnet sich hier in der Weltgeschichte! Aber auch zugleich welch ein unermeßlicher Kampf mit widerstrebenden Kräften ist uns auf dieser Laufbahn angesagt! In dem heißen Andrange menschlicher Leidenschaft den Pflichtbefehlen höherer Liebe mit einem Herzen voll Demut überall ein bescheidentlich Gehör geben, unserm Glauben leben und sterben, und wo die betrügliche Welt unter unsem Füßen wankt, sich fest an den Himmel halten und unsers Weges sodann, wie der Kompaß in unserm Innern ihn angezeigt, so gewiß zu sein wie der Vogel des seinigen nach Memphis und Kairo; gewiß und wahrhaftig, wenn es irgend etwas Erhabenes, Schönes, Großes, Rühmliches in der Welt gibt, so wird es wohl auf diesem Wege errungen worden sein. Welch eine neue Schöpfung, die nun plötzlich ausgebreitet vor unsem Augen daliegt! Mark Anton und das Korallentier in der Südsee, Sokrates und ein giftiger Fliegenschwamm, wer mag sie miteinander vergleichen oder diese zwei so verschiedenen Kreise ineinanderwirren und so dem Höheren selbst durch das Niedere ein unerfreuliches Schwanken bereiten!

Glaube, Liebe und Hoffnung, diese treuen Führer, diese untrüglichen Stimmen des Himmels in unserm Innern sollen für alles, was Mensch heißt, zu Wegweisern erkoren sein!

Laßt uns nimmer da klügeln, wo wir zu folgen und frommen Gehorsam, gleichsam durch einen unmittelbar an unser Inneres ergangenen göttlichen Befehl, zu leisten verbunden sind!

Wie ein Vöglein, das verschlagen
Weint im stillen Ozean,
Komm zur Heimat mich zu tragen,
Liebe! Dir gehör ich an.

Vor mir fliegt die weiße Taube,
Die vor keinem Sturm erbleicht;
Weil ich an die Heimat glaube,
Hab ich sie auch schon erreicht.

Hab ich deinen Wink verstanden,
Ist mein Hafen auch nicht weit;
Unten seh ich Schiffe stranden,
Mich empfängt die Ewigkeit.

Angelangt auf dieser Grenze der Menschheit, werde ich auch den Zuruf jenes liebseligen Geistes verstehen, der als ein Gottgesandter aller höhern Naturen in zwei armen Worten: „Vater unser“ die göttliche Liebe für das ganze Universum niederlegte und mich lehrte, durch treue Ausübung derselben dem Vater im Himmel wohlgefällig zu sein.

Nachsicht, Sanftmut, stilles Dulden
Kehre täglich bei uns ein,
Daß dem Bruder seine Schulden
Wir von Herzen gern verzeihn.

Güte, Wohltun, Herzensmilde,
Mitleid, das sich gern erbarmt,
Decke sanft mit deinem Schilde
Den, der auch den Feind umarmt!

Diese milde Gesinnung, nicht aber jener Riesentrotz des Prometheus ist das Rechte!

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillt
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Gar vielfältig ist diese Stelle mißverstanden worden. Allerdings ist nicht zu leugnen, daß nicht selten eben das, was als eine reizende Blume auf dem Felde der Dichtkunst emporsprießt, mit verkehrtem Sinne auf ein anderes und fremdes Gebiet übergetragen, ein schädliches Unkraut genannt zu werden verdient, besonders, wo es sich als Gesinnung im Felde des praktischen Wirkens in einem jugendlichen Gemüt ausspricht oder gar festsetzt.

Wie mich dünkt, sollte der Ausspruch eines noch so großen Dichters in diesem oder jenem Momente, einem an sich verwerflichen oder wenigstens leidenschaftlich bewegten Charakter untergelegt, im Felde der Untersuchung nie die Stelle der Wahrheit einnehmen. Den Raubmonaden der Hai- und Sägefische, die, durch einen dunkeln Instinkt geführt, im Abgrunde des Meeres einander anfallen, ihren Raub abjagen und je nachdem sie schwächer oder stärker sind, einander verzehren oder verzehrt werden, ihnen wollen wir es allenfalls zugute halten, wenn sie nach erlangter etwanniger Einsicht in die Praktik ihres Gewerbes sich volles Ernstes in Sprüchen wie die folgenden vernehmen ließen:

Denn Recht hat jeder eigene Charakter:
Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch!

Oder:

Und wenn es glückt, so ist es auch verziehn,
Denn jeder Ausgang ist ein Gottesurteil.

Der Mensch aber, der sich einer hohem Weltordnung in seinem Innern durch eine unmittelbare, göttliche Offenbarung bewußt ist, versetzt sich selbst in eine weit hinter ihm liegende, niedrige Klasse, sobald er Grundsätze annimmt, die der Engel in ihm verleugnen muß. Wollte ich am Schlusse dieser Betrachtung alles, was Goethe über Wissen und Glauben bei dieser Gelegenheit Treffliches gesagt, in aller Kürze zusammenfassen, so fände ich es nicht besser als mit seinen eigenen kernhaften Worten im „Faust“: „Wer darf ihn nennen“ etc.

Überhaupt ist es wohl nicht abzuleugnen, daß Goethes Ansicht der Weltgeschichte von dem, was in der Schule und in den Kompendien darüber gelehrt wird, etwas verschieden ausfällt. So betrachtet er zum Beispiel die Entstehung der Staaten als etwas, was sich durchaus, wie jedes andere Produkten der Natur, aus irgendeinem selbstständig vorhandenen Keime instinktmäßig und ohne alle Vorschrift entwickeln muß, wozu denn freilich Berge, Klima, Flüsse und andere Umstände das Ihrige betragen. Die politischen Systeme taugen darum so wenig wie die philosophischen, sobald sie sich mit der Natur in Widerspruch setzen. Sowenig wie der Mensch sein Naturell, ebenso wenig kann ein Staat seine Berge und seine Flüsse aufgeben und, einer bloßen Idee zu gefallen, seinem Wesen selbst vernichtende Bedingungen vorschreiben. Solche Verkehrtheit rächt sich jedes Mal. Überall sollte man es nicht vergessen, daß auf dem Wege der Natur nicht sowohl der Kopf, sondern ein anderer wenig im Publikum geachteter Teil es ist, dem die regelmäßigsten Sechsecke der Biene beides, Form und Dasein, verdanken. Die besten Hauptstädte zum Beispiel sind immer die, welche die Natur im Laufe der Zeit entweder durch die Not des Augenblickes oder im Drange der Umstände hat entstehen lassen. Solch ein Mittelpunkt, wo sich die Völkerstämme um König und Königin, gerade ebenso wie die Bienen um ihren Weiser, versammelten, ist eben der rechte, sowie man auf der andern Seite es genau den Hauptstädten ansieht, die nicht von Natur und aus dem Volke selbst ihren Ursprung nahmen, sondern nach dem Plane irgendeines klugen und geschickten Baumeisters entworfen sind. Die ersten haben, trotz ihren engen Straßen, immer etwas freundlich Einladendes; während die andern, trotz aller Regelmäßigkeit, nach dem ersten Eindrücke etwas Erkältendes und Eintöniges zurücklassen.

Wie Goethe, nach Obigem, alles An- und Eingelernte nicht liebte, so behauptete er auch, alle Philosophie müsse geliebt und gelebt werden, wenn sie für das Leben Bedeutsamkeit gewinnen wolle. „Lebt man denn aber überhaupt noch in diesem Zeitalter?“, fügte er hinzu; „der Stoiker, der Platoniker, der Epikureer, jeder muß auf seine Weise mit der Welt fertig werden; das ist ja eben die Aufgabe des Lebens, die keinem, zu welcher Schule er sich auch zähle, erlassen wird. Die Philosophen können uns ihrerseits nichts als Lebensformen darbieten. Wie diese nun für uns passen, ob wir, unserer Natur oder unsern Anlagen nach, ihnen den erforderlichen Gehalt zu geben imstande sind, das ist unsere Sache.

Wir müssen uns prüfen und alles, was wir von außen in uns hereinnehmen, wie Nahrungsmittel, auf das sorgsamste untersuchen; sonst gehen entweder wir an der Philosophie oder die Philosophie geht an uns zugrunde. Die strenge Mäßigkeit, zum Beispiel Kants, forderte eine Philosophie, die diesen seinen angeborenen Neigungen gemäß war. Leset sein Leben, und ihr werdet bald finden, wie artig er seinem Stoizismus, der eigentlich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen einen schneidenden Gegensatz bildete, die Schärfe nahm, ihn zurechtlegte und mit der Welt ins Gleichgewicht setzte. Jedes Individuum hat vermittelst seiner Neigungen ein Recht zu Grundsätzen, die es als Individuum nicht aufheben. Hier oder nirgend wird wohl der Ursprung aller Philosophie zu suchen sein. Zeno und die Stoiker waren längst in Rom vorhanden, eh ihre Schriften dahin kamen. Dieselbe rauhe Denkart der Römer, die ihnen zu großen Helden- und Waffentaten den Weg bahnte und sie allen Schmerz, jede Aufopferung verachten lehrte, mußte auch Grundsätzen, die gleichverwandte Forderung an die Natur des Menschen aufstellten, bei ihnen ein geneigtes und williges Gehör verschaffen. Es gelingt jedem Systeme, sogar dem Zynismus, sobald nur der rechte Held darin auftritt, mit der Welt fertig zu werden.

Nur das Angelernte der menschlichen Natur scheitert meist am Widerspruche; das ihr Angeborene weiß sich überall Eingang zu verschaffen und besiegt sogar nicht selten mit dem glücklichsten Erfolge seinen Gegensatz. Es ist sonach kein Wunder, daß die zarte Natur von Wieland sich der aristippischen Philosophie zuneigt sowie auf der andern Seite seine so entschiedene Abneigung gegen Diogenes und allen Zynismus aus der nämlichen Ursache sich sehr befriedigend erklären läßt. Ein Sinn, mit dem die Zierlichkeiten aller Formen, wie bei Wieland, geboren ist, kann unmöglich an einer beständigen Verletzung derselben als System Wohlgefallen finden. Erst müssen wir im Einklänge mit uns selbst sein, ehe wir Disharmonien, die von außen auf uns zudringen, wo nicht zu heben, doch wenigstens einigermaßen auszugleichen imstande sind.

Ich behaupte, daß sogar Eklektriker in der Philosophie geboren werden; und wo der Eklektizismus aus der innern Natur des Menschen hervorgeht, ist er ebenfalls gut, und ich werde ihm nie einen Vorwurf machen. Wie oft gibt es Menschen, die, ihren angeborenen Neigungen nach, halb Stoiker und halb Epikureer sind! Es wird mich daher auch keineswegs befremden, wenn diese die Grundsätze beider Systeme in sich aufnehmen, ja sie miteinander möglichst zu vereinigen suchen. Etwas anderes ist diejenige Geistlosigkeit, die, aus Mangel an aller eigenen innern Bestimmung, wie Dohlen, alles zu Neste trägt, was ihr von irgendeiner Seite zufällig dargeboten wird und sich ebendadurch als ein ursprünglich Totes außer aller Beziehung mit einem lebensvollen Ganzen setzt. Alle diese Philosophen taugen in der Welt nichts; denn weil sie aus keinen Resultaten hervorgehen, so führen sie auch zu keinem Resultate.

Von der Popularphilosophie bin ich ebenso wenig ein Liebhaber. Es gibt ein Mysterium so gut in der Philosophie wie in der Religion. Damit soll man das Volk billig verschonen, am wenigsten aber dasselbe in Untersuchung solcher Stoffe gleichsam mit Gewalt hereinziehen. Epikur sagt irgendwo: ,Das ist recht, eben weil sich das Volk daran ärgert.‘ Noch läßt sich das Ende von jenen unerfreulichen Geistesverirrungen schwerlich ab-und voraussehn, die seit der Reformation dadurch bei uns entstanden, daß man die Mysterien derselben dem Volk preisgab und sie ebendadurch der Spitzfündigkeit aller einseitigen Verstandesurteile bloßstellte. Das Maß des gemeinen Menschenverstandes ist wahrlich nicht so groß, daß man ihm eine solche ungeheure Aufgabe zumuten könnte, es zum Schiedsrichter in solchen Dingen zu erwählen. Die Mysterien, besonders die Dogmen der christlichen Religion, eignen sich zu Gegenständen der tiefsten Philosophie, und nur eine positive Einstellung ist es, die sie von diesen unterscheidet. Deshalb wird auch häufig genug, je nachdem man seinen Standpunkt nimmt, die Theologie eine verirrte Metaphysik oder Metaphysik eine verirrte platonische Theologie genannt. Beide aber stehen zu hoch, als daß der Verstand in seiner gewöhnlichen Sphäre ihr Kleinod zu erlangen sich schmeicheln dürfte. Die Aufklärung desselben beschränkt sich zuvörderst auf einen sehr engen praktischen Wirkungskreis.

Das Volk aber begnügt sich meist damit, einigen recht lauten Vorsprechern das, was es von ihnen gehört hat, ebenso laut wieder nachzusprechen. Dadurch werden dann freilich die seltsamsten Erscheinungen herbeigeführt, und die Anmaßungen nehmen kein Ende. Ein aufgeklärter, ziemlich roher Mensch verspottet oft in seiner Seichtigkeit einen Gegenstand, vor dem sich ein Jacobi, ein Kant, die man billig zu den ersten Zierden der Nation rechnet, mit Ehrfurcht verneigen würde. Die Resultate der Philosophie, der Politik und der Beligion sollen billig dem Volke zugute kommen; das Volk selbst aber soll man weder zu Philosophen noch zu Priestern, noch zu Politikern erheben wollen. Es taugt nichts! Gewiß, suchte man, was geliebt, gelebt und gelehrt werden soll, besser im Protestantismus auseinanderzuhalten, legte man sich über die Mysterien ein unverbrüchliches, ehrerbietiges Stillschweigen auf, ohne die Dogmen mit verdrießlicher Anmaßung, nach dieser oder jener Linie verkünstelt, irgend jemanden wider Willen aufzunötigen oder sie wohl gar durch unzeitigen Spott oder vorwitziges Ableugnen bei der Menge zu entehren und in Gefahr zu bringen, so wollte ich selbst der erste sein, der die Kirche meiner Religionsverwandten mit ehrlichem Herzen besuchte und sich dem allgemeinen, praktischen Bekenntnis eines Glaubens, der sich unmittelbar an das Tätige knüpfte, mit vergnüglicher Erbauung unterordnete.“


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