> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Faust's gänzlicher Abfall von Gott und Natur. (35)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Faust's gänzlicher Abfall von Gott und Natur. (35)




17.

Faust's gänzlicher Abfall von Gott und Natur.

Der Teufel tritt als Junker gekleidet in Faust's Studierstube und rät ihm, sich fröhlich in das Gewühl des Lebens zu stürzen, oder, wie man zu sagen pflegt, sein Daseyn zu genießen. Faust durchgeht nun ironisch einige Arten des Lebensgenusses und zeigt an ihnen das schale Einerlei für einen ewigen Geist. Am widerwärtigsten findet er zuletzt den Umstand, da der Mensch hier auf Erden ohnedies so wenig Wünsche zu befriedigen im Stande ist, daß er sich auch noch diese wenigen durch Scrupel aller Art mit der eigensinnigsten Krittelei zu verkümmern sucht. Man sieht gar wohl, das Gewissen, oder die göttliche Stimme in uns, die der Sinnlichkeit des Menschen in manchen Fällen so peinigende Schranken auflegt, erhält hier eine kurze, ja etwas schnöde Abfertigung. Faust findet diesen Gott in uns eben nicht besonders großmütig. Unter Anderem wirft er ihm vor, er sei nur geschäftig, um uns zu quälen, uns mit Gedanken, Phantasien und leeren Träumen der Zukunft zu erschrecken; wo es aber eine Schöpfung der Gegenwart oder ein tüchtiges Daseyn nach Außen gelte, ziehe sich derselbe bedächtig zurück und verleugne so auf einmal seine höher Abkunft:

Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
Mich ängstlich auf das Lager niederstrecken;
Auch da wird keine Rast geschenkt,
Mich werden wilde Träume schrecken.
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen;
Der über allen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen.

Die innere Reinheit des Busens, die uns das Christenthum, von seinem höchsten Standtpunkte aus betrachtet, so dringend anempfiehlt, ja sogar als den einzigen Weg zur Rückkehr in Gott bezeichnet, ist dem Faust zum Geheimniß geworden, das er zwar in seinem Margaretchen zu ahnen, aber nicht in lebendiger Tat und Handlungsweise für sich selbst zu ergreifen weiß. Da er nun einmal aus dem Mittelpunkte aller sittlichen Schöpfungen verschlagen ist, so kann er zuletzt nicht umhin, in Befriedigung irdischer Gelüste den Himmel auf Erden zu suchen, und da der höhere Geist in ihm eben diese Vergnügungen auf das Unerbittlichste richtet, so zeigt er sich auf diesen höhern Geist selbst, wegen Auflegung solcher Beschränkungen durch Warnung vor tierischem Rückfalle, höchst ungehalten. Willst du, scheint er zu sagen, mir als Sinnenmenschen die Gottheit so gebieterisch aufnöthigen, so gib sie mir auch ganz und laß mich frei und frisch in diesen Kreisen schaffen, vollbringen, was Göttern gehört! Verschone mich aber - und darum muß ich bitten - mit jener halben qualvollen Schöpfung, die das Thier in mir belästigt und den Engel doch nicht frei macht. Immer tiefer in solche und ähnliche Melancholien versinkend, scheint ihm am Ende der Tod von allen Gaben dieser Erde die wünschenswertheste zu seyn. Mephistopheles bemerkt indes spottend:

Und doch hat Jemand einen braunen Saft
In jener Nacht nicht ausgetrunken.

Dies bezieht sich auf jene mit Gift angefüllte Phiole, die Faust beim Klange der Osterglocken aus der Hand entfallen war. Faust ist hierauf seiner Schwachheit eingeständig und klagt sich selbst an, nicht Geistesstärke genug in jenem entscheidenden Augenblicke besessen zu haben. Ein unbekanntes Etwas, ein Rest kindlich religiöser Gefühle habe ihn damals aus der Ausführung seines männlichen Vorsatzes verhindert. Unmutiger als je ergießt er sich nun in einen Fluch über Alles, was dem Menschen durch Täuschung der Sinnenwelt über die Spanne des Augenblicks hinweghilft, oder ihm darin etwas Betrügliches vorgaukelt. Nichts wissen will er fortan von Liebe der Geschlechter, von Besitz und Eigentum, von Häusern, Gärten und Palästen, von berühmt werden und einen großen Namen erlangen; der Himmel jenseits kann ihm für den verlornen Himmel diesseits keinen Ersatz gewähren; ja, sogar die Engelsgeduld, die dem Menschen durch alle diese dunkeln Prüfungsstufen hindurch so unzertrennlich begleitet, um ihm da, wo er strauchelt, freundlich die Hand zu reichen, wird von Faust, in dieser trübseligen Stimmung verkannt, auf das bitterste geschmäht und mit ihrem ganzen beglückenden Gefolge, dem Glauben und der Hoffnung, in das Reich der Hirngespinste verwiesen.

Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!

Hier erscheint nun die gänzliche Verödung in Faust's Busen; wir sind mit ihm an eine Grenze gelangt, wo ihm die Erde nichts mehr bieten kann. Mit vollem Recht singt daher auch der Geisterchor:

Weh! Weh!
Du hast sie zerstört,
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmer ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorne Schöne.

Zugleich aber verlocken sie, ihrer dunklen Natur gemäß, Faust zu der betrüglichen Hoffnung, mitten im Weltenbrand eines Planeten eine neue, ja wol gar schönere Pflanzung anzulegen.

Mächtiger
Der Erdensöhne,
Prächtiger Baue sie wieder,
In Deinem Busen baue sie auf!

Ohne Glaube, Liebe und Hoffnung, also ein Gebäude ohne Fundament; wie wird es nun beginnen? oder wie soll es Bestand haben?

Neuen Lebenslauf
Beginne
Mit hellem Sinne,
Und neue Lieder Tönen darauf!

Je näher wir den neuen Bau zu Faust's Lebensglück, wie es ihm Mephistopheles entwirft, betrachten, je mehr zeigt sich uns dessen Hinfälligkeit. Sich in das Gewühl der Welt zu stürzen und der Sinnenlust auf alle erdenkliche Weise zu fröhnen, das, nicht mehr und nicht weniger, ist es, worauf denn doch die Weisheit von ihm und seinesgleichen am Ende hinausläuft. Eine Ahnung davon fliegt den Faust nicht nur an, er spricht sie sogar auf das deutlichste aus. Ich kenne Deine wurmstichigen Gaben, spricht er; welches von Deinen herrlichen Erdengütern willst Du mir bieten? Wie möchte auch Deinesgleichen je die Unruhe einer Menschenbrust zu ermessen im Stande seyn? Hast Du Deine Speisen vorzusetzen, die nie sättigen? Oder kannst Du nur Bäume zeigen, die täglich neu blühen und wieder ausschlagen? Mich ekelt die ewige Wiederkehr dieses gestrigen Laubes, dies Märchen, das, immer dasselbe, am Morgen erzählt wird und am Abend wieder dahinstirbt.

Zeig mir die Frucht, die fault, eh' man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!
Sollte mich aber jemals ein Augenblick so schwach finden, daß irgend eine von jenen Welterscheinungen, die ich zuvor verfluchte, Ruhmsucht,

Wissenschaft, Weibergunst, Rebensaft meine Sinne verlockten und die soeben abgeschüttelten Fesseln mir aufs Neue wieder anlegten, so will ich Dir verfallen seyn und in jener Welt dienen, wie Du mir in dieser gedient hast, also auch, daß das hier von mir Gesagte zwischen uns als ein unverbrüchlicher Vertrag gelten soll. Ich weiß längst, daß keine Freude mehr an diesem Erdballe für mich aufblüht, sowie, daß alle Deine Kunst eitel Blendwerk ist; aber ich will mich betäuben, und für diese Aufgabe und ihre Lösung bist Du gut genug.

Kannst Du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst Du mich mit Genuss betrügen;
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet' ich!

Mephistopheles.

Topp!

Faust.

Und Schlag auf Schlag!

Werd' ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Dann magst Du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grund gehn,
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist Du Deines Dienstes frei,
Die Uhr mag steh'n, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!


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