> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Charakter des Faust, aus dem Standpunkte einer unerlaubten Wißbegier aufgefaßt. (25)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Charakter des Faust, aus dem Standpunkte einer unerlaubten Wißbegier aufgefaßt. (25)


7.

Charakter des Faust, aus dem Standpunkte einer unerlaubten Wißbegier aufgefaßt.

Wie im „Macbeth“ die Ehrbegierde sich selbst überspringt und in eine verderbliche Ehrfurcht ausartet, so überspringt sich im „Faust“ die Wißbegier und artet zuletzt in einen himmelstürmenden Hochmuth aus. Nicht nur von Gott und göttlichen Werken Einiges zu wissen, Anderes zu ahnen, sondern mit Titanenstolz in den Himmel zu dringen, die Götter von ihren alten und ruhigen Sitzen zu vertreiben und sich dafür selbst als Schöpfer einzusetzen, so weit verirrt sich Faust's ungemessenes Bestreben; und da ihm, mit seiner Betrachtung an die letzten Endursachen aller Dinge (Urphänome-ne) angelangt, die Wissenschaft und Kunst natürlich nichts mehr zu bieten im Stande ist, so verwirft er sie lieber beide, tritt so das höchste Kleinod, das Gott dem Menschen zur Unterscheidung vom Tiere gab, verächtlich in den Staub und verfällt eben dadurch nur um so tiefer dem niedern Tierkreise, dem er sich als Halbengel entschwingen wollte. Das eben ist die Frucht seines Bündnisses mit Mephistopheles, der ihn auf den Weg jener falschen Magie verlockte, deren Zwielicht zu den Werken der Finsternis so bequem ist. Weil der Mensch nicht fliegen kann, so soll er lieber ganz stille stehen, und weil ihn seine Flügel nicht geradewegs zum Himmel und zu dem Mittelpunkte aller Vollkommenheit tragen, so soll er es vorziehen, seine Flügel ganz am Staube der Sinnenwelt zu verhaften, oder sich durch einen Sprung in das Centrum jener Gottähnlichkeit zu versetzen, wovon der Feind selbst sagt:

Folg nur dem alten Spruch und meiner Mutter, der Schlange,
Gewiß, dir wird einmal vor deiner Gottähnlichkeit bange!

Von dem Augenblicke an, wo Faust die Demut verläßt, sehen wir ihn in sündhafte Triebe verfallen, die ihm allmählich zur Verführung Margarethen's, zu Mutter= und Brudermord, zu Vergiftung und Schaffot den Weg bahnen. Armer Faust! Das sind also die Götterhöhen des Makrokosmus und Mikrokosmus, wohin du dich verflogen hast!

Tausend Verbrecher sind vor dir des nämlichen Weges gewandelt, und es brauchte wahrlich nicht des hohen Aufschwungs deines Geistes, um eben dahin zu gelangen und deine höhere Lebensrolle mit solcher niedern Verwandtschaft auszufüllen. Wie? gab es denn so gar kein Mittel, um deinen wissenschaftlich gebildeten, hochfliegenden Geist gegen diese zweite Auflage eines schnöden Sündenfalls in Schutz zu nehmen? Was fehlt dir denn eigentlich? Woher die Entzweiung in deinem Innern? Was verrückte deine Kraft so gewaltsam aus ihrem Gleichgewicht? Was machte dich so gefährliche Wege einschlagen? Das ist es, daß Faust, an die Grenzen des Wissens (Urphänomene) angelangt, nicht glauben will, was der Meister an einem an-dern Orte mit so treffenden Worten uns einprägt:

Natur läßt selbst bei lichtem Tag 
Sich ihres Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht anvertrauen mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Wer die Wissenschaft gleichsam betasten, wer ihren Geist mit Händen greifen will,

Behält die Theil' in seiner Hand,
Fehlt leider nichts als das geistige Band.


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