> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Von dem Triebe, zu schaffen, und wie derselbe unbezwinglich in jeder menschlichen Brust herrscht. (29)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Von dem Triebe, zu schaffen, und wie derselbe unbezwinglich in jeder menschlichen Brust herrscht. (29)




11.

Von dem Triebe, zu schaffen, und wie derselbe unbezwinglich in jeder menschlichen Brust herrscht.

Nicht als ob dieser heiße Trieb zu schaffen und durch irgend eine hervorgebrachte Schöpfung Gott liebend zu nahen, oder diese Werdelust der Engel, wie Goethe es nennt, in deren Flammen sich hier Faust gleichsam vor unsern Augen verbrennt, an sich etwas Sträfliches enthielte; sie ist es nur durch ihre verkehrte Anwendung, und im Gegenteile mit der höhern Natur des Menschen so nahe verwandt, daß man sagen kann, selbst Musik, Poesie, Plastik, Malerei seien am Ende weiter nichts, als verfehlte Versuche dieser Art, wodurch der Mensch die verborgene Sehnsucht seines Busens, die ihn beständig ins Centrum der Schöpfung zurückzieht, an den Tag lege. Welcher Maler z.B. würde sich wol damit aufhalten, Farben zu reiben? welcher Naturforscher damit, Rosen zu zeichnen und zu malen, sobald er sich der seligen Werdelust von Faust's Engeln teilhaftig fühlte, die dergleichen durch einen Hauch ihres Mundes aus dem Morgenrothe zu erschaffen im Stande sind? Ja, man kann noch weiter gehen und sagen, die gründlichste Untersuchung und Zergliederung von Bäumen, Pflanzen, Thieren, wie sie die Wissenschaft vornimmt, würde sogleich zu ihrem Gipfel gelangen, wenn sie Gott, wie sie doch wol eigentlich will, je das Geheimniß ablernen könnte, selbst Weintrauben, Rosen, Hyacinthen u. dergl. hervorzubringen. Ohne dies Hauptresultat, was helfen am Ende alle Nebenresultate? Was hilft es, daß wir alle Schätze der Natur einregistriren? und wir alle ihre Glocken, ihre Kelche und Staubfäden zu zählen, zu nennen und zu unterscheiden im Stande sind? Gelehrsamkeit, so viel ihr wollt, und für Wagner und Seinesgleichen, mit jeder neuentdeckten Pflanze, ein neues Fest! - Faust aber sucht etwas mehr, als eine trockene Registratur. An dieser Grenzscheide eben war es, wo ihn die Müdigkeit alles menschlichen Wissens befiel. Im Grunde regt sich dieser Schöpfungstrieb in jeder Menschenbrust. Er allein ist es, der den mannichfaltigsten Formen des Lebens, nicht nur in Künsten und Wissenschaften, sondern auch sogar in niedern Künsten ihre Entstehung gab. Irgend etwas, wenngleich auf noch so beschränkte Weise, will jeder Mensch schaffen. Der Eine schafft, ein Meister im Stein; der Zweite prägt seine Vorstellungen in Erz oder Eisen aus; der Dritte verfertigt einen Riß, der, in geistigen Linien verkörpert, zuvörderst auf dem Papiere erscheint, hinterdrein aber, in Stein, Holz oder Ziegeln ausgesetzt, unsere Bewunderung plastisch in Anspruch nimmt. Je höher die Seele, je höher auch die erwählte Tätigkeit und um so erhöhter der Genuß. Die Kunst z.B., über eine gewisse Form des Fußes den Fuß nachzuformen oder nachzuschaffen, ist an sich löblich und befriedigt ihren Meister ebenfalls; sie steht aber, da sie bloß einem irdischen Bedürfnisse dient, billig unter der göttlich erhabenen Kunst der Phidiasse, die nicht nur den Marmor zwingt, zu athmen und menschliche, ja göttliche Gestalt anzunehmen, sondern sogar in ihrem Aufschwunge Ideale (Urbilde) hervorzaubert, die wenigstens in dem Raume dieses Weltkörpers nicht vorhanden sind.


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