> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes Humor (6)

2015-06-03

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Goethes Humor (6)



V.

Goethes Humor

Wiewohl Goethe, wo er sich von Personen umgeben sah, die mit seinem Wesen in Widerspruch standen, sehr zurückhaltend und bemessen im Ausdruck war, begegnete es ihm doch zuweilen, daß er, durch irgendeine tolle Verkehrtheit gereizt, einen kleinen Anfall von jenem leidenschaftlich wilden Humor bekam, wie er sich im „Weither“, in den „Briefen aus der Schweiz“, im „Jahrmarkt zu Plundersweilem“, besonders im Zigeunerhauptmann, so köstlich an den Tag legt. Er war sodann völlig der Bär in Lilis Park:

Kehr ich mich um
Und brumm -
Und gehe wieder eine Strecke
Und kehr doch endlich wieder um.

Die Kunst, das Leben, die Höfe, der Parnass, die Dichter, die Politik, die Rezensenten, die Philosophie, die Katheder, kurz alles, was irgend mit dem höhern Leben in Bezug stand oder wenigstens einen solchen Bezug in Worten und Werken geltend machte, wurde von ihm in dieser brummischen Tonleiter durchgespielt, und es war sodann eine rechte Freude für mich, den Allseitigen zu hören, wie er auch einmal recht einseitig und tüchtig beschränkt wurde, so daß er die Welt ordentlich an einem Zipfel faßte und sie hin- und herzauste und schüttelte, statt daß er sie sonst, um nichts zu verschütten, gleichsam an allen vier Zipfeln trug. Er war dann rein toll und liebenswürdig; aber es bedurfte auch nur der geringsten Prosa, wie sie leider nur zu oft in Gesellschaften reichlich wuchert, um diesen glänzenden Fluß wieder zu stauen.

So wurden einst auf dem Landsitze der verwitweten Herzogin Amalia zu Tiefurt die „Ritter“ des Aristophanes durch Wieland, der sie für sein „Athenäum“ übersetzt, vorgelesen. Es war im Spätherbst und Egidi vorbei. Nun traf es sich, daß den regierenden Herzog, der eben von der Jagd zurückkehrte, sein Weg durch Tiefurt führte. Er kam, als die Vorlesung bereits angegangen war. Wegen der vorgerückten Jahreszeit waren die Zimmer geheizt. Der Herzog, der aus freier Luft kam und dem es in der Stube zu heiß wurde, öffnete die Flügel eines Fensters. Einige Damen, die leichtbekleideten Achseln in seidene Tücher gehüllt, die diesen Fenstern zunächst saßen, beklagten sich kaum über den Luftzug, als auch schon Goethe mit bedachtsamen Schritten, um die Vorlesung auf keine Weise zu stören, sich dem Orte näherte, woher der Zug kam, und die Fenster leise wieder zuschloß. Des Herzogs Gesicht, der indes auf der andern Seite des Saales gewesen war, verfinsterte sich plötzlich, als er wieder zurückkehrte und sah, daß man so eigenmächtig seinen Befehlen zuwiderhandelte. „Wer hat die Fenster, die ich vorhin eröffnet, hier wieder zugemacht?“, fragte er die Bedienten des Hauses, deren keiner jedoch auch nur einen Seitenblick auf Goethe zu tun wagte. Dieser aber trat sogleich mit jenem ehrerbietig schalkhaften Ernste, wie er ihm eigen ist und dem oft die feinste Ironie zum Grunde liegt, vor seinen Herrn und Freund und sagte: „Ew. Durchlaucht haben das Recht über Leben und Tod der sämtlichen Untertanen. Über mich ergehe Urteil und Spruch!“ Der Herzog lächelte, und die Fenster wurden nicht wieder geöffnet.

Ein andermal verglich er die Professoren und ihre mit Zitaten und Noten überfüllten Abhandlungen, wo sie rechts und links abschweifen und die Hauptsache vergessen machen, mit Zughunden, die, wenn sie kaum ein paar Mal angezogen hätten, auch schon wieder ein Bein zu allerlei bedenklichen Verrichtungen aufhüben, so daß man mit den Bestien gar nicht vom Flecke komme, sondern über Wegstunden tagelang zubringe.

„Da sitzt das Ungetüm mit langen Ärmeln da und bohrt mir Esel, daß ich noch so ein alter Narr bin und mich über die Welt ärgere - als ob ich nicht wüßte, wie es mit ihr bestellt und daß alles in und auf ihr mit D. versiegelt ist!“ Mit diesen Worten empfing mich Goethe, als ich eines Nachmittags im August in seinen Garten trat und ihn in einer weißen Sommerweste unter den grünen Bäumen auf einem schattigen Rasenplätzchen sitzen fand. Es war Freitag; Sonnabend sollte Theater sein, und eben hatte ein Schauspieler, der spielen sollte, abgesagt, wodurch denn freilich das ganze morgende Stück zerrissen wurde. Die späte Meldung war’s besonders, die Goethe verdroß, dem nun freilich die Sache mit derselben Hast über den Hals kam, wie sie sich der Schauspieler von dem seinen herunterschaffte.

Wie bekannt, muß nämlich jede Direktion dafür sorgen, erstlich, daß regelmäßig gespielt und sodann, daß das Publikum wo möglich mit lauter vortrefflichen Sachen unterhalten wird.

„Solche Avanien“, hub Goethe an, indem er noch immer etwas grimmig ein Glas roten Wein einschenkte und mich zugleich nötigte, neben ihm auf einem Gartensitze Platz zu nehmen, „muß ich mir nun von Leuten gefallen lassen, die, wenn sie zu dem einen Tore von Weimar hereinkommen, sich schon wieder nach dem andern umsehen, wo sie wieder herauswollen. Dafür bin ich nun fünfzig Jahre ein beliebter Schrift steller der Nation gewesen, die Ihr die deutsche zu nennen beliebt; habe zwanzig oder dreißig Jahre als Geheimrat zu Weimar Sitz und Stimme gehabt, um mir am Ende solche Gesellen über den Kopf wachsen zu lassen. Zu Teufel auch! Daß ich noch in meinem Alter eine solche Tragikomödie spielen und darin die Hauptperson abgeben sollte, hätte ich mir zeitlebens nicht träumen lassen! Ihr werdet mir freilich sagen, daß es mit dem ganzen Theaterwesen im Grunde nichts als Dreck ist - denn Ihr habt tief genug hinter den Vorhang geblickt - und daß ich daher wohl tun würde, den ganzen Bettel sobald als möglich fahren zu lassen; aber ich werde euch zur Antwort geben: die Schanze, die ein tüchtiger General verteidigt, ist auch Dreck, aber er darf sie doch nicht schimpflich im Stiche lassen, wenn er nicht seine eigne Ehre in den Dreck treten will. Deshalb aber wollen wir ihm keine besondere Prädilektion für den Dreck beilegen; und so hoff ich denn, werdet Ihr mich auch in diesem Punkte freisprechen!“

„Die gerechtere Nachwelt“, nahm ich das Wort - aber Goethe, ohne abzuwarten, was ich eigentlich von der Nachwelt sagen wollte, entgegnete mir mit angemeiner Hastigkeit: „Ich will nichts davon hören, weder von dem Publikum noch von der Nachwelt, noch von der Gerechtigkeit, wie sie es nennen, die sie einst meinem Bestreben widerfahren lassen. Ich verwünsche den ,Tasso‘, bloß deshalb, weil man sagt, daß er auf die Nachwelt kommen wird; ich verwünsche die ,Iphigenie", mit einem Worte, ich verwünsche alles, was diesem Publikum irgend an mir gefällt. Ich weiß, daß es dem Tag und daß der Tag ihm angehört; aber ich will nun einmal nicht für den Tag leben. Ebendeshalb soll mir auch dieser Kotzebue vom Leibe bleiben, weil ich fest entschlossen bin, auch nicht eine Stunde mit Menschen zu verlieren, von denen ich weiß, daß sie nicht zu mir und daß ich nicht zu ihnen gehöre. Ja, wenn ich es nur je dahin noch bringen könnte, daß ich ein Werk verfaßte - aber ich bin zu alt dazu daß die Deutschen mich so ein fünfzig oder hundert Jahre hintereinander recht gründlich verwünschten und aller Orten und Enden mir nichts als Übels nachsagten; das sollte mich außer Maßen ergetzen. Es müßte ein prächtiges Produkt sein, was solche Effekte bei einem von Natur völlig gleichgültigen Publikum, wie das unsere, hervorbrächte. Es ist doch wenigstens Charakter im Haß, und wenn wir nur erst wieder anfingen und in irgend etwas, sei es, was es wolle, einen gründlichen Charakter bezeigten, so wären wir auch wieder halb auf dem Wege, ein Volk zu werden. Im Grunde verstehen die meisten unter uns weder zu hassen noch zu lieben. Sie mögen mich nicht! Das matte Wort! Ich mag sie auch nicht! Ich habe es ihnen nie recht zu Danke gemacht! Vollends, wenn mein Walpurgissack nach meinem Tode sich einmal eröffnen und alle bis dahin verschlossenen, stygischen Plagegeister, wie sie mich geplagt, so auch zur Plage für andere wieder loslassen sollte; oder wenn sie in der Fortsetzung von ,Faust" etwa zufällig an die Stelle kämen, wo der Teufel selbst Gnad und Erbarmen vor Gott findet; das, denke ich doch, vergeben sie mir sobald nicht! Dreißig Jahre haben sie sich nun fast mit den Besenstielen des Blocksberges und den Katzengesprächen in der Hexenküche, die im ,Faust“ Vorkommen, herumgeplagt, und es hat mit dem Interpretieren und dem Allegorisieren dieses dramatisch-humoristischen Unsinns nie so recht fortgewollt. Wahrlich, man sollte sich in seiner Jugend öfter den Spaß machen und ihnen solche Brocken, wie den Brocken, hinwerfen. Nahm doch selbst die geistreiche Frau von Stael es übel, daß ich in dem Engelsgesang, Gottvater gegenüber, den Teufel so gutmütig gehalten hätte; sie wollte ihn durchaus grimmiger. Was soll es nun werden, wenn sie ihm auf einer noch höhern Staffel und vielleicht gar einmal im Himmel wiederbegegnet?“

„Um Verzeihung“, nahm ich hier das Wort; „Sie sprachen vorhin von einem Walpurgissack? Es ist das erste Wort, was ich heute darüber aus Ihrem Munde höre. Darf ich wissen, was es mit demselben eigentlich für ein Bewenden hat?“

„Der Walpurgissack“, gab mir hierauf Goethe mit dem angenommen feierlichen Ernste eines Höllenrichters zur Antwort, „ist eine Art von infernalischem Schlauch, Behältnis, Sack, oder wie Ihr’s sonst nennen wollt, ursprünglich zur Aufnahme einiger Gedichte bestimmt, die auf Hexenszenen im ,Faust, wo nicht auf den Blocksberg selbst, einen nähern Bezug hatten. Nach diesem, wie es zu gehen pflegt, erweiterte sich diese Bestimmung ungefähr, sowie die Hölle auch von Anfang herein nur einen Aufenthalt hatte, späterhin aber die Limbusse und das Fegefeuer als Unterabteilungen in sich aufnahm. Jedes Papier, das in meinen Walpurgissack herunterfällt, fällt in die Hölle; und aus der Hölle, wie Ihr wißt, gibt es keine Erlösung. Ja, wenn es mir einmal einfällt, wozu ich eben heute nicht übel gelaunt bin, und ich nehme mich selbst beim Schopf und werfe mich in den Walpurgissack: bei meinem Eid, was da unten steckt, das steckt unten und kommt nicht wieder an den Tag, und wenn ich es selbst wäre! So streng, sollt Ihr wissen, halte ich über meinen Walpurgissack und die höllische Konstitution, die ich ihm gegeben habe. Es brennt da unten ein unverlöschliches Fegefeuer, was, wenn es um sich greift, weder Freund noch Feind verschont. Ich wenigstens will niemand raten, ihm allzunahe zu kommen. Ich fürchte mich selbst davor!“

Eine Probe aus diesem Walpurgissack und zugleich des Goetheschen Humors sei die in dem gedruckten „Faust“ unterdrückte Szene, welche hier mitgeteilt werden soll.

Es wird nämlich dem Faust, weil er die ganze Welt kennenlernen will, vom Mephistopheles unter an-derm auch der Antrag gemacht, beim Kaiser um eine Audienz nachzusuchen. Es ist gerade Krönungszeit. Faust und Mephistopheles kommen glücklich nach Frankfurt. Nun sollen sie gemeldet werden. Faust will nicht daran, weil er nicht weiß, was er dem Kaiser sagen oder wovon er sich mit ihm unterhalten soll. Mephistopheles aber heißt ihn gutes Mutes sein; er wolle ihm schon zu gehöriger Zeit an die Hand gehen, ihn, wo die Unterhaltung stocke, unterstützen und, im Fall es gar nicht fortwolle, mit dem Gespräch zugleich auch seine Person übernehmen, so daß der Kaiser gar nicht innezuwerden brauche, mit wem er eigentlich gesprochen oder nicht gesprochen habe. So läßt sich denn Faust zuletzt den Vorschlag gefallen. Beide gehen ins Audienzzimmer und werden auch wirklich vorgelassen. Faust seinerseits, um sich dieser Gnade wert zu machen, nimmt alles, was irgend von Geist und Kenntnis in seinem Kopfe ist, zusammen und spricht von den erhabensten Gegenständen. Sein Feuer indessen wärmt nur ihn; den Kaiser selbst läßt es kalt. Er gähnt einmal über das andere und steht sogar auf dem Punkte, die ganze Unterhaltung abzubrechen. Dies wird Mephistopheles noch zur rechten Zeit gewahr und kommt dem armen Faust versprochenermaßen zu Hülfe. Er nimmt zu dem Ende dessen Gestalt an und steht mit Mantel, Koller und Kragen, den Degen an seiner Seite, leibhaftig wie Faust vor dem Kaiser da. Nun setzt er das Gespräch genau da fort, wo Faust geendigt hatte; nur mit einein ganz andern und weit glänzendem Erfolge. Er räsoniert nämlich, schwadroniert und radotiert so links und rechts, so kreuz und quer, so in die Welt hinein und aus der Welt heraus, daß der Kaiser vor Erstaunen ganz außer sich gerät und die umstehenden Herren von seinem Hofe versichert, das sei ein grundgelehrter Mann, dem möchte er wohl tage imd wochenlang zuhören, ohne jemals müde zu werden. Anfangs sei es ihm freilich nicht recht von statten gegangen, aber nach diesem, und wie er gehörig in Fluß gekommen, da lasse sich kaum etwas Prächtigeres denken als die Art, wie er alles so kurz und doch zugleich so zierlich und gründlich vortrage. Er als Kaiser müsse bekennen, einen solchen Schatz von Gedanken, Menschenkenntnis und tiefen Erfahrungen nie in einer Person, selbst nicht bei den weisesten von seinen Räten, vereinigt gefunden zu haben.

Ob der Kaiser mit diesem Lobe zugleich den Vorschlag verbindet, daß Faust-Mephistopheles in seine
Dienste treten oder die Stelle eines dirigierenden Ministers annehmen soll, ist mir unbekannt. Wahrscheinlich aber hat Faust einen solchen Antrag aus guten Gründen abgelehnt. 

Am zweiten Osterfeiertage 1808 abends war ich mit Goethe in einer kleinen, auserlesenen Gesellschaft zusammengewesen. So ist es ihm eben recht. Auch tat er seinem Humor keinen Zwang an, sondern ließ ihm freien Lauf, besonders, als wir auf Theater und die neue Literatur zu sprechen kamen, die er mit politischen Zuständen verglich und seinen Vergleich mit der anmutigsten und lebendigsten Laune durchführte. Eben hatten wir am vergangenen Sonnabend die „Piccolomini“ gesehen; die nächste Mittwoch sollte nach einer langen Zwischenpause auch der „Wallenstein“ darankommen.

„Es ist“, sagte Goethe, „mit diesen Stücken wie mit einem ausgelegenen Weine. Je älter sie werden, je mehr Geschmack gewinnt man ihnen ab. Ich nehme mir die Freiheit, Schiller für einen Dichter und sogar für einen großen zu halten, wiewohl die neuesten Imperatoren und Diktatoren unserer Literatur versichert haben, er sei keiner. Auch den Wieland wollen sie nicht gelten lassen. Es fragt sich nur, wer denn gelten soll? Kürzlich hat eine Gelehrtenzeitung in einer von beiden Städten, ich weiß nicht recht, ob in Ingolstadt oder in Landshut, Friedrich Schlegel als den ersten deutschen Dichter und Imperator in der Gelehrtenrepublik förmlich ausgerufen. Gott erhalte Seine Majestät auf Ihrem neuen Throne und schenke Denenselben eine lange und glückliche Regierung! Bei alledem möchte man es nicht bergen, daß das Reich dermalen noch von sehr rebellischen Untertanen umlagert ist, deren wir einige“, indem er einen Seitenblick auf mich warf, „sogar in unserer eigenen Nähe haben. Übrigens geht es in der deutschen Gelehrtenrepublik jetzt völlig so bunt zu wie beim Verfall des Römischen Reiches, wo zuletzt jeder herrschen wollte und keiner mehr wußte, wer eigentlich Kaiser war. Die großen Männer leben dermal fast sämtlich im Exil, und jedes verwegene Marketendergesicht kann Imperator werden, sobald es nur die Gunst der Soldaten und der Armee besitzt oder sich sonst eines Einflusses zu erfreuen hat. Ein paar Kaiser mehr oder weniger, darauf kommt es in solchen Zeiten gar nicht an. Haben doch einmal im Römischen Reiche dreißig Kaiser zugleich regiert; warum sollten wir in unsern gelehrten Staaten der Oberhäupter weniger haben? Wieland und Schiller sind bereits ihres Thrones verlustig erklärt. Wie lange mir mein alter Imperatormantel noch auf den Schultern sitzen wird, läßt sich nicht vorausbestimmen; ich weiß es selbst nicht. Doch bin ich entschlossen, wenn es je dahin kommen sollte, der Welt zu zeigen, daß Reich und Szepter mir nicht ans Herz gewachsen sind, und meine Absetzung mit Geduld zu ertragen, wie denn überhaupt seinen Geschicken in dieser Welt niemand so leicht entgehen mag. Ja, wovon sprachen wir doch gleich? Ha, von Imperatoren! Gut! Novalis war noch keiner; aber mit der Zeit hätte er auch einer werden können. Schade nur, daß er so jung gestorben ist, zumal, da er noch außerdem seiner Zeit den Gefallen getan und katholisch geworden ist. Sind ja doch schon, wie die Zeitungen besagten, Jungfrauen und Studenten rudelweise zu seinem Grabe gewallfahrtet und haben ihm mit vollen Händen Blumen gestreut. Das nenn ich einen guten Anfang, und es läßt sieh davon schon etwas für die Folge erwarten. Da ich nur wenig Zeitungen lese, so ersuche ich meine anwesenden Freunde, wenn etwas weiter von dieser Art, was von Wichtigkeit, eine Kanonisierung oder dergleichen, vorfallen sollte, mich davon sogleich in Kenntnis zu setzen. Ich meinerseits bin damit zufrieden, daß man bei meinen Lebzeiten alles nur erdenkliche Böse von mir sagt; nach meinem Tode aber sollen sie mich schon in Ruhe lassen, weil der Stoff schon früher erschöpft ist, so daß ihnen wenig oder nichts übrig bleiben wird. Tieck war auch eine Zeitlang Imperator; aber es währte nicht lange, so verlor er Szepter und Krone. Man sagt, es sei etwas zu Titusartiges in seiner Natur, er sei zu gütig, zu milde gewesen; das Reich aber fordere in seinem jetzigen Zustande Strenge, ja, man möchte wohl sagen, eine fast barbarische Größe. Nun kamen die Schlegel ans Regiment; da ging’s besser! August Schlegel, seines Namens der Erste, und Friedrich Schlegel der Zweite - die beiden regierten mit dem gehörigen Nachdrucke. Es verging kein Tag, wo nicht irgend jemand ins Exil geschickt oder ein paar Exekutionen gehalten wurden. So ist’s recht. Von dergleichen ist das Volk seit undenklichen Zeiten ein großer Liebhaber gewesen. Vor kurzem hat ein junger Anfänger den Friedrich Schlegel irgendwo als einen deutschen Herkules aufgeführt, der mit seiner Keule im Reiche herumginge und alles totschlüge, was ihm irgend in den Weg käme. Dafür hat jener mutige Imperator diesen jungen Anfänger seinerseits sogleich in den Adelstand erhoben und ihn ohne weiteres einen Heroen der deutschen Literatur genannt. Das Diplom ist ausgefertigt; Ihr könnt Euch darauf verlassen, ich habe es selber gelesen. Dotationen, Domänen, ganze Fächer in Gelehrtenzeitungen, die sie ihren Freunden zum Rezensieren verschaffen, sind auch nicht selten; die Feinde aber werden oft heimlich aus dem Wege geräumt, indem man ihre Schriften beiseite legt und sie lieber gar nicht anzeigt. Da wir nun im Deutschen ein sehr geduldiges Publikum haben, das nichts liest, als was zuvor rezensiert ist, so ist diese Sache gar so übel nicht ausgesonnen. Das Beste noch bei der ganzen Sache ist denn aber doch immer das Ungefährliche. Zum Beispiel es legt sich einer jetzt abends als Imperator gesund und vergnügt zu Bette. Des andern Morgens darauf erwacht er und sieht mit Erstaunen, daß die Krone von seinem Haupte hinweg ist. Ich geb es zu, es ist ein schlimmer Zufall; aber der Kopf, sofern der Imperator überhaupt einen hatte, sitzt doch noch immer auf derselben Stelle, und das ist, meines Erachtens, barer Gewinn. Wie häßlich dagegen ist es von den alten Imperatoren zu lesen, wenn sie dutzendweise in der römischen Geschichte erdrosselt und nachher in die Tiber geworfen werden. Ich meinerseits gedenke, wofern ich auch Reich und Szepter verlieren sollte, hier ruhig an der Ilm auf meinem Bette zu sterben. Von unsern Reichsangelegenheiten und besonders von Imperatoren weiterzusprechen: ein andrer junger Dichter in Jena ist auch zu früh gestorben. Imperator konnte der zwar nicht werden, aber Reichsverweser, Majordomus oder so etwas, das wär ihm nicht entgangen. Wo nicht, so stand ihm noch immer als einem der ersten Heroen in der deutschen Literatur ein Platz offen. Eine Pairskammer zu stiften, wozu Vermögen gehört, wäre überhaupt in der deutschen Literatur kein verwerflicher Gedanke. Hätte jener nur ein paar Jahre länger in Jena gelebt, so könnte er Pair des Reiches geworden sein, ehe er sich umsah. So aber, wie gesagt, starb er zu frühe. Das war allerdings übereilt. Man soll sich, wie es der rasche Gang unserer neuesten Literatur fordert, so schnell als möglich mit Ruhm, aber so langsam als möglich mit Erde bedecken. Das ist Grundsatz. Mit der Herausgabe von einigen Sonetten und ein paar Almanachen ist die Sache noch keineswegs getan. Die literarischen Freunde des jungen Mannes haben zwar in öffentlichen Blättern versichert, seine Sonetten würden auch lange nach seinem Tode noch fortleben; ich habe mich aber nachher nicht weiter danach erkundigt, kann daher auch nicht sagen, ob es in Erfüllung gegangen ist oder wie es sich überhaupt mit dieser Sache verhält. Als ich noch jung war, hab ich mir freilich von verständigen Männern sagen lassen, es arbeite oft ein ganzes Zeitalter daran, um einen einzigen tüchtigen, großen Maler oder Dichter hervorzubringen; aber das ist lange her. Jetzt geht das alles viel leichter vonstatten. Unsre jungen Leute wissen das besser einzurichten und springen mit ihrem Zeitalter um, daß es eine Lust ist. Sie arbeiten sich nicht aus dem Zeitalter heraus, wie es eigentlich sein sollte, sondern sie wollen das ganze Zeitalter in sich hineinarbeiten; und wenn ihnen das nicht nach Wunsche glückt, so werden sie über die Maßen verdrießlich und schelten die Gemeinheit eines Publikums, dem in seiner gänzlichen Unschuld eigentlich alles recht ist. Neulich besuchte mich ein junger Mann, der soeben von Heidelberg zurückkehrte; ich konnte ihn kaum über neunzehn Jahre schätzen. Dieser versicherte mich im vollen Ernste, er habe nunmehr mit sich abgeschlossen, und da er wisse, worauf es eigentlich ankomme, so wolle er künftighin sowenig wie möglich lesen, dagegen aber in gesellschaftlichen Kreisen seine Weltansichten selbstständig zu entwickeln suchen, ohne sich durch fremde Sprachen, Bücher und Hefte irgend darin hindern zu lassen. Das ist ein prächtiger Anfang! Wenn jeder nur erst wieder von Null ausgeht, da müssen die Fortschritte in kurzer Zeit außerordentlich bedeutend werden.“

So ergetzlich pflegte Goethe die Gebrechen der Zeit durchzunehmen.Wir werden in der Folge noch mehr dergleichen humoristische Züge und Schwänke von ihm vernehmen, jedoch mehr praktischer Art. Goethes Verhältnisse zu ausgezeichneten Zeitgenossen und Urteile über sie.


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