> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Die Aschermittwoch zu Weimar (17)

2015-06-07

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Die Aschermittwoch zu Weimar (17)



Die Aschermittwoch zu Weimar

Was zieht die Straße dort entlang?
Was seufzt so tief? Was stöhnt so bang? 
Ist`s Hochverrat? Ist`s Feindesnäh?
Sagt, wem erklingt dies Ach und Weh?
„O Freundin“, ruft die Trauerschar,
„ Thaliens Tempel droht Gefahr."
 Die Arbeitsleute stehn verdrossen;
Denn, ach! Der Stadtsaal ist geschlossen. 
Es hilft kein Drohen und kein Flehn,
Man will Thaliens Kunst nicht sehn.
O Jammertag! O Mißgeschick!
Dahin ist Karlos’ schönstes Glück!
Dahin des Posa stolzer Traum!
Ihm wird zu enge hier der Raum!
Er flieht das undankbare Land 
Und schifft zu Indiens fernem Strand.
Die Königin steht nun verlassen;
Zwar weiß sie männlich sich zu fassen; 
Sie suchet Trost in ihrem Ruhm 
Und in Apollos Heiligtum.
Doch was soll aus Johanna werden?
Mit fast verzweifelnden Gebärden 
Reißt sie den Helm von ihrem Haupt 
Und ruft: „Nein! Unerhört ist`s, unerlaubt! 
Wie schön hätt ich mich ausgenommen, 
Wär ich gen Orleans gekommen!"
In ihrem Stübchen sitzt gebückt 
Die holde Agnes da und stickt 
Da öffnet plötzlich sich die Tür -
Ein Trauerzug wälzt sich zu ihr,
Der Freunde Chor - mit rascher Eil
Wird ihr die Schreckenspost zuteil:
Daß Agnes sanft und liebevoll 
Trotz allem Reiz nicht spielen soll. 
Schickt man zur Freundin 0..l. hin.
Sie kommt und ruft: „Du treuer Gott!“, 
Als man geschildert ihr die Not.
Umsonst hat Margot sich gequält, 
Elisabeth erscheinet nie.
Dahin ist Arbeit, Fleiß und Müh!
Zu Haus sitzt Louison und weint,
Weil ach! Ihr Spenser nicht erscheint. 
Graf Dunois und La Hire gehen 
Abseits, den Jammer nicht zu sehn,
Und Thibaut ruft: „Ich hab’s gesagt:
Es ist der Teufel, der sie plagt!"
 Die Großmama, von Zorn entstellt, 
Schilt heftig die verkehrte Welt;
Johann dagegen mit Bedacht 
Berechnet die verlorne Pracht 
An Zindel, Silber, Band und Kleid 
Und mehrt dadurch das Herzeleid. 
Gegossen stand die Glocke schon;
Ach! Von Sophiens Silberton 
Ist fürderhin nun nicht die Rede;
Die Glockengießerei steht öde,
Und statt des Friedens waltet Fehde!
Die edle Form zerspringt im Sand;
Sie wird Discordia genannt;
Anstatt die Stunden uns zu schlagen, 
Wird man sie nach der Ilme tragen! -
Nun - sollte je das Stadthaus brennen, 
Kein Mitglied wird zum Löschen rennen, 
Barbaren, ihr, verlaßt euch drauf!
Ach! Ging nur erst das Feuer auf!
Du aber, Mensch, im höhern Lichte, 
Lern aus der tragischen Geschichte, 
Daß stets des Himmels Strafgerichte,
lang sie unterwegs verweilen, 
Frevler doch zuletzt ereilen. 
Denn wißt, daß wir, die jetzo leiden, 
Auf dem Theater hier mit Freuden 
Ein Stück vor Zeiten auf geführt,
Das einen Unglücksnamen führt.
Ja, weil das Unglück wir gespielt 
Und bei demselben nichts gefühlt,
So läßt uns für vergangene Sünden 
Die Strafe jetzt ein Gott empfinden. 
Anstatt in Pracht erscheinen wir 
In Staub und Asch, Apoll, vor dir.


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