> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Umriß v. Goethes Charakter als Mensch........(3)

2015-06-01

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Umriß v. Goethes Charakter als Mensch........(3)




II.

Allgemeiner Umriß von Goethes Charakter als Mensch und Künstler

Von Goethes Vielseitigkeit (Objektivität) sowohl in Kunst als in treuer Auffassung der Charaktere und aller Gegenstände überhaupt ist häufig, zuletzt auch freilich unter denen, die der heutigen Allerweltsbildung mit dem Heißhunger eines leeren Innern nachjagen, die Rede gewesen. Ein ganz eigentümlicher Vorzug seines Genies ist es ohne Zweifel, daß er sich gleichsam in den Gegenstand, auf dessen Betrachtung er sich in diesem oder jenem Zeitpunkte beschränkt, mag es nun ein Mensch, ein Tier, ein Vogel oder eine Pflanze sein, sinnig verliert, ja sich gewissermaßen in denselben träumend verwandelt. Man darf nicht in Abrede stellen, daß Goethes Größe als Naturforscher und Dichter, sein Stil, seine Denkart, seine Darstellung, seine Originalität, fast möchte ich sagen, die ganze Schwäche sowie die ganze Stärke seines sittlichen Wesens auf dem Wege einer solchen objektiven Entwicklung zu suchen ist. Wie oft hörte ich ihn, wenn er sich irgendeiner Betrachtung dieser Art hingeben wollte, mit Ernst seine Freunde ersuchen, ihn ja mit den Gedanken anderer über diesen Gegenstand zu verschonen, weil es eine strenge, ja unabweichliche Maxime bei ihm war, in solcher Stimmung allen fremden Einflüssen zu wehren. Erst dann, wenn er seine eigne Kraft an einem solchen Objekt durchversucht, sich gleichsam ihm gegenübergestellt und allein mit ihm gesprochen hatte, ging er auch auf fremde Vorstellungen ein; ja es ergetzte ihn sogar, zu wissen, was andere lange vor ihm über diesen nämlichen Gegenstand gedacht, getan oder geschrieben hatten. Er berichtigte sich sodann redlich in diesem oder jenem Stücke, sowie es ihn auf der andern Seite kindlich freute, wenn er sah, das! er hier- oder da in seinen rein originellen Bestreben den Erscheinungen eine neue Seite abgewonnen hatte. Wie manches hat die Natur auf diesem Wege des einsamen Erforschens und Selbstgespräches, den so wenige zu betreten imstande sind, ihrem Liebling entdeckt! Und wenn es in alten Märchen vorkommt, daß Greife, Pflanzen, Steine, Blumen, Licht, Wolken ihre eigne Sprache führen, so kann man nicht leugnen, das unser aller deutscher Magus, um im Bilde fortzufahren gar vieles von der Vögel- und Blumensprache verstanden und auch andern zu verdeutlichen gewußt hat. Seine „Metamorphose der Pflanzen“, seine „Farbenlelne“ sind schöne Denkmäler seines ruhigen Forschungsgeistes; sie sind sozusagen erfüllt mit begeisterten Seherblicken, die tief in die Jahrhunderte und in das Gebiet der Wissenschaften hineinreichen, sowie auf der andern Seite seine biographischen Darstellungen zwei so völlig von ihm verschiedener Naturen wie Wieland und Johann Heinrich Voß nicht sowohl seine Kunst als vielmehr seine eigne schöne Natur hinlänglich beurkunden, die alles, was ihr begegnete, rein aufzulassen und wie ein klarer, unbefleckter Spiegel wiederzugeben wußte. Wielands Biographie verwandelt sich gleichsam in Wieland selbst, und Johann Heinrich Voll erscheint in der Goetheschen Darstellung ohne die Ecken und Härten, womit sich das Lehen so schwer aussöhnt.

Gleichsam als ob Goethe selbst dieser Johann Heinrich Voß wäre, so trefflich versteht es der große Meister, die schwer und mühselig den äußern Umständen abgewonnene Bildung dieses gelehrten und seltenen Mannes vor unsern Augen zur Entwicklung zu bringen und mit allen ihren Eigenheiten begreiflich zu machen.

So wie diesem hohen Talent Goethes eine allgemeine Anerkennung zuteil geworden ist, so laut haben sich auch auf der andern Seite tadelnde Stimmen wegen Lauheit in sittlichen Gesinnungen, soweit sie in seinen Schriften vorliegt, erhoben. Seine Verehrer suchten gleich anfangs diese Vorwürfe dadurch zu entkräften, daß sie der Kunst den Rat erteilten, sich ganz und gar von der Moral und ihren so belästigenden Vorschriften loszusagen. Zufolge dieser Maxime wurden nun alle diejenigen, welche ihre Unzufriedenheit mit gewissen allzu freien Darstellungen der Goetheschen Muse äußerten, ohne weiteres für beschränkte Köpfe erklärt. Von nun an schien eine Losung zu einer Menge verwegener Produkte gegeben zu sein, worin das Heilige und Höchste nur allzu oft zu einem frechen Spiel der niedrigsten menschlichen Leidenschaft, ja zu einem Deckmantel der rohesten Sinnesbegierden ausartete. Man übersah, wie mich dünkt, in diesem ganzen Streite von beiden Seiten einen Hauptpunkt. Die angeborene ruhige Betrachtung aller Dinge, wie sie Goethe eigen ist, konnte in ihm jenen sittlichen Enthusiasmus unmöglich aufkommen lassen, wie ihn die Zeit forderte und den sie nur allzu bald als den einzig beneidenswerten Vorzug der menschlichen Natur anerkannte.

Goethe war geboren, sich den Dingen, nicht aber die Dinge sich anzueignen. Von dem Augenblicke an, wo eine Zeit gegen das wirklich vorhandene oder auch nur vermeinte Böse leidenschaftlich in die Schranken tritt, befaßt sie sich wenig oder gar nicht mit Untersuchung der guten Seiten, die dies nämlich Böse, mit Ruhe betrachtet, einem unparteiischen Auge etwa darbieten möchte.

Somit war Goethe, und zwar eben durch den eigensten Vorzug seiner Natur, selbst mit seiner Zeit in einen heftigen Widerspruch geraten. Goethe wollte betrachten, seine Zeit wollte handeln und jeden, auch den seichtesten Beweggrund, der sich ihr zu solchem Vorhaben darbot, in sich aufnehmen. Darum sagte er einmal zu mir: „Religion und Politik sind ein trübes Element für die Kunst; ich habe sie mir immer, soweit als möglich, vom Leibe gehalten.“ Nur eine Partei war es, für die er sich unter diesen Umständen erklärte, nämlich diejenige, in deren Gefolge eine wenn auch nur mutmaßliche Ruhe zu hoffen war, gleichviel alsdann, auf welchem Wege sie gefunden wurde.

Nun traf es sich aber gerade, daß Religion und Politik, Kirche und Staat, die beiden Pole wurden, zwischen denen sich das Jahrhundert, worin er lebte, neu gestalten sollte. Alles Wissen und alles Handeln wurde von dem Zeitgeiste gewaltig ergriffen und sozusagen auf diesen Mittelpunkt hingedrängt. Durch die verworrensten Vorstellungen wurde Bahn gebrochen, und die an sich unklare Menge teilte die allgemeine Richtung, ohne daß sie eigentlich wußte, was mit ihr vorging.

Der klare Goethe sah dies wohl ein, und das ist auch der Grund, warum ihm alles von dieser Art am Ende so widerlich wurde und warum er vorzugsweise in einer Gesellschaft lieber von einer Novelle des Boccaccio als von Gegenständen sprach, worauf das Gesamtwohl Europas zu beruhen schien. Viele legten ihm diese Denkart als kalte und lieblose Gleichgültigkeit seines Wesens aus; aber gewiß mit Unrecht. Um anders zu sein und den allgemeinen Rausch für die neue Ordnung der Dinge, wie Wieland, Klopstock und selbst Herder, zu teilen, hätte Goethe sich selbst aufgeben und der vielseitigen Betrachtung, womit er jedes Ding, folglich auch diese historische Erscheinung, auffaßte und gar reiflich erwog, plötzlich entsagen müssen. Gewiß, der ruhige Beobachter aller Vorgänge dieses bewegten Lebens und der in die Handlung desselben entweder leidend oder tätig Verflochtene sind zwei völlig verschiedene Charaktere. Die letzten beiden haben durchaus kein richtiges Urteil über ihren eignen Zustand. Dazu fehlt ihnen der Standpunkt. Der Taube darf und soll man keine Naturgeschichte des Adlers abfordern; sie würde allzu einseitig ausfallen. Es muß daher notwendig etwas über beide Zustände Erhabenes, echt Göttliches vorhanden sein, das weder Taube noch Adler ist, aber beide ruhig auf seinem Schöße hält und ihre gegenseitigen Vorzüge und Mängel ausmittelt, die ersten anerkennt, die andern aber, wo nicht zu lieben, doch zu dulden und mitunter auch wohl zu entschuldigen beflissen ist.

Nur mit unverrückter Feststellung dieses höhern Gesichtspunktes, der das niedere Spiel der Welterscheinung mit allen seinen Gegensätzen, wir etwa einen buntgemalten Theatervorhang, unter sich abrollen läßt, ist uns wie der Seele aller Goetheschen Darstellung so auch das Recht zu einer eignen Beurteilung des so seltenen und einzig großen Mannes gegeben. Goethe bewegte wohl auch seine Flügel und war emsig genug wie eine Biene; aber seine Tätigkeit war reine Kunsttätigkeit, folglich von ganz anderer Art. Das Reich der Wissenschaften, wie es sich durch Jahrhunderte aufgebaut, die Reiche der Natur und der Kunst, sowohl in ihrem ersten Werden als in ihrer stufenweisen Entwicklung, das waren die Gegenstände, die er unausgesetzt durchflog, und was er auf diesen weiten Entdeckungsreisen von Schätzen in Besitz nahm oder von dorther mitbrachte, sollte ihm und seinen Freunden zu einer angenehmen Beschauung dienen.

Mit weitern Anforderungen gedachte er die ohnehin von allen Seiten hinlänglich geplagte Menschheit seinerseits zu verschonen und begehrte dafür weiter nichts zum Danke von ihr, sofern er anders durch seine Untersuchungen einige Teilnahme bei ihr erregte oder ihr ein lehrreiches Ergetzen bereitete, als daß sie ihn und alle seiner Denkart nahverwandte sinnige Geister und gleichbeschauliche Naturen nicht unsanft mit dem eisernen Arme der Wirklichkeit anrühre oder gar aus den schönen Träumen der Vorwelt, welchen sie sich hingaben, in die Wirklichkeit aufschreckte. Geschah dieses dennoch, so hörte man jene anmutig rauhe Weise des Zigeunerhauptmanns im „Jahrmarkt zu Plundersweilern“ wieder aus seinem Munde klingen:

Lumpen und Quark
Der ganze Markt!
Kinder und Affen
Feilschen und gaffen,
Gaffen und kaufen!
Bestienhaufen!
Möchte all das Zeug nicht,

Wenn ich’s geschenkt kriegt!
Könnt ich nur über sie!
Wetter, wir wollten sie!
Wollten sie zausen!
Wollten sie l - n!
Mit zwanzig Mann
Mein war der Kram!

Dies Hauptthema, nur etwas abgeändert, sowie jener Hymnus: „Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt“ etc., der eigentlich auch weiter nichts als eine Variation dieses Liedes ist, gingen bei Goethe durch und durch und machten sozusagen ein Stück seiner eigentlichen Lebensbetrachtung aus. Völlig ungerecht, beinahe neidisch verkleinernd ist übrigens der Vorwurf, daß sich Goethe dem Zeitgeiste mit Veruntreuung seines eigentlichen Talents absichtlich und knechtisch zugewendet. Hat ihm ja doch niemand so sinnig in allen Stücken durch die Maximen, die er aufstellte, durch die Anregungen, die von ihm ausgingen, gerade nur in seiner weltgeschichtlichen Bedeutsamkeit vorgegriffen. Wahrlich, die Kirche wie der Staat werden sich der Früchte dieses majestätischen Baumes echt deutscher Abkunft und Beschaffenheit in der Folge zu erfreuen haben, wiewohl er sich, seltsam genug, ihre einwirkende Nähe in den Augenblicken seiner Entwicklung dringend verbat, ja es geradehin ableugnete, daß er Blüten oder Früchte für so verworrene Lebensbestrebungen, wie sie ihm schienen, beabsichtige. Wir können daher mit Recht sagen, daß wir allen Einfluß, den Goethe von dieser Seite in Zukunft ausüben wird, rein und lediglich der Natur danken, weil in ihm selbst, wie schon bemerkt, ein völlig absichtsloses Wirken von dieser Seite vorhanden war. Indem er die Gegenwart fast gleichgültig aufgab und sich von jeder Leidenschaft in ihrer Betrachtung freimachte, ist er eben dadurch der Zukunft um ein großes näher gerückt, und dieselbe wird ihm gewiß in allem, was Kunst und Wissenschaften betrifft, als einen ihrer unverdächtigsten Zeugen, ja Vorläufer abhören und begrüßen. Fingerzeige und Data genug, um den verworrenen Knäuel dieser Gegenwart abzuwickeln, sind in seinen Schriften überall zerstreut, und die Nachwelt wird sie zu sammeln wissen.

Ich rechne ihm diese Richtung, wie schon früher gesagt, keineswegs zu einem besondern Verdienste an, sondern will sie nur als einen ganz eigentümlichen Vorzug seiner klaren Natur geltend machen, in welcher sich alle Gaben der Beschaulichkeit wie in einem Kristall vereinten; um so mehr, da diese Betrachtung allein imstande ist, ihn gegen die oft unverdienten Vorwürfe seiner bessern und edlern Freunde sowie aller derer zu schützen, die ihm Dinge abforderten, welche ihn in einen schmerzlichen Widerspruch gerade mit dem schönsten Teile seines eignen Wesens versetzten, nicht bedenkend, daß es ebenso ungereimt sein möchte, wenn man von dem Verfasser des „Götz von Berlichingen“ erwartete, daß er auf dem Rathause zu Heilbronn seine eiserne Hand gegen den Magistrat und seine verächtlichen Helfershelfer mit zerschmetterndem Gewicht und Nachdruck in die politische Waageschale legen sollte, als wenn man dem wackern Götz von Berlichingen selbst zumutete, er möchte uns mit seiner eisernen Hand ein anmutiges Festspiel oder eine „Iphigenie“ und einen „Tasso“ schreiben. Will man dagegen, wie man allerdings muß, naturgemäß dem Götz seinen Götz und dem Goethe seinen Goethe vorgeben, so wird wohl der rechte Standpunkt zur Beurteilung beider gefunden sein.

Merkwürdig ist mir immer ein Wort, das Goethe einmal im Gespräch über unsern gemeinschaftlichen, edeln Freund, den Maler und Kunstkenner Meyer, sagte und das man vielleicht mit noch größern Rechte auf ihn selber anwenden könnte: „Wir alle“, hub er an, „soviel wir unser sind, Wieland, Herder, Schiller, haben uns von der Welt doch irgend etwas und von irgendeiner Seite weismachen lassen, und eben deshalb können wir auch noch einmal wiederkommen, sie wird es wenigstens nicht übel nehmen. Dergleichen aber konnte ich an Meyer, solange ich ihn kenne, niemals wahrnehmen. Er ist so klar und in allen Stücken so ruhig, so grundverständig, sieht, was er sieht, so durch und durch, so ohne alle Beimischung irgendeiner Leidenschaft oder eines trüben Parteigeistes, daß das Zuunterst (dessous) der Karten, was die Natur hier mit uns spielt, ihm unmöglich verborgen bleiben konnte. Ebendeshalb aber ist auch für seinen Geist an keine Wiederkunft hiesigen Ortes zu denken; denn die Natur liebt es nun einmal nicht, das man ihr gleichsam unaufgefordert so tief in die Karten blickt, und wenn auch deshalb von Zeit zu Zeit einer kommt, der ihr eins und das andere von ihren Geheimnissen ablauscht, so sind auch wieder schon zehn andere da, die es geschäftig zudecken.“

Goethe kann, darf und will seiner ganzen Natur nach keinen einzigen Schritt tun, der ihn das Reich der Erfahrungen, wo er so freudig festen Fuß gefaßt und über ein halbes Jahrhunderi gewurzelt hat, plötzlich zu verlassen zwänge.

Alle Schlüsse, Beobachtungen, Lehren, Meinungen, Glaubensartikel haben in seinen Augen nur Wert, insofern sie sich an dieses von ihm so glücklich eroberte Reich anknüpfen. Der blaue Horizont, derr dieses Reich begrenzt, den sich der Mensch so lieblich bemalt, kümmert ihn wenig. Er flieht ihn sogar, weil er aus Erfahrung weiß, daß dort die Hirngespinste wohnen und alle Phantome eines dunkeln Aberglaubens, den er haßt, ihren Sitz haben.

Das Mögliche, Gutes und Böses, wie es im Reiche der Erfahrung nach allen Richtungen geleistet wird, läßt er mit großer Duldung, ja Anerkennung gewähren. Ängstlich angelernt, ist ihm selbst die Tugend zuwider, und fast möchte ich behaupten, daß ein halbweg tüchtiger Charakter, sobald ihm nur irgendeine wahrhafte Naturanlage zur Basis dient, sich in seinen Augen einer großem Nachsicht erfreuen kann als ein Wesen, das in keinem Momente seines Lebens wahr ist, das sich selbst überall auf das unlieblichste zwingt und eben dadurch andern im Umgange einen unerfreulichen Zwang auflegt.

„Oh“, seufzte er bei solchen Gelegenheiten, „wenn sie doch nur das Herz hätten, einen einzigen dummen Streich zu machen, so wäre die Sache abgetan, und sie würden doch wenigstens, frei von Heuchelei und Verstellung, ihrem eignen, natürlichen Boden wiedergegeben! Wo das geschieht, darf man doch allemal für die Reime des Guten, die man der Natur anvertraut, einer fröhlichen Hoffnung Raum geben; auf dem Grunde aber, wo sie jetzt stehen, wächst gar nichts!“ „Süße Puppe!“ war in solchen Fällen sein Lieblingswort; so wie der Ausdruck: „Es ist eine Natur!“ in Goethes Munde für ein bedeutsames Lob galt.

Mit Untersuchungen über Zeit, Raum, Geist, Materie, Gott, Unsterblichkeit mochte sich Goethe nur wenig befassen. Nicht etwa, daß er höhere Wesen, als wir sind, ableugnete. Reinesweges; nur blieben sie ihm fremd, weil sie außer dem Reiche aller Erfahrung liegen, das ihn, seiner Maxime getreu, ganz ausschließlich anzog und beschäftigte. Die Flucht des Übersinnlichen war mit ihm geboren; und wer unter uns ist so kühn, daß er Grenzstreitigkeiten mit der Natur anzetteln wollte? Wäre Goethe ein Leibnitz, ein Kant gewesen, so hätten wir freilich statt der „Iphigenie“ und des „Faust“ eine sinnreiche Metaphysik erhallen; jetzt aber, da er eben Goethe geworden ist, sollten wir ihm auch billig, und zwar in allen Stücken, erlauben, Goethe zu sein und zu bleiben. Wie er selbst einmal im Gespräche mit mir sehr schön bemerkte, „in der Reihe so mannigfaltiger Produkte, wodurch die schallenden Kräfte der Natur sichtbar würden, sei der Mensch gleichsam das erste Gespräch, das die Natur mit Gott halte“, ebenso könnte man von ihm selbstsagen, daß bei seinem eigensinnigen Beharren im Reiche der Erfahrung er gleichsam das letzte Produkt der plastischen Natur darstelle, das mit ihren Geheimnissen zugleich die zwei Richtungen ausplaudere, die von Ewigkeit in ihr verborgen liegen und die trotz allen scheinbaren Gegensätzen doch erst beide zusammengenommen die eine wahrhafte, ganze und vollständige Welt und Natur ausmachen, eine Ansicht der Dinge, die keinen verwerflichen Beitrag zur Definition dessen, was wir Genie in der Natur nennen, abgeben dürfte. Denn sowie das Genie von dem Augenblicke an, wo es sich von der Natur lossagt, auf die unerfreulichsten Abwege gerät und nicht selten den Hirngespinsten und Traumgeburten zu verfallen pflegt, ebenso teilt es mit der Natur jene beiden großen Richtungen: die eine in das stille Reich der Sitte und des Gesetzes, wo es alsdann in lieblicher Ruhe und Selbstbeschauung eine unabsehbare Reihe stiller Bildungen ausprägt; die zweite dagegen in die gewaltsame Bewegung des Sturmwindes, der Blitze und des Erdbebens, womit die Mutter aller Dinge jene etwaigen Gegensätze, die sich in ihr vorfinden, dem Anscheine nach völlig regellos, im Grunde aber doch wohl gesetzmäßig schnell beseitigt und so Zerstörung aus Leben und Leben aus Zerstörung schafft.

Goethe zumuten, daß er sich in seinen Betrachtungen einer von diesen Richtungen ganz einseitig ergeben soll, heißt im Grunde nicht Geringeres, als von ihm verlangen, daß er aufhören sollte, Goethe zu sein, was er freilich nicht anders als dadurch bewerkstelligen könnte, daß er aufhörte, die Gesetze der Natur seinerseits als einzig gültige Richtschnur für sich und seinesgleichen anzuerkennen. Wenn man daher diesem großen und anmutigen Genius zuweilen das Gefühl für das Sittliche abgesprochen hat, so hat man ihn nach fremdem Maßstabe gemessen und nicht bedacht, daß er es nicht lieben konnte, aus der Sittlichkeit eine Art von Gewerbe zu machen. Ihm war auch hier alles nicht Ursprüngliche, alles Angelernte zuwider, wie jede angelernte Erhebung der Seele, angelernte Philosophie, eingelerntes Gebet usw., dergestalt, daß er nicht selten, wenn er ganz unbefangen diese Abneigung gegen flächere Gemüter aussprach, sich den größten Mißverständnissen aussetzte. Wir werden aber in der Folge sehen, wie tief, richtig, wahrhaft und mild, ja hingegeben er jede Richtung einer sittlichen Natur erfaßte, wenn er zum Beispiel über Ludwig, König von Holland, und dessen Bruder Napoleon urteilte. Wenn aber ein Gesetz der englischen Verfassung, welches dahin lautet, daß Pairs jederzeit nur von Pairs gerichtet werden können, auch auf Gegenstände der Geisterwelt übertragbar ist, so dürfte eine solche Anerkennung des wahrhaft Eigentümlichen und Großen durch einen großen Zeitgenossen gar manches einseitige Urteil beschämen und verwirren und somit bewahrheiten, was im „Tasso“ gesagt wird:

... wo du das Genie erblickst
Erblickst du auch zugleich die Marterkrone.


Inhaltsverzeichnis                                                                                                      weiter





Keine Kommentare: