> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Brief eines sechzehnjährigen Jünglings, als er Goethe zum ersten Male gesehen. (18)

2015-06-07

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Brief eines sechzehnjährigen Jünglings, als er Goethe zum ersten Male gesehen. (18)



Erster Anhang.

Brief eines sechzehnjährigen Jünglings, als er Goethe zum ersten Male gesehen.

In welchem hohem Grade Goethe's Wesen selbst noch in seinem hohen vorgerückten Alter junge Leute mächtig ergriff und begeisterte, davon will ich ein erst kürzlich von mir erlebtes Beispiel in dem von dieser Seite merkwürdigen Briefe eines sechzehnjährigen Jünglings mittheilen.

Weimar, den 20. Februar 1822



Theuerster, vielgeliebter Freund!

Schon lange hätte ich Ihnen geschrieben; allein ich zögerte noch immer, weil ich nicht eher schreiben wollte, als bis ich Goethe gesehen hätte, auf dessen Anblick ich so begierig war. Ich ging zwei Monate alle Tage vor seinem Hause vorbei; allein vergebens. Zwar war es mir schon eine große Freude, oft seine Schwiegertochter mit ihren lieblichen Kindern an dem Fenster zu erblicken; aber ich wollte doch auch Goethe sehen. Eines Sonntags, als ich eben spazieren gewesen, führte mich mein Weg hinter Goethe's Hause vorbei, wo sein Garten ist. Die Gartentüre stand gerade offen, und aus Neugierde lief ich herein. Goethe war nicht im Garten; aber eine Weile darauf sah ich, daß sein Bedienter kam. Da schlug ich die Gartentür wieder zu, weil der Bediente mich sonst gesehen hätte. Wie ich nun noch so ganz trübselig darüber nachdachte, daß mir doch auch alle Versuche Goethe zu sehen, missglückten, bemerkte ich plötzlich eine andere Gartentür, die auch offen war, und als ich hereintrat, sah ich bald, daß dieses des Nachbars Garten sei, dessen Mauer dicht an Goethe's Garten stößt, sodaß man von hieraus die Gänge in jenem ganz deutlich übersehen kann. Unter so günstigen Umständen faßte ich mir plötzlich Muth und fragte den Mann, dem dieses Haus gehörte: ob Goethe oft in seinem Garten spazieren ginge, um welche Zeit? Er antwortete mir: alle Tage, wenn es schön Wetter ist. Die Zeit aber wäre nicht bestimmt, manchmal um zehn Uhr, wenn die Sonne irgend am Himmel vorbeikäme, so sei der geheime Rath auch da; um zwölf Uhr aber liebe er ganz vorzüglich im Garten zu seyn. Der alter Herr halte es, wie es scheine, mit den heißesten Sonnenstrahlen. Hierauf erforschte ich den Nachbar weiter, wie er es meinte, und ob er mir wol die Erlaubniß geben wollte, daß ich seinen Garten täglich eine halbe Stunde besuchen könnte, um den großen von mir so innig verehrten Dichter zu sehen und zu beobachten. Er antwortete mir ganz gleichgültig: warum nicht? da könne er nichts dawider haben. Es ist doch wunderbar, lieber Freund, daß man, um einen Tiger, einen Bären, eine wilde Katze zu sehen, einen halben Gulden bezahlen muß, und daß man dagegen den Anblick eines großen Mannes, der doch das Seltenste ist, was man in der Welt sehen kann, völlig umsonst haben mag! Ich ging voll Freude nach Hause, konnte aber diese Nacht kaum ein Auge zuthun. Ich kleiner Zwerg kam mir vor, als wäre ich durch die Hoffnung, einen großen Mann zu sehen, plötzlich eine Spanne größer geworden. Der Morgen dauerte mir gar zu lang, bis er kam, ja er schien mir fast so lang, wo nicht länger als eine Woche. Der kommende Tag brach endlich an und brachte das schönste Frühlingswetter. Wie ich die Sonne scheinen sah, dachte ich: ha, heute ist gut Wetter für Goethe; und ich hatte mich nicht geirrt. Es war zehn Uhr vorbei, als ich von Haus aus nach dem Garten ging, wo Er schon auf-und abwandelte. Das Herz pochte mir gewaltig, als ich ihn sah. Ich glaubte Faust und Margarethchen in einer Person zu erblicken, so sanft und so prächtig zugleich, wie er aussieht! Ich hatte meine Augen beständig auf ihn gerichtet, um seine Gesichtszüge recht in mein Herz zu prägen. So sah ich ihn eine ganze Seigerstunde mit scharfen, unverwandten Blicken an, ohne daß er mich seinerseits gewahr wurde, woran er denn auch nichts verloren hat. Als ich mich soeben recht in ihn vertieft hatte, spielte er mir den Posssen und ging herein in das Haus und wieder durch die Stiegen herauf in seine Studierstube, die völlig abgeschieden mit ihren Fenstern in den Hinterhof sieht. 

Theuerster Freund, Sie können versichert seyn, in Goethe's ganzem Wesen zeigt sich seine Größe. Er ist noch so rüstig, wie ein Mann von vierzig Jahren. Sein majestätischer Gang, die gerade und aufrechtstehende Stirn, die herrliche Form seines Kopfes, das feurige Auge, die gebogene Nase, Alles das ruft: Faust, Margarethe, Götz, Iphigenie, Tasso, und was weiß ich, was Alles noch mehr? Nie habe ich in diesem vorgerückten Alter einen so rüstig schönen Mann gesehen. Ich sehe ihn jetzt, wenn es schönes Wetter ist, täglich in seinem Garten, und das gewährt mir ebenso viel Unterhaltung, als Andere darin finden, wenn sie Büsten betrachten und schöne Bilder und Kupferstiche ansehen. Sie mögen es mir glauben oder nicht, aber wenn ich Ihnen sage, daß mir sein Anblick lieber ist, als der von allen Kupferstichen der Welt, so sage ich Ihnen nur die reine und lautere Wahrheit. Er geht gewöhnlich mit langsamen Schritten auf und ab in den Gängen des Gartens, ohne sich hinzusetzen; stellt aber auch oft über einen Gegenstand des Pflanzenreiches, vor dem er alsdann still steht, in seinen Gedanken halbestundenlange Betrachtungen an. Könnte ich doch nur seinen Sinn und seine Gespräche mit sich selbst in solchen Augenblicken erraten. Mit seines Sohnes artigen Kindern wechselt dieses Spiel ab, wenn er von den Blumen und Pflanzen zurückkehrt. Ich spreche dort ordentlich mit Goethe durch die Augen, obwol er mich nicht sieht, indem ich, durchs Gesträuch vor ihm verdeckt, hinter einem Zaune stehe. Das Alles klingt wunderlich genug, aber es ist wirklich so. Im Grunde ist es auch gut so und besser als ob ich ihn wirklich gesehen und gesprochen hätte; ich weiß wohl warum. Denn nehmt an, daß er sich wirklich auf eine Unterhaltung mit mir einließe; was in aller Welt könnte ein sechzehnjähriger Bube, wie ich, im Gespräche ihm seyn? Er mir wohl! Aber da hat er schon was Besseres zu tun! O, mein innig geehrter Freund, wenn Sie nur doch auch einmal hier im Garten und zwar an meiner Seite wären! Ich freue mich schon ordentlich darauf, wenn es nun wirklich Frühling wird, wo die Knospen aufbrechen; da will ich Goethe's Gespräche mit den Blumen und Vögeln und dem Lichte im nähern Umgange mit der Natur schon recht fleißig belauschen und Ihnen Alles wiederschreiben, was ich davon weiß, oder auch nur irgend errathen kann.

Ihr etc.


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