> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Über Goethe's Faust. (19)

2015-06-07

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Über Goethe's Faust. (19)



 Zweiter Anhang.

Über Goethe's Faust.

Ein Fragment zur Erläuterung des obigen Gartengespräches.

1.

Vom Universalleben der Natur, wie es, durch Goethe aufgefaßt, besonders im Faust erscheint.

Wer kennt nicht jene träge, seelenlose Betrachtung der Natur, wie sie in den meisten neuen Dichtern und Schriftstellern durchgängig herrscht, die Schiller so witzig mit den Worten aufgefaßt:

Unbekannt mit ihres Schöpfers Ehre,
Gleich dem trägen Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.

Goethe macht hiervon eine rühmliche Ausnahme. Wer die obigen Gartengespräche gelesen hat, mag leicht erkennen, wie dieser Liebling der Natur in ihr inneres Wesen eindrang, und mit welcher Allgewalt und Lebendigkeit er sich jeder Erscheinung bemächtigte. So viel ist über Goethe's Universalität und Objektivität geschrieben worden, daß ein öffentliches Blatt sich sogar erlaubte, diese Eigenschaften als Phrasen zu behandeln, die Goethe's Verehrer und Freunde in Gang gebracht, und wobei in der Regel von ihnen wenig oder gar nichts gedacht werde. Das Wahre aber von der Sache ist, daß beide Foderungen allerdings das Fundament nicht nur des goethe'schen, sondern jedes echten und wahrhaftigen Styls ausmachen, sowie, daß Goethe's Verdienst ohne diesen von ihm selbst in solcher Strenge aufgestellten Maßstab nicht einmal erkannt oder gewürdigt werden kann.

Daher habe ich es mir angelegen seyn lassen, gerade diesen Punkt aller goethe'schen Darstellungen in das gehörige Licht zu setzen, weil ohne ihn durchaus kein Resultat zu gewinnen ist, wie sehr man sich auch in Bewunderung der Einzelheiten seines Genius erschöpfen möge. Man befrage sich nur selbst: was ist es denn wol, was Goethe vor allen übrigen Dichtern so entschieden auszeichnet? Etwa die Mechanik seiner Verse? Wieland und Voß machen sie besser. Oder die grammatische Richtigkeit und Korrektheit seiner Sprache? Da müßte er nothwendig Klopstock als seinen Meister anerkennen. Wie? Oder ist es vielleicht jene wahre und richtige Auffassung aller und jeder Lebensverhältnisse? jenes innige Zusammenfließen mit der Natur und ihren Erscheinungen? Wenigstens in dem letzten Stücke möchte es wol so leicht Niemand unter den Neuern Goethe zuvorthun. Wenn dem so ist, so ergibt sich auch sofort die zweite Frage? was war es denn wohl eigentlich, was Goethe zu dieser Kunst der Darstellung befähigte? Der Grund dieser Frage, sowie ihr Zusammenhang mit Goethe's Charakter als Naturforscher, sofern ihn auch hier und da einsichtsvolle Leser ermaßen, ist doch der Menge im Ganzen, ja sogar einigen von des Dichters nähern Freunden durchaus fremd geblieben. Ich selbst hörte einen großen Dichter im Ernste versichern, daß Goethe sich durch das Studium der Natur außerordentlich als Dichter geschadet hätte. Wer mag es nun unter diesen Umständen den Lesern und Verehrern jenes großen Dichters in der zweiten oder dritten Geschlechtsfolge verargen, wenn sie mit großer Zuversicht das Nämliche behaupten sollten? Solche Urtheile aber sind immer wichtiger zur Charakterisierung Dessen, der sie fällt, als Dessen, über den sie gefällt werden. Sie kommen jedoch selbst bei edeln Menschen so häufig vor, daß man sich keineswegs darüber erbittern sollte. Für Natur-und Weltbetrachtung im Großen ist mit dem sittlichen Standpunkte allein wenig auszurichten, und man darf sich daher wol nicht wundern, wenn Diejenigen, die es dennoch versuchen, in große Einseitigkeiten verfallen. Ebenso ist es auch nicht schwer, die Najaden, Dryaden und andere Wesen der Fabelwelt in fließenden Versen lauschen und rauschen zu lassen; aber damit ist man dem Genius von Goethe noch auf tausend Meilen weit nicht auf die Spur gekommen. Dieser verschmäht die Schale, dringt in den lebendigen Kern und (man vergleiche seine Unterredung über die Monaden oder Urbestandtheile aller Dinge nach Wieland's Tode) bildet so ein Reich von Gestalten, wo ihm jeder Baum, jeder Vogel, jede Blume, jeder Schmetterling, jede Schlange wie eine Maske erscheint und ihn zuweilen mit Lust, zuweilen aber auch mit Grauen erfüllt. Man könnte wohl sagen, Goethe habe an die Stelle jener spielenden und phantastischen Allegorie eine wahrhafte und wissenschaftliche Mythologie gesetzt. Daher denn auch sein Widerspruch mit den Mythologen und Aufklärern im neuesten Sinne, wovon die Szenen auf dem Blocksberge im „Faust“ mehr als einen Beweis enthalten. Indem diese Herren schon selig auf ihren Polstern ruhn, in der festen Überzeugung, allen Aberglauben verscheucht, alles Hexenwerk verbannt zu haben, zündet Goethe den alten Zauberberg wieder aufs Neue zu ihren Füßen an. Alle vertrocknete Stiele und Reiser, worauf die Damen sonst zum Blocksberg ritten, grünen und knospen nun in neuer Lebensfülle unter dem milden Einflusse einer Walpurgisnacht zur großen Bewunderung ihrer Gegner, die sich eher des Himmels Einfall, als dieses, vermutheten.

So bestreitet Goethe die falsche Mystik, redet aber bei der Gelegenheit zugleich der ewigen und über alle Zeit erhabenen standhaft das Wort. Unbestritten vor seinen Augen bewegt sich ein den Urphänomenen Inwohnendes, wogegen alle Grübelei nichts auszurichten vermag; und indem er diese Betrachtungsart überall durchsetzt, ergetzt sich sein Humor an der Verlegenheit aller jener hochmüthigen Geister, die in Wissenschaft und Kunst die ihnen von Gott geschriebenen Grenzen überspringen und, indem sie den Aberglauben mit Nachdruck bestreiten, auf der andern Seite einem ebenso anmaßenden als leeren Unglauben anheimfallen. In keinem Werke von Goethe spricht sich diese Ansicht deutlicher aus als im „Faust.“ Daher glaube ich nichts ganz Unverdienstliches zu thun, wenn ich hier, wo von Goethe's Innerstem, gleichsam von der Hauptmaxime alles seines Thuns und Wirkens, nicht nach leeren Voraussetzungen, sondern nach Anschauungen und Thatsachen die Rede ist, diejenigen Stellen seines Meisterwerkes, die damit in Verbindung stehen, etwas näher bezeichne, auch sonst gelegentliche Erörterungen über Eins und das Andere beibringe. Vor Goethe wüßte ich kaum einen neuern Dichter zu nennen, der in dieses Universalleben der Natur mit gleichem Ernste und gleicher Begeisterung eingedrungen wäre. Selbst Schiller'n ist diese Seite gänzlich fremd geblieben; er ist zu lyrisch und versteht die Kunst nicht, sich unterzuordnen. Nur die gewaltige Maxime, die Shakspeare für Gutes und Böses ohne Teilnahme als reiner, ungetrübter Weltspiegel in seinen Darstellungen verfolgt, grenzt nahe daran. Im Einklange mit Lessing und Herder, die Beide das organische Leben der Natur, wenn auch nur prosaisch, dennoch zuweilen mit dem glücklichsten Erfolge auffassten, bahnten die ernsten Bestrebungen dieser Männer dem goethe'schen Style als Vorschule würdig den Weg. Man vergleiche nur einmal die Einleitung von Herder's „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ nebst so vielen hochbegeisterten Stellen in desselben Verfassers „Kalligone“ über den sich verkörpernden Geist der Natur, wie er, durch die Elemente bestimmt, so verschiedenartige Gestalten annimmt, mit jener so merkwürdigen Äußerung Goethe's, deren bereits früher von mir gedacht worden ist, daß er in der Tat nicht wisse, was in dem ersten Teile des ebengenannten Werkes ihm, oder was Herder angehöre, da Beide in jener Zeit, wo Herder die „Ideen“ schrieb, genau mit einander verbunden, dieselben gemeinschaftlich durchsprachen und durchlebten. Wenn man die Seltenheit solcher Geister betrachtet, denen, als eigentlichen Sehern, ein Licht durch alle Reiche der Natur von ihrem Genius vorgetragen wird, so möchte man wenigstens alle Diejenigen, denen gleiche Gaben versagt sind, wie schätzenswerte Verdienste in andern Kreisen des menschlichen Wissens und Handelns sie sich auch mögen erworben haben, geziemend, ja dringend ersuchen, wenn von Gegenständen die Rede ist, wofür ihnen nun einmal das Organ abgeht, bescheidener in ihrem Urtheile zu seyn. Wenn wir nämlich so fortfahren, Alles, was wir nicht verstehen oder zu lernen unfähig sind, Mystik zu schelten, so können auch Gluck und Mozart bald in den Fall kommen, daß alle der Musik Unkundige auch sie für Mystiker erklärten. Was hat z.B. Kotzebue'n nicht Alles für Mystik gegolten! Die goethe'sche Mystik nimmt freilich ein Letztes, ein Unerklärliches in allen Dingen an. Sie ehrt demnach, wie den Glauben, so auch die Vernunft; sie erwartet von dem Verstande viel, nur nicht Alles. Was in der Welt aber möchte wohl dieses lichtvolle Wesen mit den völlig verstandlosen, finstern Ausgeburten des Aberglaubens oder der Barbarei der vergangenen Jahrhunderte zu schaffen haben? Goethe's schöne Seele, die das Rechte will und sich überall, folglich auch im Forschen, ein Maß auflegte, mahnt die Wissenschaft mit Nachdruck von dem Versuche ab, das in ihr Verborgene, Unerklärliche auf eine in die Sinne fallende Weise erklären zu wollen:

Natur läßt selbst bei lichtem Tag
Sich ihres Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht anvertrauen mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben!

Überfliegt der Mensch diese Demuth, so ist der Stolz einer seichten Aufklärung notwendig Das, was ihm auf der Ferse nachfolgt. Kein Wunder demnach, wenn eine hochmüthige Forschung sich auf diesem Wege zuletzt so wie verirrt, daß sie nur zwischen einem naturlosen Gotte oder einem gottlosen blinden Fatum die Wahl hat. Die Goethe'sche Ansicht dagegen, welche die Natur und ihren Urheber nicht nebeneinanderstellt, sondern in seliger Durchdringung von Ewigkeit zu Ewigkeit als Eins im Wesen, wenngleich verschieden im Wirken, denkt, scheint allein im Stande, dem Glauben seine heiligen, unbestrittenen Vorrechte einzuräumen und doch zugleich den finstern Ausbrüchen des Aberglaubens von allen Seiten zu wehren. Je weiter sich daher jetzt und in Zukunft die Deutschen in Kunst und Wissenschaft von der Wahrheit, vom rechten Style und von der Natur verirren, je mehr sie in ihrem Wirken und Handeln der Unnatur und dem Übertriebenen verfallen werden, desto weniger wird der Name Goethe bei ihnen gelten, und desto weniger werden sie die Rätsel, die ihnen dieser Genius knüpft, zu lösen sich versucht fühlen. Jedesmal aber, wo eine neue Rückkehr zur Natur und Wahrheit vom Irrtume, und wär' es nach Jahrhunderten, unter uns stattfinden wird, kann man gewiß seyn, daß auch die Nation sich wieder um diesen Liebling versammeln und ihm die wohlverdienten Kränze darreichen wird. Eine brennende Sinnlichkeit und eine tiefe, hier und da sogar an Trokkenheit grenzende Metaphysik, die größte Ruhe einer wissenschaftlich philosophischen Betrachtung, verbunden mit dem lebhaften Ungestüm eines jugendlichen Dichterfeuers, so völlig unvereinbare und hier dennoch glücklich in einem und demselben Individuum zur Anschauung gebrachte Vorzüge, sind eins von den Pfunden, die dem Genius, der sie besaß, einen der ersten Plätze nicht nur unter den Dichtern, sondern auch zugleich unter den Denkern und Naturforschern aller Jahrhunderte anweisen.


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