> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Von der Metaphysik und den falschen Vorstellungen, die häufig durch sie über Gott verbreitet werden. (37)

2015-06-09

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Von der Metaphysik und den falschen Vorstellungen, die häufig durch sie über Gott verbreitet werden. (37)




19.

Von der Metaphysik und den falschen Vorstellungen, die häufig durch sie über Gott verbreitet werden.

Es darf wohl nicht befremden, daß Mephistopheles hier wie überall sich im Getrennten wohlgefällt. Aller Irrtum, wie in der Kraft so in der Wissenschaft, geht ja eben, wie schon bemerkt, aus der unseligen Trennung von Gott und Natur, von Seele und Leib, von Geist und Materie hervor. Es gab Völker, die prächtige Tempel bauten und darin zuletzt einen Apis, eine Zwiebel anbeteten, wie die alten Ägypter. Da haben wir, was der sinnreiche, tiefe Schelling mit vollem Rechte eine gottlose Natur nennt. Andere dagegen dachten sich Gott als ein rein geistiges, verklärtes, völlig von aller irdischen Erscheinung abgeschiedenes Wesen, das droben im blauen Himmel dasitze und sich, wie Fichte sagt, vom Morgen bis zum Abend auf seinem Throne Psalmen und Loblieder eine ganze Ewigkeit hindurch vorsingen lasse. Eine so geistlose Unterhaltung, daß schon hier auf Erden ein halbweg tüchtiger Mann sie verschmähen und bald müde bekommen würde, wie sollte sie denn für das höchste aller Wesen irgend genügend erfunden werden? Inzwischen wird, wer die Geschichte der Philosophie mit einiger Aufmerksamkeit durchliest, gemeiniglich nur zwischen jenem naturlosen Gott oder einer gottlosen Natur zu wählen haben. Von einer würdigen Durchdringung beider im goe-the'schen Sinne (vergleiche dessen frühere Äußerungen) wird wol nur selten die Rede seyn. Ebendeshalb steht die Lehre von dem in die Zeit gekommenen leidenden Gott, gehörig aufgefaßt, als Fundament aller Philosophie so einzig hoch, so unübertroffen da. Das Christentum ist eben dadurch Christentum, daß es die höchste und allgemeinste aller Ideen ausspricht, und daß kein Mensch auf diesem Wege je weiter vorzudringen vermag. Wäre nämlich kein leidender Gott in der Zeit, daß heißt, wäre nichts vorhanden, was die flüchtigen Erscheinungen der Gegenwart durch Sitte und Erhabenheit der Gesinnung adelte, und so ihr namenloses Leiden im Wechsel aller irdischen Verhältnisse erträglich machte, so würde man sich bald versucht fühlen, dem edeln Menschen als dem eigentlichen Gott des Menschengeschlechtes Verehrung zu bezeigen, ja Altäre zu errichten. Denn in der That ist ein edles Wesen, das nur ein Leben zu verlieren hat und dasselbe freudig für seine Freunde, ja für seine Feinde, daransetzt, beiweitem dem erbarmungslosen Gott vorzuziehen, der oben für sich selbst in trauriger Abgeschlossenheit sein Daseyn führt, völlig unbekümmert darum, ob Millionen hier unten einem rathlosen Zufalle dahingegeben sind. Mit gleichem Rechte, wie solch ein Gott, möchten denn auch wohl die Räder der Natur dem Menschen, indem sie ihn zermalmen, Anbetung abfordern. Da haben wir denn genau wieder Das, was Schelling unter einem naturlosen, das heißt, unter einem von aller Natur ausgeschiedenen Gott verstand. Sein Wesen wird so zart, so dünn, so durchsichtig von den Anhängern dieses Systems gedacht und durchgeführt, daß er zuletzt lieber gar nicht erscheint, und der Schöpfer darüber seine Schöpfung verliert. Erst fängt man freilich nur damit an, die Natur als völlig außer ihm zu betrachten, sodann nur noch ein paar Schritte weiter, und das Irrewerden an seinen Werken wird gar bald das Ableugnen des ewigen Urhebers selbst gleichsam zur nothwendigen Folge haben. Unselige Trennung!


Inhaltsverzeichnis                                 

Keine Kommentare: