> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: 8. Goethe und Wieland (14)

2015-06-05

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: 8. Goethe und Wieland (14)



8. Goethe und Wieland

Wielands Leiche war heute, Sonntag, den 24. Januar 1813, im Bertuchschen Hause ausgesetzt. Ich kämpfte lange mit mir, ob ich ihn noch einmal im Tode sehen sollte oder nicht. Den Abend brachte ich ihn einem geselligen Kreise hin, wo die „Natürliche Tochter“ gelesen wurde; aber mein Herz war nicht dabei. Ich ging früher als gewöhnlich nach Hause.

Es mochte neun Uhr sein. Ich wollte nicht dahin, wohin mich mein Herz zog; aber in der Esplanade erfaßte es mich mit einer solchen Gewalt, daß ich nicht länger widerstehen konnte. Die Straßen waren sehr lebendig, und gleichsam unwillkürlich folgte ich dem Strome von Leuten in der Richtung, die er zu Bertuchs Hause genommen hatte. Wie ich durch die Türe gekommen, weiß ich nicht; es standen Schildwachen davor. Die schöne Hausflur war von allen Seiten mit unzähligen Leuchten erhellt. „Oberon“, „Musarion“, wie man mir nachher erzählte, sollen nebst dem Orden der Ehrenlegion auf einem Kissen von Sammet gelegen haben.

Das hab ich alles nicht bemerkt; ich sah nur den Sarg und darinliegend eine zwar edle, aber mir völlig unkenntliche Gestalt, welcher man einen Lorbeerkranz auf die Schläfe gedrückt hatte. Auch dieses ist mir noch erinnerlich, daß darauf jemand aus dem Gedränge - ich glaube Bertuch der Jüngere, dem es beschieden war, jenen Heroen unserer Literatur, Herder und Wieland, bald genug nachzufolgen - zu mir trat und mit wehmütiger Stimme sagte: „Wir haben einen großen Verlust erlitten!“, und daß, als ich nun diese Worte hörte und zugleich das alte, freundliche, sonst so holdselige Gesicht so ernst, so verfallen, so ganz verändert bei dem Scheine der Totenkerzen im Sarge erblickte, eine unaussprechliche Wehmut mich ergriff, ich kein Wort über die Lippen bringen konnte, sondern still in einen Winkel treten und mich von der Menge unbemerkt ausweinen mußte. Zu Hause angekommen, verfolgten mich diese traurigen Empfindungen noch mehrere Stunden tief in die Nacht hinein. Wie bei Herders Tod, als die Glocken, die ihm zu seiner Ruhestätte durch die Stadt das feierliche Geleite gaben, ihren ersten Klang anhuben, fand ich nur Tröstung, solange sich der Schmerz über einen so ungeheueren Verlust in Tränen ergießen konnte. Montag, den 25. Januar, am Tage Pauli Bekehrung, war Wielands Begräbnistag. Man hatte die Leiche nach Oßmannstedt geschafft, um sie dort in seinem Garten neben seiner Gattin und Sophie Brentano beizusetzen.

Ich fühlte mich zu tief erschüttert, als daß ich diesem Leichenzuge hätte beiwohnen können. Auch war ich auf Nachmittag zu Goethe beschieden, für dessen Gesundheit wir mehr als jemals unter diesen Umständen zu fürchten hatten. Er war ebenfalls durch diesen Todesfall äußerst bewegt, wie ich schon oben erzählte. Als unter anderm zufällig auch die Rede auf seine „Natürliche Tochter“ kam, von welcher gestern, wie ich oben bemerkte, eine Vorlesung gehalten wurde, fragte ich ihn, ob wir bald eine Fortsetzung derselben erwarten dürften. Goethe schwieg eine Weile, alsdann gab er zur Antwort: „Ich wüßte in der Tat nicht, wo die äußern Umstände zur Fortsetzung oder gar zur Vollendung derselben herkommen sollten. Ich habe es meinerseits sehr zu bereuen, auf Schillers Zureden von meinem alten Grundsätze abgegangen zu sein. Dadurch, daß ich die bloße Exposition dieses Gedichtes habe drucken lassen - denn für mehr kann ich das selbst nicht ansprechen, was im Publikum davon vorhanden ist -, habe ich mir alle Freude an meiner Arbeit gleichsam im voraus hinweggenommen. Die verkehrten Urteile, die ich auf diesem Wege erfahren konnte, mußten dann auch das Ihrige dazu beitragen. Kurz, ich bin selber so völlig von dieser Arbeit zurück, daß ich damit umgehe, auch sogar den Entwurf des Ganzen unter meinen Papieren zu zerstören, damit nach meinem Tode kein Unberufener kommt, der es auf eine ungeschickte Art fortsetzt.“

Ich bemerkte, um Goethes Mißmut etwas zu mildern, was Herder ehemals zu mir von dieser Tragödie gesagt hatte, und führte zu dem Ende seine eigenen Worte an. Er nannte sie die köstlichste, gereifteste und sinnigste Frucht eines tiefen, nachdenkenden Geistes, der die ungeheuern Begebenheiten dieser Zeit still in seinem Busen getragen und zu höhern Ansichten entwickelt hätte, zu deren Aufnahme die Menge freilich gegenwärtig kaum fähig wäre.

„Wenn dem so ist“, fiel mir Goethe ins Wort, „so laßt mich das Obengesagte wiederholen: wo sollen wir die Zeitumstände zur Fortsetzung eines solchen Gedichtes hernehmen? Was jener geheimnisvolle Schrank verberge, was ich mit dem ganzen Gedichte, was ich mit dem Zurücktreten der Fürstentochter in den Privatstand bezweckte, darüber wollen wir uns in keine nähere Erklärung einlassen; der Torso selbst und die Zeit, wenn der finstere Parteigeist, der sie nach tausend Richtungen bewegt, ihr wieder einige Ruhe der Betrachtung gestattet, mag für uns antworten!“

„Gerade von diesen Punkten aus war es“, fiel ich ihm ins Wort, „wo Herder eine sinnreiche Fortsetzung und Entwickelung des allerdings mehr epischen als dramatischen Stoffes erwartete. Die Stelle besonders, wo Eugenie so unschuldig mit ihrem Schmucke spielt, indes ein ungeheures Schicksal, das sie in einen andern Weltteil wirft, schon dicht hinter ihr steht, verglich Herder sehr anmutig mit einem Gedicht der ,Griechischen Anthologie, wo ein Kind unter einem schroff herabhängenden Felsen, der jeden Augenblick den Einsturz droht, ruhig entschlafen ist. Im ganzen aber -wie er zugleich bei dieser Gelegenheit hinzusetzte - ist der Silberbleistift von Goethe für das heutige Publikum zu zart; die Striche, die derselbe zieht, sind zu fein, zu unkenntlich, ich möchte fast sagen, zu ätherisch. Das an so arge Vergröberungen gewöhnte Auge kann sie ebendeshalb zu keinem Charakterbilde zusammenfassen. Die jetzige literarische Welt, unbekümmert um richtige Zeichnung und Charakter, will durchaus mit einem reichergiebigen Farbenquast bedient sein!“ „Das hat der Alte gut und recht aufgefaßt!“, äußerte Goethe bei diesen Worten. „Indes“, nahm ich die Rede wieder von neuem auf und fuhr fort: „Herder wünschte nichts angelegentlicher als die Beendigung eines Werkes, das er eben wegen seiner Einfalt und Zartheit und der Perlenebne seiner Diktion, wie er es nannte, mit keinem jener Produkte vertauschen möchte, die, in Farben schwimmend, die Ungewißheit ihrer Umrisse nur allzu oft durch ein glänzendes Kolorit verbergen.“

Goethe meinte hierauf, er wollte selbst, es wäre so und Herders Wunsch damals in Erfüllung übergegangen; „nun aber“, wie er sogleich hinzusetzte, „es ist für uns beide zu spät. Ich werde dieses Gedicht so wenig vollenden, als es Herder jemals lesen wird.“

Unbemerkt lenkte sich das Gespräch von hier aus wieder auf Wieland, „dem“, wie Goethe bemerkte, „es allein gegeben war, dem Publikum teilweise seine Werke im ,Deutschen Merkur" vorzulegen, ohne daß er durch die verkehrten Urteile der Menge, mit denen er sich dadurch in Berührung setzte, je die Freude an seiner Arbeit verlor. Er änderte sich auch wohl dem Publikum zu Gefallen ab, welches ich da, wo das Werk aus einem Gusse ist, am wenigsten gutheißen kann. Um uns der trüben Gedanken in diesen Tagen zu entheben, haben wir kürzlich wieder den ,Pervonte‘ zur Hand genommen. Die Plastik, der Mutwille dieses Gedichtes sind einzig, musterhaft, ja völlig unschätzbar. In diesem und ähnlichen Produkten ist es seine eigentliche Natur, ich möchte sogar sagen, aufs allerbeste, was uns Vergnügen macht. Der unvergleichliche Humor, den er besaß, war, sobald er über ihn kam, von einer solchen Ausgelassenheit, daß er mit seinem Herrn und Gebieter hinging, wohin er nur wollte. Mochte sich derselbe über Sittenlehre, Welt und geselligen Anstand tausenderlei weismachen und sich und ändern seinesgleichen unverbrüchliche Regeln und Gesetze darüber in Menge vorschreiben, sie wurden alle nicht gehalten, sobald er ins Feuer oder vielmehr, sobald das Feuer über ihn kam. Und da war er eben recht und das, was er immer hätte sein sollen, eine schöne, höchst anmutige Natur. Ich erinnere mich noch der Vorlesung eines der ersten Märchen aus ,Tausend und eine Nacht", das er in Versen bearbeitete und worin das ,Fische! Fische! tut ihr eure Pflicht" vorkommt. In diesem ersten Entwürfe war alles so kurios, so allerliebst toll, närrisch, phantastisch, daß ich auch nicht die Änderung der kleinsten Zeile davon mir würde gestattet haben. Wie sollte das aber Wieland über sein Herz bringen, der Kritik, womit er sich und andere sein lebelang plagte, ein solches Opfer darzubringen? In der rechten Ausgabe mußte das Tolle verständig, das Närrische klug, das Berauschte nüchtern werden. Ich möchte Sie wohl aufmuntern, dergleichen Gedichte wie ,Pervonte‘ und andere öfters in Gesellschaft vorzulesen. Es fordert indessen einige Vorbereitung. Wielands Verse wollen mit einer prächtigen Lebendigkeit vorgetragen sein, wenn man sich einer augenblicklichen Wirkung davon versichern will. Es ist ein unvergleichliches Naturell, was in ihm vorherrscht. Alles Fluß, alles Geist, alles Geschmack! Eine heitere Ebene ohne den geringsten Anstoß, wodurch sich die Ader eines komischen Witzes nach allen Richtungen ergießt und je nachdem die Kapricen sind, wovon sein Genius befallen wird, auch sogar seinen eigenen Urheber nicht verschont. Keine, auch nicht die entfernteste Spur von jener bedachtsam mühseligen Technik, die einem die besten Ideen und Gefühle durch einen verkünstelten Vorhang zuwidermacht oder wohl gar auf immer verleidet. Ebendiese hohe Natürlichkeit ist der Grund, warum ich den Shakespeare, wenn ich mich wahrhaft ergetzen will, jedes Mal in der Wielandschen Übersetzung lese. Den Reim behandelte Wieland mit einer großen Meisterschaft. Ich glaube, wenn man ihm einen ganzen Setzkasten voll Wörter auf sein Schreibepult hingeworfen hätte, er wäre damit zu Rande gekommen, sie zu einem lieblichen Gedichte zu ordnen. Von der neuen Schule und der Ansicht, womit sie sich Wieland und seinen Schriften gegenüberstellte und seinen wohlverdienten, vieljährigen Ruhm dadurch in Schatten zu bringen hoffte, möchte ich lieber ganz geschwiegen haben. Sie hatten es freilich so übel nicht vor; sie wollten einen falschen Enthusiasmus auf die Bahn bringen, und dabei mußte ihnen freilich Wielands Verspottung alles Enthusiastischen sehr ungelegen in den Weg kommen. Laßt aber nur ein paar Jahrzehnte vergangen sein, so wird aller dieser Schattenseiten, die man so geflissentlich in Wieland aufzudecken suchte, nur sehr wenig gedacht werden; er selber aber wird als humoristischer, geschmackvoller Dichter denjenigen heitern Platz im Jahrhunderte behaupten, worauf er von Natur die gerechtesten Ansprüche besitzt. Selbst eine ursprünglich enthusiastische Natur, wie sich aus den "Sympathien eines Christen" sowie aus einigen andern Jugendprodukten Wielands zur Genüge abnehmen läßt, lebte er gleichsam in beständiger Furcht vor einem Rückfalle und hatte sich dagegen die verständige Kritik als Präservativ verschrieben. Schon die oftmalige Rückkehr zu den nämlichen Gegenständen seines Spottes erweist die Behauptung. Die höhern Anforderungen seiner Seele wollen sich einmal nicht abweisen lassen, und es trifft sich recht oft, wo er den Platonismus oder irgendeine andere sogenannte Schwärmerei verspotten will, daß er beide recht schön, ja mit der Glut einer liebenswürdigen Begeisterung darstellt. Alles unterwarf er dem Verstände und besonders einem ihrer Lieblingszweige, der Kritik. Auf diesem Wege gelangt man freilich zu keinem Resultate. Dies sieht man deutlich auch an Wielands letztem Werke, den von ihm übersetzten Briefen des Cicero. Dieselben enthalten die höchste Verdeutlichung des damaligen Zustandes der Welt, die sich zwischen den Anhängern des Cäsar und Brutus geteilt hatte. Sie lesen sich mit derselben Frische wie eine Zeitung aus Rom, indes sie uns über die Hauptsache, worauf eigentlich alles ankommt, in völliger Ungewißheit lassen. Das macht, es war Wieland in allen Stücken weniger um einen festen Standpunkt als um eine geistreiche Debatte zu tun. Zuweilen berichtigt er den Text in einer Note; würde es aber auch nicht übel nehmen, wenn jemand aufträte und wieder durch eine neue Note seine Note berichtigte. Übrigens muß man Wieland deswegen nicht gram werden; denn gerade diese Unentschiedenheit ist es, welche den Scherz zulässig macht, indes der Ernst immer nur eine Seite umfaßt und an dieser mit Ausschließung aller heitern Nebenbeziehungen festhält. Die besten und anmutigsten seiner Produkte sind auf diesem Wege entstanden und würden ohne diese seine Launenhaftigkeit gar nicht einmal dankbar sein. Dieselbe Eigenschaft, die ihn in der Prosa zuweilen beschwerlich macht, ist es, die ihn in der Poesie höchst liebenswürdig erscheinen läßt. Charaktere, wie Musarion, haben ihre ganz eigentümliche Liebenswürdigkeit auf ebendiesem Wege erhalten.“

Als Goethe hörte, daß ich gestern Wieland im Tode gesehn und mir dadurch einen schlimmen Abend und eine noch schlimmere Nacht bereitet hatte, wurde ich darüber tüchtig von ihm ausgescholten.

„Warum“, sagte er, „soll ich mir die lieblichen Eindrücke von den Gesichtszügen meiner Freunde und Freundinnen durch die Entstellungen einer Maske zerstören lassen? Es wird ja dadurch etwas Fremdartiges, ja völlig Unwahres meiner Einbildungskraft aufgedrungen. Ich habe mich wohl in acht genommen, weder Herder, Schiller noch die verwitwete Frau Herzogin Amalia im Sarge zu sehen. Der Tod ist ein sehr mittelmäßiger Portraitmaler. Ich meinerseits will ein seelenvolleres Bild als seine Masken von meinen sämtlichen Freunden im Gedächtnis aufbewahren. Also bitte ich es Euch, wenn es dahin kommen sollte, auch einmal mit mir zu halten. Auch will ich es nicht verhehlen, eben das ist es, was mir an Schillers Hingang so ausnehmend gefällt. Unangemeldet und ohne Aufsehen zu machen, kam er nach Weimar, und ohne Aufsehen zu machen, ist er auch wieder von hinnen gegangen. Die Paraden im Tode sind nicht das, was ich liebe. Zwar ist das Aufstellen der Leichen eine uralte, gute Gewohnheit und sogar nötig fürs Volk und die öffentliche Sicherheit. Es beruht etwas darauf für die Gesellschaft, nicht nur, daß man weiß, daß ein Mensch, sondern auch wie er gestorben ist. Deshalb, daß man überhaupt stirbt, läßt sich niemand ein graues Haar wachsen; aber jedem von uns muß daran gelegen sein, daß kein Leben früher, als der Naturlauf es gebietet, sei es von geldgierigen Erben oder auf eine andere, jedes Mal unbeliebige Weise, den Kreisen, worin es sich bewegt, unterschlagen werde.“

Mitten in dieser Unterhaltung war August von Goethe hereingetreten, der heute seines Vaters Stelle versehen und Wielands Begräbnisse zu Oßmannstedt in seinem Namen und Aufträge mit beigewohnt hatte. Aus seinem Munde vernahmen wir sogleich nähere Umstände dieser Bestattung.

Goethe lobte die getroffenen Einrichtungen; besonders auch, daß einige von der Regierung, andere von der Kammer, gleichsam aus der Mitte beider Kollegien, bei dieser Feierlichkeiten zugegen gewesen waren. „Es ist die letzte Ehre“, fügte er hinzu, „die wir ihm und uns selbst zu erzeigen imstande sind. Allemal zeugt es von einem würdigen Sinne, wenn man solche Anlässe gehörig benutzt; und wenn sonst nichts, so legen wir dadurch vor der Welt wenigstens ein Zeugnis ab, daß wir nicht unwert sind, ein so seltenes Talent eine lange Reihe von Jahren hindurch in unserer Mitte besessen zu haben.“ Sein Sohn mußte ihm darauf die Begräbnisstelle, den Ort im Garten, den Stein, alles aufs genauste bezeichnen. Auch vernahm er es nicht ungern, daß über fünfhundert Menschen aus den umliegenden Dörfern sich heute unaufgefordert bei Wielands Grabe eingefunden hatten.


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