> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Charakter des Erdgeistes oder Mikrokosmus im Faust. (27)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Charakter des Erdgeistes oder Mikrokosmus im Faust. (27)






9.

Charakter des Erdgeistes oder Mikrokosmus im Faust.

Die Magie des Lichts ist an Faust als eine unkörperliche Wirkung vorübergegangen. Eine leise Abweisung entfernte ihn von diesem Reiche, ja wurde für ihn immer fühlbarer, jemehr er sich dessen Ganzem näherte. Deshalb will er es nun mit dem kräftig aufstrebenden Erdgeiste versuchen. Dieser erscheint ihm denn auch wirklich, redet ihn aber, halbmürrisch darüber, das ihn, den Riesenhaften, schrecklich und lieblich Gestaltenden, so ein Zwerg aus seiner Ruhe aufgestört, mit folgenden Worten an:

Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Spähre lang gesogen;

was ungefähr so viel heißen mag, als: Qua Wissenschaftskrämer und Wunderdoktor hast du lange genug in allen Büchsen und Schachteln der Natur gekramt. Nach den Resultaten, die du dadurch hervorgebracht, sieh dich selbst um, sie sind Null! Wüßt' ich dies noch nicht, so müßte es mir doch jetzt klar werden, da ich dir selbst persönlich erscheine, durch den Eindruck, den ich als Geist auf dich mache.

Welch erbärmlich Grauen Faßt,
Übermenschen, dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, deß Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenstiefen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!

Faust ermuthigt sich zwar etwas und gibt dem Stolzen zur Antwort:

Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deines Gleichen.

Aber nun läßt der Erdgeist sein ganzes Riesenbild vor den Augen Faust's hervortreten und wirft den armen Schwarzkünstler dadurch auf den ganz gewöhnlichen Standpunkt eines beschränkten Individuums zurück. Das gewaltige und vielgestaltete Erduniversum selbst; jener Brennpunkt aller Erscheinungen, der zugleich Meer, Berg, Sturmwind, Erdbeben, Tiger, Löwe, Lamm, Homer, Phidias, Rafael, Newton, Mozart und Apelles, mit einem Worte, die größte tierische Beschränkung, und doch zugleich, wo nicht das Licht selbst, doch die höchst Annäherung zum Lichte in sich enthält: wem sollte es, wie, wo und wann es je persönlich erschiene, nicht Zagen, Furcht und Entsetzen einflößen? Ist dieser ungeheuere Standpunkt für die Betrachtung einmal gewonnen, so verschwindet freilich ein Individuum, wie Faust, gerade ebenso unscheinbar in demselben, wie ein Tropfen Wasser in einem vorüberrauschenden Meere. Tausend Millionen mehr oder minder, darnach wird wenig in so riesig schwindelndem Kreislauf gefragt:

Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben;
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Auf diese stolze Belehrung fällt Faust so tief in sich hinein, daß er sich kaum auf den Zuruf: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!“ noch mit den ermahnenden Worten: „Nicht einmal dir?“ wieder herausfinden kann. Um sein Herzeleid vollständig zu machen, schickt ihm der Humor des Mikrokosmus in diesem nämlichen Augenblicke den vertrockneten Schleicher und Bücherfamulus Wagner, diesen seligen Reflex von Leinwand und Papier, in sein Zimmer. Dies könnte von einer gewissen Seite zwar hart und ungerecht erscheinen, ist aber doch wieder recht, aus einem höhern Gesichtspunkte, nämlich aus dem einer Studirlampe betrachtet, um uns selbst das verfehlte Streben Faust's in dieser Beleuchtung ehrwürdig zu machen. Wagner versteht auch nicht ein einziges Wort von dem höhern Drange und dem innern Verlangen Faust's, sondern träumt den seligen Traum seiner todten Büchergelehrsamkeit durch alle Repositorien der Vorwelt gründlich fort. Den Götterfunken seiner bessern Seele aus diesem todten Bücherkrame herauszugraben, das ist eine Aufgabe, woran selbst ein Faust verzweifeln muß. Deshalb kann er ihn nur bemitleiden, oder ihn höchstens unter sein psychologisches Mikroskop nehmen, wie der Ausruf beweist:

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!

In der Tat, wären dem herrlich urkräftigen Faust die alten Pulte seines Studirzimmers, die angeräucherten Papiere und Pergamente desselben nicht schon verhaßt genug, dieser Wagner allein würde die Aufgabe, sie ihm zu verekeln, glücklich vollenden. So erfaßt ihn denn zuletzt ein gänzlicher Lebensüberdruß, ein Unmut, der ihn bald genug bis an die Grenze des Selbstmordes führt, den er sich trügerisch unter Form einer Befreiung von den Schranken des Individuums, sowie eines Überganges in die schaffenden Wirkungen des höhern Universums vorspiegelt. So gefährlich ist seine Stimmung, daß diese traurige Erschöpfung aller Kraft ihm als die höchste Anstrengung derselben vorkommt:

Hier ist es Zeit durch Taten zu beweisen,
Daß Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht;
Vor jener dunklen Höhle nicht zu beben,
In die sich Phantasie zu eigner Qual verdammt;
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;
Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen,
Und wär' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zufließen.


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