> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Von natürlichen Zaubertränken und deren Wirkung im Volke. (43)

2015-06-09

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Von natürlichen Zaubertränken und deren Wirkung im Volke. (43)




25.

Von natürlichen Zaubertränken 
und deren Wirkung im Volke.

Auerbach's Weinkeller.

Mephistopheles (mit seltsamen Geberden).

Trauben trägt der Weinstock,
Hörner der Ziegenbock;
Der Wein ist saftig, Holz die Reben,
Der hölzerne Tisch kann Wein auch geben;
Ein tiefer Blick in die Natur,
Hier ist ein Wunder, glaubet nur.

Hier spielt derselbe Humor des Dichters wie auf dem Blocksberge, wo er eine so tiefe und lebensvolle Ansicht der Natur entwickelt, daß dieselbe den gemeinen Augen völlig wie Zauberei erscheint und besonders die Aufklärer, die gern den Geist mit Händen greifen oder mit der Elle ausmessen wollen, in die größte Verlegenheit setzt.

Der Wein ist saftig, Holz die Reben,
Der hölzerne Tisch kann Wein auch geben;

Völlig, wie wenn die Hexen um Walpurgis auf einem vertrockneten Besenstiel zum alten Zauberberge reiten, was denn doch wol keine andere und tiefere Deutung zuläßt, als die urkundliche, daß dem allgemein erwachenden Leben der Natur, besonders dem Alles verjüngenden Frühlinge, es eigen ist, daß jeder Stock und jedes vertrocknete Reisig, zauberisch von ihm angerührt, in Verbindung mit Morgen-und Abendrot, sein groben Hüllen schmelzen und eine Pfirsich, eine Rose oder eine Traube werden kann. Wem keine Ahnung von diesem innern gewaltigen Naturleben selbst da nicht aufgegangen ist, wo er Goethe's Gartengespräche, dessen Unterhaltung mit Cocons und Schlangen (... s.o. ..) gelesen hat, der vermesse sich nur nicht, so einen sittlich schönen Standpunkt er auch übrigens in der Welt einnehmen mag, über Goethe's Verdienst im Ganzen ein gerechtes Urteil zu fällen. Die Anerkennung Goethe's oder vielmehr dessen gehörige Würdigung hängt noch von ganz andern Dingen ab. Doch unsere Gesellschaft in Auerbach's Keller ist indessen sehr laut geworden. Man höre nur, wie kräftig der gergesen'sche Rundgesang klingt, den die Handwerksburschen soeben anheben:

Uns ist ganz kannibalisch wohl,
Als wie fünfhundert Säuen!

Hier zeigt der Teufel dem Faust die eigentlichen Pforten des Volksparadieses auf Erden und wie wohl es seiner Gemeinheit in diesem sinnlichen Treiben ist. Im Prologe trug er sogar in der Mitte himmlischer Heerschaaren Gott den bescheidenen Wunsch vor: dem Menschen jenen kleinen Bruch von Vernunft lieber zu nehmen, um ihn, mit Beseitigung aller geistigen Ansprüche, seinen rechten Standpunkt in der Tierwelt einnehmen zu lassen. Hier zeigt sich nun dieses mephistophelische Glückseligkeitssystem in seiner schönsten Anwendung. Übrigens sind diese auerbach'schen Gergesener, wie man sieht, von den wirklichen Gergesenern himmelweit unterschieden. Dort stürzt sich der Teufel in fünfhundert Säue, die den widerwärtigen Gast freilich aufzunehmen gezwungen sind. Hier ist der Fall völlig umgekehrt, und vier oder fünf Handwerksburschen fodern den Teufel an der Spitze von fünfhundert Säuen heraus, sich in sie zu stürzen. Ja, sie versichern uns sogar, daß dies bereits geschehen ist, und daß sie fünfhundert Gergesener in ihrem Leibe hätten, ohne sich dadurch im geringsten belästigt zu fühlen; im Gegentheile, daß ihnen recht kannibalisch wohl dabei zu Muthe wäre. Diese grobe Bestialität widersteht denn freilich dem Faust, obgleich er den Schlingen einer verfeinerten Sinnlichkeit, wie so viele Menschen, in der Folge dennoch nicht auszuweichen im Stande ist. Sehr humoristisch sind auch vom Dichter die gewöhnlichen Folgen eines Weinrausches, ganz im Sinne des Volkes, das jeden Stoff zu Wundern verarbeitet, feenhaft dargestellt. Sie sehen doppelt, halten ihre eigenen Nasen für Weintrauben und wollen sich dieselben vom Kopfe herunterschneiden.

Mephistopheles (mit ernsthafter Geberde).

Falsch Gebild' und Wort
Verändern Sinn und Ort!
Seid hier und dort! -

(Sie stehen erstaunt und sehen einander an.)

Altmayer.

Wo bin ich? Welches schöne Land?

Frosch.

Weinberge! Seh' ich recht?

Siebel.

Und Trauben gleich zur Hand

Brander.

Hier unter diesem grünen Laube,
Seht, welch ein Stock! Seht, welche Traube!

(Er faßt Siebeln bei der Nase. Die Andern thun es wechselseitig und heben die Messer.)

Könnten sie doch nur dem Geiste des Weines auf die Spur kommen, oder ihn, wie es Aller Wunsch und Verlangen ist, mit Händen greifen, sogleich würde es heißen:

Stoßt zu! der Kerl ist vogelfrei!

Aber eben da liegt der Knoten, und Mephistopheles steht vor dem Fasse. Altmayer dagegen beklagt sich, daß es ihm bleischwer in den Füßen liege, was freilich unter solchen Umständen durchaus nicht mit rechten Dingen zugehen kann; irgend Jemand hat es ihm notwendig angetan. Von innewohnenden geheimen Kräften der Natur will das Volk durchause nichts wissen, sondern verkörpert Alles, was ihm an diesen Grenzen aufstößt, in Hexen und Gespenster. Diese mit ihrem siegreichen Lichte zu verscheuchen, ist freilich für die Aufklärung keine sehr verwickelte Aufgabe; wo sie aber tiefer in das wundervolle Fundament der Natur selbst gerät und dieses antastet, muß sie alsbald einsehen lernen, daß sie zwar die Hülle des Wunders, aber keineswegs das Wunder selbst zerstören kann. -


Inhaltsverzeichnis                         


Keine Kommentare: