> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Vom Handeln in Gott; oder Fortsetzung der Lehre von der echten Magie.(28)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Vom Handeln in Gott; oder Fortsetzung der Lehre von der echten Magie.(28)





10.

Vom Handeln in Gott; oder Fortsetzung der Lehre von der echten Magie.

In diesem Augenblicke aber, wo Faust die Phiole herunternimmt und das Gift trinken will, ertönt die Kunde Dessen, was ihn allein von dem schauerlichen Abgrunde, dem er so geflissentlich zueilt, zu erretten im Stande wäre. Der alte ehrwürdige Ostergesang ruft den wild alle Ziele überspringenden Geist zu den Pflichten der Menschheit, von dem Meere des Todes, worauf er sich einschiffen will, wieder zurück. Wie ein Pharus erinnern ihn diese Töne an die fromme Sage seiner Kindheit: daß der Mensch hier im Lande der Schmerzen und der Prüfungen sei und ebendeshalb auch kein Recht habe, die Pforten sich selbst willkürlich aufzuschließen; es handele sich vielmehr darum, diese schmerzliche Aufgabe treu, nach dem Vorbilde des großen Meisters, zu lösen und eben dadurch auch würdig zu werden. Den Weg, worauf man dahin gelangen kann, schildern die Worte:

Tätig ihn preisenden,
Liebe beweisenden,
Brüderlich speisenden,
Predigend reisenden,
Wonne verheißenden,
Euch ist der Meister nah,
Euch ist der da!

Gerade also der rettenden Hauptpunkt, der das verfehlte Streben Faust's im Innersten berührt, ist hier durch ein schmerzgetrübtes, aber in Gott geheiligtes Leben zur Nachahmung bezeichnet. Nicht in die äußere Natur, wie Faust so gern möchte, sondern in seine eigene, innere sittliche Natur soll der Mensch einkehren und schaffen. Hier allein ist ihm ein Kreis von neuen Geburten eröffnet, deren Wesen die durch höhere Menschenkräfte oft so heilig umgestaltete Weltgeschichte sorgfältig aufbewahrt. Die rechte Magie besteht darin, daß der Mensch reinen Herzens ist, daß er an seine Vorsehung glaubt und sich ihr als Werkzeug willig da hingibt. Will der Mensch, was Gott will (und das will er, sofern er reinen Herzens ist), so ist auch eine Wagenburg der Engel um ihn geschlagen, gegen welche die Wagenburg der Welt mit allen ihren Schrecknissen nichts ausrichten kann. Geh hin und übe dies Evangelium des großen Meisters! scheinen die Osterglocken dem verirrten Faust unaufhörlich zuzurufen; und sei alsdann gewiß, der Friede und die Unschuld aus den Jahren deiner Kindheit werden in deinen zerrissenen Busen aufs Neue wieder einkehren! Aber für den überklugen Faust geht leider dieser Zuruf verloren, er seufzt daher so tief und schmerzlich:

Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Seiner Hand entsinkt zwar die Phiole mit Gift, aber die unselig einseitige Richtung seines Geistes, in verbotenen Schöpfungskreisen zu stören, wirbelt ihn stürmisch fort und führt ihn so in alle die verborgenen dunkeln Irrgänge menschlicher Leidenschaft, in welche wir ihn künftig weiter zu begleiten veranlasst sind.



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