> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Wagner's selbstzufriedene Bücherweisheit, im Contrast mit Faust's Unruhe. (33)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Wagner's selbstzufriedene Bücherweisheit, im Contrast mit Faust's Unruhe. (33)




15.

Wagner's selbstzufriedene Bücherweisheit, im Contrast mit Faust's Unruhe.

Wie weit ist doch Wagner von aller dieser Sehnsucht und Unruhe entfernt! Volle Bücherschränke und dabei ein leerer Kopf, ein leeres, mit Titeln eitler Ruhmsucht ausgefülltes Herz, wie es sich im folgenden Gespräch mit Faust so treffend darlegt, zeigen deutlich an, daß der Famulus und sein Professor auf zwei völlig verschiedenen Welten gegenüberstehen.

Welch ein Gefühl mußt Du, o großer Mann!
Bei der Verehrung dieser Menge haben!
O glücklich! wer von seinen Gaben
Solch einen Vorteil ziehen kann!
Der Vater zeigt Dich seinem Knaben,
Ein Jeder fragt und drängt und eilt,
Die Fiedel stockt, der Tänzer weilt.
Du gehst, in Reihen stehen sie,
Die Mützen fliegen in die Höh',
Und wenig fehlt, so beugen sie die Knie,
Als käm' das Venerabile.

Nur daß alles dieses den Faust gar wenig berührt, der früher nebst seinem Vater in dieser Gegend unter den Bauern gedoctert oder, wie er es nennt vergiftet hatte. Auch hier verwirft sein alle Schranken überspringender Geist das rechte Maß, und weil er als Arzt nicht Todte erwecken kann, so
ist ihm die ganze Arzneikunst ein Greuel und Abscheu geworden. Selbst der edle Trieb zur Aufopferung für seine Mitbrüder in der Pest, jener heilige Ernst, womit er damals Gott zwischen einsamen Felsen und Bergen auf seinen Knien um die Abwendung dieses Übels anflehte und das Seinige redlich dazu beitrug, erscheint ihm jetzt als eine neue Art von Beschränkung. Wie aber, auch dem alten Sprüchworte, Kinder doch wohl zuweilen die Wahrheit reden, bemerkt Wagner hierbei ganz richtig:

Wie könnt ich Euch darum betrüben?
Thut nicht ein braver Mann genug,
Die Kunst, die man ihm übertrug,
Gewissenhaft und pünktlich auszuüben.
Wenn Du als Jüngling Deinen Vater ehrst,
So wirst Du gern von ihm empfangen;
Wenn du als Mann die Wissenschaft vermehrst,
So kann Dein Sohn zu höherm Ziel gelangen.

Aber Faust hört ihn nicht und nimmt aufs Neue einen Schwung, der ihn der Erde entreißt. Wie eine Sage seliger Vorzeit steigt wieder jene uralte Liebessehnsucht in ihm auf, vermöge deren er, gleichsam mit der scheidenden Sonne Eins, in das Universum übergehen und darin zerfließen möchte.

Betrachte, wie die Abendsonneglut
Die grünumgebnen Hütten schimmern.
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.
O daß kein Flügel mich vom Boden hebt,
Ihr nach und immer nach zu streben!
Ich säh' im ewigen Abendstral
Die stille Welt zu meinen Füßen,
Entzündet alle Höh'n, beruhigt jedes Thal,
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
Schon thut das Meer sich mit erwärmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.
Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;
Allein der neue Trieb erwacht;
Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken,
Vor mir den Tag, und hinter mir die Nacht,
Den Himmel über mir, und unter mir die Wellen.
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.
Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.

Wagner meint: das sei auch eben nicht sehr nothwendig; wir könnten uns durch die Bücherwelt schon hoch genug aufschwingen und brauchten dazu keiner Sonnenpferde.Und ach! entrollst Du gar ein würdig Pergamen, So steigt der ganze Himmel zu Dir nieder.


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