> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: 10. Goethe und Kotzebue (16)

2015-06-07

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: 10. Goethe und Kotzebue (16)



10. Goethe und Kotzebue

In einem Gespräche über Literatur kam auch die Rede auf Kotzebue und dessen „Merkwürdigstes Lebensjahr“. Abgesehen von den Abenteuern der Reise und dem harten Schicksale des Mannes, das Teilnahme fordere und verdiene, sei es, wie Goethe versicherte, kaum möglich, bei einem von allen Seiten so reich vorliegenden Stoffe etwas an sich Gehaltloseres zutage zu fördern. „Ich bin gewiß, wenn einer von uns im Frühling über die Wiesen von Oberweimar herauf nach Belvedere geht, daß ihm tausendmal Merkwürdiges in der Natur zum Wiedererzählen oder zum Aufzeichnen in sein Tagebuch begegnet, als dem Kotzebue auf seiner ganzen Reise bis ans Ende der Welt zugestoßen ist. Und das macht bloß, weil er von Natur nicht vermögend ist, aus sich und seinem Zustande heraus in irgendeine tiefere Betrachtung einzugehen. Kommt er wohin, so läßt ihn Himmel und Erde, Luft und Wasser, Tier- und Pflanzenreich völlig unbekümmert. Überall findet er nur sich selbst, sein Wirken und sein Treiben wieder; und wenn es in Tobolsk wäre, so ist man gewiß damit beschäftigt, entweder seine Stücke zu übersetzen, einzustudieren, zu spielen oder wenigstens eine Probe davon zu halten.

Kotzebue hat gegen sein ausgezeichnetes Talent für alles, was Technik betrifft. Nach Verlauf von hundert Jahren wird sich’s schon zeigen, daß mit Kotzebue wirklich eine Form geboren wurde. Schade nur, daß durchaus Charakter und Gehalt mangelt. Vor wenig Wochen habe ich seinen ,Verbannten Amor" gesehen, und diese Vorstellung hat mir ein besonderes Vergnügen gemacht. Das Stück ist mehr als geistvoll, es sind sogar Züge von Genie darin. Dasselbe gilt von den ,Beiden Klingsbergen", die ich für eine seiner gelungensten dramatischen Arbeiten halte; wie ihm denn überhaupt die Darstellung der Libertinage weit besser als die einer schönen Natur zu glücken pflegt. Die Verderbtheit der höhern Stände ist das Element, worin Kotzebue sich selbst übertrifft. Auch seine, Korsen" sind mit großem Geschicke gearbeitet, und die Handlung ist wie aus einem Guß. Sie sind beim Publikum beliebt, und das mit völligem rechte. Versteht sich, daß man nach dem Inhalte, wie immer, nicht besonders fragen darf. Übrigens sind technische Vorzüge dieser Art bei uns Deutschen noch keineswegs so häufig, daß man sie nicht in Anschlag bringen oder gar verächtlich darüber wegsehen sollte. Könnte Kotzebue sich innerhalb des ihm von Natur angewiesenen Kreises halten, so würde ich der erste sein, der ihn gegen ungerechte Vorwürfe in Schutz nähme -wir haben kein Recht, irgend jemandem Dinge abzufordern, die er von Natur aus nicht zu leisten imstande ist -; aber so mischt er sich in tausend Dinge, wovon er kein Wort versteht. Er will die Oberflächlichkeit eines Weltmannes in die Wissenschaften übertragen, was die Deutschen, und zwar mit Recht, für etwas völlig Unerlaubtes zu halten pflegen. Indes, auch diese Unart möchte ihm noch hingehen, wenn er nur nicht dabei in eine fast unerhörte Eitelkeit verfiele. Ob diese oder die Naivität, womit er sie an den Tag legt, größer ist, will ich nicht untersuchen. Er kann nun einmal nichts Berühmtes um, über oder neben sich leiden, und wenn es ein Land, und wenn es eine Stadt, und wenn es eine Statue wäre. In seiner ,Reise nach Italien" hat er dem Laokoon, der Mediceischen Venus und den armen Italienern selbst alles nur erdenkliche Böse nachgesagt. Ich bin gewiß, besonders was Italien betrifft, er hätte es weit leidlicher gefunden, wenn es nur nicht vor ihm so berühmt gewesen wäre. Aber da sitzt der Knoten! Zur Hälfte ist er ein Schelm, zur andern Hälfte aber, besonders da, wo es die Philosophie oder die Kunst betrifft, ist er ehrlich genug, kann aber nichts dafür, daß er sich und andern, wo davon die Rede ist, jedes Mal, und zwar mit dem erheblichsten Anstande, irgend etwas weismacht.“

Hier möchte wohl der Ort sein, eine kleine Geschichte einzuschalten, die an der nachmaligen Entstehung des „Freimütigen“ keinen unbedeutenden Anteil hat. Wir wollen dieselbe nach einem Bonmot, das sich Goethe über Kotzebue erlaubte und das, diesem sogleich hinterbracht, zu dieser ganzen an sich höchst ergetzlichen Verwirrung den Grund legte, als Kotzebues „Aufenthalt am geistlichen Hofe zu Japan“ etwas ausführlicher erzählen.

Es geschah fast um dieselbe Zeit, wo Kotzebue zu Weimar eintraf, daß eine Gesellschaft von erlesenen Männern und Frauen wöchentlich in Goethes Hause auf dem Plane am Frauentore eine Zusammenkunft hielt und so einen der geistreichsten Zirkel in der kleinen Residenz bildete. Außer Schiller, Goethe und Meyer zählte dieser Abendzirkel meist nur weibliche Mitglieder. Zur besondern Zierde gereichten ihm die Gräfin und Hofmarschallin von E., das Hoffräulein von J-n, Fräulein von W., Frau von Schiller, Frau von Wolzogen und Amalie von Imhoff. Schon aus den Elementen dieser Zusammensetzung kann man abnehmen, daß die zarte Anmut weiblicher Sitte ebenso sehr als Vorzüge des Geistes das eigentliche Wesen dieses feinen geselligen Vereins ausmachten. Dazu kam, da die Damen die bei weitem größere Anzahl bildeten, daß auch das Romantische in den Statuten, denen man sich unterwarf, auf alle Weise vorwaltete. Demzufolge mußte sich jeder Ritter eine der anwesenden Damen zum Fräulein erwählen, deren Dienst er sich ausschließlich widmete und ihr alle jene zarten Huldigungen von Liebe und Treue darbrachte, welche die Ritterpflicht in solchen Fällen jedem wackern Rittersmanne auferlegt. Goethen hatten Neigung, frühere Wahl und gegenseitiges Wohlwollen die ebenso liebenswürdige als schöne und geistreiche Gräfin von E. zugeführt.

Es versteht sich von selbst, da die Ritter und alten Sänger der Wartburg gleichsam aufs neue in diesem Zirkel an der Ilm auflebten, daß auch jeder die Vorzüge seiner Dame besingen mußte, welches Goethe besonders nicht außerordentlich schwer fallen konnte. Das schöne herzvolle Lied von ihm, worin eine klagende Zärtlichkeit waltet und die stille Empfindung einsamer Berge gleichsam aus jedem Laute wiederhallt: „Da droben auf jenem Berge“, soll, wie man sagt, diesem Zirkel seine Entstehung verdanken. Doch streiten sich, wie einst die sieben Städte um Homer, noch Jena und Weimar um die Ehre, wem dieser Vorzug eigentlich gebührt, wie wir sogleich melden wollen. Soviel ist nämlich gewiß, daß Goethe diese anmutige Kleinigkeit eines Abends in jenen Zirkel brachte und sie, als ein treuer Ritter, seiner Dame, der Gräfin von E., ehrerbietig zu Füßen legte.

Konnte es sonach wohl begründetere Ansprüche als die unserer Dame auf besagtes Lied geben? Aber was geschah? Eine Weile darauf kommt eine ebenfalls geistreiche Dame von Jena herüber. Goethe war nun freilich auch oft genug in Jena und brachte daselbst besonders gern die ersten Tage des Frühlings zu. Laub, Blüten und mildere Luft stellen sich dort, trotz der unbeträchtlichen Entfernung von Weimar, doch immer um vierzehn Tage früher ein. Gleich der Anfang des Liedes „Da droben auf jenem Berge“, sprach also für seine Entstehung in den Bergen von Jena, da wir leider zu Weimar nur einen Berg, nämlich den hohen Ettersberg, haben, das äußerst romantisch gelegene Jena aber ihrer wohl zwanzig bis dreißig in seinem Umkreise zählt. Noch nicht genug. Jene geistreiche Dame von Jena kommt nicht nur nach Weimar herüber, sondern besucht auch, durch eine wunderbare Verkettung von Umständen, die Gräfin von E. Bald lenkt sich das Gespräch auf Goethe, seine Vorliebe für Jena, wie er so gern dort verweilt und sich besonders auch im Hause dieser Dame äußerst wohl gefällt.

„So haben wir uns unter anderm“, fährt die vermeintlich oder wirklich Begünstigte in ihrer Erzählung fort, „auch zur Entstehung eines Liedes Glück zu wünschen, das gewiß zu den schönsten, unschuldigsten und anmutigsten gehört, die je der Seele eines Dichters entflossen sind.“ Die Gräfin von E. wird natürlich durch den Inhalt dieser Erzählung gespannt und will wissen, wie das Lied heißt.

Da, wie wenn ein Donnerschlag hoch von den Bergen aus blauer Luft und bei heiterm Himmel herunterfällt, erhält sie die Antwort: „Da droben auf jenem Berge“.

Doch als eine Dame von feiner Welt faßt sie sich bald genug. Sie eilt aber mit dieser Entdeckung sogleich zu ihrem Ungetreuen, überhäuft ihn mit den liebenswürdigen Vorwürfen, bedroht ihn mit einer förmlichen Anklage nach den strengen Gesetzen des von ihm selbst beliebten Cour d'amour, der ihm ausdrücklich untersage, seine Huldigungen mehr als einer Dame darzubringen, besonders aber rügt sie, was Goethe als Dichter am empfindlichsten treffen mußte, den Mangel an Erfindungskraft, sich im ritterlichen Umgange ihres Geschlechtes eines und desselben Liebesbriefes gleichsam zweimal zu bedienen. Goethe bezeigte die größte Reumütigkeit, versprach Besserung und konnte freilich nicht umhin, der Dame seines Herzens in allen diesen Stücken recht zu geben.

Auf solche so höchst anmutige Weise wurden diese Zirkel gehalten und fortgeführt. Bald indes sollten sie einige Störungen erfahren. Herr von Kotzebue war wieder einmal zu Weimar angelangt. Das Fräulein von J-n, Dame am verwitweten Hofe, hatte den Wunsch für Aufnahme desselben in diesen Zirkel auf alle Weise laut werden lassen. So gelang es ihr durch den Einfluß, den sie ausübte, einige andere Mitglieder der Gesellschaft in dies Interesse zu ziehen. Bei so bewandten Umständen, besonders da Schiller und Goethe viel daran lag, das bis dahin bestandene gut Vernehmen der Gesellschaft auch in Zukunft aufrechtzuerhalten, und man das Ungewitter, was aufzog, wenigstens im Geiste schon von weitem erblickte, wurde als neuer Artikel in den Statuten der Zusatz beliebt, daß niemand weder einen Einheimischen noch einen Fremden in diesen geschossenen Zirkel mitbringen sollte, wenigstens nicht ohne vorangegangene allgemeine Zustimmung der übrigen Mitglieder. Daß dies Gesetz ursprünglich gegen Kotzebue gerichtet war, konnte wohl niemanden ein Geheimnis bleiben: Kotzebue aber mußte dies wohl um so empfindlicher vermerken, da in Weimar zu sein und nicht in diesen Zirkel aufgenommen zu werden damals für eine Art von Ehrenpunkt für ihn gelten konnte und Goethe überdem durch ein flüchtiges Bonmot, was Kotzebuen indes bald genug wieder zu Ohren kam, seine Eitelkeit noch mehr gereizt hatte. Es ist nämlich bekannt, daß zu Japan neben dem weltlichen Hofe des Kaisers auch ein geistlicher Hof des Dalai Lama oder Patriarchen besteht, der im stillen oft einen großem Einfluß als jener ausübt. Nun hatte Goethe im Scherze einmal gesagt, es helfe dem Kotzebue zu nichts, daß er an dem weltlichen Hof zu Japan aufgenommen sei, wenn er sich nicht auch zugleich bei dem geistlichen Hofe daselbst einen Zutritt zu verschaffen wisse. Allerdings konnte Goethe damit nichts anderes meinen als jenen Abendzirkel, wo er und Schiller allein den Vorsitz führten. Das hieß denn aber nun freilich bei einer so eiteln, reizbaren Natur, wie die von Kotzebue, Öl ins Feuer schütten. Und so geschah es auch in der Tat, daß er dem in einem augenblicklich genialen Übermute leicht hingeworfenen Worte des großen Mannes eine viel zu ernsthafte Bedeutung unterlegte.

Von nun an faßte er den Entschluß, jenen Zirkel, wo nicht zu sprengen, doch ihm gegenüber einen neuen geistlichen Hof in Japan zu bilden. Selbst ein Dalai Lama oder Patriarch an diesem Orte zu werden, das konnte ihm nicht einfallen, und dazu besaß er auch zu viel Verstand; aber daß man Schiller zum Oberhaupte der deutschen Dichtkunst förmlich ausrief und er sodann bescheiden in den Hintergrund zurücktrat, das konnte doch wohl eine Wirkung hervorbringen, die dem gewünschten Ziele etwas näher führte. Manche zufällige Umstände begünstigten auch überdem dieses Vorhaben, die denn der Urheber des Planes ebenso klug als geschickt auf seine Weise zu benutzen wußte.

Durch eine etwas auf Spitzen gestellte Erklärung Goethes war seit kurzem eine gegenseitige Erkältung zwischen den Herren und Damen jenes Zirkels eingetreten. Weil nämlich die Bittgesuche des weiblichen Teiles der Gesellschaft zur Aufnahme Kotzebues, die bald im Ernst und bald im Scherz wieder in Anregung gebracht wurden, noch immer nicht aufhörten, so wurde Goethe zuletzt auch seinerseits verdrießlich, so daß es sich folgendermaßen hierüber erklärte. Den einmal als gültig anerkannten Gesetzen müsse man wohl treu bleiben; wo nicht, so solle man lieber die ganze Gesellschaft aufgeben, was vielleicht auch um so rätlicher sei, da eine zu lange fortgesetzte Treue für die Damen allerdings etwas Beschwerliches, wo nicht gar Langweiliges mit sich führe.

Wieder ein neues Köhlchen ins Feuer, das denn auch von mehreren Seiten gehörig angeblasen wurde! Die Damen besonders zeigten sich äußerst empfindlich. Eine der schönsten und liebenswürdigsten hatte sich sogar in einer parodisch wallensteinischen Laune gegen Goethe verlauten lassen:

Wenn Seel und Leib sich trennen,
Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnt!

Überdem wurden einer Aufführung der „Jungfrau von Orleans” zu Weimar auf dem dortigen Hoftheater ganz unerwartet einige Hindernisse in den Weg gelegt, so daß Schiller, um dies Stück aufführen zu sehen, selber nach Leipzig reisen mußte. Nun mochte das Eisen ungefähr gar sein und erwartete nur noch eine geschickte Hand, die es schmiedete. Weit und breit in der ganzen Gegend umher möchte aber wohl zu solchem Werke keine geübtere zu finden gewesen sein als die jenes muntern Gesellen, der, gleichsam wie gerufen, in ebendiesen Augenblicken aus der Fremde eintreffend, an dem geistlichen Hof zu Japan auftrat und in dieser allgemeinen Verwicklung eine Hauptrolle zu übernehmen bestimmt war. Ja, man kann sogar, wie die Umstände Vorlagen, nicht einmal mit Gewißheit behaupten, ob der mit Blasebälgen reichlich versehene Herd sich ihm oder er sich dem Herde angetragen habe.

Mit derselben Gewandtheit, womit Kotzebue ein neues Lustspiel oder Trauerspiel in acht Tagen verfaßte und zugleich auf die Szene versetzte, wurde nun auch von ihm der Plan zum Krönungsfeste Friedrich Schillers, zwar nicht auf dem Kapitol, doch auf dem neuen weimarischen Stadthause entworfen. Szenen aus den Haupttragödien des originellen und großen Dichters, aus seinem „Don Karlos", aus der „Jungfrau von Orleans" usw. sollten vorangehen. Im Costume der handelnden Personen gesprochen, sollten sie nicht nur dem Ganzen zur Einleitung dienen, sondern auch die Gemüter auf den Hauptschlag, der sie erwartete, gehörig stimmen und vorbereiten.

Die liebenswürdige Gräfin von E., jene ritterlich gesinnte Dame, die Goethe in so manchem geistreichen Abendzirkel als die seinige erkor und feierte, die aber nun, auch ihrerseits etwas gereizt, die von dem Schäfer auf jenem Berge an ihr verübte Untreue wieder vergelten wollte, übernahm freiwillig die Rolle der Jungfrau von Orleans. Das Fräulein von Imhoff, die berühmte Verfasserin der „Schwestern von Lesbos6", konnte sich dem Antrage, die unglückliche schottische Königin, Maria Stuart, bei diesem Aufzuge darzustellen, unmöglich entziehen. Der freundlichen Sophia Mereau, ebenfalls einer aus den Schillerschen Almanache rühmlich bekannten, recht lieblichen Dichterin, war, wofern ich nicht irre, die Rezitierung des Gedichts „Die Glocke" bei dieser Gelegenheit zugefallen.

Kotzebue selbst erschien zweimal, zuerst als Vater Thibaut in der „Jungfrau6" und sodann als Meister Glockengießer. In der letzten Rolle lag es ihm insonderheit ob, die aus Pappe verfertigte. Form der Glocke mit seinem Hammer mächtig entzweizuschlagen. Alsdann erst gelangte der Zuschauer wie dort zur Anschauung des blanken Kerns, der den ganzen Metallguß in sich schloß, so hier zur Anschauung des Hauptmoments, worauf das Ganze klüglich berechnet war. Sobald nämlich der Meister Glockengießer den letzten Streich an seiner Glocke getan, sollte die Form plötzlich zerspringen und alsdann überraschend Schillers Büste zum Vorschein kommen, zugleich aber, wo sie sich den Augen darstellte, der anwesende Schiller selbst, versteht sich von zarten Händen, gekrönt werden. Was die künstlerische Anordnung des Ganzen betraf, so leitete dieses Herr Krause, ein dem verwitweten Hofe zunächst angehöriger, nicht ungeschickter Landschafter, der zugleich Direktor der Herzoglich Weimarischen Zeichenakademie war. Nach allen diesen so glücklich getroffenen Anstalten konnte niemand an dem glänzenden Erfolge zweifeln. Ich hätte mein Leben darauf verwettet und mir eher des Himmels Einfall als die plötzliche Vereitelung eines in seiner Art so einzigen Kunstfestes träumen lassen. Und so ging es jedem.

Auch herrschte in den ersten Häusern die lobenswürdigste Tätigkeit. Kleider und Rollen, Besätze und Sittensprüche aus Schiller wurden auf das artigste so lange zusammengesucht, eingepaßt und zugeschnitten, bis ein zierliches und von allen Seiten wohlgerundetes Ganzes daraus erwuchs. Inmittelst rückte auch der zur Aufführung bestimmte Tag immer näher. Der in solchen Stücken äußerst gefällige Wieland war bereits eingeladen und hatte zugesagt. Von der höchst liebenswürdigen, viel zu früh verewigten Prinzessin Karoline, nachherigen Erbprinzessin von Mecklenburg, die Goethe außerordentlich verehrte, hatte man sich das Wort, bei diesem Feste zu erscheinen, ebenfalls zu verschaffen gewußt. Auch Friedrich Schiller wurde auf das verbindlichste angegangen, sagte jedoch wenige Tage zuvor in Goethes Hause: „Ich werde mich wohl krank schreiben.“ Goethe schwieg und sagte damals kein Wort. Es fehlte aber nicht an besonnenen Freunden, die, zu ihrem größten Leidwesen, aus allen diesen Umständen eine Spannung zwischen beiden so ausgezeichneten Geistern weissagten. Das Ende davon ließ sich kaum absehen, besonders in dem Falle, wenn Schiller in die seiner edeln, höchst unbefangenen Persönlichkeit gelegten Schlingen eingehen sollte.

Die Vorbereitungen zum Feste waren nun so weit gediehen, daß man förmlich zu einer brieflichen Verhandlung mit der Bibliothek und ihren Vorstehern über Schillers Büste schreiten konnte; denn diese von Dannecker gearbeitete, der Bibliothek, wenn ich nicht irre, von Goethe geschenkte und noch daselbst befindliche Marmorbüste war zu jenem Knalleffekte auserkoren worden. Jene Verhandlung wurde denn auch wirklich zwischen den damaligen beiden Professoren und Malern, Meyer und Krause, eingeleitet. Hier aber ergab sich als böses Vorzeichen sogleich ein unvermuteter Rechnungsfehler, den der gute Krause seinerseits wenigstens durchaus nicht beseitigen konnte. Meyer bemerkte nämlich in seiner Antwort auf das Gesuch des erstem ganz kurz: Die jedermann bekannten Vorschriften der Bibliothek erlaubten es durchaus nicht, ein Kunstwerk von solchem Werte an Orten und Tagen, wo es in der Regel immer etwas tumultuarisch zuzugehen pflege, der Gefahr einer Beschädigung auszusetzen. Zudem entstehe, was den guten Geschmack anbelange, noch die Frage, ob sich Schiller durch eine Darstellung seiner Idee von der Glocke in Pappe auch wirklich so geehrt fühlen dürfte, wie man zu erwarten scheine.

Ein Stück brennenden Schwammes, in eine Pulvermine geworfen, kann schwerlich eine größere Verwirrung hervorbringen als der Inhalt dieses Billets unter den Herren und Damen, die einer günstigen Antwort auf ihr Bittgesuch sehnsüchtigst entgegensahen. Meyer, als vieljähriger Hausfreund Goethes bekannt, konnte - so glaubte man wenigstens allgemein - nicht anders, als in Auftrag desselben in dieser Angelegenheit so geschrieben und gehandelt haben. Das war so klar und so einleuchtend, daß ein halbweg gescheites Kind auf diese Vermutung kommen mußte, selbst wenn man es auch nicht etwa noch besonders in Anschlag brachte, daß Goethe zugleich einer der ersten Vorstände der weimarischen Bibliothek war.

Wie dem auch sei, so trat hier wenigstens der besondere Fall ein, daß es vielleicht mit geringem Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre, an dem genannten feierlichen Tage, des Dichters selbst als seiner Büste habhaft zu werden. So heftig nun schon dieser erste Schlag die Gemüter traf, so war doch der zweite, der sie erwartete, noch weit bedeutender. Es begab sich nämlich, als man den Tag vor der Aufführung an den ersten regierenden Bürgermeister Schultze schrieb und diesen höflich um die Schlüssel zum Saale des neuen Stadthauses ersuchte, wo das ganze Prunkspiel sich erst entfalten sollte, daß dieser seinerseits im Namen des Magistrats die zwar amtliche, aber keineswegs erfreuliche Antwort gab: Das Aufschlagen des Theaters im neuen Saale des Stadthauses sei schlechterdings nicht zulässig; Wände, Decken und der neugelegte Fußboden würden gar zu sehr darunter leiden; man bedauere darum recht sehr, in diesem Falle nicht dienen zu können.

Alle Gegenvorstellungen, alle Zusicherungen von Schonung, ja sogar von Schadenersatz bei etwa eintretenden Unglücksfällen waren vergeblich und vermochten nicht, die Hartnäckigkeit und den Starrsinn des regierenden Bürgermeisters zu beugen. Den rührendsten Bitten setzte er die strenge Erfüllung seiner Pflichten mit der größten Fassung entgegen; kurz, das Herz dieser ersten Magistratsperson, so verschiedene Stürme auch auf dasselbe versucht wurden, blieb so unzugänglich und so fest in sich verschlossen wie die Türe des neuen Stadthauses, dessen Schlüssel sich ebenfalls in seinen Händen befand.

Schwerlich hat es je einen trostlosem Tag als diesen für die schöne Welt zu Weimar gegeben. So die schönsten, glänzendsten Hoffnungen nah am Ziele gleichsam mit einem Schlage vereitelt zu sehen, was heißt es wohl anders, als mitten im Hafen noch Schiffbruch leiden? Man denke sich nur einmal den nun völlig unnütz gewordenen Aufwand von Krepp, Flor, Band, Spitzen, Gaze, Perlen, den die schönen Kinder gemacht; die Pappen zur Glocke, die Farben, die Pinsel zu den Kulissen, die Wachslichter zur Erleuchtung gar nicht einmal in Anschlag zu bringen. Man erwäge den noch großem Aufwand von Zeit und Mühe, der zur Einlernung so vieler und so verschiedener Rollen erforderlich war; man zaubere sich eine reizende Maria Stuart vor, eine erhabene Jungfrau von Orleans, eine anmutige Agnes, die so plötzlich, so ganz unerwartet von den höchsten Ehrenstaffeln herabsteigen und Krön und Szepter, Helm und Fahne, Perlen und Schmuck in einer einzigen unglücklichen Stunde niederlegen sollen - und man wird keineswegs die Stimmung unwahrscheinlich finden, wie sie in dem weiter unten mitgeteilten Gedichte aus der Feder einer von jenen reizenden Teilnehmerinnen selbst ausführlicher geschildert wird. Wie konnte es anders sein?

Es mußte in diesen Tagen der allgemeinen Trauer zu Weimar gar manches artige Köpfchen, auf beide Hände gestützt, in seinem Cabinet gefunden werden, das die düstersten Betrachtungen über diese arge Welt, über die Heimtücke des Schicksals und den verkehrten Lauf aller menschlichen Dinge anstellte. Ebensowenig will ich in Abrede sein, daß in diesem ganzen Vorgänge der Stoff zu einem kleinen, allerliebsten, scherzhaften Heldengedichte, im Geschmacke des „Lockenraubes“ von Pope oder des „Vert-Vert“ von Gresset, enthalten ist. Man denke nur, drei Königinnen des Herzens gleichsam an einem Tage so unverdient entthront zu sehen!

Nein, wen ein so hartes Geschick, das die Musen und Grazien in ihrem eigenen Sitze verfolgt, nicht rühren sollte, der kann, wenigstens hier im deutschen Athen, auf keinen Rang und Titel irgend weitern Anspruch machen. Weniger zu bedauern schien Vater Thribaut, der, als ein großer Meister in der Intrigue, für diesmal noch einen großem Meister in diesem Fache gefunden hatte. Dieser Umstand könnte, bei richtiger Behandlung, als Motiv benutzt, etwas ungemein Ergetzliches herbeiführen.

Wie der Patriarch von Japan es gleich im Anfänge vorausgesagt, daß der geistliche Hof am Ende doch recht behalten würde, so ist es wirklich in Erfüllung gegangen. Die Mittel, deren man sich dazu bedient, sowie die ersten unsichtbaren Fäden, woran sich das ganze Gewebe nachher immer unauflöslicher dem Gegner vor die Füße knüpfte, sind freilich, wie in allen Stücken, worin das Schicksal die Hauptrolle übernimmt, den gemeinen Augen in ein heiliges Dunkel entrückt. Auf der andern Seite aber ist die Tätigkeit auch nicht zu verkennen, womit, unter dem Vorwande, eine Glockenform zu bereiten, eine förmliche Mine, von der Hand eines in solchen Unternehmungen keineswegs ungeübten Meisters angelegt, den Patriarchen von Japan und seinen ganzen Hof womöglich in die Luft sprengen sollte. Dieser indes und seine Freunde merkten die Gefahr beizeiten und wußten ihr durch Anlegung einer stillen Gegenmine gehörig auszuweichen. Auch stand Vater Thibaut, als dieser Blitz einschlug, fast so erschrocken und gebeugt da wie ehemals, als dieser Blitz einschlug, fast so erschrocken und gebeugt da wie ehemals, als die Glocken zur  Krönungsfeierlichkeit von Orleans läuteten und der Blitz in den Turm der Kathedrale in demselben Augenblicke hereinfuhr, wo er mit dem löblichen Vorsatz umging, seine eigene Tochter zur Hexe zu erklären.

Sollte übrigens jemals ein Bulletin über die ebenso hartnäckig belagerte als glücklich wieder entsetzte Festung des Patriarchen von Japan herauskommen, so verdient der Bürgermeister Schultze, der den Stadthaussaal so hartnäckig verweigerte, allerdings in demselben eine ehrenvolle Erwähnung. Sehr witzig sagte daher Frau von W., Schillers Schwägerin, die berühmte Verfasserin der „Agnes von Lilien“, mit geistreicher Beziehung auf eine Stelle in „Wallensteins Tod“, als sie hörte, daß jener Mann, bald nach diesem Vorfälle, den Titel als weimarischer Rat bekommen hätte: „Billig hätte man unter sein Diplom ,Rat Piccolomini" schreiben sollen.“

Schließlich kann ich nicht unterlassen, dem Leser das oben bereits angezogene Gedicht, das eine jener Damen zur Verfasserin hat, in einer treuen Abschrift beizulegen.


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