> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Faust's Himmelszwang. (45)

2015-06-09

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Faust's Himmelszwang. (45)




27.

Faust's Himmelszwang.

Als Faust den Fluch über Alles, was die Welt der Erscheinungen irgend bieten konnte, aussprach, war allerdings auch Unschuld, Anmut und Reiz weiblicher Schönheit mit in diesem Fluche begriffen. Ja, Faust setzte sogar als Bedingung fest: er wollte sofort dem dunkeln Reiche des Mephistopheles verfallen seyn, sobald die Neigung zu irgend einem Gegenstande dieser Art sich künftighin seines Herzens anhaltend bemächtige. Aber schon bei Erblickung des Zauberbildes von Margarethen im Hohlspiegel fängt dieser Vorsatz an schwankend zu werden. Wie er sie vollends nach diesem auf dem Kirchwege mit dem vergriffenen Gesangbuche unter dem Arme erblickt, ruft er im höchsten Feuer der Begeisterung aus:

Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab' ich nie gesehn.
Sie ist so sitt-und tugendreich 
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Roth, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!
Wie sie die Augen niederschlägt,
Hat tief sich in mein Herz geprägt;
Wie sie kurz angebunden war,
Das ist nun zum Entzücken gar!

Von dem Schnippischen indes, das der Dichter in der Eingangsscene Margarethen beilegt, ist im Fortgange des Gedichts weiter die Rede nicht. Es scheint dort mehr aus Verlegenheit angenommen, mehr eine des äußern Anstandes wegen von ihr eingelernte als natürliche Rolle zu seyn. Man sieht indeß auch aus einer in der Folge vorkommenden Äußerung des artigen Kindes, wo sie sich über Faust's zu rasches Vorschreiten bei ihrer ersten Bekanntschaft am Kirchwege beklagt:

Es schien ihn gleich nur anzuwandeln,
Mit dieser Dirne geradehin zu handeln.

Im Ganzen hat sie es auch so übel nicht genommen; denn indem sie in ihrem Zimmer sich die Zöpfe flicht und aufbindet, sagt sie zu sich selbst:

Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt',
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiß recht wacker aus 
Und ist aus einem edeln Haus;
Das konnt' ich ihm an der Stirne lesen -
Er wär' auch sonst nicht so keck gewesen.

(Ab.)

In dieser Armuth welche Fülle!
In diesem Kerker welche Seligkeit!

ruft Faust beim Eintritte in Margarethens Zimmer aus. Das ganze beschränkte, schuldlose Leben von diesem Engelskinde, ihre reine Sittlichkeit wird Faust'en als einem tiefen Menschenkenner, sogleich auf den ersten Blick klar. Alle ihre Umgebungen sprechen zu ihm in stiller Bedeutung und sind ein heiliger Text, den seine Gefühle auslegen. Wie herrlich, wie phantasiereich ist die Anrede, womit er den alten Armsessel begrüßt! Er sieht Margarethen noch einmal als Kind, den Großvater im Lehnsessel; sie kommt, küßt ihm die welke Hand und empfängt seinen Segen. Ordnung und Sitte reißen ihn auf jedem Schritt, den er weiter in dies Heiligtum wagt, zu reißen ihn auf jedem Schritt, den er weiter in dies Heiligtum wagt, zu Liebe und Bewunderung hin. In dem einzigen spätern Ausdrucke: „Armsel'ger Faust, ich kenne dich nicht mehr!“ regt sich eine so heilige Scham, eine so zarte Bekümmernis und Reue, von einem geistigen Zustande, wie sein vergangener war, so plötzlich heruntergesunken und dem törichten Spiele seiner eigenen Sinnlichkeit verfallen zu seyn, daß Mephistopheles in der Folge Mühe genug hat, ihn auf die vorige Bahn des Irrtums wieder zurückzubringen. Wie denn überhaupt in der Engelsunschuld Margarethens gleichsam ein Probierstein aller echten Weisheit und zugleich die vollständigste und herrlichste Widerlegung aller jener Teufeleien enthalten ist, wodurch Mephistopheles das Herz des edeln Faust nach und nach zu umstricken sucht. Alles, was an diesem holden Wesen athmet und lebt, ist wie aus einem Gusse empfunden und gedacht. Und hätte Goethe weiter nichts geschrieben als die eine Scene, wo Mararethe im Garten die Blumen zerpflückt, um zu sehen, ob Faust sie liebt oder nicht, so würde diese allein ihn zu einem ewigen Lieblinge der Natur stempeln. Ja, wofern jemals eine verhüllte, duftende Rose Worte und Sprache erhielte und einen Laut von sich gäbe, so könnte man sie wohl in dem Augenblicke, wo sie ihren Kelch eröffnete, Margarethe zu nennen, sich versucht fühlen.



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Ende

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