> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Vom Lichtmenschen in uns oder von der echten Feier des Sonntags. (31)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Vom Lichtmenschen in uns oder von der echten Feier des Sonntags. (31)




13.

Vom Lichtmenschen in uns oder von der echten Feier des Sonntags.

Wenn es wahr ist, was die Schrift sagt, daß wir Alle in Gott leben, atmen und sind, so muß an diesem Odem Gottes das Kind des Armen ebenso gut wie das Kind des Reichen einen Antheil haben. Die Allgemeinheit selbst ist sogar eben wie bei der atmosphärischen Luft, die wir einatmen, ein Kennzeichen des Göttlichen. Sonach kann die echte Heiligung des Lebens, die Hingebung des Menschen an Gott, von jedem Punkte aus, sogut von der Werkstatt wie aus der Studierstube beginnen. Es handelt sich nicht darum, was wir in dieser Welt verfertigen, Gedichte, Gemälde oder Schuhe, sondern was wir liebten, und was wir lebten, und wie wir uns unserm himmlischen Ursprunge gemäß im Handeln bekundeten. An diese religiöse, milde Ansicht des Lebens schließt sich auch die echt poetische Schilderung des ersten Osterfeiertages im „Faust“:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick! -
Sie feiern die Auferstehung des Herrn;
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks-und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie Alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit' und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn!

Faust bestätigt gleichsam durch diese äußere frische Erscheinung den allgewaltigen Drang, die Sehnsucht der innern Menschenbrust. Er will sagen: es ist etwas Unendliches in unserer Natur, das, obwohl in Stadt und Mauern begraben, nimmer zur Ruhe gelangt. Hinaus will und muß das Volk ebenso gut als ich, der Faust, nur daß es, anders als ich, in Befriedigung irgend eines dunkeln Triebes, seinen himmlischen Ursprung zu erreichen sucht. Diese Kähne, mit Menschen beladen, die sich am fernen Horizonte verlieren, rudern eigentliche dem Himmel zu, ohne daß sie es wissen. Wie ein eingekehrtes, edles Tier, das immerfort die Runde in seinem eisernen Käfige macht und an dessen Stäben herumzürnt, weil sie ihm den Berg und die freien Ebnen vorenthalten, ebenso unruhig sucht der im dunkeln Erdenleben befangene Mensch den Weg der höhern Rückkehr zum Lichte, was ihm durch die Mauern und Stäbe seines Gefängnisses von allen Seiten entzogen oder verborgen ist.


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