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2015-06-09

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Die Katzengeister in der Hexenküche, nebst Commentar ...(44)




26.

Die Katzengeister in der Hexenküche, nebst Commentar zu einigen ihrer Orakelsprüche.

Mephistopheles und Faust treten herein und werden von den Larven, die hier an den Töpfen herumsitzen und quirlen und kochen, in einem Tone begrüßt, der durch den Diphthong Au der Katzensprache sehr verwandt ist:

Sieh, welch' ein zierliches Geschlecht!
Das ist die Magd! das ist der Knecht!

(Zu den Thieren.)

Es scheint, die Frau ist nicht zu Hause?

Die Thiere.

Beim Schmause,
Aus dem Haus,
Zum Schornstein hinaus!

So charakteristisch schon dieser Eingang ist, so übertrifft doch, was folgt, ihn noch beiweiten:

So sagt mir doch, verfluchte Puppen,
Was quirlt ihr in dem Brei herum?

Thiere.

Wir kochen breite Bettelsuppen.

Mephistopheles.

Da habt Ihr ein groß Publicum.

Die breiten Bettelsuppen beziehen sich wol ironisch auf den breiten Aberglauben, der sich mit einem dicken, handgreiflichen Schatten bei allen Völkern durch die ganze Weltgeschichte hinlagert. Meerkatzen, Hexen, Hokuspokus, aller Art unverständliche, ja völlig sinnlose Worte und Zahlen begegnen uns überall, wo von Untersuchungen höherer Gegenstände die Rede ist. Das war ja eben die Faust'en so wohl bekannte Umgebung des Lügengeistes, die ihn gleich vom Anfange herein so widrig anekelte. Mephistopheles aber versichert ihn: das sei nur so die ungefähre Einkleidung, womit die Hexe ihre so gründlich tiefe Wissenschaft bemäntle und an der Oberfläche dieser Welt einführe. Wie und auf welchem Wege es die Katzengeister anwandelt, Menschen zu seyn, ist auch sehr humoristisch gedacht und zeigt von guter Bekanntschaft mit dem buntverworrenen Weltlaufe.

Der Kater.

O würfle nur gleich,
Und mache mich reich,
Und laß mich gewinnen!
Gar schlecht ist's bestellt,
Und wär' ich bei Geld,
So wär' ich bei Sinnen!

Mephistopheles.

Wie glücklich würde sich der Affe schätzen,
Könnt' er nur auch ins Lotto setzen!

Die jungen Meerkätzchen bringen zwischen diesem Gespräche eine große Kugel gerollt; daran knüpft der alte philosophische Geldkater eine Weltbetrachtung über die Hinfälligkeit der Formen und die Ewigkeit der Geister, die dahinter ihr Wesen treiben.

Der Kater.

Das ist die Welt,
Sie steigt und fällt 
Und rollt beständig;
Sie klingt wir Glas:
Wie bald bricht das?
Ist hohl inwendig,
Hier glänzt sie sehr,
Und hier noch mehr:
Ich bin lebendig!
Mein lieber Sohn,
Halt dich davon!
Du mußt sterben!
Sie ist von Thon,
Es gibt Scherben.

Man sieht, der Katzengeist spricht gleichsam instictmäßig größere Dinge aus, als er wol selbst weiß. Darüber naht die Hexe, um Faust das bewußte Liebestränkchen zur Verjüngung einzurühren. Die Katzengeister nötigen Mephistopheles indeß auf einem Sessel zu sitzen; sie bringen ihm einen Wedel, den er statt des Szepters in die Hand nimmt. Darauf beziehen sich denn die Worte:

Hier sitz' ich, wie der König auf dem Throne,
Den Scepter halt' ich hier, es fehlt nur noch die Krone.

Die Thiere verschaffen ihm auch diese und bitten ihn zugleich, durch ein neues, instinktmäßiges Aufblitzen richtig geführt, die zerbrochene Königskrone mit Schweiß und Blut wieder zusammenzuleimen. Ein Wunsch, der, in seiner ganzen Tiefe erwogen, so politisch klingt, daß man schwören sollte, die Katzengeister hätten wie die alte römische, so die neue Reichsgeschichte Capitel für Capitel mit allen ihren Entthronungen und Meuchelmorden vom Anfange des ersten bis zu Ende des letzten Krieges durchlesen. Sie sind aber auch selber dieses Fundes so froh, daß sie darüber gleichsam in ein berauschendes Entzücken ausbrechen:

Nun ist es geschehn!
Wir reden und sehn,
Wie hören und reimen.

In diesem Katzengespräche ist, wie man wohl sieht, ein gar verwegener Ansatz zur Menschheit enthalten. Faust fühlt sich dadurch nicht wenig beunruhigt, und Mephistopheles selbst greift mitunter an seinen Kopf, der über alle diese Wahlverwandtschaft in ein höchst wunderliches Schwanken geräth, findet sich aber doch gleich wieder durch das naive Eingeständniß der Katzengeister zurecht, daß lediglich der Reim ihnen diese erhabenen Gedanken eingegeben habe. Wie Faust in der Folge aus den Händen der Hexe den Trunk nehmen soll, woran seine Wiederverjüngung geknüpft ist, fallen ihm von Neuem die klingenden Gläser, die singenden Kessel, die in einen Kreis mit Büchern umhergestellten Meerkatzen höchst widerwärtig auf:

Nein, sage mir, was soll das werden?
Das tolle Zeug, die rasenden Geberden,
Der abgeschmackteste Betrug 
Sind mir bekannt, verhaßt genug.

Mephistopheles.

Ei, Possen! das ist nur zum Lachen;
Sei nur nicht so ein strenger Mann!
Sie muß, als Arzt, ein Hokuspokus machen,
Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.

Die Hexe fängt nun an mit großer Emphase aus einem Buche zu lesen. Dieses ist mit lauter Unsinn und Widersprüchen angefüllt, worin man freilich am Ende eine ironische Beziehung nicht verkennen kann. Blutig geführte Streitigkeiten, worüber die Scheiterhaufen nur erst kürzlich verlöscht sind, gehören mit zu den Ingredienzien dieses von Meerkatzen gerührten Hexenbreies, der leider so oft brennend in der Weltgeschichte überläuft.

Du mußt verstehn!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß gehen,
Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex',
Mach' Sieben und Acht,
So ist's vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmal-Eins.

Faust.

Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.

Mephistopheles.

Das ist noch lange nicht vorüber!
Ich kenn' es wohl, so klingt das ganze Buch;
Ich habe manche Zeit damit verloren,
Denn ein vollkommener Widerspruch
Bleibt gleich geheimnißvoll für Kluge und für Thoren.
Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
Es war die Art zu allen Zeiten,
Durch Drei und Eins, und Eins und Drei,
Irrthum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört.

Wer sieht nicht, wie geschickt hier der Dichter den guthen Rath befolgt, den ihm der Humor oder die lustige Person im Prologe gegeben hat. Unter der Maske eines gothischen Scherzes berührt er wie von ungefähr Wahrheiten, die mit so blutigen Zügen fast jedem Blatte der Weltgeschichte eingeschrieben sind.


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