> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Mephistopheles und die himmlischen Heerschaaren vor dem Throne Gott Vaters. Zum Prologe im Himmel.(23)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Mephistopheles und die himmlischen Heerschaaren vor dem Throne Gott Vaters. Zum Prologe im Himmel.(23)




5.

Mephistopheles und die himmlischen Heerschaaren vor dem Throne Gott Vaters.
Zum Prologe im Himmel.

Dieser Prolog vertritt gewissermaßen die Stelle einer großen Ouvertüre zum „Faust“. Wie nun einer guten Ouverture der Geist des Ganzen enthalten ist, und der Komponist uns auf die Hauptmomente durch ebenso große Andeutungen und Hauptschläge vorbereitet, wie dies z.B. im „Don Juan“ und der „Zauberflöte“ der Fall ist: also auch hier. Den Charakter Gott Vaters, des Teufels, Faust's, der Engel, ist der Dichter in kurzen, aber großen Meisterzügen anzudeuten bemüht gewesen. Gott Vater erscheint sofort als der Urheber aller Dinge, als die grenzenloseste Liebe, als die grundloseste Barmherzigkeit bei einer unermeßlichen Allmacht. Da Alles, was da ist, ihm allein seinen Ursprung verdankt, so begreift Gott die Erscheinung auch da noch, wo sie sich von ihrem Wesen und Zwecke gänzlich verirrt hat. Klärer, als sie sich selbst erkennt, erkennt er sie dem Wesen nach; ja, in ihm ist nicht nur der Wille, sondern auch die Macht, selbst Das, was Böses im Weltall wirkt, seinen höhern Zwecken unterzuordnen und so Böses, aus Beschränkung verübt, in Herrliches, Großes und Gutes zu verwandeln. Den Beweis dafür liefert uns gleich Mephistopheles. Dieser hat sich festgerennt auf dem Standpunkte einseitiger Weltbetrachtung. Der Himmel, die Engel, Gott selbst sind seinem engen Herzen entwichen. Sein Pferdefuß rührt und quirlt nur noch im Kote; wie denn auch dies thierische Symbol bestimmt darauf hindeutet, woran der so bezeichnete Geist verhaftet ist. Hörner, Schwanz und Pferdefüße, diese gothischen Anhängsel der Wirklichkeit, gehören einmal nicht in das Himmelreich, sondern in ein Reich, wo Mephistopheles Herr und Meister ist. Er aber fühlt in sich keine Unruhe, er ist vielmehr selig in seiner Unseligkeit und so zu sagen mit thierischem Bewußtseyn in sich abgeschlossen. Deshalb rühmt er sich auch gegen Gott dieses Vorzuges seiner Natur vor Faust, dem der Kampf zwischen Engel und Tier noch etwas anhaben kann, der die Entzweiung in seinem Innern oft so schmerzlich fühlt, der sogar zwischen dem Streben nach unbedingter Himmels= und Erdenlust, die er vereinigen möchte, wo nicht auf ewig zu Grunde geht, doch zeitlich Schiffbruch leidet. Nicht also Mephistopheles! Ihn rührt das Alles nicht an; er findet sogar, daß der Mensch besser dran seyn würde, wenn dieser Himmelsschein entweder ausgegangen wäre, oder wenn er ihm vielmehr niemals geleuchtet hätte. Teufelsfest, wie er es ist, im Streben nach blos sinnlichem Genusse, kommen ihm die Menschen in ihrem ungewissen Schwanken so kläglich vor, daß es ihm nicht einmal der Mühe wert scheint, sie zu holen. Wenigstens rühmt er sich gegen Gott, daß ihn das Mitleid mit ihrem gegenwärtig so verblasenen Zustande allein daran hindere, die über ihr Geschlecht ihm von Alters her eingeräumte Macht gehörig in Anwendung zu bringen. Welch' eine Beschränkung! Demnach weiß sich Gott auch ihrer zu bemächtigen. Er erkennt und bezeichnet den Mephistopheles als den verneinenden Geist der Schöpfung, d.h. als einen solchen, der selbst nichts göttliches hervorzubringen, sondern nur an dem bereits Vorhandenen die unvollkommene Seite auszuspähen weiß. So möchte freilich das Urteil befremden:

Von allen Geistern, die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

Es erklärt sich aber sogleich durch den Zusatz: der Mensch entschläft zu leicht auf dem weichen Polster des Müssigganges, und arbeitlose Ruhe ist für ihn das verderblichste Geschenk. Er glaubt, die Hoheit seiner Bestimmung, wozu ihn seine halb tierische Natur den Weg so ausnehmend erschwert, schon glücklich erreicht zu haben, wenn er sich nur in diesen oder jenen Stücken mit dem Höhern abgefunden hat. Daher ist es recht gut, wenn ihm der Versucher hier und da in den Weg tritt, ihn zuweilen aus dem Schlafe rüttelt und so über seine bessere Natur zum Nachdenken bringt. Auf Faust angewendet, zweifelt Mephistopheles gar nicht daran, da ihm alle Mittel der Sinnenwelt zu Gebote stehen, den gelehrten Doctor willig in ein Thier zu verwandeln. -

Merkwürdig ist auch hier die Ansicht Gottes von Faust. Gerade dieselbe Unentschiedenheit zwischen Geister-und Sinnenwelt, die ihn in den Augen des Teufels so verächtlich macht, ist es, wodurch ihm in den Augen des liebenden Allvaters Gnade widerfährt. Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, setzt der Ewige gelassen hinzu, und einer jungen Pflanze gleicht, die erst in der Blüte steht, so bin ich als Himmelsgärtner nachsichtig genug, ihm die Frucht nicht gleich in derselbigen Stunde abzufodern. Es wird schon werden mit dem Faust! Du aber, Mephistopheles, wirst sehen, daß ein guter Mensch auf seinem schweren Lebensgange das Ebenbild Gottes zwar in sich verdunkeln, aber nie ganz auslöschen kann. Übrigens ist er deinen Versuchungen in dem Nebellande, was Erde heißt, und wo ein halb tierischer Zustand Gesetz ist, anheimgegeben. In diesem Lande hast du, als Obergeist der Tierwelt, einmal den Vorsitz. Du wirst demnach in den paar Stunden, die mein ewiger Faust daselbst zu leben hat, dich nach Möglichkeit an ihm versuchen; jenseits aber waltet eine andere Ordnung der Dinge, die dir nicht angehört, und da sollst du schon von ihm lassen. Wie mild, wie herrlich ist dieser Charakter des Allvaters von Goethe gezeichnet! Und doch gibt es Leute genug, die eben diese Milde anstößig gefunden haben. Ewig liebend und wieder geliebt, so nehmen ihn auch seine Engel; so nimmt er sie, ja er bezeichnet sie selbst als Wesen, die außer allem Kampfe mit den schweren Bedingungen der Zeitlichkeit sind. Sie vollbringen das Gute in seliger Gewißheit, ohne irgend einen Widerspruch durch die stillen Einwirkungen des Lichts, in welchem sie wohnen; und dieses nämliche Licht, welches eigentlich ihre höhere Natur selbst ist, läßt uns durch die bloße Wirkung ihr eigenes Wesen, was sich darin abspiegelt, zur Genüge erahnen. Hier werden nun die Tagewerke der Engel vom Dichter aufgezählt. Bald ist es die Blume, die, auf ihr Geheiß aus dem Schoose der Erde hervorgerufen, sich harmonisch entfaltet, oder eine Seelilie, die aus dem tiefen Abgrunde des Wassers emporsteigt. Sobald der Frühling die Eisdecke schmelzt, ruht diese schaffende Kraft von oben nicht, bis das Abendgold durch die stille Einwirkung des Himmels auf der Welle schwimmt, indeß in Wiesen und Gärten das Morgenroth sich in Rosen und Feldblumen verkörpert, und sich von unsern Händen abpflücken läßt. So in einem gleichen Ebenmaße schreiten alle Geschäfte der Engel fort. Da ist kein Neid, kein Widerspruch, kein Hader, wodurch ihr gemeinschaftliches Wirken eine Hemmung erfährt, sondern ein gleicher Zug zu dem göttlichen, himmlischen Vater beseelt Alles und hält Alles aufrecht. Der Engel fromme Schar hat mit dem irdischen Körper zugleich den Streit abgelegt, dem das in einem Tierleibe eingekerkerte menschliche Wesen zur Demüthigung seines Stolzes so traurig unterworfen ist. Diese Weltcherubim vollbringen am Fuße des Thrones Gottes gemeinschaftlich ihre Sonnengeschäfte und reichen einander willig und hülfreich die Hände.

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.

Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag,
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

So werden die verschiedenartigsten Pflanzen, Blumen, Vögel, Metalle und Tiere auf den verschiedenartigsten, ihrem Einflusse untergeordneten Erdkörpern durch sie ins Daseyn gelockt; und völlig ungestört und immer nur momentan gehindert geht dies ewige Erschaffen und die Freude daran, wie am ersten Schöpfungstage, fort, während der Tod, als das zweite verneinende Weltgespenst, seine einzige Freude daran findet, alles Erschaffene zu vernichten, es wankend, schwankend und hinfällig zu machen, es in Wasser, Meer, Fluten und Abgründen zu begraben und so die allgemeine Lebenshemmung sich gleichsam als unverrückbaren Zweck vorzusetzen, die indeß auf keinem Punkte zu Stande kommt, weil die ewig unermüdlichen Engel und Erzengel das Daseyn stets von Neuem in immer höhern Kreisen von sich ausströmen. Diese Betrachtungen sind allerdings sehr hoch und übersteigen fast alle menschliche Fassungskraft.


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