> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Das Paradies auf Erden. Letzte Station in Auerbach's Keller. (40)

2015-06-09

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Das Paradies auf Erden. Letzte Station in Auerbach's Keller. (40)




22.

Das Paradies auf Erden. 
Letzte Station in Auerbach's Keller.

Es war eine Ratt' im Kellernest,
Lebte nur von Fett und Butter,
Hatte sich ein Ränzlein angemäst't,
Als wie der Doctor Luther.
Die Köchin hatt' ihr Gift gestellt;
Da ward's so eng' ihr in der Welt,
Als hätt' sie Lieb' im Leibe!

Diesem echt niederländischen Gemälde ist es häufig vor dem Richterstuhle des feinern Geschmackes wie ähnlichen Schilderungen des Shakspeare ergangen. Obiges Lied bezieht sich eigentlich auf den Streit von Siebel und Frosch. Der Frosch singt durchaus in zärtlichen Accenten:

Schwing' dich auf, Frau Nachtigall,
Grüß mir mein Liebchen zehntausendmal!

Man sieht wohl, diesem hängt der Himmel noch ganz voll Geigen; dem Siebel dagegen scheinen wirklich schon einige Seiten gesprungen zu seyn. Er hat Erfahrungen in puncto puncti gemacht und fällt daher dem Frosch ziemlich bärbeißig mit den Worten in die Rede:

Dem Liebchen keinen Gruß! Ich will davon nichts hören!

Ehrenfrosch aber läßt sich in Durchführung seines zärtlichen Themas durchaus nicht irre machen, sondern fährt in standesmäßigen Seufzern fort, seinem gefühlvollen Herzen Luft zu machen:

Riegel auf! in stiller Nacht.
Riegel auf! der Liebste wacht.
Riegel zu! des Morgens früh.

Siebel aber schüttelt den Kopf und warnt vor der Liebeheuchlerin, die ihm als einem braven Kerl nur kurz zuvor erst so schrecklich mitgespielt.

Ja, singe, singe nur, und lob' und rühme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angeführt, Dir wird sie's auch so machen.
Zum Liebsten sei ein Kobold ihr beschert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut,
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

Brander legt sich nun mit einem allegorischen Liede von einer fetten Ratte zwischen die streitenden Parteien. Er vergleicht den armen Siebel, wie ihn die Liebe abzehrt, mit einer wohlbeleibten Ratte, der eine mutwillige Küchenmagd Gift gestellt. Schon an sich sei das arme Ding zu bedauern, wenn es ihm nun in den Eingeweiden kneipe, sodaß es in allen Ecken und Winkeln der Küche herumfahre; aber sein Zustand werde noch bedauernswerter, wenn es vielleicht in demselben Augenblicke, wo es schon auf dem letzten Loche pfeife, noch Hohn und Spott von der schönen Vergifterin erfahren müsse. Siebel nimmt diesen Gesang mit einem sentimentalen Unmut auf, ohne, wie es scheint, die rechte Beziehung darin, und daß es auf ihn und seine unglückliche Liebe damit gemünzt sei, zu ahnen. Dies geht sonnenklar aus den Worten hervor:

Wie sich die platten Bursche freuen!
Es ist mir eine rechte Kunst,
Den armen Gatten Gift zu streuen!

Brander und Altmayer dagegen erklären sich dieses Rattenmitleid im verliebten oder vielmehr durch die Liebe vergifteten Siebel ganz natürlich durch die Wahlverwandtschaft seines Schmerbauches und seiner kahlen Platte.

Der Schmerbauch mit der kahlen Platte,
Das Unglück macht ihn zahm und mild;
Er sieht in der geschwollnen Ratte,
Sein ganz natürlich Ebenbild.


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