> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Vom Sonntage, blauen Montage, oder vom Paradiese auf Erden. (30)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Vom Sonntage, blauen Montage, oder vom Paradiese auf Erden. (30)




12.

Vom Sonntage, blauen Montage, oder vom Paradiese auf Erden.


Es fragt sich nun, da dieser Schöpfungstrieb, wie wir im Faust sehen, auf den höchsten Stufen immer mit so großer Unruhe verbunden ist, daß er sich selbst gleichsam verzehrt: wie es wol die Natur anfängt, dass sie den meisten Menschen so leicht über diese Abgründe des Lebens, die eigentlich die Tiefen ihrer höhern Natur sind, so leicht und so spielend hinweghilft? Der Dichter soll statt unserer antworten. Erstlich - und das ist die Hauptsache - sie freien und lassen sich freien - auch eine Art Schöpfung! - Sie sind sodann fleißig in ihrem Berufe - wenigstens eine ganze Woche hindurch; und schlägt endlich die geliebte Sonntagsstunde, so werden die höhern Forderungen des Lichtmenschen in Jedem von ihnen, nach dem Maße, das in ihm wohnt, auf die verschiedenste Weise befriedigt. Besonders an hohen Festtagen ist es, wo sich auch bei gewöhnlichen Bürgern und Handwerkern die Künste von allen Seiten her recht in Gang setzen. Hat man die Woche hindurch Schuhe aus Leder für Menschen, oder Schuhe aus Eisen für Pferde verfertigt, so gilt es nun zum Sonntage einen höhern Aufschwung zu nehmen. Früh Morgens geht man in die Kirche; der Erdmensch, der in Ruß und Rauch die ganze Woche hindurch, so zu sagen, verging, hat sich nun gereinigt, sein Schurzfell abgelegt und ist so, wenigstens von außen, ein plötzlich wiedergeborener Lichtmensch geworden. In der Predigt gelangen ebenfalls Ansprüche von der sublimsten Art an sein höheres Wesen. Man unterhält ihn von der Ewigkeit seiner Seele, von seiner künftigen Fortdauer, und sofern er von Wochenarbeiten ermüdet im Kirchstuhle nicht einschläft, sucht man ihn zu einem Gesichte von Gott und seiner höhern Natur gehörig vorzubereiten. Doch lange hält er das nicht aus. Nachmittags nimmt der poetische Schwung seines Wesens eine noch höhere Richtung. Zwei Beine genügen ihm nicht mehr. Faust wünscht sich die Flügel eines Vogels, um mit der Sonne einen Wettlauf zu halten; die lustigen Gesellen aus Auerbach's Hofe lassen sich dagegen an acht Pferdefüßen genügen. Alle sieben Künste stehen an dem Orte, wo sie ihren Himmel auf Erden suchen, schon zum Empfange bereit. Die Dichtkunst singt ein Lied zur Zither oder zum Hackbrete; die Tanzkunst führt den Reigen; Bacchus, in Gestalt eines lustigen Schenkwirts. Cythere, in Rubens' Geist gedacht und einer flinken Stubenmagd nicht unähnlich, die Samstags ihren Besen rüstig führt, winken und laden von allen Seiten den versessenen trübseligen Städter, zwischen Blumen und Feldern, zu einem erheiternden Genusse ein. So kommt der Abend herbei. Die Anfoderungen des höhern Lichtmenschen sind nun auf lange Zeit gesättigt und gestillt, und es werden wieder eine ganze Woche hindurch Schuhe und Hufeisen in Menge verfertigt, Stuben und Schornsteine gefegt, um, wenn der Sonntag kommt, dem Lichtmenschen für sauer verdienten Lohn irgend eine neue Unterhaltung zu gewähren und ihn dem Umgange der Götter näher zu bringen. Diese Ironie spielt durch alle diese Volksschilderungen bis zu der Scene in Auerbach's Keller mit einem humoristischen Übermute durch. Der Dichter verrät dadurch mehr oder weniger das Geheimniß, wie das Volk oder die Menschheit im Ganzen es eigentlich anfängt, um die höhern Foderungen, mit denen sich Faust so herumquält, im Taumel der Sinnlichkeit loszuwerden. So wird ihm denn diese Cur ebenfalls stillschweigend von Mephistopheles angerathen. Der Lichtpunkt, der für Faust zum Brande wird, der ihn verzehrt, ja ihn, wie ein geflügeltes Insekt, das sich zu nahe an die Flammen heranwagt, gleichsam in sich hereinsaugt und in Asche verwandelt, ist für Leute dieser Art, die uns die divina commedia hier vorführt, höchstens nur eine gesellige Kerze, in einen großen Tanzsaal aufgesteckt, um die man sich, nach vollbrachter Wochenarbeit, ein erlaubtes Vergnügen macht und sodann ruhig zu seinen Berufsgeschäften zurückkehrt.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich seyn!

Den Wagner können freilich diese Rohheiten nicht bestechen, weil ihn, bei seinem vertrockneten Naturell, die Natur als solche höchst widerwärtig berührt. Er steht also von seiner Seite zwar höher als das Volk, aber von der andern Seite auch um so tiefer. Aus jener Beschränkung der Natur kann allenfalls noch das Göttliche erwachsen; Wagner aber ist, wie der Empfänglichkeit für Rohheit, also auch der Steigerung derselben aus dem Gemeinen in das Ungemeine völlig unfähig. Alles in und an ihm ist toter Bücher-und Mottenstaub. Er betrachtet ungefähr das gemeine Leben ebenso, wie er den Pudel betrachtet, der sich vor ihm auf allen Vieren bewegt; die höhere und dahinter etwa verborgene Idee irrt ihn nicht, er ahnet sich kaum. -

Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren,
Ist ehrenvoll und ist Gewinn;
Doch würd' ich nicht allein mich her verlieren,
Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben
Ist mir ein gar verhaßter Klang;
Sie toben wie vom bösen Geist getrieben
Und nennen's Freude, nennen's Gesang! -

So viel ist gewiss - um allen diesen Betrachtungen die Schlußkrone aufzusetzen - daß diese Art, den Sonntag zu feiern, unter dem vornehmen Volke wie unter dem geringern gleich bekannt und beliebt ist. Einfalt, Demut, wahrer Glaube findet zwar in allen Ständen das Rechte, und der wackere Mann, stehe er nun oben oder unten, der Sonntags seinen Vorsatz erneuert, die ganze Woche hindurch ein guter Mensch zu seyn, und demselben getreu bleibt, hält gewiß einen recht würdigen Gottesdienst. Solche Lichtmenschen sind echte Werkzeuge Gottes, seien sie Knechte oder Mägde, mögen sie Schuhe verfertigen, Eisen schmieden oder Documente ausarbeiten: sie vollbringen fromm und fleißig an ihrem Platze, was ihnen der Vater aller Kreatur zu Erhaltung des Ganzen auflegte; sie wollen nicht, wie Faust, die Götter von ihren alten Sitzen verdrängen, sondern fügen sich ihren höhern Beschlüssen in ihrer untergeordneten Stellung und erreichen so in Demut, was jenem im Sturme versagt ist, daß sie nämlich sichtbare Werkzeuge der Vorsehung werden, und alle Engel und himmlischen Heerscharen unaufgefodert, weil ihr Herz rein und ein Tempel Gottes ist, sich zu ihnen niederlassen. Für diese ist dann der Sonntag auch ein wahrer Sonnentag, d.h. ein Fest für den innern Lichtmenschen; sie stehen ohne Magie höher als Faust mit aller seiner falschen Gaukelkunst. Dieser sucht nur den Verkehr mit höhern Wesen; sie sind wirklich in demselben begriffen, weil Niemand, der getreu will, was Gott will, in dieser Welt allein und hülflos stehen kann.


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