> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Der Dichter, der Schauspieldirektor und die lustige Person des Vorspiels. (22)

2015-06-07

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Der Dichter, der Schauspieldirektor und die lustige Person des Vorspiels. (22)



4.

Der Dichter, der Schauspieldirektor und die lustige Person des Vorspiels.

Alle drei sprechen ihrem Charakter völlig gemäß. Der Director, der die Gage auszahlen muß, verfolgt den wesentlichen Standpunkt seines Berufes. Ein gefülltes Haus und eine gefüllte Casse geht ihm billig über Alles, und gar teuer sind ihm die Eindrücke von solchen Tagen, wie er sie selbst schildert:

Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt 
Und mit gewaltig wiederholten 
Wehen Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor Vieren,
Mit Stößen sich bis an die Casse ficht
Und, wie in Hungersnoth um Brot an Bäckerthüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
Dies Wunder wirkt auf so verschied'ne Leute 
Der Dichter nur; mein Freund, o thu' es heute!

Der Dichter dagegen sucht als echter Musensohn nur den Himmel, die Götter und den Olymp und bekümmert sich in diesem hohen Aufschwunge höchstens nur gelegentlich um die Casse. Er spricht mit Verachtung von einem Publikum, das das Schönste und Zarteste nicht selten verkennt, und bei dem sich die größten Meisterwerke oft erst nach Jahrhunderten in ihren wahren Wert einsetzen. Er haßt die ephemerischen Erscheinungen und belegt sie mit dem Fluche der Vergänglichkeit:

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren.

Nicht so der echte Dichter. Er huldigt der Nachwelt und in ihr der Ewigkeit. So vernichtet er gleichsam die alltägliche Erscheinung in seinem Busen, um sie in göttlich verklärter Darstellung als Ideal wieder hervorgehen zu lassen. Er achtet deshalb auch für keinen Vorwurf, daß man ihn der zeitlichen Lüge zeiht, weil er sich durch himmlische Eingebung wohl bewusst ist, daß Zeitliches oft an ewige Wahrheit grenzt, zeitliche Wahrheit aber nicht selten dem Vorwurfe ewiger Lüge auszuweichen nicht im Stande ist. Von nun an wird die höhere Kunst der Natur gegenübergestellt,

Wenn die Natur des Fadens ew'ge Länge
Gleichgültig drehend auf die Spindel zwingt.

Der Dichter will ungefähr sagen: langweilig folgen die Menschengeschlechter in der Geschichte, wie die Jahreszeiten, aufeinander. Die Natur scheint keinen andern Zweck zu haben, als Sicherung und Fortpflanzung des Ganzen ohne Ende; gleichviel, was um und neben ihr dabei zu Grunde geht. Dem göttlichen Gefühle des Dichters, seinem höhern inwohnenden Geiste, ist daher ihr toter Mechanismus widerwärtig; er sucht Gott, Harmonie, Ordnung, Zweck, Wohllaut,

Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge
Verdrüßlich durcheinanderklingt.

Diese wenigen Worte drücken den Ekel einer zarten Dichterseele bei Betrachtung gemeiner Gegenstände der Natur aus und richten, so zu sagen, die allgemeine Weltgeschichte. Psychens Flügel sind zu mächtig, um sich von dem klebrigen Schmuz des Erdbodens verhaften zu lassen. Sie sucht Gott und den Himmel im tönenden Aufschwung zum Ideal und findet beide im Gebiet der Dichtung.

Wer theilt die fließend immer gleiche Reihe
Belebend ab, daß sie sich rhythmisch regt?

Ebenmaß und Wohlklang im Vortrage des Dichters, beide im Vergleich mit einer untergeordneten, auf gut Glück zusammengeworfenen Prosa, sind durch diese Zeile angedeutet.

Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe?

Kunst des Idealisirens, Losreißung vom Einzelnen, Erhebung des Individuums zum göttlichen Urbilde.

Wer läßt den Sturm der Leidenschaften wüten?
Das Abendrot im ernsten Sinne glühn?

Der Dichter vergleicht in dieser Stelle das Moralische mit dem Physischen, den Sturm, wie er die Blätter der Weltgeschichte in Bewegung setzt, mit dem Sturme, welcher die Blätter des Waldes durchrauscht. Den Untergang hoher Seelen, eines Achill, Oedipus, stellte er einem wehmütig scheidenden Abendrote gegenüber, und nennt dies mit einem glücklichen Ausdrucke das Abendrot im höhern Sinne erglühen lassen.

Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter 
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?

Der Dichter faßt Alles in der Idee auf; das im Leben Unbedeutende, ja Gleichgültige wird durch ihn und seine Darstellung anziehend, bedeutungsvoll. Der Schmied, der Bauer, der Fischer, der Hirt, jeder Stand erscheint in seiner Nähe veredelt und empfängt gleichsam eine Glorie um sein Haupt.

Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?

Das Tier hat weder Poesie noch Religion. Zwischen diesen beiden Töchtern des Himmels aber findet ein inniger Zusammenhang statt. Dem Aufschwung des Menschen zur Idee überhaupt verdanken wir besonders den Aufschwung der Seele zu Gott. So ist demnach der Glaube an den Himmel und seine Bewohner, der die höchste aller Ideen ist, gesichert, so lange es noch begeisterte Dichter gibt. - „Vereinet Götter“ - eben durch sein Eingehen ins All (Objektivität), durch seine reine Auffassung des Göttlichen in jeder einzelnen Erscheinung, selbst in solchen, die sich feindselig einander gegenüberstehen, athmen alle Werke des Dichters jenen Geist der Eintracht, der sich durch Anerkennung gegenseitiger Verdienste beurkundet und das Göttliche in den mannichfaltigsten Gestalten zu verehren sucht. - Den nahen Bezug der Kunst auf Religion und Philosophie drückt Schiller in seinen „Künstlern“ fast mit den nämlichen Gedanken aus:

Nur durch das Morgenthor des Schönen 
Drangst du in der Erkenntniß Land;
An höhern Reiz dich zu gewöhnen,
Übt sich an Schönheit der Verstand.
Was bei dem Saitenspiel der Musen 
Mit süßem Beben dich durchdrang,
Erzog die Kraft in deinem Busen,
Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.

Die lustige Person empfiehlt dem Dichter ganz besonders die Jugend zu fassen, weil ihre Seele noch eine unbeschriebene Tafel und ebendeßhalb mancher Eindrücke fähig sei:

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,
Ein Werdender wird immer dankbar seyn.

Der Humor als lustige Person vermittelt überhaupt den schroffen Absatz des poetischen und bürgerlichen Lebens, da sich für beide kein Übergang ergeben will. Er rät, um das Publikum zu fesseln, dummen Streichen nicht auszuweichen, nur aber auch gelegentlich Weisheitssprüche dazwischen hören zu lassen. Das wecke, reize, ärgere, belehre und bekehre zugleich. Das Verhältnis eines echten Dichters zum Publikum müsse, wie das eines Liebhabers zu seinem Mädchen, seyn. Auf den Rath, sich weniger mit dem Alter, als mit der Jugend, einzulassen, erwiedert der Dichter: nur jung könne man der Jugend gefallen. Der Narr möchte ihm doch auch mit seiner Jugend zugleich Lust an der Thorheit wiedergeben. Er fühle sich zu gesetzt, zu ernst, um forwährend mit Kindern ein Kind zu seyn. Der Humor will ihm diesen Satz schlechterdings nicht einräumen; es sei, wie er behauptet, mit der Dichtkunst keineswegs, wie mit der Tanzkunst oder mit dem Lanzenspiele beschaffen, wo freilich Jugendkraft in der Regel als eine unerläßliche Foderung sich geltend mache; umgekehrt, mit anmutiger Weisheit lasse sich eben im Alter die Wahrheit am besten verbinden. Der Director schließt mit der Idee eines guten Cassenstückes, das, wie sich von selbst versteht, zugleich ein Spektakelstück seyn muß. Er bittet sich dazu alle Ingredienzien aus, die im „Faust“ wirklich vorkommen. Wasser, Feuer, Felsenwände, Himmel und Hölle, nichts soll fehlen. Der Dichter liefert ihm nun zwar alle diese Gegenstände, spielt ihm aber dennoch einen Streich, den er nicht vermuthet. Er legt allen diesen, an sich hohlen Dingen einen hohen Sinn unter. So befolgt er den Rath, den ihm der Humor oder die lustige Person kurz vorher gab. Die Beimischung nämlich einer ziemlichen Portion Narrheit hindert ihn keineswegs daran, die Größe seiner Weltansicht, sei es auch nur ironisch, durzusetzen. Wohl kann man sagen, Goethe lege in diesem Prologe dem Publikum gleichsam Rechenschaft über den gewählten gothischen Styl sowie über die groteske Art seiner Darstellung höherer Ideen im „Faust“ ab. Warum Alles in demselben so bunt wie in einer Oper unter- und durcheinandergeht: dafür werden uns die Gründe durch die Flachheit des Publikums, die lustige Person und den Schauspieldirektor zur Genüge an die Hand gegeben.


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