> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Faust's Commentar zum Evangelium Johannis, als weitere Entwicklung von Goethe's Gartengesprächen. (34)

2015-06-08

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: Faust's Commentar zum Evangelium Johannis, als weitere Entwicklung von Goethe's Gartengesprächen. (34)




16.

Faust's Commentar zum Evangelium Johannis, als weitere Entwicklung von Goethe's Gartengesprächen.

Geschrieben steht: „im Anfang war das Wort!“

Hier stock' ich schon. Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen.
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft.
Doch auch, indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe,
Mir hilft der Geist, auf einmal seh' ich Rath,
Und schreib getrost: im Anfang war die That!

Dem unerfreulichen, nie beendigten Streit zwischen der Ewigkeit der Welt, oder der Materie, und der Ewigkeit Gottes sucht Faust hier dadurch ein Ende zu machen, daß er die Schöpfung selbst als ewige That nicht etwa voraussetzt, sondern sie zu gleicher Zeit, oder vielmehr über alle Zeit erhaben als gleich unendlich mit dem Schöpfer annimmt. Der Mensch verwickelt sich hier zu leicht in Trugschlüsse, indem er Gottes Worte beilegt, was dem Menschenworte in seiner Dürfigkeit allein eigen ist. Der Unterschied zwischen Gottes-und Menschenwort aber ist dieser: Gott kann allein seine Vorstellungen zwingen, daß sie Dinge werden. Den belebenden Hauch, wodurch dieses geschieht, und wodurch der ewige Geist Vögel, Blumen, Tiere, Menschen, die er sich zuvor gedacht, nun als Erscheinung gleichsam ausathmet, diese hohe Kraft in ihm nennt die Schrift bildlich Wort, das Wort, oder den Logos. Wir sehen Alle die Wirkungen dieses Logos vor Augen, ohne daß wir seiner geheimnißvollen, höhern Natur irgend anders als durch Ahnung inne würden. Denn was ist es sonst als diese Kraft, die im Frühlinge mit dem Lichte auf die Erde kommt und aus dem schwarzen, gleichgültigen Staube so anmuthig Rosen und Hyacinthen hervorzaubert? Ihr Liebeszug ist es, der in den Samenkörnern die eingekerkerten schlafenden Geister zu neuem Leben wieder aufweckt. Die Seelilie aus der Tiefe des Sees ruft: hier bin ich! und das Morgenrot gestaltet sich bei seinem Herannahen zu den zarten Umrissen einer Rose, die man mit den Händen abflücken und halten kann. Von diesem Standpunkte aber, will der Dichter sagen, ist keine Trennung irgend denkbar. Gedacht ist zugleich gethan, und gethan ist zugleich gedacht. Die Trennung zwischen Wort und That, die der Menschenwelt angehört, kann nun und nimmermehr im Reiche Gottes stattfinden. Sehr schön tritt späterhin dieser allseitigen Ansicht des Faust, die Gottes Welt, die Schöpfung und den Schöpfer als ein von Ewigkeit Ungetrenntes zusammendenkt, die einseitige Vorstellung des Mephistopheles in den Weg, der den Bestand der Materie für sich allein als selbständig durchsetzt und Licht und Bewußtseyn nur als unnütze Zugaben betrachtet, die erst späterhin aus dem Chaos zu Entwickelung kamen. So stellt er sich in seinem Hochmuthe höher als Gott und sagt von sich selbst:

Ich bin ein Teil des Theils, der Anfangs Alles war,
Ein Theil der Finsterniß, die sich das Licht gebar,
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
Ein Körper hemmt's auf seinem Gange,
So, hoff ich, dauert es nicht lange,
Und mit den Körpern wird's zu Grunde gehen.

Ganz irre geworden an der eigentlich ursprünglich göttlichen Kraft, an jenem Standbilde der Idee, an jener Werdelust der Engel, die sich durch nichts irre machen läßt, sondern in einer unendlichen Reihe jedesmal mit Gewissheit zur Erscheinung bringt, was der einzelne Punkt oder das Individuum nur höchst unvollkommen gewähren kann, ruft Mephistopheles unwillig aus:

Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt,
So viel als ich schon unternommen
Ich wußte nicht ihr beizukommen,
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand;
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
Und dem verdammten Zeug, der Tier-und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben!

Faust aber blickt durch; er sieht recht wohl, daß diese Vorstellung einer höhern Lichtwelt einseitig und beschränkt, wie ihr Urheber, ist. Er ruft deßhalb in einer Anwandlung echt göttlichen Unwillens:

So setzest Du der ewig regen,
Der heilsam schaffenden Gewalt
Die kalte Teufelsfaust entgegen,
Die sich vergebens tückisch ballt.

Sein Geist beruht fort in jener harmonischen Grundvorstellung des Universums, die sich auch späterhin in jenem erhabenen Gespräche, das er mit Felsen, Bäumen und Tieren in der Einsamkeit hält, so unvergleichlich beurkundet.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir Alles,
Warum ich bat. — — —
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Hier, wie an andern Orten, rechtfertigt Faust demnach vollständig den Ausspruch Gottes von ihm, als er seine Seele dem Teufel zur Versuchung preisgab:

Und steh' beschämt, wenn Du bekennen mußt:
Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.


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