> Gedichte und Zitate für alle: J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: 7. Goethe und Herder (13)

2015-06-05

J.D.Falk: Goethe a. nähern persönlichen Umgange dargestellt: 7. Goethe und Herder (13)



7. Goethe und Herder

Als ich einst von Goethes erhabenem, gleichgültigen Schweben über dem Spiele der Welt in dem oben mitgeteilten Sinne sprach, da unterbrach mich der Mann mit hochgewölbter Stirn, unter welcher, wie aus einem Tempel Gottes, ein paar Feueraugen hervorleuchteten, mit folgenden Worten: „Alles recht gut! Ob sich aber der Mensch hier in diese Region versteigen soll, wo gemalte und wirkliche Leiden ihm eins sind, wo er aufhört, Mensch, wenn auch nicht Künstler zwar, zu sein, wo das Licht nur noch scheint, aber weder wärmt noch erquickt; und ob diese Maxime, anerkannt, nicht zu einer allgemeinen Charakterlosigkeit führen würde, das ist doch eine andere Frage. Den Göttern wollen wir immerhin den Standpunkt ihrer ewigen Ruhe nicht streitig machen. Mögen sie alles auf dieser Erde wie ein von ihnen absichtlich geordnetes Spiel betrachten. Uns aber, die wir als Menschen menschlichen Bedürfnissen anheimgegeben sind, soll man mit keinem buntgemalten Theatervorhange hinhalten; man soll uns den heiligen Ernst lassen, ohne welchen alle Kunst zuletzt doch nur in eine leere Gaukelei ausartet. Spiel und immer nur Spiel! Sophokles ist kein Spielmann gewesen; Äschylus noch weniger. Das sind alles Erfindungen neuer Zeit, die wenig oder nichts taugen. David sang Hymnen, kühner als Pindar, und nebenbei regierte er ein Königreich. - Was regiert Ihr? - Es ist gut und löblich, daß Ihr den Ysop bis zur Zeder auf dem Libanon, die Natur in allen ihren Erscheinungen erforscht oder, wie Euch zu sagen beliebt, in Euch aufnehmt; nur sollt Ihr mir dabei die Krone aller Erscheinungen, den Menschen, in seiner sittlich angeborenen Größe nicht aus den Augen rükken. Wenn ich mir Nero denke, wie er Rom ansteckt und indes die Leier dazu rührt - ja der spielt auch! Es ist ein prächtiges Bild! Was geht es Neros Baumeister an, ob Weiber und Kinder in eine brennende Stadt ihre Tränen schütten mußten! Das ist eine Geschichte von gestern. Er seinerseits entwirft den Riß zu dem neu zu erbauenden Rom, und wenn nur die Zeichnung auf dem Papiere sich gut ausnimmt oder nicht verläuft, so ist er völlig zufrieden. Am Ende wird alles nach einem verbesserten Geschmacke aufgeführt, und man muß dem Herrn der Welt noch dazu Dank wissen, daß er diese Reform veranlaßte. Hier haben wir denn ein gemaltes und ein wirkliches Rom. Der Unterschied ist so groß nicht. Wir sind Künstler; Götter, Neronen, und wie wir sind und was wir sind, so ist es jedes Mal das Rechte.“

Denn Recht hat jeder eigene Charakter;
Es gibt kein Unrecht als den Widersprach!

Die mächtige Stimme, die diese Worte sprach, ist längst auch verhallt. Aus den nämlichen Gesinnungen, welche zu denen von Goethe sich wie der Norden gegen den Süd verhalten, wird der Leser leicht erraten, daß es die von Herder war. Merck, gleichfalls einem frühem Jugendfreunde des Dichters, wollte diese unbedingte Richtung seines Wesens in die Kontemplation ebenso wenig gefallen. Einst sagte er zu ihm, wie mir Herder erzählte, auf seine pikant kräftige Weise: „Siehst du, im Vergleiche mit dem, was du in der Welt sein könntest und nicht bist, ist mir alles, was du geschrieben hast, Dreck!“

Merck war ein halbes Jahr in Weimar und zuletzt so verstimmt, daß er Goethe gar nicht mehr sah. „Was Teufel“, fuhr er auf, „fällt dem Wolfgang ein, hier zu Weimar am Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzen, andere zu hudeln oder, was mir alles eins ist, sich von ihnen hudeln zu lassen? Gibt es denn nichts Besseres für ihn zu tun?“ Merck, wie Herder hinzusetzte, war ein Sonderling, streng in manchen Stücken, oft paradox, zuweilen verfinstert, aber nicht selten voll herrlicher Lichtblicke; es war sein eigener feuriger Geist, der an ihm zehrte; er zerfiel nach und nach in sich selbst; es leuchtete noch ein paar Mal, zuletzt wurde er Asche. Merck endete durch Selbstmord.

Goethe seinerseits fühlte sich nicht selten recht schmerzlich durch diese Verkennung seiner Freunde, wozu auch Jacobi gehörte, in seinem Innersten verletzt. Er tat, was er seiner Natur nach nicht lassen konnte, und hatte dessen kein Arg. Wofern kein Lob, so erwartete er doch auch wenigstens keine lieblosen Vorwürfe. Aber seine Freunde wollten ihn nun durchaus einmal anders haben. Der von der Natur Auserwählte sollte auch nur das Auserwählte darstellen; sie wollten ihn in einen zwar edeln und auserlesenen, aber doch immer nur in einen sehr beschränkten Kreis bannen, nämlich in denselben, worin er zuerst ihre Gunst gewonnen hatte. Goethes Genius dagegen war weit umfassender und verschmähte jeden Weg, der ihn von der Natur abführte oder gar trennte. Da der Widerspruch zwischen ihm und Herder ein wesentlicher war, so seltene Naturen beide auch waren, so war ebendeshalb an keine Ausgleichung zu denken. Bei Herder wurde alle Gestalt zur Idee, ja er löste sogar alle Geschichte in Ideen zur Geschichte der Menschheit auf; in Goethe dagegen verlor sich alle Idee in Gestaltung. Er hätte sich, wie wir oben vernahmen, lieber das unvollkommene Reden abgewöhnt, wie die Natur selbst durch Symbole fortgesprochen und sich in Blumen und Sterne sinnig hineingeträumt. Ihm genügte es, wie die Natur, in belauschter Einsamkeit mit sich selbst zu spielen und durch alle Formen des Lebens hindurch ein anmutiges Dasein zu wechseln. Er bedauerte, wurde etwa bei solchen Gelegenheiten Herders erwähnt, dessen nordische Einsamkeit und daß er jene heitern anmutigen Spiele der Kunst in den gewitterschweren Dunstkreis der Politik und des Lebens mit aller Gewalt herabnötigen wollte. Beides, wie er bedächtig sogleich hinzusetzte, seien zwei für sich und in sich völlig abgeschlossene Kreise; man müsse sie notwendig auseinanderhalten, jeden für sich und Gott für uns alle gewähren lassen.

Was daher bei Goethe beschränkt hieß, nannte Herder menschlich schön; und was Herder dagegen als Unendlichkeit einer großen Idee ansprach, die sich nun in verschiedenen göttlichen Verzweigungen, bald als Heldenmut, bald als Gesetzgebung, bald als begeisterte Dichtkunst dem Menschen offenbart oder als Weltgeschichte kundgibt, solche Erhabenheit rührte Goethe so wenig, daß sogar Charaktere wie Luther und Coriolan ihn in ein gewisses Unbehagen versetzten, was sich nur dadurch befriedigend erklären läßt, daß ihr Wesen mit dem seinigen in einem geheimen Widerspruche stand.

Goethe war eine schöne, Herder dagegen eine erhabene Natur. Von dem Geiste seiner Zeit war Herder mächtig angerührt; er trug sie in sich, er schritt ihr vor, ja er hat sie in seinen Schriften ausgeprägt. Ein Reich sittlicher Gestaltung wollte er begründen. Aus allen Himmelstrichen und Zeiten trug er emsigfroh alles Große und Schöne wie ein verlorenes Kleinod zusammen, um seinen geliebten Humanus, das in der Zeit nachgedunkelte Ebenbild Gottes, die arme von ihm geliebte Menschheit damit auszustatten und ihr den verlorenen Glanz von Eden wiederzugeben. Alles, was Herder unternahm, bezweckte ein höheres menschliches Handeln. Wen sollte ein solches Bestreben nicht mit Ehrfurcht und Liebe erfüllen? Er verwünschte die Bücher - „aber schrieb welche“, setzte Wieland, der unendlich an Herder hing, auf anmutig scherzende Weise hinzu, als einmal von dieser Abneigung desselben in seiner eigenen Gegenwart die Rede war, ohne daß der liebenswürdige Dichter den tiefen Seelenschmerz des Mannes, der dieser Äußerung zum Grunde lag, in seinem ganzen Umfange erfaßte oder nach Verdienst würdigte. Eben weil diese praktische Richtung dem Goetheschen Wesen fremd war und seiner ganzen Anlage nach sein mußte, konnten sie sich, wo es solche Gegenstände galt, auch niemals verständigen. In diesem einzigen Punkte sind beide sich ewig fremd geblieben.


Inhaltsverzeichnis                                     


Keine Kommentare: