> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Gott, Gemüt und Welt Seite 3

2015-06-09

J.W.v.Goethe: Gott, Gemüt und Welt Seite 3



Die endliche Ruhe wird nur verspürt,
Sobald der Pol den Pol berührt.
Drum danket Gott, ihr Söhne der Zeit,
Daß er die Pole für ewig entzweit.
»Magnetes Geheimnis, erkläre mir das!«
Kein größer Geheimnis als Lieb und Haß.
Wirst du deinesgleichen kennenlernen,
so wirst du dich gleich wieder entfernen.
»Warum tanzen Bübchen mit Mädchen so gern?«
Ungleich dem Gleichen bleibet nicht fern.
Dagegen die Bauern in der Schenke
Prügeln sich gleich mit den Beinen der Bänke.
Der Amtmann schnell das Übel stillt,
Weil er nicht für ihresgleichen gilt.
Soll dein Kompaß dich richtig leiten,
Hüte dich vor Magnetstein', die dich begleiten.
Verdoppelte sich der Sterne Schein,
Das All wird ewig finster sein.
»Und was sich zwischen beide stellt?«
Dein Auge, so wie die Körperwelt.
An der Finsternis zusammengeschrunden,
Wird dein Auge vom Licht entbunden.
Schwarz und Weiß, eine Totenschau,
Vermischt ein niederträchtig Grau.
Will Licht einem Körper sich vermählen,
Es wird den ganz durchsicht'gen wählen.
Du aber halte dich mit Liebe
An das Durchscheinende, das Trübe.
Denn steht das Trübste vor der Sonne,
Da siehst die herrlichste Purpurwonne.
Und will das Licht sich dem Trübsten entwinden,
So wird es glühend Rot entzünden.
Und wie das Trübe verdunstet und weicht,
Das Rote zum hellsten Gelb erbleicht.
Ist endlich der Äther rein und klar,
Ist das Licht weiß, wie es anfangs war.
Steht vor dem Finstern milchig Grau,
Die Sonne bescheint's, da wird es Blau.
Auf Bergen, in der reinsten Höhe,
Tief Rötlichblau ist Himmelsnähe.
Du staunest über die Königspracht,
Und gleich ist sammetschwarz die Nacht.
Und so bleibt auch, in ewigem Frieden,
Die Finsternis vom Licht geschieden.
Daß sie miteinander streiten können,
Das ist eine bare Torheit zu nennen.
Sie streiten mit der Körperwelt,
                                                Die sie ewig auseinander hält.





Epigramme, Sprüche, Xenien usw.

Ende

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