> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Anfänge Seite 6

2015-07-26

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Anfänge Seite 6


ERSTER TEIL

SEIN UND WERDEN

ANFÄNGE

Eh der Mensch erleben kann, muß er sein, und dieses Sein ist ein nicht weiter aufzulösendes „Urphänomen“. Was bekam das Geschöpf das am 28. August 1749 in Frankfurt dem Rat Goethe von seiner Frau Elisabeth geboren wurde von vornherein von der Natur mit, als einfach Hinzunehmendes — außer dem was alle kleinen Kinder mitbekommen? Was ist an diesem von außen her noch unbeeinflußten nackten Geschöpf das Früheste das wir als angeboren Goethisch, als ein zugleich unterscheiddendes und ursprüngliches Merkmal eben dieses Wesens anerkennen dürfen? Gehen wir zu den frühesten Berichten zurück und wählen nur die bezeichnenden aus, unter Auslassung dessen was der junge Goethe mit andern Menschenkindern notwendig teilte . . der größte wie der kleinste Mensch muß essen, trinken und schlafen, und so wird Goethe gleich andern als Kind geschrien haben und kindische Dinge begangen haben, wie z. B. das Hinauswerfen der Teller aus dem Fenster auf die Ermunterung von Frankfurter Schälken — dessen wir uns aus Dichtung und Wahrheit entsinnen. So reizvoll und lebendig diese Geschichte an sich zu erzählen und erzählt ist, so bedurfte es doch nicht des Kindes Goethe dazu dergleichen zu tun. So lassen wir auch die Schreib und Sprachübungen des Knaben Goethe beiseite. Sie überschreiten den Bereich einer sorgfältigen Erziehung nicht, wie man sie damals vornehmeren Bürgerkindern angedeihen ließ, und zeigen Goethe als ein begabtes und gewecktes, auch gewissenhaftes Kind, das unter zwanzig seinesgleichen immer einen der ersten Plätze zu behaupten wußte. Doch all das verrät nichts spezifisch Goethisches — läßt nicht einen notwendigen inneren Zusammenhang ahnen zwischen dem Kinde und dem Genius, zeigt nichts von dem einmaligen Dämon Goethes, der ihm angeboren war und von der Wiege bis zum Grab dieses einzigen Menschen Schicksal und Wesen abhob vom Wesen und Schicksal aller anderen. 

Die Auswahl zu treffen zwischen bezeichnenden und unbezeichnenden Überlieferungen ist für den Historiker so wichtig wie die zwischen echten und falschen. Wo die Überlieferung dünn fließt, wie z. B. zur Biographie Shakespeares oder Dantes, wird man freilich versucht sein die zufällig erhaltenen Dokumente, und seien sie so gleichgültigen Inhalts wie die Prozeßakten worin Shakespeares Namen vorkommt, so lange zu pressen und zu drehen, bis sie doch etwas Bezeichnendes zu ergeben scheinen. Wo die Überlieferung so überreichlich strömt wie zur Goethebiographie ist die strenge Sichtung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unabweisbare Pflicht. Wir haben nun schon aus Goethes frühester Jugend, unter vielem Belanglosen, mehrere Zeugnisse welche in kindlicher Form einige Grundeigenschaften des eigentümlich Goethischen Gepräges verraten, Ureigenschaften, noch durch keine Bildung getrübt und abgebogen, Züge die seiner angeborenen inneren Struktur angehören und die uns deshalb wertvoll sind, weil wir hier einen festen Punkt in der Nähe des Zentrums dieser Kräftekugel haben und den Weg der Ausstrahlungen und Umwandlungen von möglichst weit innen her verfolgen können. 

Jene ersten Zeugnisse rühren allerdings von der zweideutigen Bettina her, aus ihrem zweideutigen Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“. Es ist ihr zuzutrauen daß sie die bewußten Anekdoten, wenn nicht symbolisch erfunden, so doch zurecht stilisiert hat. Sie will sie von Goethes Mutter gehört haben und tat jedenfalls aus ihrer Kenntnis des späteren Goethe einiges Aufschönende dazu. Aber trotzdem überschreiten die Anekdoten nicht den Bereich des Wahrscheinlichen und wir haben kein Recht sie ohne weiteres abzuweisen — sie sind als Fakta ebenso kindlich als sie Goethisch sind, und ebenso natürlich als dämonisch.. und das Zusammentreffen dieser Eigentümlichkeiten, die der schriftstellernden Bettina fehlten sie war forciert und genialisch, schauspielerisch und überhitzt — scheinen mir ihren echten faktischen Kern zu verbürgen. 

Die erste lautet: „Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mußten denn sehr schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie, das schwarze Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden . . er hörte auch nicht auf mit Weinen, bis er nach Hause kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart. Er konnte sich nicht trösten über des Kindes Häßlichkeit. Damals war er drei Jahr alt.“ 

Wenn dieser Bericht wahr ist oder Wahrheit enthält, so hätten wir hier die erste dumpfe Bezeugung von Goethes eingebornem Bildnertrieb, der sich als Schönheitssinn zunächst nur durch Reaktion äußern konnte. Es ist derselbe Zug der dem reifen Goethe alles Karikaturenwesen so unleidlich machte, daß ihm eine Verzerrung oder Verkrüppelung physische Übelkeiten bereitete, daß ihn ein Fleck oder ein Knick auf seinen Kunstblättern empören konnte. Wir haben es hier mit einer ersten Goethischen Ureigenschaft zu tun, die ihn selbst bestimmte, wie sie auf die begegnendeUmwelt durch Aneignung und Ausscheidung später wirken mußte.

Eine zweite Anekdote, allerdings wesentlich mehr zugestutzt und aufgeschönt, gibt uns ein anderes Grundthema seines Lebens, über das sein Dämon später mannigfaltige Variationen spielte: „Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, daß sie bei seiner Geburt eingestanden haben: hier mußte die Einbildungskraft seiner Mutter oft das Unmögliche tun, um seinen Forschungen Genüge zu leisten, und so hatte er bald heraus, daß Jupiter und Venus die Regenten und Beschützer seiner Geschicke sein würden. Kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich dem Einfluß seiner günstigen Sterne näher gerückt. Er sagte auch oft zur Mutter sorgenvoll: die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben? Da sagte die Mutter: warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir anderen doch ohne sie fertig werden müssen? Da sagte er ganz stolz: mit dem was anderen Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden. Damals war er sieben Jahre alt.“ Den ersten Teil dieser Anekdote halte ich für glatt erdichtet, im Sinne des Anfangs von Goethes Autobiographie, der ja von dem Horoskop Goethes handelt. Dagegen die Goethische Äußerung am Schluß enthält den wahren Kern um den diese ganze poetische Erzählung herumstilisiert worden ist. Es ist wahrscheinlich und mag sich so geäußert haben, daß in Goethe schon sehr früh ein dumpfes Gefühl seiner Einzigkeit und Überlegenheit sich geregt und nach Ausdruck gerungen hat. Es wird ergänzt durch prosaische und glaubwürdige Zeugnisse aus seiner frühen Jugend (wie das Gernings) wonach er immer seine Kameraden hof* meisterte, und den Schiedsrichter spielte. Wir finden hier eine zweite Goethische Ureigenschaft, die sich in seiner Leipziger Zeit, eh er die ihm gemäße Ausdrucksform gefunden hatte, als absonderliches Geckentum äußerte, in seiner Straßburger und Wetzlarer Zeit als Titanismus, in seinem Mannesalter als Olympiertum. In allen drei Formen ist das Gefühl einer einzigen Kraft wirksam die in Gegensatz gegen den gemeinen Gang der Welt geraten muß, so sie dieser Welt nicht formend oder herrschend antworten kann. Mit dem Schönheitssinn ist das herrschsüchtige Selbstgefühl, die Ahnung der Götterlieblingsschaft tief verwandt.

Beide kündigen in der Form, wie sie in Bettinas Bericht zuerst bezeugt werden, mehr von Goethes Charakter an als von seinem Genie. Ähnliche Berichte von frühem Selbstgefühl haben wir aus der Jugend Alexanders des Großen oder Napoleons. Aus dem stolzen Sterngucker hätte auch ein Herrscher werden können. Im Verein mit dem Schönheitssinn allerdings wird ein solches souveränes Selbstgefühl schon zum Künstlertum bedingt. Man würde leichter einen bildenden Künstler in dem Knaben prophezeit haben, wenn man (ebenfalls durch Gerning) erfährt daß er unfer seinen Kameraden der fleißigste Zeichner war in der gemeinschaftlichen Zeichenstunde. Wir wissen wie der Hang zur bildenden Kunst Goethe lange Zeit neben dem zur Dichtkunst als falsche aber mächtige Tendenz gelenkt hat. Es war sein bildnerischer Urtrieb, der in der Zeichnerei eine falsche sekundäre Form ergriffen hatte. Denn sein Bildnertum war eine Ureigenschaft, sein Zeichnen nur eine Anwendung. Sein Bildnertum gehörte zu seinem Charakter, sein Zeichnertum zu seinen Talenten. Sein Bildnertum war ein Schicksal, sein Zeichnertum ein Zufall.

Eine dritte Erzählung der Bettina bezeugt uns was die nicht zufällige, sondern notwendige Urform seines Bildnertriebs war: das Fabulieren des Kindes kündigt den künftigen Dichter an. Neben dem Schönheitssinn und dem Selbstgefühl finden wir schon sehr früh das Dichterische als eine Grundeigenschaft Goethes, als seine Grundform der Auswirkung — wie er selbst bekennt und wie es Bettina ausführt, ein Erbteil von der Mutter her. „Da saß ich und da verschlang er mich bald mit seinen großen, schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgend eines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader schwoll und wie er die Tränen verbiß. Manchmal griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen totschlägt; wenn ich nun halt machte, und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, daß er bis dahin alles zurecht gerückt hatte, und so ward mir meine Einbildungskraft häufig durch die seine ersetzt.“

Diese drei Stammeigenschaften Goethes, Schönheitssinn, Selbstgefühl, dichterische Phantasie sind zunächst die einzigen die wir dem nackten Kinde zuschreiben wollen auf Grund der ersten Zeugnisse. Was uns etwas später über ihn berichtet wird gibt bereits Synthesen dieses Ich mit der Umwelt, geistige und sinnliche Einwirkungen der Umwelt auf dieses angeborene Ich, und dessen entsprechende Gegenwirkungen . Freilich wird bei der Intensität und Aktivität mit welcher jene drei Grundeigenschaften bei Goethe auf treten alles Außere sofort ein Inneres, alles Zufällige sofort Schicksal und Eigenschaft, aller fremde Stoff sofort eigner Gehalt, aller Eindruck sofort Ausdruck. So finden wir schon beim Knaben Goethe drei weitere Eigenschaften die vielleicht nicht mit ihm geboren sind, aber so früh ihm eingewachsen sind, daß wir sie jenen drei allerersten oder erstbezeugten Formen seiner Vitalität (auf das bloße Tier, den Säugling, wollen wir nicht rekurrieren) anreihen können. Es sind die ersten Abwandlungen jener Grundformen: sein Lehrtrieb, sein religiöser Hang, und seine Beobachtungslust und gabe, die sich gleicherweise gegen sein Ich wie gegen die Umwelt richtet. Wer möchte entscheiden was hier früh erlernt und was angeboren ist? Wir können Eigenschaften immer erst wahmehmen, wenn sie hervortreten, wenn sie aktuell werden, aber nicht immer ist der Zeit? punkt des Erscheinens identisch mit dem Zeitpunkt des Entstehens — oder vielmehr unsere Organe zur Erfassung der Wirklichkeit reichen nicht so weit wie die Wirklichkeit selber. Auch das ist übrigens ein Grund mehr, warum der Biograph eines produktiven Menschen sich vor allem an seine Produktion selber halten muß, um sein Leben zu fassen, denn es ist das Wesendes schöpferischen Werks: in einem Sinnbild das Leben voraus und rückwärts rund zur Erscheinung zu bringen, das sonst uns unterirdisch verborgen oder wenigstens gestaltlos bliebe. Aber gerade die Produktivität selbst, die nicht eine einzelne Eigenschaft, sondern das Wesen, die Seele des schöpferischen Menschen ist, woran alle einzelnen Eigenschaften sich erst offenbaren, dieTrägerin der Eigenschaften, die wiederum von diesen ihre spezifische Farbe und Maserung erhält — gerade die Allbezeugerin selbst werden wir, so gewiß sie angeboren ist, immer erst verhältnismäßig spät wahrnehmen und immer erst wenn das nackte Ich bereits mit der Umwelt in einen vermischenden Kontakt geraten ist, und zwar je früher die Pro* duktivität hervortritt, destoweniger rein und deutlich wird sie als eine angeborene Kraft des Ich hervortreten, da gerade dann sie sich noch nicht in ihrer eigensten Form und Sprache ausdrücken kann, sondern erst einmal in Vorgefundenen fremden Formen, die sie nachahmt, und mit fremdem Stoff, den sie noch nicht bewältigt, der sie zudeckt und erdrückt.







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