> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Anfänge Seite 7

2015-07-26

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Anfänge Seite 7


Die anderen Eigenschaften können wir in ihrer Farbe und Qualität als spezifisch Goethisch auffassen: von seiner Dichtergabe wissen wir früh daß sie da war, aber erst viel später was das spezifisch Goethische daran, die Form der Goethischen Seele darin war — sie wird uns verhüllt durch die Rokokoformen deren sie sich bediente und den meist sittlich bürgerlich biblischen Stoff der ihr zunächst geboten wurde. Goethes früheste Produktion enthält also nichts woraus wir sein Urerlebnis entnehmen könnten, sondern wird völlig beherrscht und erdrückt von seinen Bildungserlebnissen. Diese eben bestanden in einer rationalisierten, behäbig verbreiterten, protestantisch bürgerlichen Bibelwelt einerseits, und in einer sittig temperierten farbigen Reise- und Märchenromantik andererseits, worin der feste und abgeschlossene Bürgergeist, in dessen Milieu der Knabe Goethe aufwuchs, dem allgemeinen Menschentrieb nach Ferne in Raum und Zeit genug tat. Goethe nennt in Dichtung und Wahrheit als Werke dieser Art welche ihm Eindruck machten Fenelons Telemach, Robinson Crusoe, dessen deutsche Nachahmung „die Insel Felsenburg“, Lord Ansons Reise um die Welt.

Ward hier der kindliche Durst nach räumlicher Ferne befriedigt, so fand der Durst nach zeitlicher Ferne, nach Märchenwillkür und Märchenweite Nahrung in den noch immer lebendigen Volksbüchern aus dem ausgehenden deutschen Mittelalter, Eulenspiegel, die vier Haimonskinder, die schöne Melusine, Kaiser Oktavian, Magelone, Fortunat „mit der ganzen Sippschaft bis auf den ewigen Juden“. — Es mag damals wohl auch der Doktor Faust, den Goethe selbst nicht namentlich anführt, zum erstenmal ihm begegnet sein.

Die Bibelstunden und die Lektüre solcher Märchen-, Wander- und Wunderbücher gaben also den ersten Bildungsstoff ab dessen die kindliche Produktivität sich bemächtigte. Dichtung und Wahrheit sagt uns von dem langen Roman über Josef und seine Brüder den der Knabe Goethe verfaßte und ähnlichen weitläufigen Umsetzungen von Gelesenem oder Gehörtem in Geschriebenes . Die Märchen die er erzählte und niederschrieb werden wohl kaleidoskopisch durcheinandergeworfene Variationen jener alten Volksbüchermotive gewesen sein. Die Stilform deren er sich bediente mag sich jeweils angeschlossen haben an die Muster denen er den Stoff entnahm, sei es der schnörkelhafte zugleich kindliche und umständlich altkluge Ton der damaligen Reisebeschreibungen, sei es der altertümlich trockene und zutrauliche Ton der Volksbücher. Eine stoffliche Mischung beider Motivwelten waren offenbar seine Puppenstücke, deren Charakter uns der Anfang des Urmeister am anschaulichsten übermittelt. Von seiner eigenen Prosa aus der frühesten Knabenzeit ist uns nichts erhalten. Das Märchen „Der neue Paris“ ist in der Form in der es vorliegt ein Werk des alten Goethe, zu dem bestenfalls einige Kindheitsmotive als Stoff gedient haben. Die Gedichte die wir aus seinem 10. bis 16. Jahre haben zeigen eine ungemeine Geschicklichkeit in der Beherrschung der damaligen Verssprache ohne irgendeinen eignen Ton: seine Neujahrsgratulationsverse an die Großeltern sind glatte Bänkelsängerei im Stil der Gelegenheitsdichter aus der Zeit zwischen Opitz und Gottsched, da Dichten ein lernbares Handwerk war das darin bestand daß man die geläufigen Begriffe von den Gegenständen oder Gefühlen in Maß und Reim verteilte und mit faßlichen Gleichnissen aus der Natur oder der Mythologie aufputzte. Kanitz, Besser, Abschatz, die nüchterneren Nachfolger der schlesischen Schwulstpoeten waren die Vorbilder dieser Art von Gelegenheitspoesie.

Das erste größere Gedicht das uns von Goethe aufbewahrt ist „Poetische Gedancken über die Höllenfahrt Jesu Christi: auf Verlangen entworfen von J. W. G.“ das er als Fünfzehnjähriger verfaßte und drucken ließ, ein weitläuftiges Produkt, weist ebenfalls keinen eigenen Ton, keine eigene Anschauung auf, beherrscht aber vollständig und souverän die Formensprache, den Bilderschatz und die Verstechnik einer Epoche deren stärkste Formeln für das Großartige, dekorativ Feierliche, rationell Erhabene etwa Haller geprägt hatte. Ein gewisser kalt feierlicher, repräsentativer Jesuitenstil waltet darin . . trocken und innerlich leblos, aber nirgends hart und stockig — gewandt und bewegt mit virtuoser Handhabung des pompösen Faltenwurfs und einem erstaunlichen Reichtum an dekorativen Bildern zur Hervorrufung einer Anschauung die nur vorgestellt, nicht erlebt ist. Es fehlt jede eigene Gesinnung, jeder eigene Nachdruck, jeder eigene Glaube darin: es ist ein reines Virtuosenstück, und zwar eines Knaben der im erreichbar Handwerklichen seiner Kunst von keinem der anerkannten Meister des rationalistischen Zeitalters deutscher Poeterei noch etwas zu lernen hatte. Alle verstechnischen Mittel die von Opitz bis Gottsched und Geliert ausgebildet waren stehen dem Verfasser dieses Produkts zu Gebote.

Dagegen fehlt darin jede Ahnung von dem neuen Begriff der Dichtung als eines Ausdrucks innerer Erlebnisse wie er damals durch Klopstock bereits verwirklicht war. Der Ausdruck des eigentlich Goethischen Wesens darf damals noch nicht in seiner Produktion gesucht werden, denn diese enthält gerade das Ungoethische, das was er mit anderen teilt, Bildungserlebnisse, aber ebenfalls nicht spezifisch Goethische Bildungserlebnisse, sondern solche einer ganzen Rokokogeneration. Nur zweierlei ist Goethisch daran, doch das ist nicht artmäßig, sondern gradmäßig: einmal die Angeregtheit selbst, die Lust und Kraft alles Gelernte sofort nachzuahmen, alles Gelesene und Gehörte in aktive Anwendung umzusetzen, und die frühreife sprachliche Begabung womit er, dem Erleben nach noch leer und arm, die äußeren Mittel und Formen einer Kunstübung sofort beherrscht und auf jeden äußeren Gegenstand anwendet den man ihm bietet. Auf Verlangen ein Gedicht dieser Art zu entwerfen, zu dem er sichtlich keine innere Beziehung hat, beweist eine enorme geistige Wachsamkeit, Raschheit, Geschicklichkeit. Während nun allerdings Goethes Jugendproduktion vor dem Leipziger Liederbuch nur das Abgeleitete, Fremde, Zufällige seines damaligen Seins gibt, enthalten einige biographische Anekdoten Sinnbildlich wesentliche, ursprünglich eigene und spezifisch Goethische Züge seines Wesens und beantworten uns vernehmlicher die Frage nicht nur nach seinen Ureigenschaften, sondern auch nach bestimmten Urerlebnissen, die in typischer Form, als in der Struktur seines Ich schon begründet, durch sein ganzes Leben immer wiederkehren.

Wir wenden uns nach dem Vorblick auf die frühesten, gleichsam ungoethischen Arbeiten Goethes zurück zu den frühesten Zeugnissen derjenigen Eigenschaften welche wesentliche Merkmale seines Charakters und Voraussetzungen der eigentlich Goethischen Produktion sind: nach dem Schönheitssinn, dem Selbstgefühl und der Fabulierlust erfahren wir seinen Lehrtrieb, seine Frömmigkeit und seine Beobachtungsgabe.

Das früheste Zeugnis für seinen Lehrtrieb gibt ebenfalls Bettina, und es ist kein Grund diesmal ihre Erzählung anzuzweifeln, da Goethes früheste Korrespondenz, die mit seiner Schwester, schon einen eingefleischt pädagogischen Charakter trägt und auf eine pädagogische Neigung und Übung hindeutet.

Bettinas Bericht lautet: „Sonderbar fiel es der Mutter auf daß er beim Tod seines jüngeren Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien vielmehr eine Art Arger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben; da die Mutter nun später den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichten beschrieben waren, er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es den Bruder zu lehren.“

Der pädagogische Trieb der sich in dieser Geschichte ausspricht ist eine der Grundanlagen Goethes: von den ebenerwähnten Leipziger Studentenbriefen an seine Schwester bis zu den Gesprächen mit Eckermann ist Goethes Verkehr mit den Menschen, mit seinen Nächsten oder mit dem Publikum, getragen von einem mannigfach abgestuften Willen zu bilden, zu klären, zu erziehen — und zwar auf eine andere Weise als es je ein früherer oder späterer Praeceptor Germaniae geübt hat. Das Unterscheidende seines pädagogischen Verfahrens liegt darin daß er in jedem Gegenüber mit beinahe pflanzenhaft feinem Instinkt der Verantwortlichkeit den Keim von Bildungsmöglichkeiten spürte an den er seinen eigenen erzieherischen Trieb einsetzte. Denn dieser ist nur eine weitere Form seines Bildnertriebes selber, ein Übergreifen seiner heimlich bildenden Gewalt auf andere . . und wie Goethe der erste Deutsche ist bei dem man von bewußter Selbstentwicklung reden kann, als von einem Selbsterziehungsprozeß der an sich bewußt tut was die Pflanze unbewußt tut, so ist er der erste der in der Erziehung fremder Menschen, instinktiv und bewußt, einen organischen Bildungsprozeß gesehen und gefördert hat.

Weil sein Erziehertum mit seinem bildnerischen Trieb so tief verwandt ist, dürfen wir die frühe Regung dieses Erziehertums nicht nur auf Nachahmung sondern auf Naturell zurückführen. Denn freilich muß man sich bei allen kindlichen Äußerungen fragen ob sie nur erste Jugendeindrücke sofort nachahmerisch anwenden, oder ob ein Urtrieb aus ihrem Tun spricht. Daß der Knabe Goethe so früh erzieherische Neigungen entwickelte, könnte etwa zurückgehen auf das Beispiel seines Vaters, unter dessen pedantischer Erziehungslust die Goethische Familie zu leiden hatte. Goethes erzieherische Grundanlage ist nicht eine primär didaktische. Das Erziehertum ist etwas viel Umfassenderes als das Lehrertum: das letztere hat nur dem Geist Kenntnisse zu vermitteln oder Fähigkeiten beizubringen, und ist eine Technik, ein Weg von außen nach innen, eine Methode, gegebenen Stoff zuzu» bereiten, einzuteilen, nahrhaft zu machen. Der Stoff ist das Gegebene, dann kommt erst der Mensch. Der Erzieher hat es mit dem ganzen Menschen zu tun, sein Gegebenes sind menschliche Anlagen, sein Weg ist der von innen nach außen — der Erziehertrieb d. h. der auf Menschen übergreifende Bildnertrieb, ist unabhängig davon ob er gerade Gegenstände findet woran er sich erproben kann . . er ist dem erzieherischen oder vorbildlichen Menschen so selbstverständlich wie die Wärme der Sonne, auch die Wärme hat nicht den Zweck Pflanzenwuchs zu fördern, aber sie tut es, wenn Pflanzen da sind. So ist auch Goethes Erziehertum nicht auf Anlässe aus, um sich zu betätigen und zu erproben: er wäre ein großer Erzieher gewesen auch ohne Anlässe — das Bilden war ein beinahe vegetabiler Trieb seiner Natur, nur ein Trieb mit Bewußtsein und Technik. Er gehörte zu seinem Stil, er ist eine Ausstrahlung seiner Lebendigkeit selbst.

Die Fähigkeit des Lehrens besaß er auch, aber das ist kein Urtrieb, keine angeborene Eigenschaft, sondern eine erlernte Fertigkeit die er zu bestimmten Zwecken beherrschen mußte und meisterhaft beherrschte, wie alles was er anfing. Lehren konnte er, Erzieher, Bildner war er.

Als Zeugnis für Goethes Frömmigkeit könnte man schon Bettinas Anekdote von Goethes Sternguckerei deuten: doch deren Hauptgrund war das Selbstgefühl, nicht die Ehrfurcht. Goethe kümmerte sich um die Sterne, weil sie eine besondere Beziehung auf ihn selbst zu haben schienen, nicht um eines Schauers willen den die Sterne an sich ihm einflößten. Die menschliche Uranlage welche allem Kult und allem Mythus zugrunde liegt ist aber die Ehrfurcht vor etwas von dem wir schlechthin abhängig sind, dem wir nur durch unsere Hingabe und Dienste uns nähern können, etwas das nicht um unsertwillen da ist, sondern umgekehrt.

In unsres Busens Reine wogt ein Streben 
Sich einem Höhern, Reinem, Unbekannten 
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.

Diese Verse des vierundsiebzigjährigen Goethe bezeichnen die seelische Grundanlage welche den Menschen zur Anbetung führt, und in Wilhelm Meisters Wanderjahren spricht er von den drei Stufen der Ehrfurcht, der Ehrfurcht vor dem über’uns, vor dem unter uns, und vor uns selbst. Welcher Religion man zuneigt, ob mehr heidnischer oder christlicher (um die zwei Grundformen religiösen Verhaltens zu nennen) ob mehr magischer oder mystischer — das hängt hauptsächlich davon ab welche von jenen drei Arten der Ehrfurcht in uns überwiegt. Ehrfurcht ist angeboren, sie läßt sich nicht lernen, aber sie kann, als ein im höchsten Sinn Geistiges, erst durch Erziehung ihre Richtung und ihren Gegenstand und somit ihre Äußerung empfangen. Goethe war einer der frömmsten Menschen, und zwar im heidnischen Sinne fromm: der Ausgangspunkt und die Mitte seiner Frömmigkeit, welche all seine anderen Verehrungen bestimmte, war die Ehrfurcht vor sich selbst, die er in den Wanderjahren als die oberste und umfassendste Art der Ehrfurcht pries. Das heißt: er nahm sein eigen Dasein und Wesen hin als eine Form und Wirkung der göttlichen alldurchdringenden Kraft. Der fromme Christ, wenigstens im Paulinischen, Augustinischen, Lutherischen Sinn, geht aus von der Ehrfurcht vor dem über uns, und hat primär nicht Ehrfurcht, sondern Ekel vor sich selbst, er empfängt ein Gefühl der Ehrfurcht vor sich selbst erst auf dem Umweg über das Gefühl Gottes Geschöpf zu sein, nicht, wie der Heide fühlt, Gottes Ausdruck, Gottes Träger und Form zu sein.






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