K.v.Müller-Unterhaltungen m. Goethe: 16.12.1812 (3)
16. December 1812
Alles(1) verkündet Dich, Nahst Du im Morgenlicht, Eilet die Sonne hervor. Zeigst Du im Garten Dich Bist Rose der Rosen. Du, Lilie der Lilien zusammt. Neigst Du am Tage Dich, Drehn die Gestirne all' Im Kreis sich um Dich, Kehrt die Nacht, o wär' sie da, Überstrahlst Du des Mondes Lieblich einladenden Glanz. Ladend und lieblich bist Du, Sonne, Blume, Mond und Sterne Huldigen nur Dir. Tagschaft Du, Nachtschaft mir, Leben und Ewigkeit ist's. So ohngefähr, aber gewiß noch viel schöner, als ich es im Gedächtniß behielt, war das Lied, welches Goethe mir heute von Dem. Engels(2) zur Guitarre singen ließ. Er hatte es nach »Namen, ich nenne Dich nicht etc.«(3) gedichtet, weil ihm dieser Text mit seinen ewigen Negationen und Verheimlichungen zu unlyrisch, ja verhaßt war. Die heutige Bedeckung des Aldebarans,(4) jenes schönen Fixsternes im Zeichen des Widders, durch den Mond hatte ihn sehr feierlich und heiter gestimmt. Es war, als ob ihm selbst etwas höchst Bedeutendes widerführe. Da war er denn zu Anerkennung jedes Ausgezeichneten doppelt gestimmt. Er rühmte Riemer'sTüchtigkeit, der ein für allemal nichts, »bloß um dieSache abzufertigen« thue. So strich er auch Zelters Großheit und männliche Fassung tiefsten Schmerz bei dem Selbstmord seines Sohnes,(5) frei von aller kleinlichen Sentimentalität, ungemein heraus. »Die Astronomie,« äußerte er, »ist mir deßwegen so werth, weil sie die einzige aller Wissenschaften ist, die auf allgemein anerkannten, unbestreitbaren Basen ruht, mithin mit voller Sicherheit immer weiter durch die Unendlichkeit fortschreitet. Getrennt durch Länderund Meere theilen die Astronomen, diese geselligsten aller Einsiedler, sich ihre Elemente mit und können darauf wie auf Felsen fortbauen.«
Er kam sodann auf A. v. Steigentesch's Angriff gegen deutsche Literatur im Schlegel'schen Museum(6)zu sprechen, der ihn sehr indignirte. Schlegel ist gegen besseres Wissen bloß durch Steigentesch's lockre Tafel dazu verführt worden, diesen verruchten Aufsatz aufzunehmen. Die bessern Wiener wissen das recht gut. So heiter hatte ihn jene astronomische Erscheinung gestimmt, daß er den Gedanken faßte, die musikalischen Vereine, die bekanntlich früher der Neid der Jagemann gestört hatte, für den Sonntag Morgen wieder aufzunehmen. Sein ganzes Herz schien daran zu hängen. Wie manche schöne Stunde dürfen wir uns demnach wieder versprechen.
1. Das Gedicht ist spät (1816) in Goethe Zelters Briefwechsel erwähnt. Ob dabei die Zelterische Komposition gemeint ist, bleibt zweifelhaft. Es findet sich in seiner wahren Gestalt in der Hempelschen Goetheausgabe. Gedichte I.40- Also schon aus dem Jahre 1812, nicht, wie Strehlke meint, aus dem Jahr 1813 stammt das Gedicht. Zur Bequemlichkeit für den Leser setzen wir es hier her:Alles kündigt Dich an!
2. Hofschauspielerin, spätere Frau (1818 5.Mai) des bekannten Dürand. Seit 28. August 1805 war sie am Hoftheater und am 24. Juni 1845 ist sie gestorben. ( nach Franes ungedr. Memoiren)
3. Richtiger: Namen nennen dich nicht
4. Er verschwindet bei der Bedeckung durch den Mond nicht sofort, sondern bleibt etwa 1 1/2 Sekunden gleichsam auf dem Mondrande.
5. Stiefsohn Zelters. Vergl. dessen Briefw. mit Goethe II, 83, wo Zelter den Verstorbenen schildert.
6. Jahrg. 1812 3. Heft in dem Aufsatze: Ein Wort über deutsche Literatur und Sprache. S. 197-221 Erscheinet die herrliche Sonne,
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