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2015-07-09

Oden von F.G.Klopstock: Beruhigung (11)



Beruhigung

Laut erscholl's seit grauer Zeit, gebot Folgerung,
In den Klüften allen, und allen den Labirinthen.
Der Weisheit, die Urzustand grübelt:
Nichts ist ohne Ursach.

Nichts? Ist es denn nicht Gott?
Da schreyen sie, ungeführt von dem Faden
Des Labirinths: Gott hat seine Ursach in sich selbst!
Mir widert zu, nennen, was sie schreyn.

Er, (wie stammeln wir Ihn) der Unaussprechliche,
Er, das Wesen der Wesen ist ohn' Ursach.
Aber schau auf, schau nieder, umher: da halten, durch Ihn,
Ursachen, Wirkungen unabsehnlichen Reihntanz.

Der Geschaffenen, denen Seele ward,
Verborgenste Kraft, des Willens Freyheit
Ist das höchste von allem, was Gott schuf,
Ist es, die unschuldig vor Ihm, oder schuldig macht:

Vor Ihm!
Wir endlichen Geister
Halten über uns selbst
Blindes Gericht.

Verschieden ist die Denkungskraft der Unsterblichen;
Auf Stufen stehen sie, höheren, tieferen:
So der Unsterblichen Freyheitskraft; sie haben auch hier Genie,
Oder sie stehen auf dieser Stufe nicht.

Ursach wird die Freyheit von Handlungen,
Die der Allwissende selbst nicht vorher mit Gewissheit sieht:
Aber Er, der Immerwirkende, leitet sie
Zu der Schöpfung letztem Zweck, der Seligkeit Aller!

Anbetung Ihm, der nicht ruhend anschaut,
Der, auch durch ewiges Wirken, selig ist?
Anbetung, dass aus dem tiefen Urquell, wie Er es leitet,
Der sittlichen Handlungen Ozean herüberströmt.

Grenzloser Ozean, wie brausest,
Donnerst du in allen Welten! Wie wandelt auf dir,
Der dir himmelsteigende Wogen gebeut,
Und ebne Stille.

Anbetung dem Vater der Unsterblichen,
Auch für meine Freyheit!
Aber selber sie, was wäre sie mir;
Könt' ich nicht auch Gott denken, so gar Gott lieb

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