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2015-07-16

Oden von F.G.Klopstock: Die Maßbestimmung (57)

 


Die Maßbestimmung

Freude! da steht's, ein Geniuswerk; und mir ist doch
Etwas nicht da, ich entbehre! Der Entzückung
Strahlen, die es auf mich herströmet,
Treffen, wie ist das? nicht ganz;

Hüllen sich dort, und hüllen sich da, wie in Dämrung,
Strahlen nicht ganz in das Herz hin; denn ich wünsche!
Und doch lockt ihm das Haar die Schönheit,
Hellt ihm mit Lächeln den Blick;

Füllt ihm die Stirn die Hoheit mit Ernst, mit dem heitren
In dem Gesicht des Entschlossnen, wenn er That thut,
Oder thun will. O du der Irre
Faden, wo liegst du? Was fehlt?

Stimmet vielleicht der Theile Verein nicht harmonisch?
Dich, Harmonie, der gehorchend, sich zu Mauren
Felsen wälzen! der Baum, zu schatten,
Wandelt ins Sonnengefild!

Zaubert so gar der Meister nicht stets. Hat das Urtheil
Etwa den Theil, und das Theilchen nicht mit scharfem
Blick gemessen? bemerkt' es Ausart
In das zu Gross, und zu Klein,

Die nicht? Genau das Mass nicht gedacht; und der Umriss
Ründet sich nicht mit der Biegung, der es glücket.
Ohne Messung gelang selbst Venus
Gürtel den Grazien nicht.

Faden, o da, da windest du dich, von Athene's
Finger gedreht zu der Leitung aus der Irre.
Massbestimmug! auch du lehrst Felsen
Wallen, und Haine, den Strom

Säumen! Vermiss' im Lied' ich dich oft; so entschlüpf' ich,
Frey nun, dem Kreis, den sein Zauber um mich herzog:
Und der winkt mir vielleicht vergebens
Dann mit dem mächtigen Stab.

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