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2015-07-17

Oden von F.G.Klopstock: Die Sonne und die Erde (71)




Die Sonne, und die Erde

Sonne.

Rede denn endlich, Erde, verbirg nicht länger den Gram mir,
Welcher dir die Seele durchdringt.
Schweigest du doch, als wären geebnet die Berge dir, alle
Wälder gesunken, die Winde verweht.

Erde.

Lass mich schweigen, des Kreises erhabene Herscherin; Gram wird
Durch die Klage verneut.

Sonne.

Deinen kann die Verneuung nicht bitterer machen, so sehr blickt
Er aus jedem Quell dir umher,
Jedem Kristallsee, jedem der Silberbäche, aus allen
Deinen Augen umher!

      Erde.

Wenden kann ich die Blicke; doch hören muss ich! Wie kann ich
Mir der Höhen Geklüft,
Wie die Felsengewölbe mir schliessen? Selber die kleinen
Grotten, schliess' ich mir nicht,
Welche den kaum antönenden Laut mir bringen, der müden
Leiseren Klagen so viel.

Sonne.

Beb' und zerrütte!

Erde.

Kann ich es rings, und von Pole zu Pole?

Sonne.

Aber was hörest du denn?

Erde.

Krieger!

Sonne.

Die sah ich lang; allein ich erstaune, dass diese
Raserey dir das Herz
Stets noch erschüttert. Du hattest Jahrhunderte, Zeit, zu bekämpfen
Deinen Schmerz durch Kälte, dich hart,
Wie den Marmor zu machen, der in dem Orion emporsteigt,
Oder im Siebengestirn.

Erde.

Wie des Orions Marmor? und ich bin Mutter!

Sonne
.
Zu sanfte
Mutter bist du! Lass uns die Bahn,
Die gemessen uns ward, mit Fröhlichkeit wallen! des Lebens
Uns geniessen, uns freun
Unserer Freuden, und jener, die dort mit den Welten ertönen
Aus den Ozeanen des Lichts!

Erde.

Kentest du diesen Krieg; du trauertest selber! Vordem war
Mehr denn alle Kriege der Krieg
Mir Entsetzen, welchen sie donnerten wegen der Frage:
Wie sie jenseit des Grabs
Würden glücklich seyn? Jetzt ist mir gleiches Entsetzen
Jede Wunde, die rint,
Jeder Sterbende, der hinsinket, wegen der Frage
Von Glückseligkeit diesseit des Grabs.
(Als sie: Entsetzen! sprach, da führte sie wirbelnden Sturmwind
In Bergwäldern umher.)

Sonne.

Lass uns gleichwohl, o Mutter, mit Fröhlichkeit wallen. Dein Mitleid
Heilet die Rasenden nicht.
Auf denn! du siehest ja schimmern den Hesperus, hörest ihn wandeln,
Und den lieblichen Mond.

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