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2015-08-25

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 27


FAUST

Nun war noch ein Sinnbild seines titanischen Urerlebnisses übrig: der Faust: von allen das gemäßeste, d.h. dasjenige was sich von vornherein weitaus am meisten mit seiner eignen Seele, seiner Lage, seinem Bestreben, seinen Gefühlen und Zuständen decken konnte. Um aus Faust herauszureden, um sich in Faust hineinzubilden, bedurfte er weniger Umdeutung und Umbiegung als bei irgendeinem andren Symbol seines Titanentums: Faust war nicht ein mythischer Halbgott wie Prometheus, nicht ein orientalischer Religionsstifter wie Mahomet, nicht ein athenischer Lehrer wie Sokrates, nicht ein römischer Imperator wie Cäsar, nicht ein Haudegen wie Götz —lauter äußere Kulturformen die Goethe an sich nicht füllte, mit denen sich seine Lebensführung und-richtung nicht deckte: nur seine gewaltige Kraft symbolischen Sehens und dichterischer Sympathie schmolz das Fremde dieser Figuren in Goethisches um, oder sog das Goethische für sich daraus hervor. Wieviel mehr von vornherein in ihm Angelegtes fand er in dem weitbeschreiten Zauberer und Gelehrten des Faustbuchs! Ein Mann bürgerlichen Standes, Gelehrter, von unruhigem Trieb besessen die Geheimnisse der Welt zu erforschen, von leidenschaftlicher Schweife- und Expansionslust, etwa derselben sozialen Lage und Gesinnung angehörig wie Goethe und geschichtlich doch auch noch einbezogen in dieselbe Zeit und Weltatmosphäre wie der Götz, deren Vorteile für Goethe wir schon kennen .. nah genug um noch für Goethische Sinne und Gedanken verständlich, nachfühlbare Gegenwart zu sein, fern genug um mythisch, verklärt und über» schaubar stilisiert zu sein. Eben diese Zeit, die ihn als Bildungsstoff an» sprach, war ja die Ursache, daß der Götz wirklich zu dramatischer Ausgestaltung gelangt ist, anders als die bloß mythischen oder antiken Dramenpläne, und auch daß es ein Milieudrama wurde statt eines Heroendramas — eben weil diese Zeit selbst für Goethe lebendiger ward als der Ritter. Also der Fauststoff brachte zunächst einmal die Goethe so gemäße, erlebbare, und wache Zeit und Welt, und doch war der Held selbst nicht so sehr wie beim Götz in Gefahr von dem Milieu überwuchert zu werden. Denn wie viel näher war ein dämonischer Forscher und Magier dem dämonischen Sucher und Geisterbanner Goethe als ein Haudegen der Faustrechtszeit! Wie spontaner konnte er in diesen sich füllen! Wieviel mehr Fäden führten aus Goethes Herzen zu Paracelsischen Naturen als zu Götzisch-Sickingischen.

Es kam noch dazu daß die Umbildung des Schwarzkünstlers und Scharlatans aus dem Faustbuch, der allerdings nicht so ohne weiteres als eine Goethische Natur angesprochen werden kann, die Umdeutung des alten Volksbuch»Faust in einen dämonischen und tiefen Menschen schon vorbereitet war durch Marlowe, dessen Faustdrama bis in die Puppenspiele hin» ein für Fausts Veredelung nach dem Titanenhaften hin bedeutsam war, und durch Lessings Fragment. Man darf das nicht unterschätzen: die Vorstellungen des Titanischen einerseits und des Erlösungsbedürftigen, Erlösungswürdigen andrerseits, wie sie durch Marlowes und Lessings Vorarbeit mit der Faustgestalt verknüpft wurden, mögen sehr viel dazu beigetragen haben diejenigen Elemente zu verdecken die am Faustsymbol, wie es der Rohstoff des Volksbuchs bot, für Goethe schlechthin fremd und sogar abstoßend sein mußten, das Gaunerische, Marktschreierische und Kaltböse, und ihm diese Gestalt schon schmackhafter, menschlicher, kurz Goethischer erscheinen zu lassen, geeigneter ein Sinnbild seines eignen Wesens zu werden. Er brauchte hier, dank Marlowe und Lessing, nicht mehr soviel eigne Kraft an die wertende Umdeutung und innerliche Appretierung des Symbols eine unerläßliche Vorarbeit der eigentlich dichterischen Gestaltung — zu wenden: er bekam das Symbol als solches schon Goethischer angeboten. Vielleicht bei Prometheus war ihm die Umdeutung auf den modernen Genius schon vorgetan seit Shaftesbury, ja die Prometheusgestalt selbst brachte schon aus dem Altertum Goethegehalt bildhaft mit. Jedenfalls war der Faust weit weniger in Gefahr als Held erdrückt oder in den Schatten gestellt zu werden durch das Milieu, wie der Götz, bei dem von vornherein die Zeit, das Bildungserlebnis, eine größere Gewalt hatte, da sich das Urerlebnis auf ein schwächeres, d. h. Goethe anstrengenderes, unbereiteteres Symbol gestützt hatte. Vor den mythischen Symbolen von Goethes Titanentum hatte die Faustgestalt nicht nur die größere Goethehaftigkeit, d. h. Symbolnähe voraus, sondern auch die gemäße, erlebbare Umwelt. Und vor dem Götz die größere Symbolnähe der Zentralgestalt, so daß er davor behütet blieb zugunsten des Milieus zu verkümmern. So kam es daß der Faust am innigsten und treuesten von Goethe gehegt wurde.

Aber nicht nur der Titanismus an sich war mit dem Faustsymbol auszudrücken: nicht nur das Gefühl des Schöpfertums wie im Prometheus, das Gefühl des Widerstands gegen die Welt wie in Cäsar und Götz, sondern ein Grundtrieb der (mit dem Titanismus verwandt, aber nicht notwendig verknüpft) noch tiefer, gründiger in Goethes Gesamtdasein wurzelte, nämlich: die Unersättlichkeit nach Leben, nach Allheit — nicht nur die Fülle, nicht nur die Selbständigkeit und Stärke des Lebens das sich auswirken will. Form oder Zeichen dieses Lebenshungers, der nicht nur die negative Seite des schöpferischen titanischen Expansionstriebes ist sondern eine eigne Funktion des Goethischen Lebens, ist zunächst das Leiden an der Existenz schlechthin, nicht nur an bestimmten zeitlichen Formen der Existenz: das transzendente Gefühl des Ungenügens welches hervorgeht aus dem Widerstreit zwischen der räumlichen und zeitlichen Beschränktheit unsrer irdischen Lebensformen mit dem unendlichen Lebensgehalt der Welt . . die Unmöglichkeit sein Ich als Form zum All zu erweitern. Das ist eine ganz spezifische Tragik nur des bildnerisch angelegten Menschen, d.h. des Menschen zu dessen Grundwillen es gehört sich zu formen, als Form sein Leben zu führen: erst wenn der Grundtrieb zur gestalteten Selbstheit im gleichen Menschen mit dem Grundtrieb zur Allheit zusammentrifft, entsteht jene eigentlich faustische Tragik wie sie Goethe in die Verse gepreßt hat:

Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal Dir!

Denn der bloße Mystiker wird ohne tragischen Konflikt seine beschränkte Form aufgeben, um in das All oder in die Gottheit einzugehn. Der bloße Künstler wird ohne tragischen Konflikt auf das Universum verzichten, um sich an der Nachbildung ihrer Formen zu erbauen und zu befestigen. Jener braucht keine Form, dieser keine Allheit.

In Goethe aber war gleich mächtig der eine Trieb sein Ich zum All zu erweitern, also: sein geformtes bestimmtes beschränktes Ich einzusenken in das grenzenlose Leben selbst, und der andre Trieb dies einmalige Unwiederbringliche zu behaupten und festzuhalten als ein einmaliges geformt Unwiederbringliches gegenüber dem All. Beide Triebe hielten sich nicht immer das Gleichgewicht: bald gewann der mystische Allhunger, der Alleintauchungsdrang, die Sehnsucht nach dem Frieden in Gott, selbst durch Verzicht auf Form, d. h. auf Individualität, die Oberhand in ihm, bald der rein bildnerische Trieb, der künstlerische Selbstbehauptungstrieb, bei ihm identisch mit dem Formungswillen, der verzichtete auf das Universum zugunsten des individuellen Ich. Zeugnis jenes Willens zur mystischen Selbsthingabe, Selbstaufgabe ist z.B. das Gedicht Ganymed: freilich ein Zeugnis des Willens zur Selbstaufgabe, nicht der Selbstaufgabe selbst. Denn Goethe mochte wollen oder nicht — anders als bildnerisch konnte er sich nicht äußern . . und selbst wenn der Inhalt seiner Gedichte Mystik war, war ihre Form, ihr Wesen doch immer Künstlertum. Gedichte wie Ganymed, Wandrers Nachtlied und jene Sehnsuchtstrofe

Könnt ich doch ausgefüllt einmal 
Von dir o Ewiger werden —
Ach diese lange tiefe Qual 
Wie dauert sie auf Erden! 

solche Gedichte zeigen daß die Mystik (d. h. hier: der Drang nach entselbstetem Eingehn ins Unbedingte) wenn nicht als Kraft so doch als Wunsch ihm von seinem schweren Bildner-muß zeitweise Erleichterung oder Erlösung verheißen sollte . Zeugnisse seines freiwilligen schmerzlichen Verzichts auf Allheit, wohl auch ermatteter Selbstbeschränkung sind die mannigfachen äußern Gelegenheitsverse oder Stücke wie Claudine, wie Clavigo, wie Stella — wo aus reinem trocknen Darstellen geformter Einzelheiten, aus individuellen Festhalten, Beobachten, Eingraben für ihn Beruhigung und Sicherheit entsprang.

Goethe der Mystiker und Goethe der Zeichner oder Charakteristiker oder Gelegenheitsdichter sind beide zwar immer ganze Goethes, aber doch nur augenblickliche Goethes, und beide reichen sehr hoch in seine Produktion hinauf—der momentane Goethe der sich als bildnerisches Individuum behaupten will hat sich im Prometheus ein universelles Denkmal gesetzt, der momentane Goethe der im All aufgehen will, im Ganymed. Beide Weltgedichte versinnbilden Grundtriebe Goethes — und zwar diese Grundtriebe in ihrer höchsten Flut, in ihrem kräftigsten Zustand: aber sie verkörpern nicht den Konflikt dieser beiden Grundtriebe, nicht den Gesamtlebenszustand der daraus hervorgeht daß beide Triebe — der „mystische“ und der ..bildnerische“ der Eintauchungstrieb und der Formungstrieb — in derselben
Brust wohnen. Im Gleichnis gesprochen: Ganymed und Prometheus offenbaren kriegführende Mächte, gegensätzliche Kräfte Goethes, jede für sich doch nicht den Krieg selbst. Eben das aber tut der Faust.

Dieser Krieg zwischen dem Hunger nach Allheit und dem Willen zur Selbstheit, der im Gespräch mit dem Erdgeist unvergänglich dialogisiert ist, hat noch andere Formen: eine davon ist die zwischen dem Willen zum Leben im unwiederbringlichen Augenblick und dem ewigen Weitergetriebensein.

So tauml ich von Begierde zu Genuß
Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde . .

Dem Kampf zwischen dem raumbegrenzten Körperhaften und dem Grenzenlosen des Alls entspricht in der zeitlichen Dimension der Kampf zwischen Moment und Ewigkeit. Und die moralische Seite desselben Konflikts vergegenwärtigt sich in den späteren Faustversen:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust . . .
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen.
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust 
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Aber wie auch immer die konkrete irdische Form dieses metaphysischen Konflikts sein mag, ob Kampf zwischen Körperlichkeit und Allheit, zwischen Augenblick und Ewigkeit, zwischen Sinnenglück und Seelenfriede, zwischen Ideal und Wirklichkeit: das Resultat eines solchen Kampfs ist das Leiden am Leben selbst, wie es in Fausts Fluch explodiert — nicht nur an einer zufälligen Beschränkung oder Entzündung des Lebens, an der Nichterfüllung dieses oder jenes Wunsches oder an dieser oder jener Unbill — wie sie Hamlets Monolog aufzählt

Der Zeiten Spott und Geißel,
Des Mächtigen Druck, des Stolzen Mißhandlungen, 
Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub 
Den Übermut der Ämter und die Schmach 
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist . .

Das Leiden das hervorgeht aus dem Widerstreit der beiden umfassendsten transzendenten Triebe überhaupt, zwischen dem Trieb ein Selbst zu sein und dem Trieb ein All zu sein, kann deshalb nicht gestillt werden durch irgendein Endliches. Es bezieht sich, weil es gegeben ist einerseits mit dem bloßen Sein eines solchen Selbst und andrerseits mit dem bloßen Sein eines Alls, auf das Sein, auf das Leben selber, nicht auf Erscheinungen des Lebens, und dies Leiden ist das tiefste, überaugenblicklichste, „ewigste“ — heilbar nur durch Aufhören des Selbstgefühls oder des Allgefühls oder durch ein Erlebnis der Weltkraft welches jene Zweiheit der Triebe kein Konflikt mehr ist sondern eine Synthese. Wir werden sehen wie für Goethe diese Heilung des Urkonflikts durch Italien sich vollzog. Aber vorher war der Konflikt selbst das eigentliche Grundthema seiner Existenz, dem gegenüber all seine andren Urerlebnisse nur momentane wenn auch ausfüllende Krisen waren .. sie gaben nur die Farben seines Leidens am Leben, sie bedingten es, ohne es aufzuheben. Und wenn Mahomet, Götz, Prometheus, Werther Sinnbilder augenblicklicher Lebenskrisen sind, so ist Faust schon früh unbewußt, später bewußt zum Sinnbild seines Gesamtzustandes, seines eigentlichen Lebens selbst geworden.






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