> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 28

2015-08-25

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 28


Weil nun die Faustidee tiefer mit dem Kern von Goethes Existenz verwachsen war als irgendeine andre sinnbildliche Idee, weil sie gleichsam der sinnlich geistige Ausdruck geworden war für das eigentlich Goethischste, für die Spannung jener zwei Grundtriebe, für die individuelle Form unter der Goethe lebte und litt, so konnte sie auch schwerer durch irgendeinen einmaligen Reifeprozeß aus ihm sich loslösen, nicht vorschnell entladen werden wie andre Symbole, die nur durch einmalige Krisen zum Ausdruck gebracht wurden wie der Werther, oder durch irgendein zeitweilig mächtiges Bildungserlebnis gezeitigt wurden und dann reif und rund vom Baum fielen wie der Götz. Das Faustsymbol konnte weder in Goethe verkümmern wie etwa das Sokratessymbol, noch vorschnell reifen und erledigt sein. Was sich auch in andren Werken loslöst rascher oder langsamer, durch eine Krise oder durch eine Entwicklung gezeitigt — es arbeitet zugleich am Faust weiter.

Goethe hinterläßt gleichsam von jedem schöpferischen Augenblick seiner Existenz mehrere Sinnbilder, eines als Eigenwerk, unter dem Gesichtspunkt dieses Moments, und eines unter dem Gesichtspunkt seines Gesamtdaseins, in seinem Faust. Denn jeder schöpferische Moment ist in sich ein Ganzes, Rundes. Man kann das Leben von einem Augenblick aus überschauen. Man kann aber auch — und das ist die Aufgabe des Faust — jeden Augenblick nur als ein Bruchstück eines Gesamtlebens betrachten sub spezie aeterni.

Ja, daß auch der stärkste, der gefüllteste, der in sich genügsamste Moment (etwa ein Moment der Gottnähe wie er im Gedicht Ganymedes seine Verewigung erfahren hat) nur Moment, Flucht, Vergänglichkeit ist, das gehört zu den Hauptinhalten der Faustdichtung, zu den Gründen seines großen Weltzertrümmerungsfluchs, zu den Bedingungen seines Teufelspakts. Tragisch wird das Gefühl der Vergänglichkeit ja nicht dadurch daß man den Unwert alles Irdischen fühlt, die Leere der Existenz beklagt, wie Hamlet oder Byrons Manfred, sondern — und das ist das Neue an Fausts Weltschmerz — daß man im Vergänglichen selber die Fülle der Schöpfung, die Ewigkeit spürt und zugleich die Unzulänglichkeit der menschlichen Organe sie zu erschöpfen und festzuhalten. Daß die Welt so groß ist und der Mensch so willig ist ihrer Größe teilhaftig zu werden ohne die Organe dazu, das treibt Faust dem Teufel in die Arme . . daß er die Göttlichkeit der Augenblicke voll durchfühlt, daß er ihnen als Ebenbild der Gottheit sich hingibt und er dennoch in ihnen, kraft seines Lebenshungers selbst, nicht ausruhen kann. Goethes Zeugnisse für sein Gefühl der Ewigkeit, der Göttlichkeit oder wenigstens der Fülle aller großen Augenblicke und Gelegenheiten sind seine andren großen Dichtungen, wie der Faust das Zeugnis für ihre Relativität, ihre Vergänglichkeit, ihre Fluchwürdigkeit ist.

Goethe hat die doppelte Perspektive des Augenblicks in den Faust selbst hineingezogen und in dem Gegensatz Faust-Mephisto nicht nur dargestellt, sondern auch sie mehrfach ausgesprochen. Mephisto ist, außer andrem, auch das personifizierte Wissen um die Relativität sogar der höchsten Augenblicke und Gefühle. Die Art wie Mephisto Fausts Selbstmordversuch spioniert und glossiert, wie er Fausts Leidenschaft zu Gretchen, die Katechisation belauert und bespöttelt, sich über die hohe Intuition lustig macht: immer ist es ein dem dämonischen Menschen mitgegebner, gestaltgewordner qualvoller Hinweis auf die Vergänglichkeit, Beschränktheit, Relativität dessen woran wir unsre ganze Seele hingeben als an ein Absolutes.

Goethe hat auf seinem Weg immer Personen gefunden die ihm sein eignes Wissen von der Relativität seiner Begeisterungen objektivierten, wohl auch übertrieben, die durch eigensinnigen Krittel oder durch freundschaftiche Kritik die Schöpfung seiner regen Brust zu hindern wußten. In Straßburg hat Herder zuweilen eine solche Rolle übernommen, später Merck. So hat die Verkörperung des kritisch relativen Geistes, von dem Goethe selbst manchmal im Herzen sich geplagt fühlte, wohl Züge dieses Freundes angenommen, abgefärbt von ihm, ohne daß man in einer konkreten Person das Modell zu diesem Weltsymbol sehen dürfte. Die Ähnlichkeiten die man unleugbar zwischen einzelnen Dichtergestalten und Bekannten Goethes finden kann sind weniger zurückzuführen auf ein bewußtes Nachzeichnen ihres Wesens als auf eine Art Sich-Versehen des mit der Gestaltung schwangern Dichters. Mephisto ist das Relative, Momentane, Zeitliche, Beschränkte das Goethe in sich selber spürte, zusammengeballt zu einer Gestalt. Faust und Mephisto stehen sich gegenüber als der absolute, grenzenlose Wunsch nach Allheit, der in sich selber seine Erlösung und seine Hemmung trägt, und die Begrenzung und Beschränkung, die diesem absoluten Willen durch seine irdische Gebundenheit an Zeit und Raum auferlegt ist . . erst durch diese Hemmungen in Raum und Zeit wird der Verstand, das praktische, kritische, zweckhafte, das relative Denken, der gemeine Verstand wie ihn Mephisto vertritt frei, rege und wirksam. Denn der ursprüngliche Lebenstrieb kennt keine Zwecke, keine Relativität, keine Kritik: er ist absolutes Streben nach dem Absoluten, nach Gott oder Welt. Erst durch das Zusammentreffen mit den Beschränkungen des Momentanen wird der absolute dunkle Drang einerseits bewußt, andrerseits schuldig und der Erlösung bedürftig.

Der Mensch irrt so lang er strebt, wenn sein Streben, das als dunkler Drang auf das Absolute gerichtet ist, durch seinen relativen Geist, durch seinen sinnlich gemeinen, zweckmäßig befangnen Geist sich ködern und festlegen läßt auf beschränkte Einzeldinge: Wissen, Genuß, Macht, Ruhm oder selbst Liebe. Vom Ganzen seines Lebenstriebs aus betrachtet sind also alle seine größten augenblicklichen Erfüllungen nur Irrtümer, Verirrungen .. nur relativ und der hämischen Glossen seines Mephisto würdig. Mephisto ist zugleich der Verlocker zu allem irdisch Relativen und dessen Kritiker: er ist als beschränkte Sinnlichkeit die Verführung, er ist als beschränkter Verstand die Kritik und dadurch mittelbar das böse Gewissen, nicht im Sinn der christlichen Sündenidee, sondern im Sinn der ungenügenden Erfüllung der eignen Lebensaufgabe und -anlage. Nicht weil er ein äußeres Gesetz nicht erfüllt, hat Faust an Mephisto zu leiden, sondern wenn er seinem immanenten Gesetz abwendig geworden ist. Mephistos Urteile über Fausts Augenblicke, Fausts eigenes Ungenügen sind selber nur Darstellungen dieser Augenblicke vom Streben, von der Spannung seines Gesamtlebens aus, nicht die Augenblicke selbst, wie er sie absolut, d.h. unabhängig von seinem Gesamtüberblick, von der Gesamtwertung seiner Existenz aus, erfährt. Wir verstehen den Faust, sofern er Beichte ist — nicht als dichtenrisches Gebild an sich — erst richtig, wenn wir Goethes andre Hauptwerke auch kennen, in denen er sein Gesamtleben darstellt von seinen schönen Augenblicken aus. Erst wenn wir wissen wie unbedingt er diese Augenblicke erlebt, empfunden, vergottet hat, begreifen wir die tiefe Unzufriedenheit und Verzweiflung über ihre Vergänglichkeit. Erst wenn wir wissen was sie als Absolutes für ihn bedeutet haben, begreifen wir was ihre Relativität ihm bedeuten mußte, dann verstehen wir Fausts ersten und zweiten Monolog, seinen Zusammenbruch nach dem Gespräch mit dem Erdgeist, seinen Fluch und seinen Pakt. Denn wir haben ja die Darstellung seiner absoluten Augenblicke im Prometheus, im Mahomet, im Ganymed, um nur die höchsten zu nennen: das Bewußtsein seiner unabhängigen schöpferischen Kraft, das Gefühl des gotterfüllten Führertums, und die Versenkung ins gotterfüllte All.

Den Gegenschlag gegen den Stolz und das Machtgefühl des großen Selbst, wie es im Prometheus absolut sich äußert, finden wir im ersten Faustmonolog, den Gegenschlag gegen das Führergefühl des Mahomet in dem Spaziergang mit Wagner, in Fausts Antwort auf dessen Replik „Welch ein Gefühl mußt du o großer Mann, bei der Verehrung dieser Menge haben“, den Gegenschlag gegen das pantheistische Jubeln des Ganymed in dem zweiten Monolog Fausts oder in dem Zusammenbruch nach den Worten des Erdgeists. Natürlich besteht kein bewußter Parallelismus zwischen dem Faust und den andren Werken, zwischen der Tragödie des Relativismus aller höchsten Menschenkräfte (Menschenkräfte, nicht nur Erdengüter) und dem Zauber ihrer Göttlichkeit . Nur das unbewußte Doppelverhältnis Goethes zu seinem Lebensgehalt schlägt sich nieder in der Mehrheit seiner Fassungen. Nochmals: Faust stellt die Augenblicke des Goethischen Daseins dar unter dem Gesichtspunkt seines Gesamtlebens, andre Werke stellen sein Gesamtleben dar unter dem Gesichtspunkte absoluter Augenblicke. Entstanden ist der Faust als dramatisches Werk (wir kommen darauf in andrem Zusammenhang) freilich aus der Gretchentragödie, d. h. als zum erstenmal ihm durch jenen Fluch der Vergänglichkeit, der mit seinem Allstreben gegeben war, sein tiefstes Einzelerlebnis vernichtet wurde: seine Liebe. Dies erste Opfer — Wahn oder Schuld — ward ihm dann allmählich zum Sinnbild für den Lebensfluch des strebenden, des alldurchfühlenden und allentwertenden Titanen überhaupt. Die Liebe, im Urfaust noch der Hauptgehalt woran der Titanismus und seine Tragik der Relativität des schönen Augenblicks sich bekundet, ward allmählich zu einem absoluten und relativen Augenblick unter andren.

Wir haben bisher in der neuen durch die Straßburger Erweckung ermöglichten Produktion Goethes Zeichen seines Titanismus gedeutet, die dichterischen Darstellungen von Goethes Trieb der Selbstbehauptung oder der Weltdurchdringung, die Sinnbilder seines Zusammentreffens mit dem Ganzen der äußeren Welt und den gültigen Menschheitsformen, sei dies Zusammentreffen freundlich oder feindlich. Prometheus, Mahomet, Cäsar, Götz und Faust waren uns vor allem Gebilde des Goethischen Selbstgefühls, welches sich durchsetzen, behaupten, die Welt erfüllen oder verwandeln muß nicht der Liebe, des Drangs nach Hingabe, Goethes andrer Seins-form. Nur im Götz spielt Goethes Liebe in sein Titanentum herein, im Faust bringt sie es am deutlichsten zur tragischen Wirkung. Selbst die kosmische Alliebe wie sie in der Ganymedhymne ausgedrückt ist hat mit der eigentlichen Erotik weniger zu tun als mit dem Titanismus, wenngleich freilich auch die sinnliche Liebe nicht unabhängig bleiben kann von der Macht der gesamten Lebensfülle die in einem Menschen beschlossen ist. Goethes Erotik ist von dieser Seite her verwandt mit seinem titanischen Weltdurchdringungstrieb, seine Liebe zu einzelnen Frauen ist nur die Begrenzung dieses expansiven Triebs auf einen konkreten Gegenstand, eine Begrenzung die diesen Trieb zugleich im Wesen bedingt. Nicht nur der Ausgangspunkt einesTriebs bedingt ihn, auch der Endpunkt, und wenn vielleicht Goethes Titanismus, wie er sich als mystische Allliebe im Ganymed äußert, der Richtung nach nichts andres ist als seine Liebe zu einem schönen Mädchen, wenn beide hervorgehen aus dem Verlangen nach Erweiterung und Beruhigung des überströmenden Selbst: im Werk selbst geht aus der Ehe zwischen dem Ich und dem Du etwas völlig andres hervor, wenn das Du eine Welt und wenn es Person ist, wenn die Liebe sich ausbreitet ins Unbegrenzte oder wenn sie sich in eine Gestalt einläßt. Die sinnliche Liebe ist hierin grad der Gegensatz desTitanentums, trotz des vielleicht gemeinsamen Ursprungs. Denn die sinnliche Liebe ist auf Grenze angewiesen, findet ihr Heil und ihre Seligkeit in der Begrenzung und Umschließung durch die faßliche Gestalt: der Titanismus leidet an jeder Grenze, sucht sie zu zersprengen oder zu überfluten. Ich scheide deshalb den Titanismus Goethes (von dem der Welt durchdringungstrieb, der kosmische Hingabedrang, die Lust ins All einzutauchen, der Mahometismus oder Ganymedismus nur die eine Form ist, wie der Selbstbehauptungs-oder Weltbewältigungstrieb, das Prometheustum, das Götztum, der Cäsarismus seine andre ist) von seiner Liebe nicht um ihres verschiedenen Ursprungs willen, sondern um ihrer verschiedenen Ergebnisse und Wirkungen willen. Was aber ergibt sich daraus, wenn in demselben Menschen ein Wille zu unersättlicher Expansion und ein Wille zum Ausruhn, zum Genügen am und im Gestalteten walten? wenn einem Menschen bei seiner Bewegung in das grenzlose All ein begrenztes Schönes in menschlicher Gestalt begegnet? Nun, derselbe Konflikt zwischen Welt und Gestalt, zwischen Ewigkeit und Augenblick, den wir als Ursprung und Problem der Faustdichtung bezeichneten. Wir begegnen ihm von dieser Seite, unter dieser Form wieder, wir begegnen ihm auf Schritt und Tritt in Goethes Leben. Es ist das eigentliche große Problem der ganzen Goethischen Lebensführung: diese Faustische Tragik, den tiefen Schmerz an dem er manchmal zugrunde zu gehen bangte, der ihn in immer neuen Formen bedrängte, mit immer neuen Mitteln, in immer neuen Formen zu überwinden. Wir begegnen diesem Konflikt, der offen und für Goethe selbst bewußt erst einsetzen konnte, nachdem er durch Herder den Mut zu sich selbst bekommen hatte und nicht mehr in heteronomen Bindungen befangen war, von der Straßburger Zeit ab: als dem Kampf der zwei Seelen in Fausts Brust, als dem Kampf zwischen Begierde und Genuß, als dem Gegensatz zwischen Faust und Mephisto, als dem Gegensatz zwischen Faust und Wagner, zwischen Absolutem und Relativem, zwischen dem Forschertrieb und dem erreichbaren Wissen, zwischen Faust und Erdgeist, und endlich zwischen Faust und Gretchen.




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