> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 29

2015-08-26

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 29


Jedes Erreichte ist durch sein Erreichtsein bereits entwertet für den der in sich Ewigkeit fühlt, dessen Lust und Schmerz Ewigkeit will und sie doch nur im Augenblick finden kann. Denn für Goethes Bildnersglauben konnte nur Leib, Gegenwart, Erde selbst die göttliche Erfüllung sein, kein gestaltloses Jenseits oder Nirwana. Diese Tragik ist am tiefsten dort wo man seine Ewigkeit und Erfüllung in einem geliebten Menschen sucht und nicht finden kann. Denn je höher das Gut ist das wir mit unsrer Sehnsucht ergreifen und vergeblich ergreifen, desto tragischer ist die Enttäuschung, je wertvoller der Augenblick, die Begrenzung in die wir uns einlassen, desto schmerzhafter seine Vergänglichkeit, je näher dem Absoluten etwas ist, desto quälender die Erfahrung daß es doch nicht das Absolute ist.

Aber noch etwas vertieft die titanische Tragik bei der Liebe: wenn uns das Wissen oder die Macht oder der Ruhm nicht ausfüllt und wir hier über Erreichtes weiter schreiten müssen, weiter getrieben werden, so haben wir nur Leiden, aber keine Schuld. Wenn wir indes einem lebendigen Wesen Liebe verheißen und entlockt haben und auch hier der Augenblick, der nicht die erwartete Ewigkeit gewähren kann, vernichtet werden muß, wie Gretchen von Faust, so wird äußres Leben, Wirklichkeit, Dasein zerstört, nicht nur innere Illusion, Gedanke und Wunsch. Der Konflikt zwischen Titanismus und Liebe ist dann eine tragische Schuld. Es ist die leidvollste Form unter der fortan Goethes faustischer Grundkonflikt sich auswirken sollte: daß sein Streben, seine innere Aufgabe, sein titanischer Drang, „der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste“ nicht halt machen konnte vor einer in sich anerkannt vollkommenen und seligen Gegenwart, vor einem menschlich Ganzen, vor einer lebendigen Wirklichkeit, die mehr war als bloßes Ideal, mehr als bloßes Ziel — daß auch der Zauber eines holden Mädchens, also eine menschliche Erfüllung, ihm nicht Erfüllung bleiben, nur versprechen durfte: Fausts Gretchentragödie.

Das erste Opfer des Konflikts zwischen Goethes Titanismus und Goethes Liebe, zwischen seinem Trieb nach Allheit und seinem Wunsch sich ganz in den schönen Augenblick hinzugeben, im begrenzten Selbst sein All zu finden, ist Friederike gewesen: sie war die erste die nach seiner Straßburger Entfesselung dem jungen Titanen Friede und Erfüllung zu verheißen schien. Sehen wir erst diesen „schönen Augenblick“. Goethes absolut, wie er in sich erschien und Ausdruck fand, eh wir zur Tragik seiner Relativität, zu seiner dichterischen Fassung im Faust zurückkehren.

Nach den Reflexen die wir von ihrem Wesen in Goethes Liedern und durch die Schilderung in Dichtung und Wahrheit besitzen, war sie ein Mädchen von einfacher, ungebrochner Reinheit und Anmut, dabei nicht subaltern und dumpf, sondern frei und bildungsfähig und mit einem deutlichen Begriff für die menschliche Macht und Spannkraft die Goethes Liebe ihr brachte und von ihr forderte. Es war die erste Liebe des zu sich selbst, zur eignen Natur und Freiheit erwachten Goethe, darum morgendlich und frühlingshaft, verheißungsvoll und ahnungsvoll wie keine spätere, keine tiefere, keine leidenschaftlichere — ein Augenblick in Goethes Leben und dem des deutschen Geistes wie er nie wieder gekommen ist und nie wieder kommen kann. Die Gedichte dieser morgendlichen Liebe haben eben als Zeugnis eines unwiederbringlichen Augenblicks von Morgen und Jugend einen Zauber der immer wieder verlockt hat sie nachzuahmen, so einfach, jung, lerchenhaft zu sein, der aber gerade deswegen nicht erreicht, ja nicht einmal nachgeahmt werden kann. Alles was später von Romantikern und Epigonen, (geschweige von neueren Literaten die vom Schreibtisch her schlicht liedhaft sein wollen) im Ton den die Friederikelieder zuerst anschlagen gedichtet worden ist, unter dem Zauber des Mailieds oder „Es schlug mein Herz oder „Erwache Friederike“ das ist nur Literatur geblieben, weil es nur gewollt ist, ohne die einmalige „Gelegenheit“ den Kairos der solche Gebilde zeugt, abgesehen von allem Genie. Die Banalität „man ist nur einmal jung“ gilt auch für Völker und im jungen Ton singen kann nur ein eben erwachtes Volk das eine Stimme gefunden hat wie die Goethes. Damals in Sesenheim hat Goethe für sich und die Deutschen den Frühling entdeckt und in Friederike den wandelnden Genius dieses Frühlings. Und zwar den Frühling nicht nur als die bekannte lockende Jahreszeit wo die Blümlein sprießen, die Vögel singen und alle Herzen froher und hoffender, verliebter und freier schlagen — das Frühlingsmäßige als eine Konvention, als eine feste Kalendervorstellung — das hatte auch die Schäferpoesie schon gekannt: son» dern den Frühling als eine kosmische Gewalt, als das morgendliche Erwachen der göttlichen Kräfte das überall Sichtbares hervortreibt und sich verlautbaren, versichtbaren, fühlbar machen muß — das kundgewordne Geheimnis des Schöpfungsprozesses in Mikrokosmus und Makrokosmus. Die Liebe zu Friederike, als die erste Liebe des durch Herder aus dem Rationalismus und aller sonstigen Heteronomie befreiten Goethe, hat die Keime seiner kosmischen Lyrik erst zur Reife gebracht und der deutschen Lyrik die ersten vollkommen naturhaften, rein gewachsenen, gar nicht gedachten, sprach- und klanggewordnen Liebes- und Frühlingserlebnisse geschenkt. Durch die Liebe zu Friederike erst hat die deutsche Sprache die Fähigkeit bekommen alles Ahnungsvolle, Wallende, zärtlich Dumpfe, morgendlich Lockende, nächtlich Raunende, alle Übergangsstimmungen des Herzens und alle Übergangszustände der Natur auszudrücken. Von nun an wurden diese Dinge erlebbar, nachdem der einzige tief heidnisch leibhaft fühlende Mensch seine jugendliche Leidenschaft frei ausdrücken konnte. Denn dies ist bezeichnend für die Neuentdeckung der Natur die sich hier vollzog, daß nicht nur die Leistungen der Natur, ihre fertigen und sichtbaren Momente, sondern ihre Erwartungen, Hoffnungen, Verheißungen, ihre Vorbereitungszeiten, der Vorfrühling, erst in den Bereich der Dichtung gezogen wurden. Nie wäre vor Goethe, selbst stofflich, ein deutsches Gedicht möglich gewesen wie dies märzenhafte:

„Ein zärtlich jugendlicher Kummer“ (Der junge Goethe II, 128).

Hoffnung und Verheißung einerseits, Übergang und Untergang andrerseits: das ist die sprachliche Neuentdeckung, Neuerobrung im Gebiet des Menschlichen wie im Gebiet der Natur die Goethe mit oder in der Liebe zu Friederike gemacht hat für sich und die deutsche Dichtung . Es ist der ganze Charakter seiner Liebe zu diesem frühlingshaften Wesen überhaupt, der Charakter seines damaligen Glücks:

„Ich bin vergnügt; ich bin glücklich! Das fühle ich und doch ist der ganze Inhalt meiner Freude ein wallendes Sehnen nach etwas das ich nicht habe, nach etwas das ich nicht kenne“.

In diesen Worten liegt nicht nur seine Stimmung sondern auch sein und Friederikens Schicksal: die Lust die Ewigkeit will und nur den Augenblick findet, die Hoffnung und Begier die an einem geliebten Wesen sich Erflüllung sucht und zu unbegrenzt ist um sich an ihm zu sättigen, zu weit um darin auszuruhn. Der Konflikt zwischen Titanismus und Liebe kündigt sich mitten im Glück selbst an, und wenn Friederike denkwürdig bleibt als die erste Erweckerin von Goethes völlig gelöster und freier kosmischer Lyrik, so hat sie für die deutsche Dichtung noch größere Bedeutung durch die Tragik die sie in sein Leben gebracht hat, dadurch daß sie ihm die Tragik seines Lebens, eben jenen faustischen Konflikt der nicht nur Unbefriedigung, sondern auch Schuld ist, zum erstenmal deutlich gemacht hat. Wie er durch seine Liebe zu ihr den Frühling, ja die eigentliche freiblühende Seligkeit, deren Natursinnbild der Mai ist, entdeckt hat, so durch dieTrennung von ihr die Schuld . Es kommt hierbei freilich wenig auf das Individuum an das solche Bedeutung für Goethe gewann, es ist nur der Anlaß, die Gelegenheit, der Kairos für Goethes Dämon und Schicksal, das sich so oder so erfüllt hätte, aber der Kairos eines dämonischen Menschen ist kein Zufall, und so hat Friederike nicht umsonst eine mythische Bedeutung bekommen durch Goethes eignen Willen. Goethe hatte sich mit Friederike verlobt, unter dem Zauber der idyllischen Glückseligkeit der von ihr ausging — es war natürlich daß er das erste reine und freie Glück das ihm begegnete und das er mit offnen Sinnen, mit vollem Bewußtsein und vor allem mit gutem Gewissen seiner Empfindung faßte und würdigte festhalten und dauernd machen wollte. Wie hätte er nicht zu diesem Augenblicke sagen sollen: „verweile doch, du bist so schön !“  Äußere Widerstände gegen seine Verbindung mit Friederike  lagen ja nicht  vor und dem feurigen  Jüngling waren auch  im ersten Frühlingstaumel  Zweckmäßigkeitsreflexionen  fern: er ließ sich  ganz in den schönen Augenblick gefühlsmäßig ein und sah nichts als das neue Glück. Als er in Sesenheim Friederike kennen lernte, war ihm auch der ganze Umfang seiner inneren Gewalt und damit seiner Verantwortung und Aufgabe gegenüber der Zukunft noch nicht aufgegangen. Erst durch Herder, dessen Bekanntschaft er ja erst machte als seine Verbindung mit Friederike schon fest geknüpft war, ging ihm, über die Ahnung hinaus, das fordernde Bewußtsein seiner exzeptionellen Artung und Berufung auf. In demselben Maß als er zunahm an Blickweite und innerer Spannkraft, als sein Horizont vor ihm sich ins Grenzenlose hinausschob und damit zugleich die Bahn die er zu durchlaufen hatte, in demselben Maß empfand er die Bindung durch ein momentanes, und sei es das schönste Menschliche als eine unerträgliche und gefährliche Einschränkung.

Was er nun, mehr noch zur Durchbildung seiner suchenden, gärenden, werdenden Kräfte als zur Expansion, brauchte war Freiheit und offne Flügel, und was hätte während des Werdens seine innere Freiheit zur Selbstgestaltung mehr gehemmt als die stete innere Bindung, die seelische leibliche Gemeinschaft mit einem andren, nicht artverwandten, ihn durch seinen Gegensatz bindenden Wesen, als die unablässige Sorge und Verantwortung für ein Geschöpf das mehr von ihm nehmen mußte als es ihm geben konnte. Denn gerade das Beste an einer solchen dauernden Bindung, Verbindung (das Wort sagt schon worum es sich handelt) ist das gefährliche daran, die Liebe selbst, nicht etwa die äußern Unbequemlichkeiten und Hemmungen die ein gemeinsamer Haushalt mit sich bringt, obwohl auch diese zum Verhängnis werden können. Ein verheirateter Jüngling ist kein innerlich freier Mensch mehr, und er ist um so unfreier, je tiefer und innerlicher er verheiratet ist, je mehr seine Ehe eine innere Einigung und Einswerdung mit der Frau ist die Institution Ehe ist eine äußere Bindung mit Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten wie etwa der Beruf auch, und ob sie den innern, geistigen Menschen tangiert, das hängt ganz davon ab ob überhaupt ein innerer Mensch da ist. In den meisten Ehen wird man das bezweifeln dürfen, und wo keine innere Freiheit, keine seelische Selbständigkeit, kein Charakter vor der Ehe da war, wie bei der Mehrzahl der Menschen die nur als Geschöpfe ihrer Umwelt existieren und nur irgendeine berufliche oder gesellschaftliche Funktion vertreten, nicht selber Wesen und Seelen mit eigner Pflicht und eigner Mitte sind, kann durch die Ehe auch nichts zerstört oder gefährdet werden.



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