> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 31

2015-08-27

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 31


In drei Fassungen, im Weißlingen, im Clavigo, im Faust hat Goethe seine Untreue gegen Friederike uns versinnbildet, als Beichte und Selbstdarstellung, nirgends als Anklage gegen Zustände, durchaus als tragische Schuld, nicht um der Selbstverteidigung willen, aber auch nicht, wie man es vielfach deutet, als eine Art selbstaufgelegter Buße und Selbstzerknirschung in christlicher Reue — der Ausdruck Beichte hat wohl dazu verführt. Sowohl die Selbstverteidigung wie die Selbstanklage hätte ja einen Richterstuhl vorausgesetzt vor den Goethe sich gestellt gefühlt hätte, den er als kompetent anerkannt hätte, sei es der eines außerweltlichen Gottes, sei es der sittlichen Weltordnung oder der Gesellschaft . . davon ist keine Rede. Keines dieser Werke ist auf eine Beziehung nach außen, auf einen sittlichen Maßstab zurückzuführen den Goethe draußen vorgefunden hätte: vielmehr sind sie, zumal soweit sie nicht als Theaterstück appretiert, wie Clavigo, sondern dichterisch sind, hervorgetrieben aus dem Impuls einer inneren, unausweichlichen Notwendigkeit welche Goethe als in seiner Natur, in der Natur des titanischen Menschtums angelegt kannte. Deren Zeichen und Wirkungen, als die er am eignen Leib verspürt hatte, offenbart er ohne jede Rücksicht auf die sittlichen Begriffe der Außenwelt. Daß diese Außenwelt an die objektivierten, dichterisch herausgestellten Erlebnisse dann ihre sittlichen Maßstäbe herantrug ist eine Sache für sich.

Die tragische Schuld, wie sie in Goethes Werken auftritt, gehört nicht, wie bei Schiller, dem Reich der Freiheit, sondern der Notwendigkeit an, nicht dem Reich der Sittlichkeit, sondern dem der Natur.. und von Schuld darf man bei ihm eigentlich nur sprechen, insofern der Mensch durch das Bewußtsein aus dem Bereich der reinen Naturwesen herausgehoben, und für seine Zustände vor sich selbst verantwortlich ist: das Bewußtsein, nicht der freie Wille ist bei Goethe die Grundlage des Schuldbegriffs. Alle Tragik empfand Goethe als Krankheit, nicht als Verbrechen, und Schuld entsteht bei Goethe durch das Übergreifen einer menschlichen Krankheit auf fremdes gesundes Leben: alle Tragödien Goethes stellen Krankheitsprozesse dar, also Naturvorgänge im Bereich des Bewußten und Verantwortlichen, und eben weil bei ihm Schuld nicht durch den Gegensatz gegen das sittlich Gute, sondern gegen das natürlich Gesunde entsteht, ist alle Schuld bei ihm nicht Bosheit, sondern Maßlosigkeit — das was Krankheit erzeugt oder fördert. Seine spätere Abneigung gegen das unerbittlich Tragische überhaupt hängt aufs engste zusammen mit seinem Abscheu gegen das Pathologische. .ja er gebraucht beide Ausdrücke manchmal fast synonym. Der Mensch bekommt eine innere Gesetzlichkeit, eine eingeborne Natursnorm mit wie die Pflanze, nur daß bei ihm diese Norm bewußt ist und er damit eine persönliche individuelle Verantwortung vor ihr und für sie hat: ihre Verletzung, gleichviel ob freiwillig aus Leichtsinn oder unter dem Zwang der Verhältnisse, ist daher Schuld. Die unbewußte Natur kennt keine Schuld . . mit dem Bewußtsein gibt es auch Schuld, mit oder ohne äußeres Sittengesetz: dies ist Goethes Vorstellung von Tragik, wie sie in seinen Tragödien erscheint und wie er sie später in den Versen des Harfners formuliert hat

Ihr führt ins Leben uns hinein.
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein:
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Die himmlischen Mächte aber sind für den Pantheisten Goethe Naturgesetze, erkannte Naturgesetze die im Willen und Wissen ihrer Träger und Opfer selber wirken und daher ihre eigene Verletzung, d.h. jede Schuld, rächen. So kommt es daß bei Goethe nicht, wie bei Schiller, hier die Schuld und dort die Strafe waltet, als getrennte Akte, welche durch die sittliche Welt-Ordnung miteinander kausal oder final verknüpft werden, sondern daß die Schuld, die Verletzung der innem Norm des Menschen selbst schon die Strafe ist, wie die Krankheit selbst das Leiden ist. Goethes Schuldige leiden nicht für ihre Schuld sondern durch ihre Schuld, wie Weißlingen, Clavigo, Faust. Goethes Schuldbegriff konnte nur aus seiner eignen Natur und deren Erfahrungen heraus entwickelt werden, nicht aus einer ästhetischen Theorie oder einer philosophischen Doktrin. Da es für ihn kein Radikal-böses gab — wie für Kant und dessen Schüler Schiller (man weiß wie schwer Goethe es Kant vorwarf daß er seinen Prophetenmantel mit dem Gedanken vom radikalen Bösen besudelt habe) so konnte bei ihm Schuld auch nie entstehen aus einem primär gefühlten Gegensatz zwischen einem Wirklichen und einem Gesollten, sondern nur aus einer Verkümmerung des Wirklichen durch sich selbst oder ein andres Wirkliches. Es gab für ihn keinen Kampf zwischen Gut und Bös, sondern nur zwischen Wirklichkeiten: contra Deum nemo nisi Deus ipse. Ein Dämon kann nur durch einen Dämon besiegt werden: d. h. die höchste Realität kann nicht durch „ein Ideal“, nur durch sich selber begrenzt, geschädigt, gerichtet werden, und so sind die Helden Goethes nur dadurch tragisch daß sie kraft ihrer Natur mit ihrer Umwelt zusammen» treffen, oder ihrer eignen inneren Forderung nicht genügen können, ihre Natur zum Schaden andrer Naturen ausleben müssen oder von andrer Natur am Ausleben ihrer Natur gehindert werden.

Wie Schillers Tragik — die hier als der gerade Gegensatz gegen die Goethes sehr zu ihrer Erläuterung dient — hervorgeht aus Schillers Grundtendenz das absolute Ideal zu erreichen, das Sittliche zu verwirklichen welches ihm auf Grund einer a priori gegebnen Weltordnung vorschwebte, kraft kategorischen Imperativs, so entspringt Goethes Tragik aus seinem Grundwillen die in seiner Natur gelegenen Möglichkeiten zu verwirklichen, seine Persönlichkeit rein und rund auszubilden, eine Grundrichtung die nicht von vornherein, wie die Schillerische, den Dualismus in sich trug, also nicht von vornherein zur tragischen Schuld verdammt war, wie die Schillers, sondern nur zum tragischen Leiden. Die Durchbildung einer Persönlichkeit ist möglich, wenn auch problematisch, die irdische Erreichung des absolut Sittlichen aber nicht. Wenn Goethes Helden unterliegen, d.h. wenn sie nicht zur reinen Durchbildung ihrer Persönlichkeit gelangen, den Widerstand der Welt oder ihrer Natur nicht überwinden, so ist das Tragik aber keine Schuld. Wenn Schillers Helden in ihrem Wollen und Handeln versagen, so verletzen sie notgedrungen zugleich das Sittengesetz das über ihnen aufgehängt ist, geraten also notgedrungen in tragische Schuld. Schuld tritt bei Goethe, über das bloße tragische Leiden hinaus, erst dann ein, wenn die Selbstausbildung der inneren Kräfte nur möglich ist auf Kosten fremder gleichberechtigter Kräfte.

Prometheus und Mahomet, selbst Götz, haben keine tragische Schuld, erst durch die ästhetische Theorie die aus dem Aristoteles, aus Lessings Hamburgischer Dramaturgie und aus Schillers Dramen abgeleitet und geläufig geworden ist, und kraft welcher man kein tragisches Leiden ohne eine tragische Schuld zugeben will, hat man auch in den Götz Schuld hineindeuten können. Tragische Schuld finden wir bei Goethe zum erstenmal dargestellt in seinem Weißlingen, dann im Faust und Clavigo. In allen drei Fällen vollzieht die Schuld, und das Schuldgefühl, sich unter derselben Form: als Untreue an einem Mädchen das man in den eigenen Lebenskreis hereingezogen hat ohne es darin halten zu können und das man dadurch zerstört. Schon daraus erkennt man daß Goethes Schuldbegriff geformt wurde durch ein eigenes Grunderlebnis: das war seine notgedrungene Untreue gegen Friederike.

Durch diese Untreue erst ist in Goethes Leben, als etwas völlig Neues, das Erlebnis der tragischen Schuld gekommen, das von vornherein in ihm gar nicht angelegt war, aber seitdem auch nicht mehr völlig aus ihm herausgelöst worden ist . So oft wir in Goethischen Werken dem Begriff der Schuld begegnen, außer dem des Leidens, ist er noch gefärbt mit jenem tragischen Gefühl das ihm aus der Trennung von Friederike erwuchs. Wie als das eigentlich tragische Leiden bei Goethe fast stets das Unmaß erscheint, die Hybris des Wollens oder Fühlens, selbst des Vertrauens (Werther, Faust, Tasso, Egmont, Eduard) so erscheint als Grundform der tragischen Schuld in seinen eigentlichen Tragödien (denn Iphigenie, Wilhelm Meister, Pandora, Faust II sind nicht aus der Tragik, sondern aus der Resignation hervorgegangen, aus der Abbiegung des Tragischen) fast überall das schuldige Verhältnis eines Mannes zu einer Frau, entstanden durch Notwendigkeit, und mit Notwendigkeit zu deren Untergang führend. Außer im Götz, im Clavigo, im Faust finden sich die Ansätze zu dieser tragischen Schuld, wenngleich hier zuletzt abgebogen, in der Stella, im Verhältnis Wilhelm Meisters zu Marianne, im Schicksal des Harfners, vor allem im Verhältnis des Eduard zu Ottilie, ja es scheint daß auch das Nausikaafragment etwas von einer solchen Wendung andeutet. Goethe konzipierte Schuld ein für allemal nicht aus einer sittlichen Idee, sondern aus seinem frühen Erlebnis —und seine Urerlebnisse, wenige an der Zahl, beherrschen mit immer andren Bildungserlebnissen gekreuzt, mit immer neuem Weltstoff genährt, seine gesamte Produktion bis ins hohe Alter.

In Goethes Wesen wob sich sein spezifisches Schuldgefühl, wie es in seinen Werken dargestellt, aus dem einen Friederikeerlebnis gereift ist. Dieses Schuldgefühl wiederum ist eine Folge jenes Grundwiderstreits zwischen Goethes Titanismus und Eros, zwischen seinem Ewigkeitswillen und seinem schönen Augenblick. Nur im Fall der Friederike, also dem ersten Fall in dem dieser Konflikt für Goethe überhaupt akut wurde, hat er den Konflikt entschieden mit der Opferung des geliebten Wesens — nur in diesem Fall lud Goethe tragische Schuld auf sich —und wir dürfen behaupten, ohne diesen Abfall von Friederike würde in Goethes Dichtung wohl tragisches Leiden, aber keine tragische Schuld im engern Sinn zu finden sein: denn was er nicht erlebt hatte das dichtete er nicht, all seine großen Werke sind Umsetzungen eigner Erfahrung. Schiller konnte eine Wallensteintragödie schreiben, ohne Wallensteins Konflikt durchgelebt zu haben, denn er dichtete aus seiner Bildung in das philosophische Problem hinein, nicht aus seinem Erlebnis heraus . . aber wenn Goethe nicht schuldig war, so dichtete er auch keine Tragödien mit tragischer Schuld. Also ohne Friederike keine Gretchentragödie, nicht einmal ein Clavigo! Denn später entschied Goethe seinen Grundkonflikt zwischen Ewigkeit und Augenblick, der mit seinem Wuchs und Wesen schon gegeben war, der ihn also bis ins höchste Alter immer wieder vor die Wahl einer Opferung oder eines Verzichts stellte, niemals zu ungunsten der Geliebten, sondern trug immer die Qual der Entsagung allein, mit freiwilliger Selbstbeschränkung seines Titanentums oder mit Verzicht auf das völlige Ergreifen des schönen Augenblicks. Schuld hat er nie wieder auf sich geladen durch Anlockung fremden Lebens das er doch nicht festhalten durfte. Immer kehrte er rechtzeitig um, eh der schöne Augenblick ihn zu binden oder er ihn zu zersprengen drohte, und dies Umkehren mit der ganzen Ahnung von der Schönheit dessen was er verließ ist eine der Formen des Verzichts der geheimes oder offnes Leid seines späteren Lebens bedingt.

„Entbehren sollst du, sollst entbehren 
Das ist der ewige Gesang“

„Das ganze Leben ruft uns zu daß wir entsagen sollen“

„Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist 

Fliehe mit abegewendetem Blick.“

„Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich und richten mich zugrunde.“

Diese Klagen aus allen Lebensaltern Goethes sind die notwendige Ergänzung zu seinem Gefühl für die Gaben der Götter.

Alles geben die Götter die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz
Alle Freuden, die unendlichen
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

Derselbe Mensch welcher die Unendlichkeit der Freuden voll erfaßte, d.h. doch: die Unendlichkeit der schönen Augenblicke — mußte auch die Unendlichkeit der Schmerzen: d.h. den Untergang der unendlich schönen Augenblicke fühlen wie kein andrer.

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