> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 30

2015-08-26

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust Seite 30


Goethe wußte daß er durch eine Heirat den Kreis seiner inneren Expansion einschränke zugunsten eines andren Lebens das er sich einzubeziehen und dem er sich einzubeziehen habe, daß er einen Teil, den größten Teil seiner Kräfte investieren müsse in ein neues Wesen. Er hatte sich zu fragen ob ihm diese Bindung oder die Freiheit die höhere Pflicht vor sich selbst erscheine, ob er sein Leben besser und gerechter erfülle durch die freiwillige Bindung an ein geliebtes Du oder durch die stete Bereitschaft zu neuen Eroberungen, Fahrten und Verwandlungen. Zum mindesten gilt dies Dilemma zwischen innerer Bindung und innerer Freiheit in den modernen Ehen, wie sie wesentlich durch das protestantische Pfarrhaus gültig und möglich geworden sind, wo Mann und Frau als Faktoren gleicher Geltung nebeneinander treten: die antike Ehe und die Mehrzahl der mittelalterlichen und Renaissanceehen kannten die Frau als den Besitz des Mannes und die Mutter seiner Kinder, ohne legitimen Anteil an seinem individuellen und öffentlichen Dasein.

Nicht daß ohne weiteres die innere Freiheit der inneren Bindung vorgezogen werden müßte, selbst vom genialen Menschen! So gewiß dem innerlich unfreien Menschen die Bindung nötig ist, so gewiß kann sie unter Umständen dem innerlich freien Menschen eine höchste Erfüllung sein. Freilich, niemals einem werdenden, höchstens einem innerlich abgerundeten, der die Möglichkeiten seiner Kräfte überschaut und weiß welchen Entsagungen und Beschränkungen er sich unterziehen darf, der schon weiß was er kann und will und gewählt hat unter den Formen in denen er seinem inneren Gesetz am treuesten dient. Nur den jungen Goethe stellte seine Verlobung vor dies Dilemma: sollte er lebenlang sich beladen mit der Verantwortung für das Dasein der Geliebten oder sich bereit halten für einen geistigen Beruf, der die Anspannung und Ausbreitung aller seiner Kräfte, auch seiner Liebeskräfte fordert? Forderte sein Dämon diese Liebe zu Einer oder seine Leistung für die Welt? Sollte er dies gegenwärtige Glück und seine liebe Verkörperung opfern oder sein zukünftiges Werk und un» ermeßliche Möglichkeiten? Sollte er — er hat selbst dies Gleichnis gefunden — das sichere Glück des Taubers wählen oder das ungewisse Schicksal des Adlers? Daß er sich durch die Hingabe Friederikes und die Hingabe an Friederike, d.h. an den schönen Augenblick, in die Notwendigkeit eines schwersten Opfers und einer Schuld gestürzt habe empfand er mit Qualen. Die Entscheidung ob er die Geliebte, jetzt einen Teil seines Wesens, seinen inkarnierten schönen Augenblick opfern solle, oder seine schöpferische Zukunft — denn der verkörperte Augenblick, der festgehaltene, festgelegte Augenblick ist dem faustischen Mann der größte Feind der noch unverkörperten, aber aller Verkörperungen fähigen Zukunft — diese Entscheidung konnte natürlich beim dämonischen Menschen nicht gefällt werden durch einen rationalen Entschluß und Erwägung der Zweckmäßigkeit (wie es später Hebbel in einem verwandten Fall gegenüber Elise Lensing getan hat) sondern nur nach heftigen inneren Kämpfen durch den Dämon selbst, durch den schöpferischen Zwang von Goethes innerer Anlage, die sich instinktiv schützte gegen die Gefahr die ihr drohte von seiten des Eros: der werdende, zukunftsträchtige, zu einem Weltschicksal berufene Goethe trug den Sieg davon über den augenblicklichen Goethe, der eine liebliche Gegenwart gefunden hatte und verewigen wollte, Goethes Gesamtleben über sein augenblickliches, in dem rührenden Mädchen verhafteten Leben. Aber dieser Sieg, so notwendig und heilsam er für Goethe und die Welt war, konnte sich nur vollziehen nach schwerem Kampf und als schwere Schuld. So gewiß wir heute sehen daß Goethes Leben und Schaffen, welches durch eine Heirat des 20jährigen mit Friederike unterbunden und verkümmert wäre, unvergleichlich wichtiger vor Gott und Welt ist als tausend Friederiken, so wenig ändert diese Wichtigkeit, Richtigkeit und Nötigkeit der Goethischen Entscheidung etwas daran daß sie eine Schuld war und als Schuld von ihm sein Lebenlang empfunden und gebüßt wurde. Nicht als ob irgendwer das Recht hätte sich zum moralischen Richter aufzuwerfen über die Handlungen eines Menschen wie Goethe, der unter einer göttlichen Notwendigkeit tut und leidet: aber ebenso töricht als die beschränkten Pfaffen die Goethe wegen seiner Untreue anklagen, sind die bequemen Freigeister welche ihn verteidigen, oder gar die verächtlichen Libertins die sich auf ihn berufen, wenn sie ein Mädchen sitzen lassen wollen, weil sie so genial sind und das Mädchen so beschränkt ist. Moralistische Anklage und amoralistische Verteidigung gehören demselben schlechten Niveau an. Uns geziemt hier nur die Ehrfurcht vor dem Schicksal das Goethe zu diesem Opfer zwang und zu dem auch sein eignes Schuldgefühl gehört, und es ist ebenso große Anmaßung an der Handlungsweise Goethes Kritik zu üben wie an seinem Gefühl für diese Handlungsweise, an seinem Leben wie an seinem Erleben. Vollends irrig aber ist es, aus der Not des großen Herzens eine Tugend für die kleinen zu machen, indem man allgemeine Maximen über das Recht des Übermenschen gegenüber den Untermenschen daraus ableitet und ins Praktische umsetzt. Wir wissen aus der Geschichte daß die großen Menschen oft ein Recht haben zu zerstören: die großen Menschen selbst wissen es nicht, sie wissen nur daß sie bauen und wirken müssen, und wenn sie zerstören, so tun sie es um des Bauens, um der Sache willen, wie Cäsar und Napoleon, oder in tragischem Konflikt zwischen zwei Opferungen und mit dem Gefühl der Schuld, wie Goethe.



Nie aber wird der ein großer Mann sein der sich mit logischem Räsonnement oder auf Grund historischer Präzedenzfälle sagt: ich bin ein großer Mann, folglich habe ich das Recht dies Wesen zu benutzen oder zu opfern. Zum Begriff des Opfers gehört vor allem daß es wirklich ein Opfer eignen Lebens ist. Was einem leicht fällt, was man zweckmäßigerweise und ohne Qual hingibt ist eben kein Opfer sondern ein Handelsgegenstand. Die Opferung Friederikes war für Goethe nicht die Preisgabe eines ihm fremden äußeren. Guts sondern der qualvolle Verzicht auf seinen eignen bisherigen höchsten Lebensaugenblick. Indem er sich von ihr losriß, vernichtete er seine eigenste Gegenwart und die schönste Vergangenheit für eine ungewisse schwere Pflicht der Zukunft. Und wenn er seine Untreue gegen Friederike als Schuld empfand, so war das außer dem Mitleid mit dem Schicksal des geliebten Mädchens nicht so sehr das Gefühl ein Sittengesetz verletzt zu haben, ein fremdes Gebot nicht erfüllt zu haben, als zunächst das Gefühl daß er sich gegen sein eigenes Gesetz vergangen habe, indem er sich versündigte am Augenblick der sein geworden war. Leben, von ihm selbst angeeignetes, angelocktes, ja erschaffenes Leben zerstören zu müssen, wie seine Liebe zu Friederike und die Liebe Friederikes zu ihm — das war zugleich Strafe und Frevel, und die Art wie er dies Schuldgefühl dichterisch bezeugt hat beweist daß sein Ursprung nicht christliche Zerknirschung über die Sünde am Nächsten sondern die tragische Erschütterung über die Notwendigkeit des Opfers war.

Nicht das Problem des verlassenen Mädchens, der verratenen Hingebung ist der Ausgangspunkt der Beichtdichtungen welche aus seinem Friederikeerlebnis stammen, nicht der Zustand der Geopferten, sondern der des Opferers. Faust, nicht Gretchen ist der tragische Mittelpunkt der Gretchetragödie, wenngleich freilich auch die Tragik des Faust um so tiefer ist, je tiefer die Tragödie seines Opfers mitgefühlt wird: denn Gretchen hat kein eignes Schicksal, sie ist mit dem Moment der Hingabe eingegangen in das Schicksal Fausts, er hat die Verantwortung und die Schuld für sie übernommen. Das unterscheidet von vornherein diese Tragik von aller Kindsmörderinnenspoesie, wie sie unter dem Einfluß der Gretchentragödie entstanden ist bei Zeitgenossen und Epigonen, von aller Mitleidsdichtung und Anklagedichtung, wie wir die ersten Ansätze dazu schon in jenem Leipziger Nachruf Goethes auf den Tod eines Freundes finden.

In dergleichen Nachahmungen oder Vorklängen handelt es sich um bestimmte traurige gesellschaftliche Erscheinungen, die durch strafende oder rührende Darstellung gegeißelt oder geändert werden sollen, oder um Erweckung eines Mitgefühls mit den Opfern fremden oder eignen Leichtsinns, fremder Bosheit oder sozialer Unbilligkeit und Sittenverderbnis. Allen Kindsmörderinnendramen, deren Nachkommenschaft noch die sozialen Notstandsdramen mit der Rechtfertigung oder Verteidigung der Gefallenen aus den 80er und 90er Jahren des Berliner Naturalismus sind, liegen die Rousseauischen Ideen vom Gegensatz zwischen Natur und Gesellschaft zugrunde. Es handelt sich dabei gar nicht um Tragik, die aus der notwendigen Verflechtung, Vereinigung und Wechselwirkung zweier Existenzen entspringt sondern um eine Schufterei oder ein Unglück. Die Gretchentragödie, die Faust-Gretchentragödie aber stellt eine nicht soziale, sondern kosmische Notwendigkeit dar, den Widerstreit zweier ewiger Prinzipien, des Titanismus und des Eros, des Strebens und des Verweilens im schönen Augenblick, die notwendige Vernichtung des schönen Augenblicks welche zur tragischen Schuld wird, wenn er sich in einem lebendigen, also eigen* gesetzlichen Wesen verkörpert, wie in Gretchen.



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