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2015-08-13

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Herder Seite 18


HERDER

Der entscheidende Moment war die Begegnung mit Herder im September 1770. Herder ist damals derjenige Deutsche welcher das Ganze der menschlichen Welt, die Geschichte und die Gesellschaft mit all ihren Äußerungen — insbesondere den Sprachdenkmalen der Menschheit — als die lebendige Auswirkung, Auswicklung, Entwicklung göttlicher Kraft erleben und deuten konnte. Er war Geschichtsspantheist, in dem Sinn wie man wohl Spinoza oder Goethe als Naturpantheisten bezeichnen mag: die Geschichte—Geschichte im weitesten Sinn gefaßt, so daß Kosmogonie, Urgeschichte, Kulturgeschichte, Sprach-, Literatur-, Kunst- und Staatengeschichte umgriffen sind — kurz das Werden des Alls mit all seinen menschlich faßbaren Denkmalen und Niederschlägen war ihm das Sinnbild Gottes, der sichtbare Ausdruck der göttlichen Urkraft. Wenn Spinoza als die beiden Attribute der göttlichen Substanz das Denken und die Ausdehnung anschaute, so waren für Herder die zwei Attribute unter denen er die in der Geschichte sich manifestierende göttliche Kraft konzipierte und darstellte das Werden und die Sprache. Die beiden großen Denkmale die er im deutschen Geiste sich gesetzt hat sind seine Konzeption des Geschichtsgottes der sich manifestiert als das Werden der Erdenvölker, der Geschöpfe und Bewohner des Sterns unter Sternen: die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, und seine Konzeption der Sprachwerdung Gottes in den großen Sprachdenkmalen der Menschheit, von dem Geist der ebräischen Poesie und Homer an bis zu den Stimmen der Völker und der völligen Eroberung Shakespeares. Gegenüber dem Rationalismus selbst eines Lessing, welchem Gott wesentlich vernünftiger Weltplan bedeutete und Sprache angewandte Vernunft, war für Herder die Gottheit vor allem wirkende und immer werdende Kraft, und Sprache die Geistwerdung dieser wirkenden Kraft. Gegenüber dem Pietismus Klopstocks ist für ihn dieWelt nicht einmalige Schöpfung eines wandellosen allmächtigen, allgütigen, allweisen Gottes, sondern immer sich erneuender, werdender, wirkender Gott selbst, mit anderen Worten: Entwicklung.. Dichtung nicht nur die Inspiration eines Gottes, sondern sprachegewordene Gotteskraft selbst, wie der menschliche Geist nicht Produkt, sondern Ausdruck des Geschichtsallgottes.

Herders sämtliche Lebensleistungen sind Beiträge zur Darstellung Gottes im Werden der Welt.

Herder ist in Deutschland durch seine Konzeption des Werdens der erste Mensch mit historischem Sinn, der geschichtliche Erscheinungen, sei es nun Griechentum oder Bibelwelt, Naturvölker oder Shakespeare als geschichtliche Erscheinungen in ihrer individuellen Besonderheit und Mannigfaltigkeit faßte und darstellte. Denn freilich, manche geschichtliche Bildung weit, vor allem die Antike und die Bibel, hatte schon ihre Versteher und Verkünder gefunden. Aber gerade dann wurden diese Bildungswelten zum Kanon, d.h. zum ästhetischen oder religiösen Maß aller Dinge gemacht, also aus ihrer historischen Bedingtheit herausgehoben, enthistorisiert, absolut gemacht. So tat es Luther mit der Bibel, Winckelmann mit dem Griechentum. Schematisch lassen sich drei Stufen des historischen Sinns, d. h. des Sinns für die lebendig gewordene Eigenart geschichtlicher Erscheinungen bis Herder feststellen:

1. der Rationalismus erkennt in der Geschichte nur Muster und Regeln, Nachahmbares und Denkbares, abgeleitet aus dem Griechentum oder dem Christentum oder deren historischen Derivaten, die er unhistorisch, unindividuell, nur auf ihren Wert gegenüber der Vernunft hin ansieht.

2. Winckelmann oder Lessing ergreifen aus einem individuellen Weltgefühl bestimmte Bildungswelten in ihrer überrationalen Lebendigkeit, aber außer ihrem historischen Zusammenhang.

3. Herder erfaßt das Werden der historischen Mannigfaltigkeit im Ganzen der Welt und in den einzelnen Erscheinungen, im historischen Zusammenhang selbst.

Herders Gefühl des lebendigen Werdens und sein Sinn für die Individualität sind das fruchtbar Neue seines Geistes für die deutsche Bildung im allgemeinen und für Goethe im besondern. Dies gibt auch seinem Universalismus den besonderen Charakter neben dem Lessings, des anderen großen damaligen Bildungsuniversalisten. Wenn für Lessing der Schlüssel zu allen Kammern der Welt das vernünftige Gesetz war, so wars für Herder die lebendige Kraft. Lessing suchte überall das Gültige, Herder überall das Wesenhafte, Lessing die Normen, d.h. das Allgemeinste, Herder die Gestalt und die Stimmung, d. h. das Besonderste, Lessing das Gemeinsame, d.h. das Richtige, Herder das Unterscheidende das So und nicht anderstem, das Individuelle — kurz Lessing das Sein im Raum, das Sinnbild und den Schauplatz vernünftiger und unabänderlicher Gesetzlichkeit, Herder das Werden in der Zeit, das Sinnbild beständiger Neuerung, Umgestaltung, das Zeichen der wirksamen Kraft. Ohne weiteres ist klar was dem jungen Goethe gemäßer war: ein Universalismus des aktiven Gefühls, der Sympathie mit dem individuell Wirkenden und Werdenden, das „in schwankender Erscheinung lebt“, das ihm verwirrend und lockend von allen Seiten her entgegendrang, das im eigenen Blut sich ahnungsvoll und frühlingshaft regte. Der Jüngling suchte und brauchte einen Sinn, eine Sprache und Deutung der Kraft, des Gewühls, der drängenden Fülle und der strotzenden Freiheit, nicht ein neues—und sei es das liberalste — Gesetz. An Gesetzen, an Vemunften stieß er sich ja bei jedem Schritt den er aus seiner Natur heraus der Natur draußen entgegen gehen wollte. Gefühl, Kraft, Ahnung hatte er in sich, aber diffus und vereinzelt, gehemmt durch die Zügel des Rationalismus und der Gesellschaft der er sich noch einbezogen sah . . Gesetze, Vernunft, Muster, Regeln, Konventionen sah er allerseits draußen, die er respektieren, beherrschen, erreichen, aber nicht mehr lieben und einverleiben konnte. Ihm fehlte noch Umfassung, Zusammenhang, Klarheit nicht der Vernunft, die nicht seine war, sondern der ihm gemäßen Kraft. So ward Herder sein Mann.

Durch zwei Einwirkungen war Herder für Goethe segensreich, deren jede, wenn gesondert, ihm hätte gefährlich oder störend werden können: durch die ungeheure Erweiterung des Gesichtskreises und durch seine strenge Zucht. Indem er Goethe den geistigen Raum verschaffte worin die« ser seine produktiven Kräfte ergießen und ungehemmt messen, üben, bilden konnte, formte er doch zugleich an seinem stürmischen und wohl auch in der neugewonnenen Freiheit überstürzenden, ungeduldig vordrängenden Temperament und schützte ihn davor sich auszuschütten. Er bewahrte ihn durch seine stete oft nörglerische Kritik vor jeder Art Selbstnachgiebigkeit, Läßlichkeit und zwang die losgelassenen Kräfte des entfesselten Titanen zu beständiger Bewegung und Erprobung, trieb ihn immer tiefer in den Ernst und die Pflicht der neuen Freiheit hinein, machte ihn heller lernen und schaun ohne vorschnellen Dünkel — ohne das „Spatzenmäßige“ wie er es rügte. Er jagte ihn durch Kritik aus der unruhigen Befangenheit im eignen Ich und vollends aus der spielenden Freude am Erreichten, am Können, die Goethe bei aller Unbefriedigung doch aus dem Leipziger Rokoko mitgebracht hatte. Er trieb ihm seine Rokokoneigungen zum Netten, Eleganten, Virtuosen aus. Wir erinnern uns aus Dichtung und Wahrheit wie er Goethe wegen seiner Vorliebe für den Ovid verspottete oder wegen der „Sympathie“ mit „dem besonderen Meister“ Domenico Feti — die Zurechtweisungen bezeichnen die Richtung der Herderschen Zucht: sie ging gegen jede Art Läßlichkeit, Weichlichkeit, Genüßlichkeit des Geschmacks, kurz gegen das was an Goethe noch Anakreontisch und Wielandisch war.

Wichtiger als die negative war freilich die positive Erziehung. Herder lenkte Goethes Blick auf die Breite und Tiefe der geistigenWelt und hieß ihn mit dem neuen Chaos ringen, mit dem Chaos der aufgewühlten und aufgeschlossenen Geschichte und dem seines eignen Innern. Wie ward die Welt für Goethe durch Herder auf einmal unübersehbar weit und groß, wie stürzten aller Enden die Schranken ein und schoben sich die Horizonte hinaus! An Stelle der gartenmäßig abgeschlossnen gepflegten Natur die Goethe bisher als den Schauplatz seiner Empfindungen gesehen und besungen hatte waltete nun die weite Luft der rheinischen Ebene. Die Städte und Dörfer, Hügel und Felder hörten auf Kulisse und Szenerie zu sein, sie waren umwogt vom allgegenwärtigen Licht, sie wuchsen und welkten in der einen allebendigen Natur. Die Vergangenheit selbst, die Geschichte mit ihren bewohnten Denkmalen, Zeugnissen immer sterbenden und immer sich erneuenden Menschengeistes, ward zur Natur und wob weiter am Zauber der Landschaft. "Wie zu der Landschaft die von Menschen gebauten, von Altgeschehenem redenden Türme und Erker, Märkte und Gäßchen gehörten, wie der Rhein zugleich Natur ist und Geschichte hat und schafft, so verschmolz Goethes eignes Gefühl Natur und Geschichte zu einer bewegten, unruhvoll beseligenden Einheit. Jetzt erst sah er auch das menschliche Treiben, und nicht nur Gefühl und Leidenschaft, sondern auch die gesellschaftlichen Bildungen und Bindungen als Wirkungen Gottes, als Zeugnisse einer kosmischen Bewegung, wie mit den Augen Gottes, nicht mehr befangen in einem Horizont den seine Gegenwart selbst um ihn spannte. Nicht mehr die Kulturvorstellungen und Begriffe seiner Zeit waren die absolute Vernunft schlechthin, woran er alle Vergangenheit und Natur zu messen habe: nein, Herder lehrte ihn diese Vernunft samt ihren Maß-Stäben selbst als ein Gewordenes, Relatives begreifen, als ein Gewächs eben jener Natur, jener göttlichen Allkraft über welche sie sich zum Richter aufgeworfen hatte.

Die Natur, die Goethe schon instinktiv ahnte und suchte, die er in manchen Denkmalen der Geschichte, in Paracelsus oder in Shakespeare, in Homer oder in der Bibel spürte als das ihm Gemäße, die er aber unter der Suggestion von Regeln und Mustern nicht für die führende, nur für die verlockende Macht halten konnte — eben diese Natur hatte ihm Herder legitimiert. Mit einemmal sah er daß die „Natur“ die umfassendere unmittelbarere Wirklichkeit sei, die „Vernunft“ nur eine abgeleitete, konventionellere, engere . . daß der Dämon der ihn trieb auch göttlicher sei als das Gesetz dem er widerwillig noch sich gefügt hatte, daß er seiner Nacktheit sich nicht zu schämen brauche. Durch Herder hatte er den archimedischen Punkt gefunden von dem aus er seine bisherige Welt aus den Angeln heben konnte. Er hatte in der Herderischen Natur, die auch Geschichte ist, eine Instanz gefunden von der aus er gegen die rationalistischen Gesetze, die bisher unumstößlich schienen, so ungerecht sein Instinkt sie empfinden mußte, appellieren konnte. So revidierte er mit Herders Hilfe die Urteile über die Dichtung der Welt und ihre großen Vertreter. Wenn Sprache und Dichtung nicht mehr bestimmt und gewertet wurden von den menschlichen Zwecken (wiederum bloßen Konventionen der allgültigen, beweisbaren, meßbaren, erkennbaren Vernunft) sondern Auswirkungen des geschichteschaffenden göttlichen Pneumas waren, dann hatten sie ihren selbständigen Sinn, ihr oberstes Kriterium war dann nicht mehr ihre Zweckmäßigkeit und Vernünftigkeit, sondern ihre Lebensfülle und Ursprünglichkeit: menschliches Werk war nicht mehr ein Machen, sondern ein Zeugen und Wachsen, und Dichtung mußte aufgenommen werden nicht mehr wie Fabrikate zu bestimmten Nutzzwecken, sondern wie die Geschöpfe Gottes in Tier- und Pflanzenreich. Die Gesellschaft war nicht mehr das Gesetz, sondern selbst Gewächs, sie stand nicht über der Natur, sondern innerhalb der Natur und höchstens ebenbürtig neben dem großen nackten Menschen mit seinem Gefühl und seiner wirkenden Fülle. Der Dichter natur-unmittelbar geworden, hatte also das Recht sein nacktes Menschtum auszudrücken ohne, gegen, außer, über Gesellschaft, ja, je außer-gesellschaftlicher, übervernünftiger, sprengender sein Gehalt ist, desto höher steht er, desto göttlicher gilt er.

Die wichtigsten ästhetischen Einzelfolgen dieser Herderischen Umwertung waren die Rehabilitierung der Ur- und Volkspoesie einerseits und die neue Macht Shakespeares andererseits. Damals ist — mit der Wiedereinsetzung der Natur als oberster Instanz — zugleich unser heutiger Begriff von „Dichtung“ geschaffen worden, durch den das Volkslied und Dante, Pindar und das Annolied, Shakespeare und Goethe umfaßt werden: Dichtung als sprachgewordner Ausdruck naturunmittelbarer Völkerindividualitäten. „Stimmen der Völker“ ist die Sammlung Herders genannt worden . . und sie unter«« scheidet sich sowohl von Vorgängern, wie Percys Reliques of ancient english Poetry, als von den Nachfolgern „Des KnabenWunderhorn“ oder Uhlands Volksliedern dadurch, daß sie hervorging aus einem religiösen, geschichtspantheistischen Antrieb, nicht aus einem literarisch antiquarisch patriotischen, und sich also nicht um die Zeugnisse bloß einer bestimmten Bildungs- und Gesellschaftsstufe, eben des sogenannten „Volks“, bemüht, sondern gerade um die Zeugnisse möglichst aller Stufen des menschlichen Geistes, aller Völker, aller Schichten, aller Zeiten, von den ungebildeten bis zu den überbildeten, vom Gestammel der Naturvölker bis hinauf zu Petrarcas Sonetten: in all diesen sprach die individuell wirkende Gottheit. Dichtung war für Herder noch nicht — erst später hat man ihn so mißverstanden — Produkt des Volks als einer Gesellschaftsstufe, sondern der Völker, und die Völker waren Verkörperungen des Geschichtegottes . Herders Sammlung konnte und wollte daher nicht eine Anthologie populärer, demokratischer Gesellschaftsäußerungen sein, wie vielfach die späteren Volksliedersammlungen, sondern eine fliegende Völkerschau, eine Auswahl aus der Weltliteratur, und nur weil er die großen Epen und Dramen aus Raumgründen ausschließen mußte, hielt er sich mehr an die balladesken und liedhaften Stücke — aber in seinen Plan gehörte Homer und Mahabarata, Dante und Shakespeare gerade so gut wie die kleinen Volkslieder und Kinderlaute. Seine Sammlung, umlagert und erläutert von Aufsätzen, wie über den Geist der ebräischen Poesie und über Shakespeare, veranlaßte für die deutsche Literatur, und also zunächst für Goethe und durch Goethe am wirksamsten und fruchtbarsten drei Wandlungen:

1. die Vertiefung des Begriffs, Dichtung, als einer Naturgewalt die mit menschlicher Sprache das göttliche Urleben in individuellen, historischen Formen ausdrückt: Dichtkunst ist ihm Natur gewachsen in menschlicher Sprache, nicht Bändigung oder gar Ausscheidung der Natur mit Hilfe der Vernunftmittel, wie die rationalistische Ästhetik sie gefaßt hatte.

2. die Erweiterung des Bereichs der Dichtung: aller unmittelbar rhythmische Ausdruck bewegter Einzel- und Völkerseelen, einerlei welcher Bewußtseins -und Bildungsstufe ward nun zur Dichtung gerechnet.

3. Umwertung der dichterischen Gebilde . An den auch vom Rationalismus schon anerkannten Werken der Weltliteratur, den griechischen und römischen Mustern, Pindar, Sophokles, Horaz, ward jetzt nicht mehr ihr vernünftig Musterhaftes, sondern ihr ursprünglich naturhaft Kräftiges, Wallendes, Sprengendes, Fliegendes gesehen und gefühlt. Das dumpf Volksmäßige ward jetzt erst eingeführt als gleichberechtigt, die Bibel zum ersten« mal nicht als theologische Urkunde, sondern als Sprachdenkmal, als Dichtung gefeiert, Ossian als Zeugnis ringender nordischer Heldenzeit, heroisch sentimentaler Urklang gewürdigt, neben Homer, auch der ward aus einem Muster epischer Gattung die heroische Stimme natürlicher männlicher Urzustände . . und Shakespeare endlich, einst abgelehnt als rohe Natur, dann gerechtfertigt als zweckmäßige, einsichtsvolle Wahrheit und Richtigkeit, ward jetzt erhoben als der menschliche Prometheus, der ursprüngliche „Schöpfer von Natur und Geschichte“ schlechthin, als menschgewordne Schöpferkraft der Natur.

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