> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humor und Satire Seite 33

2015-08-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humor und Satire Seite 33


Für Goethe konnten also die Reimereien des Hans Sachs keine Vorbilder, sondern nur als unsüßliche und vermeintlich urtümliche Ausdrucksart eine literarische Anregung sein. Er hat den Knittelvers um seiner eckigen Knotigkeit willen aus Widerspruch gegen die geleckte und gestelzte Diktion des Rokoko ergriffen, aber ihn mit seiner Seelenfülle, außer wo erbewußt archaisieren wollte, umgebildet und ihn bis zur Unkenntlichkeit, bis zur Verwischung seiner äußeren Herkunft verwandelt. Er hat ihn erst zum dichterischen Vers gemacht, vor allem im Faust, und von der platten Prosareimerei nichts bewahrt als das äußerlichste metrische Schema (selbst das hat er später umgeglüht) und hie und da gewisse Archaismen der Sprechweise.

Die Farcen und Satiren, die ganze humoristische, derbkomische und sogar zotige Seite von Goethes Produktion ist uns als Ganzes wichtiger als im Einzelnen (so ergötzliche und sogar bedeutende Leistungen darunter sind) weil sie uns den dritten Weg Goethes zeigt seiner Spannungen Herr zu werden, insbesondere der Spannung zwischen der faustischen Art den Augenblick zu sehen und der ganymedischen. Ich rede gerade an dieser Stelle von dieser humoristischen Produktion, nach dem Gretchenerlebnis, vor dem Werthererlebnis, nicht aus chronologischen Gründen sondern weil wir im Vorhandensein, in der Möglichkeit humoristischer Produktion während der eigentlich tragisch pathetischen Epoche seines Daseins die Antwort finden können warum Goethe — bei seinem höchst gesteigerten Verantwortlichkeits- und Schuldgefühl — im Leben so leicht über Friederike, und bei seiner maßlosen Passion so leicht über Lottes Verlust hinweg kam. Das ist nicht selbstverständlich: denn damals besaß Goethe noch nicht die anderen Schutzmittel gegen die zerstörende Leidenschaft, die er durch Lida, in seinem Spinoza, im klassischen Maß, in der amtlichen Bindung, im Forschen später fand — und das Opfer wie der Verlust seines schönsten Traums konnten ihn damals in den Abgrund führen, die Leiden des jungen Werther konnten sehr gut eignes Schicksal Goethes werden. Wir empfinden den Ausgang dieses Werkes als so natürlich und unausweichbar, daß wir uns fragen wie Goethe sich gerettet hat.. die Wertherleidenschaft war ja die seine, er hat sie nicht gesteigert dargestellt.

Wenn man sagt, seine stärkere Natur oder seine Bestimmung zu Größerem hat ihn gerettet, so ist das nur eine Tautologie, oder eine petitio principii.. erst seine Rettung erweist uns ja seine stärkere Natur. Seine Elastizität und seine Dichtergröße hat die Rettung zur Voraussetzung, nicht zur Folge. Pflichtgefühl oder bloße Vernunft wären dem jungen Goethe keine Dämme gewesen, wenn er nicht in sich bestimmte Ressourcen gehabt hätte, um mit dem Gefühl eines verlornen oder zerstörten Wunschbilds in das sich monatelang sein ganzes Leben gedrängt hatte dennoch jeden gegebnen Moment zu ertragen ohne Öde und ohne Verzweiflung. Eine solche Ressource fand er nicht nur in dem Vermögen der künstlerischen Vergegenständlichung jeder Qual, das sie als Beichte ablöst, als Bild herausstellt — sondern auch in der Fähigkeit, für Momente abzusehen vom „Ewigen“ das er latent freilich immer in sich und um sich drängen fühlte, und seine ganze Aufmerksamkeit fest und derb einzustellen auf die jeweiligen Augenblicke der aktuellen Welt, auf das Jahrmarkttreiben der Literatur oder des Bekanntenkreises, auf „Gelegenheiten“ nicht mehr im Sinn des dämonischen Augenblicks, sondern im geläufigen Sinn von Anlässen die auf dem Weg liefen, Zufälle über die der Weg weiter läuft. Goethe besaß eine Fähigkeit die inneren Krisen die hervorgingen aus seinem Gefühl der treibenden und drängenden Kräfte des Mikrokosmus und Makrokosmus, aus seinem Expansionstrieb, zu bannen, indem er sich von außen an den momentanen Erscheinungen des Mikrokosmus und Makrokosmus festhielt, d. h. an den Begrenzungen, den Selbstbegrenzungen der Kräfte.

Der gewöhnliche Mensch sieht nur Erscheinungen, Gegenstände, Gelegenheiten, es ist gerade Goethes Geheimnis gewesen, hinter all diesem Festen die Kräfte zu spüren und auszusprechen woraus diese Erscheinung gen hervorquellen. Diese Sympathie mit dem Drängen des All war seine höchste Schöpferfreude und zugleich die Ursache seines Weltschmerzes, d.h. nicht Schmerz über die Welt sondern sympathetisch gefühlter Schmerz der Welt selbst, Schmerz darüber: immer weiter zu drängen und immer wieder im Festgestalteten, Begrenzten verhaftet zu sein. Die Welt nicht nur von den Kräften, von innen her sondern auch von außen, von den Erscheinungen her zu sehen, war nun Goethe zu seinem Glück gegeben . . und darauf beruht seine Fähigkeit nicht nur die augenblickliche Erscheinung — „das Blenden der Erscheinung die sich an unsre Sinne drängt“ — tragisch zu sehen wie Faust, sondern auch die Kräfte, das absolute Drängen komisch, wie er es in seiner reichsten Farce getan hat: in Satyros oder der vergötterte Waldteufel. In seinen andren Farcen oder Satiren unterstrich oder übertrieb er nur bestimmte literarische Moden und Schwächen aus der deutschen Literatur oder seinem Bekanntenkreise, er karikierte sie, mit Vereinzelung der bezeichnenden Züge: im Pater Brey eine gewisse schleichende, weichliche Empfindelei, im Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes einen dreisten und platten Rationalismus. So hatte er Wielands Rokokosüßlichkeit auf eine parodistische Weise ad absurdum geführt durch sinnliche Gegenüberstellung seiner zahmen Gestalt und der Kolosse an denen er sich literarisch versündigt hatte. All diese Schriften sind reine Satiren, sie beruhen auf der Anschauung fremder Fratzen, auf der Herausarbeitung der begrenzten Erscheinung als Erscheinung, auf der Darstellung ihrer Wirkung, gemessen an sittlichen oder ästhetischen Forderungen des Dichters, welche etwa als Moral im Prolog oder Epilog oder im Stück selbst ausgesprochen werden. So wird Wieland gemessen und gerichtet an dem neuen aus Shakespeare abgezognen Begriff von heroisch natürlicher Menschengestaltung. So spricht die Moral im Pater Brey, gegen das süßlich verliebte Leuchsenringische, wohl auch Lavaterische Gemisch von Seelenschnüffelei, und sinnlich übersinnlicher Freierei gerichtet, der Hauptmann aus, nachdem er seine Braut dem Pater Brey entrissen.. Goethes Satiren haben insgesamt einen Zweck, eine Beziehung, einen Gegensatz zwischen Erscheinung und Lehre — wie seine großen dichterischen Werke nie. Sie sind von außen nach innen gedichtet, nicht Verkörperung von Kräften sondern Abgrenzung von Erscheinungen.

Satyros oder der vergötterte Waldteufel nimmt unter diesen Farcen eine Stelle für sich ein, weil hier Züge aus Goethes eignem Wesen (Züge die er durch Herder in sich entwickelt fühlte und die wohl auch Herder selbst eigneten) nicht als Kräfte verkörpert sondern als Erscheinung parodiert, einseitig verzerrt und übertrieben werden. Die weitausgreifende, strotzende, wuchernde Natürlichkeit, das expansive Prophetentum und der Prophetenton der Stürmer und Dränger ist hier einmal von außen bemerkt. Nicht gerade in der Handlung dürfte man hier die Selbstverhöhnung oderVerhöhnung des Freundes erkennen: den Mißbrauch des Prophetentums zu tierischen Übergriffen, wie sie sich Satyros gegen Psyche, die von seinem Prophetentum angelockte Gattin eines Anhängers, zu schulden kommen läßt, die Entlarvung des Propheten als Spitzbuben — eine ähnliche Handlung wie im Pater Brey — darf man weniger für persönliche Satire auf Einzelne halten als für überpersönliche auf eine bestimmte Gefahr der damaligen empfindsamen Gesellschaft überhaupt, die allzu weichlich und wallend jedem dunkeln, ahnungsvollen und verheißenden Gefühls« und Seelenevangelium sich preisgab, ohne geistige und sittliche Hemmungen. Aber der Sturm und Drang schlechthin, der Ruf nach Urmäßigem, Naturhaftem, Kraftstrotzendem, wie er durch Herder und Goethe in Schwang gekommen war, ist in seinen Wirkungen wie in seinem Wesen nie saftiger parodiert, als isolierte Erscheinung, als Momentanes, Relatives belacht worden als in den Reden des Waldteufels, und zwar zu einer Zeit — das ist das Bedeutsame — da Goethe an diesem Naturkult noch als an Absolutem sich beseligte und berauschte.

Der Satyros ist nicht nur satirische Dichtung (das ist er durch die Handlung) sondern vor allem humoristische durch die Selbstdarstellung Goethischer Gefühle: durch ein Von außensehen des Goethischen Innern. Ein gewaltiger Natursinn lebt selbst in der Parodie und das Strotzende, flegelhaft Natürliche hat hier noch genug eigenen Saft um nicht nur zu ätzen, sondern vergeudet zu nähren: nicht nur die Übertreibung wirkt darin, auch der Trieb — und der Hohn geht hier nicht aus Verachtung des Schwächlichen hervor, wie im Pater Brey, sondern aus einem gewissen falstaffischen Behagen am eignen Unmaß. Dieses Ineinander von Selbstverspottung und Selbstgenuß macht den Zauber des Werkchens aus und gibt ihm eine fast lyrische Wärme die den bloßen Satiren abgeht: der Gesang des Satyros „Dein Leben, Herz, für wen erglüht“ ist nicht bloß Parodie sondern zugleich wahres Gefühl.

Er ist aus denselben Säften gequollen die, nicht parodistisch mißbraucht sondern schöpferisch geheiligt, sich in Hymnen wie Ganymed entladen konnten ,

Es war so ahndungsvoll und schwer,
Dann wieder ängstlich arm und leer;
Es trieb dich oft in Wald hinaus,
Dort Bangigkeit zu atmen aus;
Und wollustvolle Tränen flössen,
Und heilige Schmerzen sich ergossen,
Und um dich Himmel und Erd verging . .

Das sind keine außen beobachtete sondern innen durchgefühlte Dinge, Lyrik die nur durch den Zusammenhang in den sie gestellt wird einen parodistischen Klang bekommt.

Vollends aber der kosmogonische Gesang mit dem Satyros seine Gemeinde bezaubert quillt aus Goethes eignem dunkeln Drang das Chaos zu durchwühlen und zu bilden — und niemand hätte ihn verfassen können der nicht einmal in dem Gewühl und Zauber solcher Gefühle gläubig befangen war, es ist darin eine Verwandtschaft mit dem Gesang des Erdgeists im Faust. Das Komische wird hier hervorgebracht, indem ein echtes Gefühl als begrifflicher Gallimathias an die Oberfläche kommt — der Rhythmus hat etwas echt Magisches, die Sätze selbst den dunklen Tiefsinn womit Mystagogen Betäubungen und Offenbarungen für denkunfähige Gehirne vermischen. Goethe setzte hier ein, um einen Zauber und eine Gefahr die ihn selbst befangen hatten gleichsam von außen zu beleuchten, und da» mit komisch zu machen. Das Chaos von einem Punkt außerhalb des Chaos zu betrachten ist der erste Weg zum Kosmos — damit wird aber zugleich gesagt daß Goethe in diesem Chaos gesteckt hat und fähig war sich darüber zu erheben, nicht mit Hohn sondern mit Humor:

Und das Ganze klang
In lebend würkendem Ebengesang,
Sich täte Kraft in Kraft verzehren,
Sich täte Kraft in Kraft vermehren,
Und auf und ab sich rollend ging 
Das All und Ein und Ewig Ding.

Die Kosmogonie des Satyros ist nicht ohne Sympathie geschrieben, nicht  einmal als völliger Unsinn gemeint: es ist Herder-Goethischer Pantheismus im Mystagogenton vorgetragen. Überhaupt ist der Satyros nicht ohne Liebe, gewiß nicht aus Verachtung gezeichnet wie Pater Brey, oder wie Wieland in Götter Helden und Wieland. Er behält, unbeschämt, und unverschämt, die Haltung und Gesinnung des Überlegnen, auch nachdem seine Göttlichkeit als zu bestialisch versagt hat. .



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