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2015-08-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humor und Satire Seite 32


HUMOR UND SATIRE

Es gab zwei Grundformen wie er die Fülle der einzelnen Momente genießen und sie festhalten konnte: einmal durch ihre Vergottung wie im Prometheus, Mahomet, Ganymed, Künstlers Morgenlied, überhaupt in den hymnischen Gedichten, durch die Erweiterung des Augenblicks zur Ewigkeit, zum All — und dann durch ihre Vereinzelung, indem er die lokalen, bedingten, individuellen Momente für sich losgelöst nahm, sich mit klammernden Organen an das Einmalige als Einmaliges hielt, und sei es selbst das Gemeine, es betrachtete, seine Einzelheiten sammelte, nachbildete, unter bewußtem Verzicht auf seine und ihre Göttlichkeit. Die Freude an der knapp besonderen in sich beschränkten Erscheinung als solcher ohne Rücksicht auf ihren Sinn im Weltganzen, die derbe Lust am Dasein und Sosein jedes Vorhandenen hat Goethe ausgetollt in den Farcen seiner Vorweis manschen Zeit, Satyros, Pater Brey, Jahrmarktsfest von Plundersweilern, in den unflätigen Skizzen zu Hans Wursts Hochzeit. Im Faust ist diese Seite der Hingabe an den Moment als an das Völlige und das Vereinzelte, das durch selbstgenugsame Gemeinheit der Ewigkeit, dem Werden und der Qual des Werdens Entzogene, gezeichnet mit den Szenen in Auerbachs Keller. Alles was Goethe als Humorist oder als Satiriker schrieb gehört hierher: es ist nur die andre Seite des faustischen Gefühls von dem Wert des Augenblicks ohne Sorge um seine Vergänglichkeit. Wie der pathetische Betrachter den Augenblick vergottet, der tragische ihn entwertet, indem er ihn am Absoluten, am Ewigen mißt, wie er die Erscheinung vertieft und vernichtigt, indem er sie als Welle eines Stroms erlebt, so daß sie im Vergehen selber teilhat an der Wucht und Schwere eines Unvergänglichen, so macht der Nurhumorist, der Zyniker aus der derben Anschauung des Augenblicks, aus der unbekümmerten Hingabe an den bewußt beschränkten Augenblick, alle Unendlichkeitsgefühle, alles absolute Streben, alle absoluten Ideale lächerlich die uns den Genuß des Augenblicks, den Wert des Augenblicks verkümmern könnten. Soweit Mephisto Humorist ist hat er auch diese Funktion, aber sie wird bei ihm überwogen durch die Kritik auch der Augenblicke, nicht nur der göttlichen und absoluten. Mephistopheles ist eine ewige Welttendenz und als solche hat er auch im Genuß des Moments die Relativität zu vertreten und zwar die Relativität aller Gesinnungen, also auch die der Selbstgenügsamkeit im Augenblick: der Teufel kann sich des Humors bedienen, um das Absolute und Ideale zu kritisieren oder zu entwerten, insbesondere, indem er die Illusion vom absoluten Wert des schönen Augenblicks immer wieder zerstören hilft, aber er kann nicht Nurhumorist sein, denn dies würde bedingen daß er irgend etwas auf der Welt, und sei es das Beschränkte, Gemeine, bloß Momentane selbst liebte, ihm einen absoluten selbstgenugsamen Wert gegenüber dem Ewigen zuerkennte. Das kann er aber, eben als das Prinzip der Negation und des Relativismus, nicht.

Der Nurhumorist sagt: ich habe nichts als den nackten Augenblick, mag er sein wie er will, und dem gegenüber ist alles darüber hinaus reichende Streben, Ideal, Ewigkeit, Unsterblichkeit etwas Relatives und das Wichtig» nehmen der Transzendenz schlechthin lächerlich. Deutlicher als im Gegensatz Faust — Mephisto finden wir diese Stellung des Humoristen zum Idealisten oder zum Helden, zum tragisch pathetischen Menschen, im Gegensatz Sancho Pansa — Don Quixote dargestellt, oder in dem Monolog Falstaffs über die Ehre, und Falstaffs Benehmen an Percys Leiche, wie denn überhaupt Falstaff die größte Darstellung der gemein humoristischen Gesinnung ist die es gibt: der Mensch der im Augenblick lebt und nur im Augenblick, ohne Skrupel über All oder Nichts. Das Leben zu führen oder zu betrachten wie der zynische Humorist ist dem Dichter nicht möglich: er ist sich, eben als geistiger Mensch, nicht nur des einen Triebs bewußt, wohl aber kann er verstehen wie man das Leben so ansieht und aus diesem Verständnis heraus, gewissermaßen mit den Augen des Zynikers dichten. Nur, weil er zugleich die Relativität des zynischen Standpunkts sieht, wird er die Komik dessen sehen was der Zyniker ernsthaft meint und tut, und die Komik von dessen Lachen über das Ideal. Denn der Dichter weiß, was der Zyniker nicht weiß: daß das Ewige, das Ideal ja doch wirklich ist und daß der Zyniker doch geprellt ist um das Beste: darum sind Sancho Pansa und Falstaff nicht nur subjektiv komisch sondern auch objektiv: deshalb lacht der Dichter nicht nur mit ihrem Lachen sondern auch über ihr Lachen.

Diese doppelte Brechung gehört zur humoristischen Dichtung: der Blick für die Relativität des Ewigen gegenüber dem Momentanen, wie ihn Falstaff oder Sancho Pansa hat, gesehen von einem Blick für die Relativität des Momentanen gegenüber dem Ewigen, wie ihn etwa Prinz Heinrich hat. Diese Typen aus Shakespeares Königsdrama sind uns besonders bezeichnend, weil dort die drei Gesinnungen nebeneinander stehen:

Falstaff, der nur das Momentane gelten läßt, für ihn der Genuß.

Percy, der nur das Ewige gelten läßt, für ihn die Ehre.

Heinz, welcher beiden recht und unrecht gibt, weil er die Beschränktheit in Falstaffs Genußsucht und in Percys Ehrgeiz spürt: dies ist aber der Standpunkt des Dichters, nicht zwischen oder über den verschiedenen Seelen, sondern in ihnen, insofern er ganz im Moment leben kann wie der Genußmensch und ganz in der ewigen Bewegung wie der Idealist, der Tragiker, der Pathetiker: der Dichter ist Falstaff und Percy, Don Quixote und Sancho Pansa.

Er ist aber noch mehr, denn er sieht zugleich diese beiden Typen, die er in sich hat, als relative, nämlich mit ihrer Komik, und das ist der Unterschied des ironischen Humors von dem satirischen. Der humoristische Dichter stellt die Beschränktheiten, Befangenheiten und Relativitäten dar die er als seine eignen gefühlt und gesehen hat, von einem Standpunkt über diesen Befangenheiten. Wer zwei oder mehrere Seelen in seiner Brust hat kann sie nicht nur gegeneinander streiten fühlen, sondern auch sie aneinander messen: die Sancho-Seele an der Don Quixote-Seele. Denn über den beiden divergierenden Seelen muß es eine Einheit geben, sonst wäre der Mensch kein einheitliches Geschöpf. Von dieser Einheit aus betrachtet ist aber jede einzelne Seele relativ und, gegen die andre Seele gehalten, durch den Kontrast komisch (denn alles Komische beruht auf Kontrasten). Der Satiriker dagegen stellt nur die Beschränktheiten andrer dar, indem er sie mißt an seinem eignen, in sich einheitlichen Maß, sei dies nun ein Momentanes oder ein Ewiges, sei er Zyniker oder Idealist. Wenn z. B. ein Nicolai den Werther satirisiert, so mißt ein platter Utilitarier ein Pathetisches, Absolutes an seiner Enge und findet ihn komisch. Wenn Goethe Nicolai satirisiert, so verlacht er die Beschränktheit von seinem Weltüberblick aus — in beiden Fällen zeichnen die Satiriker vermeintliche oder wirkliche Beschränktheiten woran sie nicht gelitten haben, die nicht ihre eigne Angelegenheit sind. Humoristik dichtet aus etwas heraus, Satire nach etwas hin, die eine aus Zuständen, die andre an Gegenständen: gemeinsam ist beiden ihr Gegensatz zur pathetischen Dichtung. Sie gehn hervor daraus daß das Beschränkte, Lokale, Vergängliche als solches, als Selbstwert und Selbstzweck (nicht als Verkörperung oder Träger oder Begrenzung, als Schicksal und Funktion der absoluten, ewigen Bewegung wie von Faust) erlebt wird, daß vielmehr das Absolute von ihm aus vernichtigt, verhöhnt, entwertet oder scherzhaft an ihm gemessen wird.

Auch solche Erlebnisse hat Goethe gehabt und niedergelegt, so daß man etwa folgende Stufenreihe seines Verhältnisses zum Moment aufstellen könnte, seiner Wertungen des „schönen Augenblicks“ —

1. der schöne Augenblick wird vergottet als konzentrierte Fülle, als Sinnbild der Ewigkeit selbst: Ganymed,

2. der schöne Augenblick wird tragisch als relativ empfunden gegenüber der ewigen Bewegung, gegenüber dem All: Faust.

3. der schöne Augenblick wird als selbstgenugsam empfunden gegenüber dem All, das All ist das Relative, der Augenblick in seiner Enge das einzig Wahre: Farcen und Satiren.

Für die Farcen und Satiren fand Goethe die literarhistorische Anregung in den Ausdrucksformen des deutschen grobianisch und derb lehrhaften Mittelstandes der Lutherzeit, die ihm mit Herders Geschichtserneuerung wieder erweckt worden war. Den Goetzstoff und den Fauststoff hatte er in diesem Bezirk bereits gefunden, aber in beiden gerade mehr den Gegensatz der starken oder überfüllten Einzelseele gegen die nüchterne Bravheit und ehrenfeste Behäbigkeit ergriffen, die Tragik dieses Gegensatzes nachgelebt mit dem eignen Sturm und Drang. Galt es aber das kräftig gemächliche, dralltüchtige, vierschrötigausgelassene Behagen am sinnlichen und gedrungenen Dasein durchzuempfinden, wie in den humoristischen Dichtungen, so fand Goethe die Sprache des ungeläuterten Bürgertums, mit seinem erd- und winkelhaften Beobachten, Benutzen, Genießen, in den holzschnittlichen und schwunglosen, eckigen und trocknen, aber massiven, stoffreichen und rechtschaffenen Knittelversen des Hans Sachs, besonders seiner Fastnachtspiele.

Man hat den treufleißigsten, aufmerksamsten und umfänglichsten Bürgerpoeten jener Tage maßlos überschätzt und Goethe selbst hat am meisten zur Verklärung dieses braven Menschen und gediegenen Reimers beigetragen, hauptsächlich durch seine archaisierende und weitaus mehr literarisch gebosselte als (was sie sein sollte) volkstümliche Allegorie Hans Sachsens poetische Sendung. (Richard Wagners Meistersinger setzen die Verklärung des Nürnbergers durch Goethe bereits voraus.) Dieses Bildnis, das nicht als historisches Urteil sondern eben bewußt als Verklärung eines historischen Rohstoffs gemeint war (wie die dichterische Erhöhung Fausts oder Goetzens) entsprach ästhetischen Bedürfnissen einer einmaligen Lebensstimmung des jungen Goethe, insbesondre aber mehr negativen als positiven Forderungen. Die Gestalt eines erdensichern volkstümlichen Dichters deutscher bürgerlicher Vorzeit hat Goethe kraft der Kunststheorie seiner Herderjahre gebraucht, als Sinnbild, wie er ja einen solchen Maler in Dürer wirklich besaß, und in Ermanglung eines wirklichen Dichters, eines geistigen und begeisteten Deuters der Erde und seines Volks, erhöhte er sich den reimenden und lehrhaft umsichtigen Biedermann nach jenem Wunschbild hin. Den redlichen Sachensinn, das stämmige Wirklichkeitsgefühl, den munter wachen Umblick, weniger als Eigenschaften der einzelnen Person als des mit Herders Augen geschönten Altvätertums überhaupt, Korn und Schrot der grobianischen Schichten verklärte er als bewußte Gegensätze gegen die spielend süßliche Empfindelei und Vernünftelei, Schöngeisterei und Tändelei seiner Zeitgenossen, nicht aus Artgemeinschaft sondern aus Hygiene, wie er schon Dürers holzgeschnitzteteste Figuren dem entseelten Schönheitskanon der Franzosen entgegen hielt. Im tiefsten Grund war ihm Wieland immer noch näher als Hans Sachs. Aber damals wertete er die bloße Abwesenheit des Süßlichen schon als positive Tugend.



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