> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Leipzig Seite 11

2015-08-01

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Leipzig Seite 11


LEIPZIG

Bis zur Leipziger Studentenzeit ist die Selbstgestaltung Goethes nur fragmentarisch auf uns gekommen, und wir sind größtenteils auf Berichte angewiesen oder müssen aus dem späteren Goethe Rückschlüsse ziehen auf seine Ursprünge nach dem Satz: das Kind ist des Mannes Vater. Von Goethes 17. Jahr ab, als er die Universität Leipzig bezog, besteht eine ununterbrochene Reihe unmittelbarer Selbstbezeugungen aller Grade und Stufen, nicht nur Seismogramme seiner Erschütterungen, sondern die Erschütterungen selber in sprachlichem Bild. Wie der Knabe Goethe war und was er erlebte und lernte hören wir oder können es mehr oder minder sicher erschließen. Vom Leipziger Studenten bis zum Weimarer Olympier aber sehen wir alle Phasen seines Daseins. Von der Leipziger Zeit ab also fragen wir nicht mehr Goethes Erinnerungen, sondern seine zeitgenössischen Selbstbekenntnisse, Selbstdarstellungen.

Werfen wir vorher nur einen Gesamtblick noch auf den 16jährigen „Mulus“ eh wir die Leipziger Wirkung und Gegenwirkung feststellen, sehen wir in welchem Zustand das seelische Instrument war auf dem die neuen Melodien gespielt werden sollten.

Goethe bezog die Universität Leipzig als ein frühreifer, ziemlich allseitig, durch seines Vaters gewissenhafte Erziehung besonders in Sprachen unterrichteter Knabe, der sich außerordentlich wichtig nahm, sich selbst und seine Mitmenschen mit hellem und kritischem, fast höhnischem Blick beobachtete, durch eine Liebeserschütterung bereits gelockert und hellsichtiger geworden, vertraut mit menschlichen Dingen die über den Bann» kreis seines Hauses hinausreichten, dabei durch die Gretchengeschichte und den darauffolgenden Skandal auch vor der Zeit eingeweiht in unterirdische und problematische Seiten der Gesellschaft von der er nur die schöne Fassade und das ehrbare Äußere gekannt hatte.

Noch eh er aus den Knabenjahren trat, hatte er bereits eine Verhältnismäßig große Breite und Tiefe der Erfahrung gewonnen, viel gelesen, gelernt und äußerlich und innerlich nicht wenig erlebt, frühreif durch seine Anlagen und durch seine ersten Schicksale, aber noch ohne die Fähigkeit sich völlig auszudrücken, noch nicht zum Individuum durchgebrochen, sondern befangen in den sittlichen und geistigen Formen des bürgerlich deutschen Gefüges die er vorfand.

Ein kindlicher Versuch diese Grenzen, nett und geordnet wie sie waren, nach der Seite des Geheimnisvollen und Ungewöhnlichen hin zu überschreiten, ist sein Anschluß an ein maurerisches Kränzchen, der uns durch seinen Briefwechsel mit Ludwig Ysenburg von Buri aus dem Jahr 1764/65 bezeugt wird. Die irrationellen Elemente, die im Menschen unausrottbar schlummern und im damaligen rationalisierten Deutschland keine rechte öffentlich legitime Wirksamkeit fanden, bahnten sich mehr oder minder seichte Betten im Freimaurers und Templertum. Der Durst nach Wunder und Geheimnis, dem die damalige öffentliche Welt, im Zeitalter Friedrichs und Voltaires keine Nahrung bot, wollte sich stillen in magischem und mystischem Scheinwesen, das freilich aus Mangel an seelischer Fülle und Wucht, aus Mangel an Leidenschaft des Fühlens und Glaubens nicht hinauskam über Formeln und dekorative Geheimnistuerei, umständliche Riten ohne Religion und Zaubereien ohne Zauber. Jene Welle die dann später in halbechten Magiern wie Saint Germain oder genialen Ganzschwindlern wie Cagliostro an die Oberfläche brach, die im Freimaurertum magisches Zeremoniell mit rationalistischen Zwecken und Inhalten füllte, unterspülte schon damals das geistige Deutschland.

Goethe hat sich später auch in seinem Schaffen mit dieser Tendenz mehrmals auseinandergesetzt, positiv in den Geheimnissen, negativ im Großkophta. Ein kindisches Vorspiel zu diesen Werken mag uns sein ebenso zeremoniöser als inhaltloser Briefwechsel mit dem Vorsitzenden jenes Pseudosgeheimbundes erscheinen. Zweierlei ist daran immerhin symbolisch für Goethe: der Anschluß an solchen Geheimbund überhaupt und die Selbstschilderung, Selbstenthüllung mit der er sich zum Anschluß meldete. So fratzenhaft der Versuch an sich sein mochte, so werden wir doch darin nur die dunkle und noch unzulängliche Betätigung eines menschlichen Grundtriebs erkennen, ohne den noch keiner ein Genius, geschweige ein Dichter geworden ist: die Suche nach dem Wunder, und zwar nach dem Wunder im wirklichen, eignen, gegenwärtigen Leben. »J’ai toujours cherche le merveilleux« sagt auch Napoleon. Und Goethe hätte kein künftiger Dichter sein müssen, wenn er nicht beim Erwachen seiner eigenen Geistigkeit sich umgesehen hätte nach Formen und Mitteln zur Verwirklichung des Wunders über die bürgerlich abgezirkelten Wege hinaus. Daß sich ihm das Wunder in keiner tieferen Weise anbot als bei solchen Gesellschaften, daß ihm gar das Geheimnis noch nicht aufgegangen war wieviel mehr Wunder der Tag birgt als die Dämmerung, erklärt sich aus den besonderen Umständen seiner Zeit und seiner Alterstufe, durch welche sein erster bewußter Ausflug ins Land der Wunder etwas kläglich und komisch ausfallen mußte.

Fast noch wichtiger als sein Wunsch nach Mitgliedschaft bei einem solchen Konventikel ist Goethes bei dieser Gelegenheit entworfene Selbstschilderung, das erste unmittelbare Zeugnis seiner Objektivität. Es ist die Selbstspiegelung eines sehr gescheiten, sehr kritischen, sehr selbstgefälligen Jungen.

„Einer meiner Hauptmängel ist daß ich etwas heftig bin. Sie kennen ja die colerische Temperamente, hingegen vergißt niemand leichter eine Beleidigung als ich. Ferner bin ich sehr an das Befehlen gewohnt, doch wo ich nichts zu sagen habe, da kann ich es bleiben lassen.“ Leidenschaft und Selbstgefühl, Selbstbeobachtung und Klugheit nach außen werden durch diese Korrespondenz bezeugt. Sie brachte er in die Leipziger Freiheit mit, sie sind die Saiten die dort besonders in Schwingung geraten und zu tönen anfangen.

Die ersten Semester des jungen Goethe in Leipzig tragen den Charakter einer doppelten Expansion: einer des Anwendens und einer des Aufnehmens. Nach den Beschränkungen der väterlichen Zucht und des vorgeschriebnen Studiengangs, den er längst überflog, kam Leipzig ihm entgegen als eine Welt neuen Stoffs — Bildungs- wie Lebensstoffs. Über das hinaus was die Professoren, und selbst der verehrte Gellert, ihm bieten konnten, meinte er sich befreit und bereichert durch das gesellschaftliche Leben, das ihm gegenüber der Frankfurter Behäbigkeit einen weltstädtischeren, eben „kleinpariserischen“ Eindruck machte. Seinen Briefen merkt man an daß ihm das Beobachten selbst und das Teilnehmen am Beobachteten Freude machte, und sein Selbstgefühl steigerte. Man fühlt wie er die Augen weit aufriß, um zu schlucken und wie er sich vornahm sich nichts entgehen zu lassen. Seine Leipziger Berichte an die Schwester sind von einem didaktisch pädagogischen Eifer getragen, weniger geschrieben, um sich auszusprechen, als um zu zeigen was er jetzt alles sähe, beobachte, könne. Die Leipziger Welt und sich selbst will er darlegen, er schreibt französische, englische Briefe und Gedichte, durchsetzt seine Berichte mit deutschen Versen in verschiedenen Metren, mit den damals modernsten, den Blankversen, mit Hexametern, gleichsam selbstgefällig lächelnd »das kann ich auch«, er versäumt keinen Anlaß seine Geschicklichkeit, seine Überlegenheit, seine Belesenheit anzuwenden und ins Licht zu stellen.

Seine Leipziger Briefe sind weit weniger unbefangener Ausdruck seiner wirklichen Gefühle und Erlebnisse, als Zeichen eines Versuchs sich einem bestimmten Idealtypus des leichten reichen eleganten Lebens zu nähern, in sich einen Grandseigneur des Geistes darzustellen. Nun hatte er allerdings wirklich davon etwas — und nach Goethes eignem Wort sind unsre Wünsche (das heißt in diesem Fall unsre Wunschbilder, unsre Ideale) die Vorgefühle unsrer Fähigkeiten . . aber das Geckenhafte, Selbstgefällige, Forciert-lebendige, Hüpfend-kokette, Franzosenhafte in seinem damaligen Gehaben war nicht so sehr eine Goethische Eigenschaft als erzeugt durch den Widerspruch seiner wirklichen, allerdings überlebendigen, überreichen Natur mit den gesellschaftlichen und Bildungsformen in denen sie sich ausleben mußte. Denn noch war er nicht dahin gelangt sein Selbstgefühl zum Maß der Dinge zu machen, sich gegenüber der Gesellschaft eine selbständige Gültigkeit zuzuschreiben: vielmehr meinte er sein Ich in den Formen der Leipziger eleganten Welt zur Geltung bringen zu müssen.

Wie aber einem jungen Riesen das Getändel und Getänzel, der Flitter und der Leichtsinn des Leipziger Rokoko stand, darüber haben wir einen lustigen, gar nicht schmeichelhaften und gar nicht gehässigen, ziemlich wahrscheinlichen Bericht vom Sommer 1766 aus dem Briefwechsel zweier Frankfurter Freunde des jungen Goethe: „Goethe ist immer noch der stolze Phantast, der er war, als ich herkam. Wenn du ihn nur sähst, du würdest entweder vor Zorn rasend werden, oder vor Lachen bersten müssen .. Er ist bei seinem Stolze auch ein Stutzer, und alle seine Kleider, so schön sie sind, sind von einem so närrischen Gout, der ihn auf der ganzen Akademie auszeichnet. Doch dieses ist ihm alles einerlei, man mag ihm seine Torheit vorhalten, soviel man will .. Sein ganzes Dichten und Trachten ist nur seiner gnädigen Fräulein und sich selbst zu gefallen. Er macht sich in allen Gesellschaften mehr lächerlich als angenehm . . Einen Gang hat er angenommen, der ganz unerträglich ist.“

Ein späterer Brief desselben Schreibers klärt darüber auf daß dies Betragen nur angenommen gewesen sei, um durch den Flirt mit einer Kokette eine unglückliche Liebe zu einem Mädchen unter seinem Stande zu maskieren. Wir bekommen auch die guten Seiten des Leipziger Studenten beleuchtet: „Er ist mehr Philosoph und Moralist als jemals, und so unschuldig seine Liebe ist, so mißbilligt er sie dennoch. Wir streiten sehr oft darüber, aber er mag eine Partei nehmen welche er will, so gewinnt er; denn du weißt, was er auch nur scheinbaren Gründen für ein Gewicht geben kann.“

Wie dem auch sei, wir blicken hier und noch mehr in den Briefen an Cornelia in einen überspannten und verschrobenen Zustand. Und doch ist gerade diese Überspannung ein Vorzeichen der Goethischen Genialität. Hätte er sich in jenen leichten und flachen Formen, denen er sich anzupassen suchte, natürlich und gemäß ausgenommen, so hätte ein Geliert oder Wieland aus ihm werden können, aber kein Goethe. Je größer die Fülle, die Spannkraft und Schnellkraft einer Natur ist, desto unbehaglicher, bedrückter, unnatürlicher wird sie sich in ungemäßen Bedingungen ausnehmen. In Goethes Leipziger Geckentum ist nur eine erste Form des Kampfes zwischen Urleben und Bildungswelt, und da erst in Straßburg, durch Herder, der Durchbruch seines Eigenwesens, die Entladung und Entlastung seiner Spannungen erfolgen konnte, so war er in Leipzig mehr ein verbogener, weil falsch untergebrachter Mensch als ein offenbar genialer. „Unnatürlichkeit“ verrät oft nur das Mißverhältnis zwischen den gültigen Zuständen einer Gesellschaft und der angeborenen Natur eines Menschen. Aktive, Napoleonische, Menschen sind bei bürgerlicher Enge in Gefahr Verbrecher zu werden, produktive, Goethische, sind in Gefahr Narren zu werden. (Freilich nicht alle Narren oder Verbrecher bergen Goethes oder Napoleons.) Nur wenn sie einen dämonischen, schicksalhaften Genius haben, so werden sie die Herrscher oder die Führer der zu eng gewordenen Welt, die ihnen selbst erst den Untergang drohte. Alle ganz großen Genien stehen einmal vor der Alternative Aut Caesar aut nihil. Solch eine Gefährdung mag sich manchmal mehr tragisch, manchmal mehr komisch bekunden . . Gefährdung bleibt es dennoch. Auch Goethe in Leipzig war gefährdeter durch seine eigne Fülle als es den Anschein hat. Aber nur der Most der sich absurd gebärdet gibt einen guten Wein.



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